Populärkultur

Neues Madonna-Album – kniet nieder, Bitches!

Soll endlich abtreten, die Alte? Will doch keiner mehr hören? Geschweige denn sehen? Alles Quatsch. Hier sind 25 Gründe, warum es sich lohnt, Madonna eine Chance zu geben.

09.03.15, 11:54 09.03.15, 12:59

Felix Bayer und Andreas Borcholte

Ein Artikel von

1. «I lived my life like a masochist», singt Madonna im Titelsong. «Rebel Heart», das am Freitag erscheint, sei ihr persönlichstes Album. Sagt sie. Es ist auf jeden Fall ihr stilistisch vielfältigstes. Von der umarmenden Dance-Hymne über die zarte Gospelballade bis zum harten HipHop-Track ist alles dabei. Respekt!

So wird das Cover der neuen LP aussehen.

2. Diplo, Kanye West, Avicii, DJ Dahi, Sophie, Blood Diamonds, Ryan Tedder, Ariel Rechtshaid, Nicki Minaj, Nas, Chance the Rapper und, äh, Mike Tyson: Wenn Queen Madonna anruft, kommen alle. Egal ob Superstar oder Underground-Grösse. Value for money!

3. Eherne Regel aller Superhelden: Never wear a cape. Letztlich war es ja der umständlich lange Umhang, der Madonna bei den Brit Awards zu Fall brachte. Die Schmach! Aber brav wieder hochgerappelt und trotz Schleudertrauma den Song zu Ende performt, die Gute. Mit 56!

Madonna strauchelt bei den Brit Awards. Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

Bild: TOBY MELVILLE/REUTERS

4. «Living For Love» ist eine sehr ordentliche Single – die gerade noch zurückschreckt, sich nach Kiesza-Vorbild dem Neunziger-Eurodance-Revival hinzugeben, dann aber schamlos das Spätachtziger-One-Hit-Wonder «The Only Way Is Up» von Yazz ausschlachtet. Frechheit. Siegt.

Yazz: «The Only Way Is Up.» video: youtube/ohnoitisnathan2

5. «Devil Pray» erinnert mit seinem Mix aus Akustikgitarre und Dancebeats angenehm an «Don't Tell Me» vom letzten vollends gelungenen Album «Music». 15 Jahre ist das jetzt her. Und jetzt knüpft sie endlich wieder daran an. Wahnsinn.

6. Nimm' das, Miley: «We could do drugs and we could smoke weed and we could drink whisky/ Yeah, we could get high and we could get stoned/ And we could sniff glue and we could do E and we could drop Acid/ Forever be lost with no way home», leiert Madonna in «Devil Pray» herunter. Was bei der California-Göre zum Skandal taugt, entlockt ihr nur ein Gähnen: Been there, done that. Die einzige Droge, die bei ihr wirkt, ist eh Religion: «Sing Hallelujah, the devil's here to fool ya».

Miley Cyrus performs und Madonna im Januar 2914 bei MTV. Bild: AP/MTV

7. Überhaupt Religion: Zu Madonnas heiliger Dreifaltigkeit (und damit ist nicht ihre Gesichtshaut gemeint!) gehören «Pop music and the Catholic Church». Und Sex, wie sie dem US-Hipster-Magazin Pitchfork jetzt in einem Interview bestätigte. Der Sex aber nur auf Nachfrage: «Why not? All three together, if possible.» Ein Dreier, den sie immer wieder flott macht.

8. Apropos Interviews, auch Audienzen genannt. Gibt Madonna eher selten. Den Journalisten, die sie treffen durften, verordnete sie dieses Mal ein toughes Trinkspiel mit Tequila: Jede dumme Frage ein Shot für den Reporter, jede inspirierende Frage ein Glas für Madonna. Rock'n'Roll!

9. «Maybe it was all too much, too much for a man to take. Everything's bound to break» («Ghosttown»): Marmor, Stein und Ehen brechen, Männer sowieso. Nur Madonna, die nicht. Eternal Girl Power.

10. «Unapologetic Bitch»: Reggae mit Druckluftfanfare und der klassischen Rechtfertigung fürs Bitching: Manchmal muss man's sagen, wie's ist. Madonna ist die bessere Gwen Stefani.

Gwen Sterfani ist nicht Madonna. Bild: Getty Images North America

11. «Illuminati»: Brutalistisch produziert von Kanye West und Konsorten. Madonnas Kommentar zur Weltkonzern-Paranoia und die Angst vor Facebook und Google: «Everybody in this party's shining like Illuminati». Klar, dass sie die beste Lösung von allen hat: «Let the music take you out of control». Hätte nach der verschwörungstheoretischen Zahlenlehre ja eigentlich Track 23 sein müssen (ist aber Nummer fünf).

12. «Bitch, I'm Madonna» mit Rap-Nudel Nicki Minaj: Was genau ist dagegen zu sagen, dass jemand mit 56 noch Teenager-Hymnen aufnimmt? Schön pseudo-cheap produziert von Diplo und dem englischen Szene-Aufsteiger Sophie. «I just wanna have fun tonight!»

Nicki Minaj mischt bei Madonnas neuen Album mit. Bild: AP Invision

13. Überhaupt: Alter spielt keine Rolle. Sich mit 56 eben nicht schamhaft zu verhüllen, sich trotzdem sexy zu zeigen und trotzig als ewige Lolita zu inszenieren, das ist Madonnas nachhaltig rebellischer und emanzipatorischer Akt.

14. Eitel ist sie natürlich trotzdem. Nicht umsonst wurde ihr Gesicht bei den Brit Awards nie, nie, nie aus der Nähe gezeigt. Aber hey. Die weitaus jüngere Paloma Faith sah dagegen ganz schön alt aus, als sie da bei ihrer Schmerzballade «Only Love Can Hurt Like This» im Regen stand.

Paloma Faith bei den Brit Awards. Bild: Getty Images Europe

15. «Joan of Arc»: Eine Ballade darüber, dass böse Worte über sich selbst lesen zu müssen auch Madonna verletzt. Ja, doch! Aber sie will jetzt nicht drüber reden, schnüff. Dann setzt der Beat ein. Übrigens: Sie ist nicht Johanna von Orleans ... «noch nicht».

16. Gerüchten zufolge hatte Jay-Z dann doch keinen Bock, den Gastrap auf «Iconic» zu übernehmen. Was macht Madonna? Holt sich neben Chance The Rapper also den Box-Veteranen Mike Tyson ins Studio. Gelungener Punch.

17. Mal ehrlich: Lady Gaga ist crazy shit, Rihanna zieht sich dauernd aus, Beyoncé ist cool, aber viiiieeel zu züchtig. Nur Madonna ist grössenwahnsinnig genug, sich mit einem durch die Hand gejagten Nagel als Mega-Märtyrerin zu inszenieren (Booklet-Foto). Strike a (Jesus-)Pose!

18. Solange Madonna-Alben noch vor Veröffentlichung im Internet auftauchen, ist alles in Ordnung. Ärgerlich ist so ein Leak, aber natürlich auch die Vergewisserung, dass noch Nachfrage vorhanden ist.

19. «Cut me down in the middle, fucked me up a little». Wenn Madonna mit heiliger Verachtung Zeilen wie diese ausspuckt, kann Christian Grey mit seinen Kabelbindern anstellen, was er will: Alles Kinderkram, sagt Mutti («HeartBreakCity»).

Christian «50 Sahes of» Grey kann einpacken.

20. «Bless yourself and genuflect»: Immer gut, wenn seltene Worte im Pop-Kontext auftauchen («Holy Water»).

21. «Jesus loves my pussy best», heisst es in «Holy Water». Bei Madonna schmeckt nämlich nicht nur der Schweiss nach Weihwasser. Bäm!

22. «Inside Out»: So etwas wirft Madonna mal eben als Track 13 hin, bei Rihanna wär's 'ne Single. Hören Sie mal rein!

23. Mut zum Selbstzitat: «Wanting», «Needing», «Waiting»… das Geraune in «Best Night» klingt verdächtig nach «Justify My Love». Aber lustig: Die beste Nacht des Lebens sei die «ohne Sex Tapes, ohne Kamera», singt nun ausgerechnet die Protagonistin von Mondinos Sadomaso-Clip von einst. Naja, ist ja auch 25 Jahre her. Heute ist Intimität der neue Skandal. Oder so.

Madonna: «Justify My Love». video: youtube/madonna

24. «Veni, Vidi, Vici»: Rapper Nas hilft bei einer gerappten Aufzählung von Madonnas Lebensgeschichte. «I came, I saw, I conquered». Das ist, zugegeben, eher dusselig.

25. «Oh my god, you're so hot», stöhnt sie in «S.E.X.» – ein Narr, wer glaubt, dass Madonna hier kein Selbstgespräch führt.

Bonuspunkt:

Zu den allerbesten Gründen, Madonnas Album vorbehaltlos super zu finden, zählen aber ganz klar ins Leere mosernde Artikel wie dieser hier im «Tagesspiegel». Nach gefühlten 30 Jahren Madonna-Kritik sind wir alle erschöpft. Da hilft nur noch Kapitulation, willenlose Umarmung. Madonna, Du hast gewonnen! Ausserdem: Wer weiss, ob ihr auffällig allumfassendes und grossreinemachendes 13. Album nicht ihr letztes ist? Feiern wir sie, solange es noch geht.

Madonna im «Interview»-Magazin

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • TomZH 09.03.2015 12:47
    Highlight Wer hätte gedacht, dass Madonna mal eben ihr wohl bestes Album seit Jahren auf den Markt wirft? Ich hatte die Hoffnung nach "MDNA" aufgegeben. "Rebel Heart" ist wirklich eine Wucht. Ich ziehe den Hut vor Madonna - sie tut was sie will und hat Spass dabei.
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