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Neues Beyoncé-Album: Bittersüsse Limonade

She did it again: Erneut veröffentlicht Beyoncé ein Album überraschend über Nacht, begleitet von einem sehr persönlichen Film. Hier ist alles, was ihr über «Lemonade» wissen müsst.

Andreas Borcholte



Ein Artikel von

Spiegel Online

Man wusste, dass da was kommt, aber man ahnte nicht, dass es ein solcher Triumph werden würde. In den vergangenen Wochen, nachdem sie die Halbzeit-Show des Superbowls mit ihrer kämpferischen Performance des neuen Songs «Formation» und dem parallel erschienenen Videoclip gekapert hatte, posierte die US-Sängerin Beyoncé Knowles auf Twitter mysteriös mit Zitronen. 

Dann kündigte der TV-Abosender HBO für dieses Wochenende ein für alle freigeschaltetes «Lemonade»-Special als «World Premiere Event» an.

Seit der Nacht zum Sonntag ist klar, dass sich hinter dem Versteckspiel die Veröffentlichung von Beyoncés sechster Platte verbarg, ein «Visual Album», bestehend aus 12 Songs, die in einen rund einstündigen Film eingebettet sind. Beides ist exklusiv über den Streamingdienst Tidal ihres Ehemanns Jay-Z abrufbar.

Die Art und Weise dieser Über-Nacht-Präsentation erinnert an die Veröffentlichung des letzten Beyoncé-Albums vor drei Jahren. Auch damals gab es keine Ankündigungen, Promo-Aktivitäten oder Warnungen, «Beyoncé» erschien einfach so auf iTunes zum Download, zu jedem Song gab es zusätzlich einen Videoclip. Das Album verkaufte sich allein am ersten Tag mehr als 300'000 Mal. Seitdem nutzen viele US-Topstars diese Taktik, zuletzt veröffentlichten Künstler wie Kendrick LamarRihanna und Kanye West ihre Alben exklusiv im Netz, vorzugsweise, wie nun auch Beyoncé, über den künstlereigenen Dienst Tidal.

«You ain't married to an average bitch, boy»

Beyoncé in «Don't Hurt Yourself»

Mit «Lemonade» geht Beyoncé jedoch einen revolutionären Schritt weiter: Nicht nur mehr die tradierten Veröffentlichungsregeln der Musikbranche wirft sie über den Haufen, sie weitet ihren Einfluss diesmal auch auf den visuellen Bereich aus: Ihr neues Album kann man hören wie eine normale Platte, vollständiges Kunstwerk wird es allerdings erst mit und durch das Narrativ des zugehörigen Films, bei dem unter anderem Beyoncé selbst, aber auch teils bekannte Video- und Kinoregisseure wie Jonas Akerlund und Mark Romanek Regie führten.

Zu den musikalischen Gästen des Albums gehören unter anderem R&B-Enigma The Weeknd, Rapper Kendrick Lamar, Rock-Gitarrist Jack White und der britische Elektro-Soulbarde James Blake. Auch bei der Produktion hatte Beyoncé prominente Helfer, darunter Diplo, Mike Will Make It, Boots und Dannyboystyles.

Das Private und das Politische

Gerüchte, dass es in der Superstar-Ehe von Beyoncé und Rapper Jay-Z kriselt, gab es schon seit Monaten, nun erzählt die Sängerin in «Lemonade» die Geschichte einer betrogenen Frau, die sich durch die verschiedenen Stadien des Gefühlsaufruhrs, von Ahnung und Unglaube über Erkenntnis und Zorn, schliesslich doch noch auf die Kraft ihrer Liebe besinnt und Hoffnung walten lässt. «Lemonade» ist ein berührendes, wütendes und rohes «Break-up»-Album, das jedoch überraschenderweise nicht mit Abschied und Bitterkeit endet, sondern mit Versöhnung.

Allzu eins zu eins sollte man die Aufarbeitung des Carter-Knowleschen Rosenkriegs jedoch nicht nehmen, denn im Film rezitiert Beyoncé unter Kapitel-Überschriften wie «Denial», «Anger», «Apathy», «Emptiness» oder schliesslich «Reformation» und «Hope» Gedichte der britisch-somalischen Poetin Warsan Shire, die sich in ihrem gefeierten Werken vielfach mit häuslicher Entfremdung und Misstrauen innerhalb von Beziehungen beschäftigt: «Are you cheating on me?», lautet eine der, noch ungläubig gehauchten Zeilen, die sich Beyoncé mit sinnierender Erzählerinnen-Stimme zu eigen macht.

Die Verse schweben über den collagehaften Bildern wie in einer der flirrenden, filmischen Traumassoziationen von Terrence Malick. Auch dessen in «Tree of Life» ausgearbeitete Baum-Symbolik wird hier variiert: «I think of lovers as trees, growing to and from each other, searching for the same light», heisst es an einer Stelle.

«My Daddy warned me about men like you, he said Baby, he's playing you.»

Beyoncé in «Daddy Lessons»

Allerdings geht es in Beyoncés eigenen Texten zum Teil recht deutlich zur Sache: «They don't love you like I love you», ätzt sie in «Hold up», während sie im zugehörigen Teil des Films mit einer Baseballkeule bewaffnet über die Mainstreet eines Südstaatenkaffs schreitet und lustvoll eine Autoscheibe der am Rand geparkten Schlitten nach der anderen zertrümmert. Am Ende des Segments walzt sie mit einem Monstertruck über die heissen Fahrgestelle. «You ain't married to an average bitch, boy», warnt sie im schroffen Funkrock von «Don't Hurt Yourself».

Feuerwerk, Beyoncé und ein überraschender Sieger: Das war der 50. Super Bowl

Im gleichen Stück wird auch aus einer «Malcolm X»-Rede zitiert: «The most disrespected person in America is the black woman. The most unprotected person in America is the black woman. The most neglected person in America is the black woman.» Es geht also, passend zur Botschaft vom Vorab-Track «Formation», der hier noch einmal, ganz am Ende, vorkommt, auch um die Rolle der Frau in der US-Gesellschaft, speziell der schwarzen.

Ein Home-Video vom 90. Geburtstag der Grossmutter Jay-Zs ist zu sehen. Hattie heisst die rüstig wirkende alte Dame, und sie erzählt der versammelten Familie, wie das Leben ihr saure Zitronen zugespielt habe: «I was served Lemons, but I made Lemonade.» Man muss halt das Beste draus machen, auch wenn die Umstände eh schon widrig sind und einen dann auch noch der Geliebte schlecht behandelt.

Southern Gothic und Country-Soul

Beyoncé, 1981 in Houston, Texas geboren, reflektiert anhand ihres aktuellen Schicksals über ihre Herkunft aus dem Süden der USA. Immer wieder spielen Szenen des Films in alten Südstaatenvillen, auf grosszügigen Holzveranden, Trauerweiden hängen über Flussläufen, zu Beginn und am Ende des Films geistert die Sängerin, in ein opulentes Kleid aus dem 19. Jahrhundert gewandet, durch jene halb unterirdischen Ruinen, die auch im Finale der ersten Staffel von «True Detective» eine tragende Rolle spielten. Southern Gothic nennt man das Genre, das Beyoncé hier mit suggestiven Horrorfilm-Visuals ausbeutet.

Männer kommen im gesamten Film nur am Rande vor. Jay-Z darf am Ende, während der Piano-Ballade «Sandcastles», als reuiger Sünder auftreten, in «Daddy Lessons», einer veritablen Country-Rock-Nummer, erinnert sich Beyoncé an ihren Vater, offenbar ein ziemlicher Draufgänger und Windhund, der aus ihr eine starke «Soldatin» gemacht und vor Typen wie ihm selbst (und Jay-Z) gewarnt habe: «My Daddy warned me about men like you, he said Baby, he's playing you.»

Das von Fans ersehnte Dance-Pop-Album ist «Lemonade» wieder nicht geworden, zum Glück. Denn Beyoncés Können und künstlerischer Anspruch gehen weit über das Bedienen von Kommerzstandards hinaus. Analog zur Seelensuche geht sie an ihre musikalischen Wurzeln: Der butterweiche Soul von Isaac Hayes' «Walk On By» wird ebenso gesampelt wie Led Zeppelins Bluesrock-Monster «When The Levee Breaks». In einer Szene des Films läuft ein Album von Nina Simone auf einem alten Plattenspieler, die Stimme der R&B- und Jazz-Ikone ist im Hintergrund zu hören.

Von der zarten Piano-Ballade über wilde, von Trap und anderen aktuellen HipHop-Stilen beeinflusste R&B-Stücke bis hin zu purem Gospel und Country-Soul schreitet sie die ganze Bandbreite schwarzer Musik und sozialer Historie kompetent ab und destilliert daraus ihre eigene, aktualisierte Version, so wie das Rezept für hausgemachte Limonade, das von der Grossmutter an die Eltern und nun auch an sie weitergegeben wurde.

Und wenn Beyoncé in «Sandcastles» mit dem ganzen Schmerz ihrer Enttäuschung und Verzweiflung von gebrochenen (Ehe-)Versprechen und zusammengefallenen Traumschlössern singt, dann hat ihre Stimme auf einmal eine ganz neue Gravitas, eine kehlige, dunkle, vom Leben gezeichnete Soul-Grundierung, die man bisher in ihrem Gesang nicht fand.

«Lemonade» ist ein emanzipatorischer Akt, ein kraftvolles, intimes, äusserst stilsicheres visuelles und akustisches Manifest weiblicher Selbstermächtigung und -vergewisserung, das vom Privaten wirkungsvoll ins Politische und zurück wechselt. Das sich seiner inszenatorischen Finesse ebenso bewusst ist wie seiner emotionalen Wucht und Sexyness. Ein bittersüsser, absolut belebender Zaubertrank.

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