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Bild: Getty Images Europe

Skandal-Band Frei.Wild: «Man wälzt beim Song-Schreiben ja nicht die Geschichtsbücher»

Konservativ oder rechtsextrem? Frei.Wild ist umstritten wie kaum eine andere deutschsprachige Band. Hier spricht Sänger und Texter Philipp Burger über das neue Album «Opposition», seine Skin-Vergangenheit und ein Goebbels-Zitat. 

11.04.15, 11:52 11.04.15, 16:07

jurek Skrobala 



Ein Artikel von

SPIEGEL ONLINE: Herr Burger, ist Frei.Wild eine Rechtsrockband? 

Burger: Nein. Vor allem nicht so, wie man uns das unterstellt. Das sagt tausendprozentig jeder, der die Texte kennt. Was in Deutschland als «rechts» bezeichnet wird, schliesst konservative Werte, aber auch Ultra-Nazis mit ein. Das ist das Problem: Es werden keine Unterschiede gemacht. Wir sind ausserdem eine Südtiroler Band – und Südtirol ist nun mal nicht Deutschland. Südtirol ist die Vorzeigeautonomie weltweit, mit drei Sprachgruppen, die friedlich zusammenleben. Unsere Geschichte, in der Heimatliebe fundamental für die Erhaltung unserer Sprache und Kultur verantwortlich ist, kann man mit der deutschen einfach nicht vergleichen – wenn auch Südtirol bekennende Nazis hatte. Aber Geschichtsunterricht gehört nun mal in den Klassenraum, nicht auf die Bühne.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ja Argumente dafür, Frei.Wild in der rechten Ecke zu verorten: Sie haben früher in der Rechtsrockband Kaiserjäger gesungen. Und weil Sie gerade den Geschichtsunterricht erwähnt haben: Im Song «Für immer Anker und Flügel» singen Sie «Sturm, brich los». Wissen Sie, wen Sie damit zitieren?

Burger: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Joseph Goebbels. «Sturm, brich los» sind die letzten Worte aus seiner Sportpalastrede, in der er den «Totalen Krieg» ausgerufen hat.

«Für immer Anker und Flügel». video: youtube/barneyce26

Burger: Die Geschichte ist mir neu. Was soll ich denn jetzt dazu sagen? «Sturm, brich los» ist ein allgegenwärtiger Slogan. Man wälzt beim Schreiben von Songs ja nicht jedes Mal die Geschichtsbücher. Überhaupt finde ich diese Frage wirklich kränkend, vor allem weil ich selbst Teil der rechten Skinheadszene war ...

SPIEGEL ONLINE: ... von der Sie sich inzwischen distanziert haben ...

Burger: Sie können sich sicher vorstellen, dass ich der Letzte wäre, der wissentlich einen solchen Slogan in die Lieder einbauen würde. Wenn man es unbedingt so ausreizen möchte, dann könnte man fast jedem deutschen Wort eine Nazi-Nähe unterstellen.

SPIEGEL ONLINE: Nach den politischen Diskussionen um Ihre Band etikettieren Sie sich im Titel Ihres neuen Albums selbst mit einem politischen Begriff. Wozu stehen Frei.Wild in Opposition?

Burger: «Opposition» ist in erster Linie ein Begriff, der ins Auge fallen soll und ohne Zweifel für neue Diskussionen sorgen wird. Ich bin mir sicher: Hätten wir nicht diesen Titel gewählt, würden sich weniger Menschen intensiv mit der Band befassen. Wenn man sich ausserdem das Leben, die Natur, eigentlich alles, was auf der Welt passiert, ansieht, gibt es immer eine Position und eine Opposition. Die wechseln sich ständig ab. Das ist wie bei einem Spiel, in dem man mal nach vorne läuft, mal hinfällt, mal ausweicht. Es muss ja nicht immer alles in einem Kampf enden. Eine Opposition ist ein wichtiger Bestandteil jeder Diskussion.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als Opposition zu Ihren Kritikern, zum Beispiel im Musik-Business – zu Bands wie Kraftklub, The Boss Hoss oder Broilers?

Burger: Mittlerweile ist die Kritik ja fast verstummt. Und wir sind nicht nachtragend. Vieles davon war ausserdem übertrieben. Wir haben mit Leuten aus dem Umfeld von Kraftklub, den Ärzten und den Toten Hosen gesprochen, und es hat sich gezeigt, dass nicht alles so war, wie es in den Medien stand. Darüber hinaus wissen wir, dass es in vielen Genres üblich ist, wenn Bands sich gegenseitig dissen. Wir haben da aber keinen Bock drauf, der Scheiss ist uns einfach zu blöd, wir machen unser Ding und lassen die anderen in Ruhe. Von unserer Seite ging jedenfalls noch nie etwas aus. Und auf Sachen, die lange zurückliegen, muss man nicht ständig herumreiten. Kurz: Es gibt Wichtigeres.

Jonas Notdurfter, Jochen Gargitter, Philipp Burger und Christian Fohrer von Frei.Wild. Bild: EPA

SPIEGEL ONLINE: Im Lied «Wir brechen eure Seelen» heisst es: «'Wichser united' passt am besten zu den ganzen Denunzianten, bei denen in erster Linie Menschen ohne Eier rumtanzen.» Das liest sich wie eine Kampfansage an Ihre Kritiker.

Burger: Auch, sicher. Aber in dem Song geht's nicht nur darum. Wir möchten die Menschen dazu bewegen, unsere Textinhalte auf ihr Leben zu übertragen. Ich finde es viel schöner, interessanter und lyrischer, wenn Texte den Leuten diesen Freiraum lassen. Dann wird der Lehrling die Inhalte auf seinen Gesellen, der Jugendliche auf seine Eltern beziehen können - ja vielleicht sogar der Student auf seinen Universitätsprofessor, mit dem er nicht klarkommt.

SPIEGEL ONLINE: An wen haben Sie selbst gedacht, als Sie den Song geschrieben haben?

Burger: An niemanden explizit. Sonst hätte ich die Person da auch reingeschrieben. Aber mir fallen da in der Tat einige Menschen ein, die passen würden: Aus dem privaten Umfeld oder sicher auch Leute Ihrer Berufsgruppe.

SPIEGEL ONLINE: Auf «Opposition» gerieren Sie sich auch als Verfechter der Wahrheit. Der Vorwurf der Lüge und Manipulation erinnert an die Symbolik der Pegida-Bewegung. Das Pegida-Logo zeigt eine Mülltonne, in der unter anderem ein Hakenkreuz und das Antifa-Symbol liegen. Dazu passend ist «Ganz weit rechts und ganz weit links, da stinkt's» eine Textzeile von Frei.Wild. Auf einer DVD der «Gold Edition» von «Feinde deiner Feinde» rufen Frei.Wild-Fans «Lügenpresse, auf die Fresse». Ist Frei.Wild der Soundtrack zu Pegida?

Burger: Dass die Fans das rufen, ist mir total neu. Und wenn sie das tun, dann kommt das nicht von uns. Wenn man übrigens andere Bands mit uns vergleicht - seien es die Toten Hosen, Broilers, die Ärzte oder Rammstein - zeigt sich, und das ist endlich auch wissenschaftlich erfasst, dass alle Bands sehr ähnliche Fans haben. Man kann nicht ankommen und sagen: Bei Frei.Wild sind übermässig viele Leute dabei, die konservative oder gar politisch radikale Werte vertreten – und bei den anderen Bands nicht. Solche Fans gibt es überall. Wobei ich auch unterstreichen will, dass ich mit konservativen Werten alles andere als ein Problem habe. Und zu Pegida: Die gibt es in Südtirol nicht, wir kennen keinen, der dabei ist. Fakt bleibt, dass wir uns gegen jedes extreme Gedankengut richten. Es gibt einfach überall politisch Übermotivierte, die Sachen machen, die wir nicht gutheissen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also gegen Pegida?

Burger: Kann ich nicht sagen, weil ich zu wenig darüber weiss. Ich denke, das kann man auch verstehen. Wir haben hier zwei Tageszeitungen, in denen explizit dieses Thema alles andere als ein grosses Titelthema ist, so viel ist sicher. Grundsätzlich schreiben die Südtiroler Medien weniger über Deutschland, als es viele Deutsche vielleicht zu glauben scheinen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Eric Zumbrunnen 11.04.2015 14:30
    Highlight "Skandalband"... Wie früher bei den Onkelz (inzwischen scheinen es die meisten Medienmacher begriffen zu haben) kommen die Skandälchen nicht von der Band, sondern von den Journalisten. Ich selber bin Fan von den Onkelz, den Ärzten, von Rammstein und den Hosen. Bin ich nun links- oder rechtsextrem? Grundsätzlich lässt sich fragen, warum bei den Musikern jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Niemand mit Verstand glaubt, dass Anthony Hopkins Menschen frisst, aber dass die Onkelz nekrophil sind, ist kein Problem, schliesslich singen sie es ja? Lächerlich.
    42 21 Melden
  • Gleis3Kasten9 11.04.2015 13:14
    Highlight Frei.Wild... Das alles erscheint ein wenig nach der alten Gussform der Marke Onkelz nachgebastelt zu sein. Gib mir Pathos , gib mir ein Rebellenimage (denn alle anderen sind die Bö(h)sen, wir sind die Guten) und gute Melodien. Sogar die Vergangenheit in der rechten Szene (die hinter sich gelassen wurde) ist vorhanden.
    Aber ganz ehrlich? Es gibt genug wirklich rechte Bands, gegen die man demonstrieren kann. Leider nicht so schlagzeilenrelevant wie bei diesen Plastikrebellen hier, aber meiner Meinung nach nötiger.
    36 10 Melden
  • Lowend 11.04.2015 12:08
    Highlight Rechtsextreme haben noch nie den Mut gehabt, offen zu ihrem antidemokratischen, faschistoiden und rassistischem Gedankengut zu stehen und sagen die Wahrheit grundsätzlich nur unter ihresgleichen, oder verklausuliert, wie die ganzen üblen Nazi-Bands. Lügenmusik für das feige, braune Dreckpack eben!
    65 52 Melden
    • The Destiny // Team Telegram 11.04.2015 12:50
      Highlight Aus neugier, wo würdest du Rammstein hinstellen?
      34 2 Melden
    • SanchoPanza 11.04.2015 13:05
      Highlight @Destiny, Rammstein spielen bzw spielten nur visuell damit um zu provozieren. Einige Mitglieder haben eine Links(extreme) Vergangenheit und sie haben sich wiederholt als unpolitisch und sogar links geoutet. In Interviews wie auch musikalisch...
      43 2 Melden
    • heinigers 11.04.2015 13:16
      Highlight höre selber frei.wild und gehe regelmässig an konzerte. kann auch nicht bestreiten dass sich an konzerten einige, zu rechts gerichtete personen tummeln. die texte können zweierlei interprätiert werden..die mehrheit tut es richtig.
      25 22 Melden
    • Adi E. 11.04.2015 13:19
      Highlight Ja, Toleranz und Meinungsfreiheit gilt halt nur für Links.
      30 51 Melden
    • The Destiny // Team Telegram 11.04.2015 13:39
      Highlight @Sancho Panza, Ich habe diese Frage absichtlich gestellt. Denn ich habe nicht den blassesten schimmer warum Rammstein einmal mit den Rechtsextremen in Verbindung gebracht wurden. Vielleicht kannst du mir ein gutes bsp. liefern?
      Ich mag die Texte von Rammstein denn man kann vieles in ihnen sehen, da die Band selber nie sagt, es sollte so verstanden werden.
      13 2 Melden
    • SanchoPanza 12.04.2015 00:02
      Highlight @Destiny, dass beste Beispiel ist wohl das Video zum Song 'Stripped' wo Rammstein Bilder von Leni Riefenstahl verwendet haben. Und generall halt die ersten beiden Alben wo Till noch kaum gesungen, mehr gesprochen und das mit dieser übertrieben überbetonten deutschen Sprache. Eben, Interpretation ;-)
      3 4 Melden
    • exeswiss 12.04.2015 05:29
      Highlight @adi E. toleranz fängt bei akzeptanz von homosexuellen an und meinungsfreiheit hört bei Rassismuss/Diskriminierung von minderheiten auf. und das passt leider sehr zu rechts(extremen).
      11 5 Melden
    • poga 12.04.2015 07:36
      Highlight Da stimm ich Ihnen zu. Nur wurden in den letzten Jahren Begriffe wie Akzeptanz Diskriminierung usw. soweit ausgedehnt
      das man plötzlich alle Homosexuellen lieben muss und jeder Minderheit fast mehr Rechte geben muss als sich selber. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben geschrieben. Ansonsten ist man (vor allem in Deutschland und in den Augen von diesem/r Lowend) sehr schnell ein Rechtsextremer.
      16 8 Melden
    • exeswiss 12.04.2015 16:44
      Highlight @poga, man muss sie weder lieben noch vergöttern, es reicht den meisten schon wenn man sie nicht blöd anschaut oder dumme bemerkungen abgibt. wenn eine minderheit kaum rechte hat, sieht es halt schnell so aus als bekäme sie mehr rechte als man selber hat.
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