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Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink: Wenn der Gerichtssaal zur Bühne wird

Gina-Lisa Lohfink soll zu Unrecht behauptet haben, zwei Männer hätten sie vergewaltigt. Am dritten Prozesstag sagt einer der angeblichen Peiniger aus. Dann kommt es zum Eklat.

28.06.16, 07:56 28.06.16, 09:16

Ansgar Siemens



Ein Artikel von

Gina-Lisa Lohfink kann nur schwer an sich halten. Immer wieder bricht sie in Tränen aus an diesem Prozesstag, schüttelt den Kopf, tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Nur sagen mag sie nichts, soll sie nichts auf Geheiss ihrer Verteidiger, und so schweigt sie. Was sie von dem Verfahren hält, das zeigen ihre Gesten.

German model and reality-TV star Gina-Lisa Lohfink arrives at the court in Berlin, Germany, June 27, 2016. REUTERS/Hannibal Hanschke

Gina-Lisa Lohfink vor ihrer Ankunft beim Gericht in Berlin.
Bild: HANNIBAL HANSCHKE/REUTERS

Die 29-Jährige, Ex-Kandidatin bei Germany's Next Topmodel, bekannt als It-Girl und Starlet, sitzt am Montag als Angeklagte in Saal 572 vor dem Amtsgericht Tiergarten. Es ist ein Prozess, der seit dem Auftakt vor knapp vier Wochen das Land bewegt. Der Bundesjustizminister will wegen der Sache das Sexualstrafrecht verschärfen, Feministinnen treibt der Zorn auf die Strasse.

Lohfink sagt, sie sei von zwei Männern vergewaltigt worden, Anfang Juni 2012. Die Staatsanwaltschaft sagt, das stimme nicht. Die Männer haben Videos gemacht von jener Nacht, die zum Teil seit Jahren im Netz kursieren und die drei beim Sex zeigen. In einigen Sequenzen ist zu sehen, wie Lohfink «Nein» sagt und «Hör auf». Das sei eindeutig, sagt Lohfink.

Es ist eine Debatte um Grundsatzfragen, die da läuft

Staatsanwältin Corinna Gögge behauptet, die Ablehnung beziehe sich auf das Filmen. Es handele sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Einen Strafbefehl über 24'000 Euro von Ende 2015 wollte Lohfink nicht zahlen. «Eher gehe ich in den Knast.»

Es ist eine Debatte um Grundsatzfragen, die da läuft: Lässt die Justiz vergewaltigte Frauen im Zweifel allein? Macht sie sogar Opfer zu Tätern? Das sind kontroverse Fragen, die das Amtsgericht Tiergarten am Montag zur Bühne werden lassen.

Supporters of German model and reality-TV star Gina-Lisa Lohfink protest in front of the court in Berlin, Germany, June 27, 2016. REUTERS/Hannibal Hanschke

Diese Demonstranten halten Gina-Lisa vor dem Gericht die Stange. Bild: HANNIBAL HANSCHKE/REUTERS

Vor dem Gebäude haben sich am Morgen Protestler versammelt, viele junge Frauen, sie skandieren «Nein heisst Nein» und «Du bist nicht allein». Als Lohfink über den Gerichtsflur läuft, in einer Traube von Kameras, spenden Unterstützer Beifall. Vor mobilen Gittern am Eingang drängen sich Dutzende Besucher, viele müssen draussen bleiben, weil Plätze fehlen.

Drinnen tritt Pardis F. als erster Zeuge auf, er ist einer der angeblichen Peiniger der Angeklagten. Lohfink wird sichtlich unwohl, als sie ihn sieht, und schluchzt vernehmlich. Der 28-Jährige behauptet, Lohfink sei in jener Nacht freiwillig mit ihm in die Wohnung von Kumpel Sebastian C. gefahren.

Man habe einvernehmlich Sex gehabt, zu dritt. «Sie hat alles voll mitgemacht», sagt der Fussballer. Lohfink sei auch nicht weggetreten gewesen, man habe nach dem Sex gescherzt.

«Ich würde niemals was machen, was sie nicht will», sagt der Zeuge. Lohfink behauptete bei der Polizei, sie habe in der Nacht einen Filmriss gehabt, sich später gefühlt, als habe man ihr K.-o.-Tropfen verabreicht. Unstreitig ist, dass Lohfink viel Alkohol getrunken hat an jenem Abend.

Und dass die beiden Männer die Videos verbreitet haben, wofür sie Strafbefehle bekamen. Aber eine Vergewaltigung? Immerhin traf F. Lohfink auch am Tag nach dem angeblichen Vorfall. Heute sagt er, die Folgen des Verfahrens seien für ihn «viel schlimmer» als für sie. Er sei stigmatisiert.

Ex-Managerin glaubt Gina-Lisa

Die beiden Verteidiger von Lohfink, Burkhard Benecken und Christian Simonis, pflegen von Beginn an einen scharfen Ton. Sie versuchen, die Glaubwürdigkeit von Zeuge F. zu zerpflücken. Der hatte erklärt, er sei nur einmal in der Wohnung von C. gewesen, und muss sich auf Nachfrage korrigieren. Und er räumt ein, er habe in der Nacht mehrere Stunden geschlafen, in denen C. und Lohfink allein waren. Was da passiert ist, weiss er nicht.

Ein Video zu dem Prozesstag.
Video: reuters

Auch die ehemalige Managerin von Lohfink, Alexandra S., zweite und letzte Zeugin des Tages, kann nur wenig dazu beitragen, die Vergewaltigungsvorwürfe zu erhärten. Sie ist erkennbar darum bemüht, Lohfink zu helfen. «Wenn Gina-Lisa verurteilt wird, werde ich mir den Arm abhacken lassen», sagt sie in einem Appell an die Richterin.

Die Ex-Managerin sagt, sie glaube Gina-Lisa. Das Verfahren wegen falscher Verdächtigung sei unfassbar. S. berichtet, sie habe Lohfink am Tag nach der verhängnisvollen Nacht aus dem Taxi aussteigen sehen. Ihr Schützling sei anders gewesen als sonst, habe getorkelt.

S. schildert eine weitere Episode. Pardis F. sei am Abend nach der angeblichen Vergewaltigung zu Lohfink ins Hotel gekommen. An jenem Tag habe Lohfink ihr auch erzählt, dass Pardis F. Videos aus der Nacht habe. Daraufhin will S. die Videos gelöscht haben.

Von Vergewaltigung aber, das räumt S. ein, war zu diesem Zeitpunkt keine Rede. Erst als Lohfink Tage später die Videosequenzen mit dem Satz «Hör auf» sah, war sie demnach von einer Vergewaltigung überzeugt.

COLOGNE, GERMANY - AUGUST 14:  Gina-Lisa Lohfink attends the first live show of Promi Big Brother 2015 at MMC studios on August 14, 2015 in Cologne, Germany.  (Photo by Sascha Steinbach/Getty Images)

Lohfink beim «Promi Big Brother» 2015. Bild: Getty Images Europe

Warum Lohfinks damaliger Anwalt zunächst in einer Strafanzeige wegen der verbreiteten Videos von «einvernehmlichem Geschlechtsverkehr» geschrieben hatte, das kann auch S. nicht erklären.

Einen Eklat liefern dann Lohfinks Verteidiger. Immer wieder kassieren sie Ermahnungen von Richterin Ebner, sachlich und höflich zu bleiben. Als Ebner die Videos jener Nacht vorführen will, ohne die Öffentlichkeit auszuschliessen, eskaliert der Streit. Die Richterin sagt, man drehe die Laptops vom Publikum weg und könne auch den Ton leiser drehen. Das müsse ausreichen.

Simonis springt auf, schlägt mit der Hand auf den Tisch und schreit: «Das dürfte einmalig sein in der deutschen Rechtsgeschichte.» Gemeinsam mit Benecken und der Angeklagten verlässt er wütend den Saal. Das Trio kehrt zwar noch einmal zurück, aber nur, um einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin zu stellen. Ein Urteil soll nun frühestens am 8. August fallen.

Lohfink verlässt das Amtsgericht am frühen Abend, wie sie gekommen ist: filmreif. Vor den Türen skandieren ihre Unterstützer lautstark «Nein heisst Nein». Lohfink marschiert in einer Kameratraube zu einem Taxi – und fährt davon. Sie wird bald wiederkommen.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rolf.iller 28.06.2016 12:59
    Highlight Man hört ja immer wieder mal: "Vergewaltiger sollte man ...". Eine harte Strafe finde ich absolut richtig. Die Strafe sollte aber bei einer Falschbeschuldigung genau so hart ausfallen.
    13 3 Melden
  • wonderwhy 28.06.2016 10:32
    Highlight Nein heisst Nein! Dem stimme ich voll und ganz zu. Im vorliegenden Fall ist die Sachlage jedoch tatsächlich nicht so eindeutig. Man sollte sich hüten in solche heiklen Fällen ohne detailliertes Wissen voreilig die Rollen von Täte und Opfer zu vergeben. Das Gericht hat die beiden Männer vom Vorwurf der Vergewaltigung frei gesprochen. Im Vergleich zu vielen anderen schwerwiegenden Fällen, wo es Aussage gegen Aussage steht, gibt es von jenem Abend ausführliche Videos und zwar weitaus mehr als die die im Netz kursieren. Aufgrund dieser Beweise wurde das Urteil gesprochen!
    39 2 Melden
  • Scaros_2 28.06.2016 08:45
    Highlight so vieles das nicht zusammen passt das man es schlicht nicht bewerten kann. Aus meiner Sicht gibt es hier nur Verlierer. Eine Gina Lisa welche im Widersprucht ist und nicht ernst genommen wird. 3 Typen welche mit ihr Sex hatten und nun geschädigt sind durch den Öffentlichkeitsdruck.
    20 11 Melden
    • SusiBlue 28.06.2016 10:46
      Highlight Sorry, aus Versehen geblitzt! Wollte eigentlich 💜
      4 2 Melden
    • Nurdu 28.06.2016 11:14
      Highlight Typen, die von und mit einer Zugedröhnten ein Sexvideo drehen und es ohne deren Einverständnis im Netz verbreiten. Nein, die Typen kommen nicht gut weg und das haben sie ihrem fehlenden Charakter zuzuschreiben.
      37 6 Melden
    • Alex_Steiner 28.06.2016 12:03
      Highlight @Annin: Aha... und dann sollte man ihnen eine Vergewaltigung unterstellen? Das zeugt von einem guten Charakter?
      12 3 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Klaus K. 28.06.2016 08:34
    Highlight Ich sehe, dass der Artikel vom Spiegel geschrieben wurde. Gleichwohl frage ich mich, ob man sich als AutorIn in einer Zeitung nicht um ein Mindestmass an Sachlichkeit halten sollte, ohne die involvierten Personen vorzuverurteilen.

    "Es ist eine Debatte um Grundsatzfragen, die da läuft: Lässt die Justiz vergewaltigte Frauen im Zweifel allein? Macht sie sogar Opfer zu Tätern?"

    Es sind in der Tat Grundsatzfragen. Sind Männer immer Täter? Oder Können auch Frauen Täterinnen sein, indem sie mit falschen Anschuldigungen Männern ihr Leben zerstören wollen? Diese Seite fehlt mir in der Betrachtung.
    51 8 Melden

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