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Caitlyn Jenner ist der gefeierte Star – für normale Transgender in den USA sieht die Welt düster aus

«Call me Caitlyn»: Nach seiner Geschlechtsumwandlung wird Ex-Olympiaheld Bruce Jenner mit einem glamourösen Magazin-Cover zum gefeierten Star. Für die meisten Transgender sieht die Realität anders aus.

03.06.15, 11:56 03.06.15, 12:35

Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Auf das «K» hat sie absichtlich verzichtet. Caitlyn würde sie fortan heissen, nicht Kaitlyn, um sich bewusst abzusetzen von dem Dokusoap-Clan, mit dem man sie bisher identifiziert hat – den Kardashians und ihren herrischen Damen Kris, Kim, Kourtney, Khloé, Kendall und Kylie.

Caitlyn Jenner im Mai 2015. Bild: EPA/VANITY FAIR / HO

Und so fand die öffentliche Geschlechtsumwandlung des Ex-Olympiastars Bruce Jenner ihren viralen Höhepunkt: «Call me Caitlyn», «Nenn mich Caitlyn», steht auf dem Cover der neuen «Vanity Fair» mit dem ersten offiziellen Glamourfoto Jenners als Frau. Feiner geht's kaum: Als Diva ins Bild gesetzt von VIP-Fotografin Annie Leibovitz, gewürdigt mit der Edelprosa des Pulitzerpreisträgers Buzz Bissinger.

Jenners perfekt inszeniertes Dénouement – beim ersten Coming-Out im April war sie noch Bruce – berauschte das Netz: In vier Stunden und drei Minuten hatte ihr neues Twitter-Profil bereits eine Million Follower, schnell war auch die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Der bisherige Twitterkönig, US-Präsident Barack Obama, konnte da nur gratulieren: «Es erfordert Mut, seine Geschichte zu erzählen.»

Bruce Jenner am 11. Oktober 1975. Bild: Anonymous/AP/KEYSTONE

Und was für eine Geschichte. Jenners Wandlung – die Bissinger auf 22 Magazinseiten einfühlsam erzählt, «Vanity Fair» jedoch hinter einer 4.99-Dollar-Bezahlschranke versteckt – ist eine typisch amerikanische Gratwanderung zwischen Selbstverwirklichung und Profit, Wohltat und Egomanie. Beides wirkt Hand in Hand: Nur wer reich und prominent ist, kann sich das Risiko leisten, sich seelisch so vollends zu entblössen.

«Ich mache das nicht, um interessant zu sein», beteuert Jenner in «Vanity Fair». «Ich mache das, um zu leben.» Und, wie sie einräumt, um die Hypothek für ihr neues Anwesen in Malibu zahlen zu können.

Bruce Jenner am 30. Juli 1976. Bild: /AP/KEYSTONE

Trotzdem betont sie den Gemeinnutz ihrer Häutung vom «Symbol der Männlichkeit» (Bissinger) zur Jessica-Lange-Doppelgängerin im Satin-Korsett aus der Dessous-Boutique «Trashy Lingerie»: «Ich hoffe», sagt Jenner im Online-Begleitvideo zum «Vanity Fair»-Artikel, «dass ich es mit meiner Aufrichtigkeit denjenigen nach mir leichter machen kann.»

Transgender in den USA: Armut, Diskriminierung, Angst

Das gilt als höherer Anspruch hier: Ein Rollenvorbild zu sein vor allem für Transgender-Jugendliche, die mit ihrer Identität hadern. Doch ist der Fall Jenner ein unpassendes, wenn nicht problematisches Beispiel.

Darauf weisen gerade auch andere prominente Trans-Aktivisten hin. Allen voran die Schauspielerin Laverne Cox, die mit der Netflix-Serie «Orange Is the New Black» über Nacht zur Mediensensation wurde und vor fast genau einem Jahr selbst auf dem Cover von «Time» prangte.

«Die meisten Transgender verfügen nicht über die Privilegien, die Caitlyn und ich geniessen», schreibt Cox auf ihrem Tumblr-Profil. «Es sind diese Transgender, die wir weiterhin aufrichten müssen.»

Jenner im Juli 1976 beim Überqueren der Ziellinie nach dem 1500-Meter-Lauf an den Olympischen Spielen in Montreal. Bild: /AP/KEYSTONE

Als Privileg bezeichnet Cox nicht zuletzt die traditionell-weibliche Optik, der sie und Jenner Genüge täten: «Aus einem bestimmten Winkel bin ich in der Lage, gewisse cisnormative Schönheitsideale zu verkörpern.» (Der Begriff Cisgender steht in den Sozialwissenschaften für das Gegenteil von Transgender, Anm. der Red.) Doch vielen sei das verwehrt, allein finanziell. Die zehnstündige Gesichtsoperation, der sich Jenner unterzog, kann mehr als 70'000 Dollar kosten – unerschwinglich für andere Transgender.

Auch kämpfen die meisten bis heute gegen offene Diskriminierung. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote für US-Transgender liegt bei 14 Prozent. 15 Prozent verdienen weniger als 10'000 Dollar im Jahr. Fast 20 Prozent waren schon mal obdachlos, und 41 Prozent haben versucht, sich das Leben zu nehmen – ein krasser Kontrast zu dem lasziven Leben, das das Hochglanz-Cover von «Vanity Fair» suggeriert.

Covers, die zu Ikonen wurden

Hinzu kommt: In den ersten fünf Monaten 2015 wurden in den USA bereits acht Trans-Frauen ermordet, zwei Drittel so viele wie im ganzen letzten Jahr. Die wahre Zahl dürfte noch viel höher liegen. «Wir sollten uns lieber auf die harschen Realitäten konzentrieren», sagte denn auch die Aktivistin Daniella Carter im TV-Sender MSNBC.

Von diesen Realitäten ist die Welt Jenners weit entfernt. Ihre Umwandlung zelebrierte sie mit «Girl Parties» in ihrer 3.5-Millionen-Dollar-Villa auf den Klippen Malibus. Zu bestaunen sein wird das demnächst, wenn Jenners eigene TV-Dokusoap auf Sendung geht – produziert von denselben Drama-Experten wie die Kardashians.

Ihr nächster grosser Auftritt ist der Arthur Ashe Courage Award, den ihr der Sportsender ESPN im Juli in einer Live-Gala verleihen will. Worauf sie neckisch twitterte: «Was zum Teufel soll ich da bloss anziehen?»

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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