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Total irr und total müde: Tschiller gegen Schweiger
bild: ard

Eine Geiselnahme im «Tagesschau»-Studio, ein irrer Tschiller und viel dicke Hose – der Schweiger-«Tatort» im Check

Eine Geiselnahme im «Tagesschau»-Studio, ein koksender Innensenator, ausserdem ein «total irrer» und «total müder» Nick Tschiller: Im neuen Schweiger-«Tatort» gibt es nicht einmal Selbstironie ohne dicke Hose. Die Sendung im Check.

04.01.16, 04:20 04.01.16, 09:47

Arno Frank



Ein Artikel von

Eins kurz vorneweg: Die aktuelle «Tatort»-Doppelpackung mit Nick Tschiller ist vor einigen Wochen von den Verantwortlichen des Senders verschoben worden, als zu verstörend galten die Parallelen zu den Anschlägen von Paris. Verstörend zumindest für Til Schweiger dürften nun die mässigen Quoten für den ersten Teil («Der grosse Schmerz») gewesen sein, der am vergangenen Freitag ausgestrahlt wurde: 500'000 Zuschauer weniger, als zuletzt auf dem gleichen Sendeplatz die Weimarer Kommissare Ulmen und Tschirner einfahren konnten. Trotz Helene Fischer! Trotz Geballer! Trotz ballernder Helene Fischer!

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Schuld daran tragen neben massenhafter Neujahrs-, Helene-Fischer- und Geballermüdigkeit wahrscheinlich die Kritiker. Vermeintliche Sesselfurzer, die Filme «besprechen», anstatt mal selber welche zu drehen. Journalistische Parasiten, die Til Schweiger (wie übrigens auch Luna Schweiger oder Helene Fischer) aus elitärer Missgunst und routinierter Gehässigkeit die Anerkennung versagen, die er selbst sich zollt. Diese Gestalten durften auf Betreiben Schweigers den zweiten Teil, «Fegefeuer», nicht früher sehen als alle anderen Leute auch. Schön hinten anstellen!

Yalcin und Max Brenner.
bild: ard

Geiselnahme im «Tagesschau»-Studio

Zähneknirschend streamt man sich dann halt den Tschiller – und los geht's mit feinstem Metafernsehen im Stil von Felix Murot. Judith Rakers ordnet gerade ihre Papiere in der «Tagesschau», als das Studio von vermeintlich «islamistischen Tschetschenen» gestürmt wird, die Geiseln nehmen und die Auslieferung einer kurdischen Kiezgrösse fordern. Warum und wozu, dafür hätte man vermutlich den ersten Teil sehen müssen. Der Handlung kann man dennoch folgen. Man versteht ja auch «Stirb langsam 4», wenn man die ersten drei Teile verpasst hat.

Der Kurde hat im ersten Teil Tschillers Frau getötet und auch der Tochter (Luna Schweiger) wehgetan, was der Familienmensch mit der harten Schale verständlicherweise nicht auf sich beruhen lassen kann. Nun fahren Tschiller und der Kurde, beide arg ramponiert und übermüdet, durch die hanseatische Nacht und telefonieren viel. Der Kurde «gehört» Tschiller, wie Tschiller mehrfach gegenüber angeschlossenen Autoritäten betont, und Hamburg sieht aus wie Los Angeles. Brücken, Traversen, Autobahnzubringer im Neonlicht.

Nicht mal Selbstironie gibt's ohne dicke Hose.
bild: ard

Eine ziemlich körperliche Veranstaltung

Das ist alles sehr männlich und wird nicht weniger männlich, wenn abgeklärte Frauen es auf dem Damenklo als «männlich» identifizieren. Da gibt es «Haare am Sack» und wird «im harten Strahl gepisst», einmal verdienstvollerweise in einer Verfolgungsjagdpause an einen parkenden Lkw. Es kommt viel zu selten vor, dass fiktive Figuren im «Tatort» körperlichen Bedürfnissen nachkommen.

Überhaupt ist «Fegefeuer» eine ziemlich körperliche Veranstaltung. Es wird geblutet und gewürgt, geschlagen, getreten, gesprungen und abgerollt. Vor allem aber wird herumgefahren wie bei «Grand Theft Auto». Geschossen wird anderswo mehr. Klar getrennt sind die Mächte der Finsternis und des Lichts wie sonst nur in Hollywood, dessen Blockbuster-Handbuch Schweiger so gut studiert hat, dass er Nebenrollen so besetzt, dass am Ende der ethnische Proporz stimmt. Ethnischer Proporz ist gut.

Böse ist beispielsweise der koksende Innensenator, böser noch als der Kurde mit dem blattgoldenen Herzen. Böse ist «Natursekt» mit Minderjährigen und die Geiselnahme von Schwangeren. Böse ist es, den Forderungen von Terroristen nachzugeben. Böse ist der russische Inlandsgeheimdienst. Böse ist die Mafia, die sich den Hamburger Hafen unter den Nagel reissen will und die Kollegin, die nicht an das Gute in Tschiller glaubt. Gut sind Vatergefühle, Männerfreundschaften und Leute, die an Tschiller glauben.

Tschiller ist gut. Tschiller ist auf Medikamenten. Tschiller ist stinksauer. Tschiller erschiesst sein Handy. Tschiller trägt den Bösewicht huckepack ins Krankenhaus. Tschiller leitet beinahe die OP. Tschiller will wissen, wo er telefonieren kann. Tschiller bringt seine aufgebrachte Tochter mithilfe einer erzväterlichen Umarmung zur Vernunft. Tschiller macht Kaffeepause. Tschiller erschiesst ein weiteres Handy. Tschiller zückt die Panzerfaust, macht damit aber nur ein Fluchtloch.

So geht's dahin.

Dabei lässt Tschiller sich fortwährend von Freund und Feind bescheinigen, er sei «total verrückt» respektive «total irre», wahlweise auch «total müde», weil gefoltert und trotzdem noch verhältnismässig fit. Sogar bei der russischen Mafia verschafft er sich Respekt. Nicht mit der Wumme, sondern weil er total fies den Dialekt der Gangster nachmachen kann. Überhaupt ist Tschiller nicht annähernd so vernuschelt, wie ihm gerne unterstellt wird.

Tschiller freilich ist so identisch mit Schweiger, dass Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) dem Kurden erklärt, Tschiller käme – wie Schweiger – aus dem hessischen Heuchelheim, Heimat nur der «Härtesten». Nicht einmal Selbstironie gibt es hier ohne dicke Hose.

Das mag man alles hanebüchen finden und hölzern, unterkomplex oder einfach peinlich. Kein Wunder, es ist öffentlich-rechtliches Unterhaltungsfernsehen. Doch es soll «Tatorte» geben, die sich weniger trauen und damit mehr langweilen.

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schlagerpeter 04.01.2016 12:01
    Highlight Ich fand ihn "Spitze". Sowohl der Film, den Inhalt wie auch die schauspielerische Leistung.
    Geschmäcker sind gottlob verschieden.
    7 13 Melden
  • cart_rudo 04.01.2016 11:45
    Highlight Ein Fernsehabend nach meinem Geschmack;
    Geballer, Explosionen und Action. Danke Til!
    8 14 Melden
  • azoui 04.01.2016 10:42
    Highlight Habe "den grossen Schmerz" gesehen, bis zum Moment nach der Lagerhallen erstürmung ganz am Anfang. Dann hab ich den diesen Tatorort, sowie den Timer für den Tatotort von Gestern gelöscht.
    5 6 Melden
  • Ceci 04.01.2016 09:43
    Highlight Ich habe den Fernseher abgestellt.
    14 10 Melden
  • jellyshoot 04.01.2016 09:42
    Highlight Kritik kann jeder ...
    Auch wenn ich den ersten Teil nicht gesehen habe, fand ich den Tschiller-Tatort unterhaltsam und bin - ausnahmsweise - NICHT vor dem TV eingepennt, wie mir das bei vielen Hollywood- oder anderen Tatort-Produktionen widerfährt.
    Man kann von Til Schweiger halten was man will - wenn auch gesichtslos - unterhalten kann er ...
    19 6 Melden
  • Jemima761 04.01.2016 09:04
    Highlight Ich fand die beiden Tatorte sehr spannend, jedoch keine typischen Tatorte. War mal was anderes!
    18 4 Melden
  • Wasmeinschdenndu? 04.01.2016 08:58
    Highlight Ich fand dies der beste Tatort seit sehr langer Zeit. Endlich mal Action und nicht Familienproblebe der Komissare oder was auch immer im Zentrum. Weiter so! 👍
    13 14 Melden
  • teha drey 04.01.2016 08:36
    Highlight Dem Watson-Autor ein grosses Kompliment für seine Betrachtung. Vor allem aber für den Seitenhieb an die ewig kritisierenden Kolleginnen, die - ganz egal wie der Tatort daher kam - zuerst mal die Bashing-Keule auspacken. Man darf ja ruhig sagen: "Mir gefällt der Tschiller-Tatort nicht!". Aber "Der Tatort war schlecht" ist eine Beleidigung an alle, die monatelang daran gearbeitet hatten. Das Handwerk ist brilliant. Die Story auch. Diese Tschiller-Triologie war komplett anders, aber ganz ausgezeichnet. Fand ich.
    21 8 Melden
    • boexu 04.01.2016 12:13
      Highlight Die Story ist brillant? Haben wir den selben Tatort gesehen?
      9 5 Melden
    • teha drey 04.01.2016 14:48
      Highlight @Boexu. Wir haben sicherlich denselben Tatort gesehen. Aber eine "brilliante Story" kann auch sehr einfach sein aber dafür Spannung bieten bis am Schluss. Im Gegensatz zu gewissen Tatorten, wo die Story vielleicht in Romanform gut wäre, aber als Drehbuch so dermassen verschachtelt und verzwickt ist, dass man kaum folgen kann. Die Tschiller-Story war recht einfach, aber spannend und manchmal doch etwas überraschend. Und genau das passt zu der actiongeladenen Drehart der Tschiller-Triologie. Deshalb: brilliant. Fand ich...
      2 4 Melden
    • boexu 04.01.2016 15:17
      Highlight Ok ich verstehe was du meinst. Aber brillant (so heisst das Wort übrigens, sorry ich weiss, Klugscheisser) ist schon ein grosses Wort, selbst für einen Actionfilm.
      5 2 Melden
  • Sumsum 04.01.2016 08:21
    Highlight Ich fand den Tatort unterhaltsam und sollte er wohl auch sein. Ein Versuch, aus dem klassischen Tatort Drehbuch Plot auszubrechen.
    Brutal fand ich eigentlich nur das ausgerechnet Helene Fischer im 1.Teil dabei war.
    23 7 Melden
  • Daniel Reichenbach 04.01.2016 07:36
    Highlight Gut getextet Arno Frank, gut getroffen. Mitten auf Keine-ganze-Nase und sein militantes Sendungsbewusstsein. War nur zum Gähnen.. Logisch, musste in einer derart Sinn entleerten Geschichte ein Schuss Adrenalin ins Drehbuch. Übrigens tauft sich der nuschelende Frauenheld gut unterrichteter Kreise zufolge bald um: auf Tilt Schweiger.
    15 20 Melden
  • kettcar #lina4weindoch 04.01.2016 06:03
    Highlight Schweiger macht Tatort zu Til Schweiger. Mit Til-Schweiger-Inhaltslosigkeit, Til-Schweiger-Fortsetungsgeschichten, Til-Schweiger-Filmtöchtern, Til-Schweiger-Nebenrollen und anscheinend ja jetzt auch bald mit einem Til-Schweiger-Tatort-Fortsetzungs-Kino-Film. Ich hoffe danach ist das Experiment mit dem Kein-Inhalt-Hasen beim Tatort durch und der Sendeplatz wieder frei für gute Tatorte.
    55 31 Melden
    • Rudolf Neff 04.01.2016 07:12
      Highlight dafür mit Action analog James Bond...
      11 5 Melden
    • efrain 04.01.2016 09:32
      Highlight Hat mich vor allem an Tom Cruise in Mission Impossible (2ff) erinnert..

      Trotzdem, langweilig war's nicht.
      9 2 Melden
    • kettcar #lina4weindoch 04.01.2016 10:20
      Highlight Ich sage nicht, dass er das nicht tun soll... dass er nicht solche Filme machen soll... Ich finde einfach, er soll dafür nicht das Gefäss Tatort benutzen. Ich mag die normalen Tatortkrimis, als auch die wirklich abwegigen Experimente wie "Im Schmerz geboren" oder "Das Dorf". Weil es sich dabei um ganz besondere Perlen handelt. Das was Schweiger abliefert ist einfach sein üblicher Kommerz. Soll er, den Leuten scheint es ja (zu 22/32stel) zu gefallen... Aber er soll es halt als Barefoot-Film oder was weiss ich rausbringen. Nicht als Tatort.
      12 3 Melden

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