Populärkultur
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Schmähkritik-Debatte» bei «Anne Will»: «Wir reden nicht über Geschmack»

Ob die Bundesregierung in der Affäre um Böhmermanns Schmähgedicht vor der Türkei kuscht? Die spannendere Frage bei «Anne Will» lautet: Hat Präsident Erdogan eigentlich nichts Besseres zu tun, als deutsches Fernsehen zu gucken?

11.04.16, 10:01 11.04.16, 10:44

Arno Frank

Ein Artikel von

Ja.

Mit dieser knappen Silbe wäre die Frage «Streit um Erdogan-Kritik – Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?» zu beantworten. Das hätte man schon vorher wissen können, eigentlich schon seit Wochen, und so mündete die Debatte auch bei «Anne Will» nach 45 Minuten in ein achselzuckendes «Tja, schon, sieht ganz so aus, ja.»

Anne Will und ihre Gäste diskutierten lebhaft über die Satirefreiheit.
screenshot: youtube

Wie wäre es nicht als vorauseilender Gehorsam zu bewerten, dass Angela Merkel ihren Pressesprecher ungefragt erklären liess, was sie dem türkischen Ministerpräsidenten schon am Telefon eingeräumt haben soll, dass das Gedicht von Jan Böhmermann ein «bewusst verletzender Text» gewesen sei? Jemand anderer Meinung?

Gewiss, Elmar Brok. Zumindest gibt sich das CDU-Schlachtross aus Brüssel alle Mühe, die Haltung der Chefin zu verteidigen: «Nein, sie kuscht nicht.» Seine Partei sei schon immer gegen einen Beitritt der Türkei zur EU gewesen. Aber zur Meinungsfreiheit gehöre auch, «dass eine Bundeskanzlerin einen Text nicht gut findet», das sei ihr gutes Recht, ohnehin habe auch ein Politiker «ein Recht auf seine Würde».

Und dann reitet Brok die ohnehin schwindsüchtige Mähre der Meinungsfreiheit binnen zehn Minuten mausetot, sie gelte nämlich überall, «insbesondere im Musikbereich», auch im «Bereich der Schmähkritik und Satire darf man unterschiedlicher Auffassung sein», da hätten alle Meinungsfreiheit, bis Brok endlich von dem Kabarettisten Serdar Somuncu gestoppt wurde: «Wir reden nicht über Geschmack.» Die Entscheidung, was er wie darbiete, sei «die Entscheidung des Künstlers».

Serdar Somuncu verbittet sich Erdogans Einmischung.
YouTube/Sebastian Schiener

«Wir sind ja nicht doof»

Von der Kanzlerin hätte Somuncu sich gewünscht, dass die sich verbittet, dann man sich «in unsere Angelegenheiten mischt». Nun sei aber die Lage ohne den «heiklen» Flüchtlingsdeal mit der Türkei gar nicht zu erklären, denn: «Wir sind ja auch nicht doof.» Das fragwürdige Abkommen sei der Regierung wichtig, und dann komme «Extra 3», dann komme Böhmermann, und nun «geht denen die Düse im Kanzleramt».

Die komplette Sendung.
YouTube/King Benjamin 2

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen immerhin sucht eine milde Interpretation, will eine bessere Absicht unterstellen und hofft, die Kanzlerin habe einfach nur beschwichtigend wirken wollen. Statt einer politischen Einschätzung bleibt er bei seinen medienwissenschaftlichen Leisten und nennt das Gedicht «einen Zwitter», den der «schillernde» Böhmermann in seiner «satirischen Genialität» wahrscheinlich eher versehentlich geschaffen habe. Ein neues Genre, das man vielleicht «Schmähsatire» nennen könne.

Im Übrigen habe Böhmermann «durch die Debatte nachträglich recht» bekommen, denn «wir reden im Moment über die Grenzen der Satire». Diese Frage sei «bei allem Abstossenden» der scheusslichen Reime angelegt, und zwar in ihrer Einbettung in den satirischen Rahmen der Sendung und seinen vorausgeschickten Disclaimer, angeblich nur mal erklären zu wollen, was man nicht darf in Deutschland und wo die herabwürdigende Schmähkritik beginnt.

Schwarzer Kranz vor dem ZDF abgelegt

Fatih Zingal, Rechtsanwalt von der AKP-nahen «Union Europäisch Türkischer Demokraten», aus deren Reihen jetzt auch viele private Anzeigen gegen Böhmermann erstattet worden sind, ist das zu viel Metakommunikation. Sein Verein hat als Zeichen des Protests theatralisch einen schwarzen Kranz vor dem ZDF abgelegt.

In der Sendung verweist der Rechtsanwalt Zingal betont kühl auf Paragraf 103 des Strafgesetzbuches, der im Fall einer Anklage gegen Böhmermann zur Anwendung kommen könnte. Durch seinen Disclaimer habe Böhmermann die folgende Schmähkritik «nicht im Rahmen der Kunstfreiheit abgedeckt».

Jan Böhmermann im Visier der türkischen Staatsführung.
bild: zdf neo

Ob die Bundesregierung vor Ankara kuscht, wird Zingal leider nicht gefragt. Aber dann will Anne Will wissen: «Wo haben Sie mehr Rechtssicherheit?» In der Türkei oder in Deutschland? Da wird der Jurist plötzlich schwerhörig. Erst auf wiederholte Nachfrage windet er sich heraus, selbstverständlich gebe es Rechtssicherheit in der Türkei, darauf könne sich auch ein Journalist verlassen.

1'800 Menschen seien in der Türkei gerade wegen Beleidigung des Präsidenten angeklagt, sagt Will, und stellt Zingal die interessanteste Frage des Abends: «Was findet Erdogan eigentlich witzig?»

«Türkische Verhältnisse bei uns»

Leider fällt in diesem Moment ein Scheinwerfer aus, bedrohlich rumpelt es im Studiohimmel. Will amüsiert: «Oh, jetzt geht hier gerade das Licht aus, das sind ja schon türkische Verhältnisse hier bei uns!» Und vielleicht hätte auch Erdogan das ganz witzig finden können.

Die Frage bleibt unbeantwortet und das Licht aus, dafür nimmt die Debatte doch noch eine erhellende Richtung. Sevim Dagdenen von der Linken liefert sich mit Brok ein parteipolitisches Artilleriegefecht zur Frage, ob der Deal mit der Türkei sinnvoll sei oder nicht. Brok schnauft Diplomatisches, Dagdelen schimpft: «Wir sind dabei, uns den türkischen Verhältnissen zu unterwerfen.»

Wieder grätscht Somuncu dazwischen, das Thema der Sendung sei doch eher: «Ist die Kanzlerin erpressbar geworden, weil sie die Türkei plötzlich braucht!» Erdogan, der sicher auch seine Verdienste habe, nutze seine Macht «für Albernheiten». Ob Angela Merkel «nichts Besseren zu tun» habe, als «Neo Magazin Royal» zu gucken? «Guckt Erdogan deutsches Fernsehen, um sich über dämliche Witze aufzuregen?»

Da platzt Brok der Kragen, nun dämmere es ihm endlich: «Sie sind gegen den Deal mit der Türkei! Das merke ich jetzt!»

Will heissen, wenn man für den Deal mit der Türkei ist, bleibt man diplomatisch, glättet Wogen, wahrt die Ehre, hält den Ball flach – kuscht. Jemand anderer Meinung?

Nein.

Satire, Politik & Pressefreiheit

Keine einstweilige Verfügung gegen Springer-Chef: Gericht lässt Erdogan abblitzen

Wegen Unterstützung für Böhmermann: Erdogan geht juristisch gegen Axel-Springer-Chef vor

Geheimnisverrat: Fast sechs Jahre Haft für den türkischen Journalisten Dündar 

Erdogan lässt Chefredaktor pro-kurdischen TV-Senders wegen Tweets verhaften

Böhmermann attackiert Merkel: «Hat die Bundeskanzlerin eigentlich die ganze Nummer gesehen?»

Satiriker Böhmermann meldet sich zu Wort: «Frau Merkel hat mich filetiert»

Wegen Nazi-Schnitzel-Satire: Österreicher zeigt «heute-show» an

Erdogan-Angriff prallt ab: «Genf wird sich von gar keinem Land beeinflussen lassen. Das Foto bleibt»

Jetzt wütet Erdogan auch in der Schweiz: Türkei will Erdogan-kritisches Foto aus Genfer Ausstellung entfernen lassen

Türkischer Chefredaktor wegen Beleidigung Erdogans verurteilt

Tweets über Erdogan: Holländische Journalistin in der Türkei festgenommen

Ankara ruft Türken in Holland auf, Erdogan-Kritik zu denunzieren – Amsterdam is not amused

Merkel ärgert sich gar nicht über Böhmermanns Schmähgedicht, sondern über sich selbst: Jetzt gesteht sie Fehler ein

Britisches Magazin vergibt 1000 Pfund für den bösesten Erdogan-Limerick

Böhmermann für Thiel unter der Gürtellinie: «Dass er dort ausgerechnet auf Merkel trifft, das ist Real-Satire»

«Erdogan, wenn du so viel Angst vor Spott hast, benimm dich nicht so, dass jeder sehen will, wie du auf die Eier kriegst.»

Einreise verweigert – ARD-Korrespondent twittert aus Istanbuler Flughafen

Früherer deutscher Funktionär darf Katar «Krebsgeschwür des Fussballs» nennen

Böhmermann: Wie es juristisch weitergeht

«Massiver Druck»: «Neo Magazin Royale» abgesagt – Böhmermann unter Polizeischutz

Gericht verbietet öffentliches Zitieren des Schmähgedichts – Pro-Böhmermann-Demo abgesagt

«Ist Böhmermann schon in der Botschaft von Ecuador?» – So reagiert das Netz auf den Merkel-Entscheid

Nordkorea hat sein Atomtestgelände gesprengt

Fall Böhmermann: Gutachten sieht keine strafbare Handlung im Erdogan-Gedicht

Fall Böhmermann: Türkischer Fake-Bericht, deutsches Fake-Interview und Promis, die (echt) Stellung beziehen

Fall Böhmermann: Wie Erdogan die Bundesregierung austrickste

«78 Millionen Türken beleidigt»: Erdogan stellt Strafantrag gegen Böhmermann

#FreeBoehmi: Petition fordert «Freiheit für Böhmermann»

«Schmähkritik-Debatte» bei «Anne Will»: «Wir reden nicht über Geschmack»

«Erdogan, zeig' mich an»: Auch Didi Hallervorden besingt jetzt den türkischen Präsidenten

«Es hat ja einen Grund, dass wir so scharf reagieren»: Darum regen sich Transmenschen so über «Giacobbo/Müller» auf 

Paukenschlag im Schweizer Banking

Maulkorb für Böhmermann: Kein Wort zu Erdogan in «Neo Magazin Royale»

Petition gegen «Giacobbo/Müller»: Transmenschen fordern öffentliche Entschuldigung 

Satanische Erdogan-Verse: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Jan Böhmermann

Satiresendung legt nach: «Extra 3» spottet über Erdogans «Chefdramatürk»

«Giacobbo/Müller» kassiert eine Rüge wegen harmloser Kirchen-Witze? OMG!

Neo-Zensur Royale: Hier der Clip von Böhmermann, den das ZDF nicht verstanden hat

Kein Scherz! ZDF löscht Böhmermann-Gedicht auf Erdogan

Erste Sendung nach #ErdoWahn: «extra 3» legt nach

#Erdogans Eigengoal sorgt für Häme im Netz und Solidarität in Europa

Lieber Onkel #Erdogan, schau mich nicht so böse an – Twitter war's

Dieses Satire-Video von NDR ist Erdogan zu viel: Jetzt muss der deutsche Botschafter antraben

Erdowies, äh, SORRY, Erdogans Verständnis von Pressefreiheit

Weil 2 Diplomaten den Journalisten-Prozess mitverfolgten: Erdogan tickt aus

USA fordern von Türkei Achtung der Pressefreiheit

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Auch Männer-Ärsche dabei

Kim, Kate und Co: Die schönsten Hintern der Populärkultur (und was am Ende dabei herauskam)

Kim Kardashians Allerwertester ist derart gefragt, dass es sogar einen eigenen Tumblr-Blog gibt, der sich ausschliesslich mit dem Ende des It-Girls beschäftigt. Das Phänomen ist aber nicht neu, wie ein prüfender Blick auf andere Pos verdeutlicht.

Wer das Gesäss genauer erforschen will, muss sich so manchen Scheiss anschauen. «Po – Aktuelle News, Hintergründe und Bilder auf STERN.DE», spuckt eine erste Suche bei Google aus. Einen Klick weiter gibt es die neueste EU-Wahlergebnisse, etwas über einen Gelähmten und schliesslich einen Artikel über Photoshop, das Programm zur digitalen Fettabsaugung in der Analregion.

Spannend auch die Personen, die mit so einem Hintern in Verbindung gebracht werden. Angela Merkel steht ganz oben auf der …

Artikel lesen