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Wer Wind erntet, sät Sturm: Windpark-Unternehmer Overbeck (l.), Naturschützerin Lorenz (2.v.r.). bild: ard

«Tatort» im Faktencheck: Kungeln Naturschützer wirklich mit Ökostrom-Unternehmern?

Der Bremer «Tatort» kehrte das Schmutzige der sauberen Energien hervor: Naturschützer mauscheln mit der Industrie, Offshore-Windanlagen töten massenhaft Vögel und Wale. Wie nah kam die Episode der Realität?

14.06.15, 22:07 15.06.15, 14:43

Florian Diekmann / spiegel online

Ein Artikel von

Lars Overbeck ist verzweifelt. Dringend braucht der Ökostrom-Unternehmer frisches Geld für seine Offshore-Windparks. Aber seine Bank will die zugesagten Kredite nicht mehr auszahlen: Das Video eines Naturschützers belegt scheinbar, dass Overbecks Windräder massenhaft Vögel töten. Und dann formiert sich auch noch medienwirksam Widerstand gegen den Bau seines neuen Windparks – angeblich werden die Fundamente derart laut in den Meeresboden gerammt, dass Schweinswale verenden.

Was Overbeck jetzt braucht, ist eine Art Persilschein. Gut, dass er die Managerin einer grossen Naturschutzorganisation kennt, die Öko-Gütesiegel vergibt. Overbeck hält ihr einen Millionen-Euro-Scheck unter die Nase. Sie lehnt ab. Dafür taucht sie wenig später mit einem Hedgefonds-Manager auf – und offeriert einen Deal: Der Hedgefonds gibt Overbeck den Kredit, dafür gibt der Offshore-Pionier die Rechte an bereits genehmigten Windpark-Standorten ab. Der Hedgefonds lässt im Gegenzug die Windparks mit dem Gütesiegel der Naturschutzorganisation zertifizieren – gegen gutes Geld.

Dramaturgisch mag die Bremer «Tatort»-Episode eher dürftig ausgefallen sein – stellte sie dann wenigstens die Gepflogenheiten und Rahmenbedingungen in der Offshore-Branche realistisch dar? Hier der Faktencheck.

Muss die Offshore-Branche vor Naturschützern zittern?

Ja, und das ist politisch auch so gewollt. Denn Naturschutzorganisationen haben ein Klagerecht in Umweltfragen, sofern sie von den Umweltministerien anerkannt sind. Im deutschen Rechtssystem ist das eine seltene Ausnahme, die den Vereinen gewährt wird, damit die Interessen von Pflanzen und Tieren gewahrt werden. Und die Naturschützer machen von diesem Recht auch regelmässig Gebrauch, wenn Bauprojekte der Umwelt zu schaden drohen.

Bild: EPA/dpa

Das Selbstbewusstsein ist also nicht unbegründet, mit der im Bremer «Tatort» die Managerin der Naturschutzorganisation in einem Fernsehtalk verkündet, den Bau eines Offshore-Windparks wegen der Auswirkungen auf die Schweinswale stoppen zu können. Allerdings würde sie in der Realität wohl kaum die Gelegenheit zu dieser Stellungnahme erhalten: Nur in absoluten Ausnahmefällen berichten Medien derart prominent über Umweltklagen gegen Industrieprojekte.

Kungeln Naturschützer tatsächlich mit der Industrie?

Die «Tatort»-Macher haben mit diesem Erzählstrang eine erbitterte Kontroverse unter Naturschützern aufgegriffen. Denn tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen Naturschutzorganisationen Klagen zurückzogen oder gar nicht erst einreichten – im Gegenzug für üppige Geldspenden. Allerdings ist es – anders als im «Tatort» – nicht üblich, dass das Geld aus einem solchen Vergleich direkt an die Organisationen fliesst. Meist geht das Geld an Stiftungen, die sich speziell um die durch das Projekt betroffene Flora und Fauna kümmern.

Eine Art Blaupause lieferte 1997 der BUND Thüringen, als der Energiekonzern Veag ein Pumpspeicherkraftwerk bauen wollte. Erst reichten die Naturschützer Klage ein, zogen sie aber im Gegenzug für eine Spende über rund 3,6 Millionen Euro an die eigens gegründete «Naturstiftung David» zurück.

Auf derartige Vergleiche lassen sich Naturschützer übrigens nicht nur bei Ökostrom-Projekten ein – sondern beispielsweise auch bei einer Testrennstrecke des Autobauers Daimler bei Immendingen oder bei einem Flughafenausbau wie in Lübeck. Wie die meisten Umweltverbände beteuert auch der BUND, Klagen nur dann zurückzunehmen, wenn sie keine Aussicht auf Erfolg haben und zudem in den Naturschutz investiert werde.

Die Praxis ist dennoch umstritten. So berichteten etwa der Spiegel , die TAZ oder das ARD-Magazin «Panorama» kritisch über eine Reihe derartiger Vergleiche. Besonders gross ist die Empörung in der Naturschutz-Szene selbst. So erregte etwa der BUND-Mitgründer Enoch von Guttenberg, Vater des früheren CSU-Ministers Karl-Theodor, vor drei Jahren Aufsehen, als er den Verband in einem in der FAZ veröffentlichten offenen Brief im «Verdacht der Käuflichkeit» sah und seinen Austritt erklärte. (Hier finden Sie die Replik des BUND-Vorsitzenden.)

Töten Offshore-Windparks Vögel und Wale?

Ja, das tun sie. Vögel werden von den Rotoren erschlagen, Schweinswale leiden massiv unter dem Lärm, der beim Einrammen der mächtigen Windrad-Fundamente entsteht, mitunter bis zum Tod. Vor allem Zugvögel sind Naturschützern zufolge gefährdet, und das besonders nachts, da sie ortsfremd sind und von den Positionslichtern der Windräder angelockt werden – oder, so die alternative Argumentation, sie die Windräder in der Dunkelheit nicht sehen können.

Umstritten ist allerdings, in welchem Ausmass Tiere wegen Windparks sterben. Erste Untersuchungen deuten auf eine vergleichsweise geringe Zahl hin. Der dänische Energieforscher Benjamin Sovacool errechnete in einer Studie, dass bei der Windenergie im Schnitt 0,27 Vögel pro erzeugter Gigawattstunde sterben – bei fossiler Stromerzeugung wie bei Kohle oder Öl hingegen weit mehr, nämlich 5,18 Vögel.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat im Oktober 2013 eine Analyse der Auswirkungen des Windparks «Alpha Ventus» vorgestellt. Demnach konnten «keine negativen Auswirkungen auf die Meeresumwelt» festgestellt werden. Die Windparks förderten im Gegenteil sogar die Artenvielfalt.

Der Tierschutz spielt auch bei der Genehmigung für neue Standorte eine Rolle. So sagte die Chefin des Bundesamts für Naturschutz dem Spiegel über den 2002 genehmigten (aber noch nicht errichteten) Windpark Butendiek, der sowohl in einem Schutzgebiet für Schweinswale als auch in einem für eine Vogelart liegt: «Heute wäre ein solches Vorhaben nicht mehr genehmigungsfähig.»

Sind Offshore-Standorte begehrte Mangelware?

Ja, und bei diesem Aspekt war der Bremer «Tatort» topaktuell: Erst seit 2014 gibt es gesetzliche Obergrenzen für den Ausbau erneuerbarer Energien – auch für die Offshore-Windkraft. Das führt dazu, dass weit von der Küste entfernte Standorte nun nicht mehr genehmigt werden. Sogar bereits weit vorangetriebene und genehmigte Projekte mussten gestoppt werden, wie der NDR berichtet. Umso wertvoller werden dadurch bereits genehmigte Projekte an küstennahen Standorten – auch für potenzielle finanzkräftige Investoren.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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