Populärkultur
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ARD/HR TATORT: IM SCHMERZ GEBOREN, Kriminalfilm, Deutschland 2014, Buch: Michael Proehl, Regie: Florian Schwarz, am Sonntag (12.10.14) um 20:15 Uhr im ERSTEN.Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur).© HR/Philip Sichler, honorarfrei - Verwendung gemäà der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter HR-Sendung bei Nennung

Ein 500-Euro-Wein auf die Vergangenheit: Murrot und Harloff schwelgen in den Erinnerungen an ihre «Jules und Jim»-Zeit. bild: ard

TV-Krimi schlägt hohe Wellen

Echo auf den verrückten «Tatort»: Zwischen Shakespeare, Tarantino und «Breaking Bad»

Der «Tatort» «Im Schmerz geboren» bot zu den Klängen von Verdi und Wagner Elemente von Shakespeare bis Tarantino, von «Breaking Bad» bis Truffaut, von «Sin City» bis Sergio Leone. Ein Triumph für den Hessischen Rundfunk, auch bei Twitter.

13.10.14, 11:09 13.10.14, 12:17

arno frank

Ein Artikel von

Dem «Tatort» aus Hessen glückte, was sonst noch keinem «Tatort» jemals gelang. Er plättete die Twitter-Gemeinde. Er brachte sie sogar vom Twittern ab. Er versöhnte mit jahrelangem «Tatort»-Biedermeier. Zumindest jene, die Biedermeier und Hausmannskost auf Dauer ein wenig langweilig finden.

Traumquote

Der ungewöhnliche «Tatort» mit Ulrich Tukur hat am Sonntagabend mehr als neun Millionen Zuschauer vor den Bildschirm gebannt. Im Schnitt sahen den Krimi «Im Schmerz geboren» – eine Art Western mit Rachefeldzug und Dutzenden Toten – allein im deutschen TV 9,29 Millionen Zuschauer, was ab 20.15 Uhr 26 Prozent Marktanteil entsprach. Das waren ähnlich viele wie beim Bodensee-«Tatort» in der Woche zuvor. 

Es gab, dies vorweg, natürlich Leute, die sich über diese «bildungsbürgerliche» Veranstaltung und den Anhauch von «Hochkultur» beschwerten. Leute, die gerne ihren guten alten «Tatort» gehabt hätten. Diese Leute waren in der Minderheit. Ganz am Anfang der Geschichte um Felix Murot, der aufs Spektakulärste von seiner «Jules und Jim»-Vergangenheit eingeholt wurde, konnte noch Fleisspunkte sammeln, wer die Anspielungen erkannte. Oder wer bemerkte, was genau das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks dazu spielte.

Doch dann gab es diese Szene, in der Ulrich Matthes mit seinen schwarzen Augen aus der Genesis zitierte, bevor er seinen Widersacher erschiessen liess, und wie er da mit dem Licht des tödlichen Laserpointers spielte ...

Spätestens an dieser Stelle machte sich ein erstaunlicher Effekt bemerkbar. Vielleicht sollte die Qualität eines «Tatort» künftig daran bemessen werden, wie wenig während der Ausstrahlung dazu getwittert wird.

Worauf genau er sich da konzentrierte, der Rest, war bis ganz zum Schluss nicht klar. Einige Einschätzungen trafen den bizarren Stilmix aber ganz gut.

Was darüber aber nicht vergessen wurde, einfach, weil es sich so grossartig anhörte, waren Sibelius, Wagner und noch ein paar andere Klassiker.

Was völlig fehlte: Meckereien über den eher piefigen Drehort Wiesbaden. Es fehlten tadelnde Worte über mangelnden Realismus ebenso wie Beanstandungen schauspielerischer Leistungen oder inszenatorischer Ideen. Stattdessen konnte bisweilen der Eindruck von Spannung entstehen.

Sogar die zuvor werbewirksam Angekündigten «47 Toten» starben meistenteils einen operettenhaften Tod oder gingen dahin, wie man das in Comics tut ... also in hübsch kolorierten Standbildern. Damit wurde das Geballer andernorts, beispielsweise in Hamburg, nicht nur überboten. Es wurde nicht als herkömmliche Gewaltpornografie, sondern als kunstvolles Stilmittel inszeniert.

Überdies hat, was fast noch wichtiger ist, dieser «Tatort» die Menschen versöhnt. Mit dem «Tatort».

Der Hessische Rundfunk hat etwas gewagt und damit, so scheint es, auf ganzer Linie gewonnen ... und seien es auch nur die tendenziell eher engen und spottlustigen Herzen der Twitterer. «Bevor ihr euch im Kreise eurer Lieben zum fröhlichen Gelächter eint, gedenkt für einen kurzen Augenblick, die Dauer eines Falters Flügelschlag, der Toten dieses Spiels». Nicht nur waren da dann alle Toten zum Gruppenbild versammelt. Es schwang in diesem theatralischen Schlussmonolog auch eine leise Ironie mit, für die man bei Twitter eben auch empfänglich ist.



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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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