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Ein Jugendlicher springt in einen Swimmingpool in Bagdad. Bild: AFP

Tourismus im Krieg

Bagdad: Sommerferien zwischen Panzern, Trümmern und Soldaten

Die Cafés am Tigris servieren Flusskarpfen, vom Riesenrad blickt man auf die Dächer der Metropole, das Nationalmuseum zeigt Kunstschätze. Ein Besuch offenbart die andere, friedliche Seite Bagdads. 

08.07.14, 10:43 08.07.14, 10:59

Ulrike Putz, Bagdad / Spiegel Online

Ein Artikel von

Man kann jetzt auf dem Tigris Jetski fahren: Zu Beginn des Sommers hat ein umtriebiger Unternehmer ein Restaurantschiff aus Basra den Fluss hoch nach Bagdad bringen lassen. Es hat im Schatten der Dschadirscha-Brücke in der Hauptstadt des Iraks festgemacht. 

Wenn die brutheissen Tage dieses Sommers zu Ende gehen, klettern zahlungskräftige Familien die Gangway hoch, um an Deck zu Abend zu essen. Zum Dessert können Wagemutige – festgeklammert an den vom Restaurant gestellten Fahrer – dann eine Runde Jetski auf dem Fluss fahren, der in grossen Schleifen durch Iraks Metropole fliesst. Dass sie dabei klatschnass werden, ist Teil des Spasses: Bei Nachttemperaturen um 30 Grad Celsius ist eine Abkühlung immer willkommen. 

Bagdad ist tatsächlich ein Ort mit touristischem Flair, auch wenn die Stadt seit mehr als einem Jahrzehnt nur mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam macht. Autobomben, Entführungen, Leichen, die morgens am Strassenrand liegen. Derzeit erschüttert der Vormarsch der ISIS-Dschihadisten die Metropole. 

Man könnte meinen, es gebe angesichts solcher Gefahren nichts, das einen Besuch rechtfertigen könnte. Doch tatsächlich ist der Tourismus nach dem Öl der zweitgrösste Wirtschaftszweig des Iraks. Der Grund: Jedes Jahr besuchen Millionen Gläubige die für schiitische Muslime heiligen Schreine in Kerbela, Nadschaf, Samara und Bagdad. 

Der Perfume Place, heute im Besitz des US Militärs. Bild: Flickr/Brian Hillegas, cc-by 2.0

Bis zu 10'000 Besucher kommen täglich aus Iran 

Die meisten der ausländischen Besucher stammen aus Iran. Die 500 Hotels in Kerbela und Nadschaf böten längst nicht mehr genug Kapazitäten für alle Pilger, klagte der irakische Tourismusminister Liwa Smaisim im vergangenen Herbst. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 einigten sich die einstmals verfeindeten, mehrheitlich von Schiiten bewohnten Staaten darauf, Kontingente von Pilgern Besuchsvisa zu geben. 

Inzwischen reisen zu hohen Feiertagen bis zu 10'000 Iraner täglich in den Irak. Sie zieht es wegen der herrlich blau gekachelten Moscheen her, unter deren goldenen Kuppeln die Gründerväter des Schiitentums ihre letzte Ruhe gefunden haben – und sie spülen umgerechnet Millionen Euro in die Staatskasse. 

An Iraqi youth jumps off a diving board at a swimming pool in central Baghdad's Palestine Street on July 5, 2014 on a hot summer day. AFP PHOTO / AMER AL-SAADI

Bild: AFP

Westliche Touristen dagegen kommen so gut wie gar nicht, und das ist so gewollt. Die irakische Regierung vergibt im Moment keine Touristenvisa. Das Risiko, dass westliche Ausländer in Schwierigkeiten geraten könnten, ist zu hoch. Auch das Auswärtige Amt in Deutschland hat eine Reisewarnung ausgesprochen. 

Doch Geschäftsreisende aus Europa, den USA oder auch China fliegen weiter jeden Monat zu Tausenden in den Irak. Einige von ihnen trauen sich in Besprechungspausen vor die Tür, erkunden Bagdad und hinterlassen später beispielsweise auf Tripadvisor Reiseberichte über ihre Erlebnisse als Touristen. 

«Wunderschön», schreibt zum Beispiel eine Inderin über das 1983 vollendete Denkmal für die im Iran-Irak-Krieg gefallenen Soldaten. Das Monument gleicht einer 40 Meter hohen, in zwei Hälften geschnittenen Blütenknospe, die sich in einem künstlichen See spiegelt. Ein Nutzer aus Vietnam schwärmt, die blauen Kacheln, die das Denkmal bedecken, seien «spektakulär». Wie für viele Sehenswürdigkeiten in Bagdad brauche man jedoch eine Spezialgenehmigung, um die Anlage besichtigen zu dürfen. 

Das gilt auch für das Irakische Nationalmuseum, das die Schätze Mesopotamiens beherbergt: Wer die von Sumerern, Babyloniern und Assyrern gemeisselten Statuen sehen will, muss sich vorher telefonisch anmelden. Nur wenn die Sicherheitslage es zulässt, kommen die Wachleute zur Arbeit und geleiten Besucher durch die Säle voller Kostbarkeiten. 

Bagdad bei Nacht. Bild: Flickr/Brian Hillegas, cc-by 2.0

In den Lokalen gibt es Kebab und Cola 

Im Zawra-Park, der grössten öffentlichen Grünanlage Bagdads, haben Generationen von irakischen Kindern ihre Wochenenden verbracht. Tatsächlich ist der Park einen langen Spaziergang wert: Auf den Spielplätzen kann man studieren, was irakische Eltern ihren Kindern für einen Nachmittag im Grünen anziehen (Spitzenkleidchen und Miniaturanzüge mit Fliege), und in den Ausflugslokalen gibt es Kebab und Cola. 

Eine der Hauptattraktionen ist das Riesenrad. Von ihm aus sieht man die Millionen Dattelpalmen, die Bagdad trotz der umliegenden Wüste zu einer grünen Stadt machen. Zwischen ihnen thronen Saddams Paläste, und die Kuppeln der unvollendeten Rahman-Moschee ragen auf. Nicht weit vom Park stehen auch die beiden riesigen Schwerter, die den Triumphbogen zum Iran-Irak-Krieg bilden. Das Denkmal erinnert nicht nur an den Krieg, sondern auch an den Personenkult, mit dem sich der Diktator feiern liess: Die Fäuste, die die Waffen halten, wurden nach Abgüssen von Saddams Händen geformt. 

Der wichtigste Besuchermagnet Bagdads jedoch ist der Tigris. An seinen mit Schilf bewachsenen Ufern versammeln sich die Hauptstädter, wenn sie einen der fetten Karpfen aus dem grünen Wasser verspeisen wollen. Masguf heisst das Festessen, bei dem der Fisch ausgenommen und dann aufgeklappt über offenem Feuer goldbraun gegrillt wird. Dazu gibt es Fladenbrot, Kichererbsenpaste, Auberginen und Tomaten. 

In guten Zeiten, wenn die Lage ruhig ist, sitzen immer auch ein paar Ausländer zwischen den Irakern, die die Cafés am Tigris-Ufer füllen. Dann könnte man meinen, Bagdad sei eine ganz normale Stadt – und eine Ferienreise wert. 



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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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