Russland
epa04181121 Rebel leader Vyacheslav Ponomaryov speaks during press conference in the occupied regional administration building in Slaviansk, Ukraine, 26 April 2014. The group of European military observers taken captive on 25 April by pro-Russia militants in eastern Ukraine was made up of spies, the separatists said. The charges were laid after the leaders of the Group of Seven (G7) major world economies said they would 'move swiftly' to impose new sanctions on Russia for what they said was its role in encouraging the separatist movements in Ukraine.  EPA/IGOR KOVALENKO

Wjatscheslaw Ponomarjow. Bild: EPA/EPA

Ostukraine

Bürgerkriegsmeister: So tickt OSZE-Geiselnehmer Ponomarjow

Er nennt die Regierung in Kiew eine «faschistische Junta», er sieht sich als revolutionärer Vorkämpfer für Putin: Wjatscheslaw Ponomarjow, «Volksbürgermeister» von Slowjansk. Wer ist der Mann, der über das Schicksal der deutschen Geiseln bestimmt?

28.04.14, 20:44 29.04.14, 09:38

Ein Artikel von

Benjamin Bidder / Spiegel Online

Gegnern droht Wjatscheslaw Ponomarjow mit der «Vernichtung» und die Polizisten in Slowjansk nimmt er nicht ernst. «Wenn einer von ihnen sich gegen uns wendet, dann ... piff-paff», sagt er.

Ponomarjow hat sich ausrufen lassen zum «Volksbürgermeister» von Slowjansk. Der 48-Jährige hat eine steile Karriere hinter sich: Bis vor kurzem leitete er eine Seifenfabrik in der Stadt in der Ostukraine.

«Volksbürgermeister» ist ein gefragter Mann

Die Männer, die ihn gewählt haben, patrouillieren jetzt mit Kalaschnikow-Gewehren durch die Stadt und liefern sich Gefechte mit Einheiten der Zentralregierung. Mindestens 2500 Mann soll die Truppe zählen, so sagt es Ponomarjow selbst, ein paar hundert bis an die Zähne bewaffnete Freischärler sind es in jedem Fall. Eine Exil-Ukrainerin und glühende Bewunderin, die vorher in Italien lebte, begleitet den «Volksbürgermeister» auf Schritt und Tritt, sie managt seinen Tag.

Ponomarjow hantiert jetzt ständig mit drei Mobiltelefonen gleichzeitig. Kameraden bitten um Anweisungen, Journalisten um Interviews, Diplomaten und Politiker aus dem Westen um die Freilassung von Ponomarjows Geiseln. 

OSZE-Beobachter als Geiseln genommen

Denn er hat OSZE-Beobachter festsetzen lassen. «Wir brauchen Gefangene», hat der «Volksbürgermeister» kürzlich gesagt – im selben Interview, in dem er auch verkündete, man werde «irgendjemanden gefangen nehmen und an den Eiern aufhängen», um die Präsidentschaftswahlen am 25. Mai zu verhindern. 

Ponomarjow war vor zwei Wochen wie aus dem Nichts aufgetaucht und hat das Kommando über die prorussischen Freischärler übernommen. Er diente in der Armee, angeblich bei der Flotte. Offenbar sass Ponomarjow auch eine Haftstrafe ab, verwaltete später eine Näherei und dann die Seifenfabrik. «Er hat uns alle geschockt und überrascht», sagt sein ehemaliger Chef, der Unternehmer Iwan Degtjar. Sein unscheinbarer Fabrik-Direktor habe sich «als Revolutionär entpuppt».

Vorkämpfer einer russischen nationalen Revolution

Ponomarjows Aufstieg unterstreicht, wie gefährlich die Lage in der Ostukraine nach der Revolution ist. Die Sicherheitsorgane sind paralysiert. Wenn ein Kleinbürger wie Ponomarjow entschlossen zur Waffe greift, findet sich kaum jemand, der sich ihm in den Weg stellt. 

Ponomarjow mit Georgsband. Bild: Reuters

Am Revers trägt Ponomarjow oft das schwarz-orange Georgsband. Es war einst Tapferkeitsabzeichen der Zaren-Armee, erinnerte dann an den Sieg im Zweiten Weltkrieg und wandelt sich gerade zum Lieblingssymbol russischer Patrioten. Die Separatisten von Slowjansk wollen die Ostukraine von Kiew abspalten und unter Moskaus Kontrolle stellen – sei es als Teil der Russischen Föderation, sei es in Form eines Vasallenstaates. 

Ponomarjow ist Anhänger eines anarchischen russischen Nationalismus. Er wähnt in Kiew eine «faschistische Junta» an der Macht. Sie habe sich an die Macht geputscht, deshalb fordert er das Recht ein, jetzt mit der Waffe in der Hand eine Annäherung an Russland durchzusetzen. 

Mann der markigen Sprüche

Wenig spricht dafür, dass Ponomarjow ein kühl kalkulierender Stratege ist. Die Zahl der Befürworter eines Verbleibs innerhalb der Ukraine in der 120'000-Einwohner-Stadt Slowjansk beziffert er auf nicht mehr als 40 Mann. Man werde sie behandeln «wie Affen, zu denen man in den Zoo geht, um sie sich anzuschauen». Mal plädiert er für eine Spaltung der Ukraine. Dann wieder droht er damit, man werde «diese Idioten aus Kiew vertreiben und dann bis Lwow» marschieren.

Wenn Ponomarjow über Russlands Präsident Wladimir Putin redet, spricht aus seinen Worten tiefe Verehrung. «Wladimir Wladimirowitsch, ich danke Ihnen für Ihre moralische Unterstützung. Ich höre zwar keine klaren Worte, aber über die Entfernung verstehe ich, dass Sie im Geiste mit uns sind. Wir müssen nicht viel reden. Uns wird schon alles gelingen», sagte er dem Moskauer Nachrichtenportal Gazeta.ru.

Ponomarjow: «Ambitionen habe ich nicht»

Ponomarjow meint, er sei «ein einfacher Mann, Ambitionen habe ich nicht». Alles spricht dafür, dass Ponomarjow fest daran glaubt, was er sagt. Verhandlungen über das Schicksal der Geiseln sind unter diesen Umständen kompliziert. Ukrainische Sicherheitskräfte haben den Ring um Slowjansk nahezu geschlossen. Ponomarjow steht also mit dem Rücken zur Wand, aber er wirkt nicht wie jemand, der nachgeben will. 

Für die OSZE-Geiseln ist die Lage bedrohlich. Denn Ponomarjow und seine Leute sehen sich als Vorkämpfer einer russischen nationalen Revolution. Und Revolutionen rechtfertigen bekanntlich in den Augen derer, die sie machen, auch unschuldige Opfer.

Mitarbeit: Jonathan Stock

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 29.04.2014 13:51
    Highlight Eine Ursache für diesen Konflikt ist die angestrebte Ausdehnung der NATO auf die Ukraine inklusive der Krim. Und das konnte Russland nicht hinnehmen. Hinter der Ausdehnung der NATO auf die Ukraine steht allerdings die Erschliessung der ukrainischen Schiefergasvorkommen, um damit einen billigen und vom Westen gesteuerten Wettbewerber zu Gazprom zu erschaffen. Genau um diese Bodenschätze geht es im aktuellen Konflikt hauptsächlich.
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