Russland

Menschen warten auf ihre Rettung. Bild: Reuters

Ukraine-Krise

Die Retter von Odessa: Helden neben Mördern

Kämpfer des Karate-Clubs «Berserker» retteten in Odessa prorussische Aktivisten aus dem Feuer. Jetzt werden sie als Helden gefeiert. Doch sie berichten Grauenvolles: Während sie Verletzte in Sicherheit brachten, flogen neben ihnen weiter Brandsätze in die Fenster.

06.05.14, 16:41 06.05.14, 18:01

Ein Artikel von

Benjamin Bidder, Odessa

Auf Twitter kursieren Fotos, jemand hat sie geschossen vor dem brennenden Gewerkschaftshaus in Odessa, in dem am Freitag Dutzende Menschen starben. Die Aufnahmen werden hundertfach geteilt, weil sie ein wenig Hoffnung machen inmitten der Spirale der Gewalt in der Ukraine.

Die Fotos – viele verwackelt – zeigen eine Gruppe von Männern, manche tragen ukrainische Fahnen, manche waren bei den Strassenschlachten im Stadtzentrum dabei, die der Brandkatastrophe von Odessa vorausging. Einige haben noch vor wenigen Stunden Steine geschleudert in Richtung der prorussischen Aktivisten, die sich dann in dem Gebäude verschanzt haben.

Aber als die Flammen aus den Fenstern schlagen, zögern sie nicht lange: Sie schaffen ein Gerüst herbei, klettern darüber in das brennende Gebäude und bringen Menschen in Sicherheit, die eben noch ihre Gegner waren.

«Ukrainer lassen sich gegenseitig nicht im Stich.»

Auf sozialen Netzwerken werden sie dafür gefeiert wie Helden. «Ukrainer lassen sich gegenseitig nicht im Stich», schreibt ein Internetnutzer. Die Bilder der Retter sollen jetzt beweisen, dass es doch Gesten der Menschlichkeit gab an diesem Tag des Hasses – und auf Seiten der Maidan-Anhänger nicht nur Mörder, sondern auch Helden.

Das Gewerkschaftshaus führt zur Feuerhölle. Bild: APA/ITAR-TASS/Borovsky Andrei

Maxim, 34, ist einer von ihnen. Er hat eine Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, um die dunklen Augenringe zu verbergen. Er schläft schlecht. Die Eindrücke vom Freitag gehen ihm nicht aus dem Kopf, die Bilder der Verzweifelten, die aus den Fenstern gesprungen waren: «Sie lagen auf dem Asphalt wie seltsam verdrehte Puppen.» 

«Sie lagen auf dem Asphalt wie seltsam verdrehte Puppen.» 

Maxim hat Archäologie studiert, aber nie als Archäologe gearbeitet. In Odessa kommt kaum ein Uni-Absolvent unter in dem Bereich, den er studiert hat. Maxim hat zwei Kinder, sie sind vier und fünf Jahre alt. Er hält die Familie mit kleineren Geschäften bei Ebay über Wasser, Maxim verkauft dort Antiquitäten.

Dreimal in der Woche trainiert er Karate in einer Halle des Dinamo-Sportzentrums, er ist Mitglied beim Club «Berserker». Die Kämpfer des Clubs bildeten den Kern der Gruppe, die auf den Fotos zu sehen ist. Sie sehen also am Freitag, wie von der Strasse Molotowcocktails in Richtung des Gebäudes fliegen. Maxim erzählt, dass auch aus dem Gebäude Brandsätze geschleudert wurden.

«Springt doch, Euer Putin wird Euch schon retten.»

Erste Flammen schlagen aus dem Gebäude. Maxim hat den Ausbruch des Feuers nicht gesehen. Er kann nicht sagen, ob ein Molotowcocktail von der Strasse den tödlichen Brand ausgelöst hat oder ob er im Innern ausbrach, als die Verteidiger des Gebäudes ihre Brandsätze bauten. Als die ersten Flammen aus dem Gebäude schlagen, herrscht auf dem Platz davor Pogromstimmung. «Springt doch, Euer Putin wird Euch schon retten», rufen die Maidan-Anhänger. Maxim erinnert sich, dass jemand im Gewerkschaftshaus in ein Megafon brüllt. Die Männer sollten noch ein wenig durchhalten, die russische Armee sei «bereits mobilisiert und kommt uns helfen». 

Die Sicherheitskräfte griffen nicht ein

Putins Soldaten kommen nicht, auch nicht die Feuerwehr oder die Polizei. Maxim sieht Sicherheitskräfte gleich hinter dem Gebäude. Sie stehen in Reih und Glied. Aber sie greifen nicht ein. Die nächste Feuerwache liegt keinen Kilometer entfernt, doch es dauert eine quälende Ewigkeit bis genügend Löschzüge endlich eintreffen.

Maxims Trainer sammelt seine Leute, die Sportler aus dem «Berserker»-Club finden ein Gerüst auf dem Vorplatz des Gewerkschaftsgebäudes und schaffen es zu den Fenstern. Andere Freiwillige schliessen sich ihnen an. Ihre improvisierte Feuertreppe reicht nur bis zum ersten Stock. Sie werfen eine Rettungsleine in die Fenster der nächsten Etage, holen eine Leiter, damit die Eingeschlossenen mit ihren von Russ schwarzen Gesichtern herunterklettern können. 

Trauer nach der Tragödie. Bild: AFP

Maxim blickt zur Seite: Während die Männer am Gerüst Leben retten, schleudert ein Vermummter ein paar Meter weiter einen Molotowcocktail in das Nachbarfenster, der Brandsatz aber prallt an der massiven Mauer des Gebäudes ab. Die Karate-Kämpfer jagen den Brandstifter in die Flucht.

Ein proukrainischer Mob drängt heran, sie tragen Knüppel und traktieren die Opfer aus dem Gebäude mit Schlägen. Maxim und die anderen bilden einen Ring um die Geborgenen, um sie zu schützen.

Maxim sitzt jetzt in einem Café im Zentrum von Odessa, es läuft französischer Chanson, die Gäste trinken Latte Macchiato. «Wo wird das nur enden?», fragt er. Er hat im Internet von russischen Spekulationen gelesen, viele der Opfer im Gewerkschaftshaus seien nicht durch das Feuer getötet, sondern vorher erschossen worden.

Maxim war nicht im Gebäude nach dem Brand. Er wollte sich die Alpträume ersparen, aber er mag die Theorie aus Moskau auch nicht ausschliessen. Er hat Waffen gesehen, Pistolen und auch Jagdgewehre bei beiden Konfliktparteien. Er hat vor dem Gewerkschaftshaus die Leiche eines Mannes gesehen, der unversehrt schien bis auf eine klaffende Schusswunde im Gesicht. Das deute auf einen Schuss aus nächster Nähe hin, sagt er. Aber er glaubt nicht, dass die Öffentlichkeit jemals die Wahrheit über die Hintergründe des blutigen Freitags erfahren wird. 

Viele Angreifer hatten rote Bändern am Arm

Maxim erzählt, wie proukrainische Aktivisten durch einen Nebeneingang in das Gebäude stürmten, vor dem Ausbruch des Feuers. Mindestens einer trug schwarz-rote Abzeichen der Nationalistenorganisation «Rechter Sektor», so erzählt es Maxim. Aber nach fünf oder sechs Minuten sei die Truppe zurückgekommen, offenbar zurückgeschlagen von den Verteidigern.

Die Polizei trage die Hauptschuld für die Katastrophe, sagt Maxim, und die Männer, die den Polizisten ihre Befehle gaben. Maxim war dabei bei den Strassenschlachten im Zentrum. Im Fernsehen hatte er von dem Angriff prorussischer Schläger auf den Demonstrationszug der Maidan-Anhänger gehört und war in die Stadt geeilt. Er hat gesehen, dass viele der prorussischen Kräfte rote Bänder am Arm trugen. 

Fotos vom Freitag zeigen die gleichen Bänder bei vielen Polizisten. Teile der Sicherheitskräfte, das belegen inzwischen zahlreiche Zeugenaussagen, gaben den Schlägern Deckung. Die prorussischen Kräfte brachten bereits zu den Kämpfen im Stadtzentrum scharfe Waffen mit. Maxim hat den Lauf eines Gewehres gesehen, das aus einem Geschäftshaus auf Demonstranten mit ukrainischen Fahnen zielte. 

Aber er kann sich keinen Reim auf die Geschehnisse machen. Was haben die roten Bänder an den Armen der Polizei zu bedeuten? Er habe das Gefühl, Teil «einer Intrige geworden zu seine, eines zynischen Spiels undurchsichtiger Kräfte», sagt Maxim. 

Will er den Anschluss Odessas an Russland? «Ich spreche russisch, ich träume russisch», sagt Maxim. «Aber ich fühle ukrainisch.» Seine Grossväter haben in der Roten Armee gegen die Deutschen gekämpft. Sein Vater setze grosse Hoffnungen in Putin, aber er selbst sehe die Ukraine als sein Vaterland. Er sei bereit, es zu verteidigen.

Maxim hat bei den Strassenschlachten eine Platzwunde am Kopf davon getragen. Den Kindern hat er erzählt, dass er gestürzt ist auf der Strasse. Er liegt jetzt oft wach in der Nacht. Maxim fragt sich dann, «ob das Schlimmste jetzt hinter Odessa liegt oder der Brand nur der Anfang war.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 07.05.2014 12:51
    Highlight Die Zeit für Diplomatie ist am Ende. Entweder der Westen bekommt die Interimsregierung in Kiew in den Griff, oder es kommt zum militärischen Eingreifen durch Russland. Die Geduld in Moskau neigt sich immer schneller dem Ende zu. Daran ändern auch die Sanktionsdrohungen durch die EU nichts.
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