Russland
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Russian President Vladimir Putin enters a hall to attend the presentation ceremony of the top military brass in the Kremlin in Moscow, Russia, Friday, March 28, 2014. Russia's president says Ukraine could regain some arms and equipment of military units in Crimea that did not switch their loyalty to Russia. (AP Photo/RIA-Novosti, Alexei Druzhinin, Presidential Press Service)

Bild: AP/RIA Novosti Kremlin

Berater in der Ukraine-Krise

Putins Einflüsterer

Die Zeit der Liberalen ist vorbei: Im Kreml bestimmen schrille Hardliner den Ton, Russlands Präsident hat einen engen Zirkel von Vertrauten um sich geschart. Wer sind die Männer, auf die Putin auch in der Ukraine-Krise hört? 

04.04.14, 10:46 04.04.14, 11:13

benjamin bidder, moskau, spiegel online

Ein mitleidiges Lächeln. Das erntet, wer in Moskau nach Erklärungen sucht für das, was man in der naiven Vorstellung des Westens als «Kurs des Kreml» bezeichnen würde. Es ist die freundlichste Weise zu sagen: Wie einfältig ihr Ausländer doch seid! 

Dann folgt – abhängig von der Geduld des Gesprächspartners – Lektion Nummer zwei. Der Kreml sei eben nicht das Weiße Haus und nicht das deutsche Kanzleramt: «Der Kreml hat viele Türme.»

«Der Kreml hat viele Türme»: Zahlreiche Gruppen ringen um Macht, Einfluss und den richtigen Kurs. Bild: EPA

Gemeint ist: Im Kreml ringen zahlreiche Gruppen um Macht, Einfluss und den richtigen Kurs. Nur selten wird von aussen klar, wer langfristig die Oberhand behält und wer nur einen Etappensieg erringt. Deshalb kann der Kreml an einem Tag einen Oppositionspolitiker wie Alexej Nawalny in Handschellen legen lassen, nur um ihn am nächsten Tag frei und bei Wahlen antreten lassen. 

Treffen auf der Krim: Churchill, Roosevelt und Stalin im Februar 1945. Bild: AP British Official Photo

Winston Churchill hat das einmal auf den Punkt gebracht, als er die Auseinandersetzungen verglich mit zwei Bulldoggen, die unter einem Teppich miteinander kämpfen: «Außenstehende hören nur das Knurren. Wenn die Knochen herausfliegen, ist klar, wer gewonnen hat.»

In der Krim- und Ukraine-Krise sind die Knochen herausgeflogen, die Hardliner haben sich durchgesetzt, allen voran Putins Wirtschaftsberater Sergej Glasew. Der hatte schon im Januar die Meinung vertreten, Präsident Wiktor Janukowitsch solle die Demonstrationen in Kiew zusammenschießen lassen.

Procharow trommelt für einen Einmarsch in «Neurussland»

Als Putin an die Macht kam, schien er ein Gleichgewicht im Kreml halten zu wollen zwischen Nationalisten und Liberalen. Aber seit 2012 ist diese Balance dahin.

Ein anderes Sprachrohr ist derzeit Alexander Prochanow, 75, Spitzname «Nachtigall der Generalität». Prochanow war Kriegsreporter, hat Dutzende Bücher veröffentlicht und gilt als ebenso gebildet wie zuvorkommend. Er ist aber auch Anhänger von Josef Stalin. Seit Beginn des Maidan-Aufstands hat Prochanow gefordert, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, sonst vernichte «die Welle der Revolution die russische Zivilisation». Seine Zeitung «Sawtra – Der Morgen» trommelt für einen Einmarsch in «Neurussland», so nennen die Redakteure die Ostukraine. 

Die wahren Machtverhältnisse im Kreml sind heute so undurchsichtig wie zu Churchills Zeiten. Zwei grundlegende Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre sind dagegen klar: 

Als Putin an die Macht kam, schien er ein Gleichgewicht im Kreml halten zu wollen zwischen Nationalisten und Liberalen. Aber seit 2012 ist diese Balance dahin. Dmitrij Medwedew, von 2008 bis 2012 Präsident, gilt als wichtigste Figur des liberalen Lagers. Als Putin vor zwei Jahren in den Kreml zurückkehrte, rotierte Medwedew auf den Posten des Regierungschefs. Seitdem wurde sein Einfluss stark beschnitten. 

Heute ist das Tandem Putin-Medwedew zerbrochen, andere Figuren haben an Einfluss gewonnen. «Politbüro 2.0», so nennt der Moskauer Politologe Jewgenij Mintschenko jene Gruppe von rund einem Dutzend engsten Vertrauten des russischen Präsidenten. Es ist eine Anlehnung an das sowjetische Politbüro, die Führungsriege der Kommunisten. 

Damals freilich waren die Führungskader öffentlich bekannt, Putins Vertraute dagegen bilden kein formales Gremium, über die wahren Machtverhältnisse können auch Kreml-Beobachter nur mutmaßen. «Wem der Präsident wirklich vertraut, das weiß nur Putin selbst», sagt Alexej Muchin, Direktor des Moskauer Zentrums für politische Information. 

Bild: AP/RIA Novosti Kremlin

«Putin ist wahrscheinlich der prowestlichste Führer Russlands aller Zeiten.»

Jewgenij Mintschenko, Moskauer Politologe 

Ein Artikel von

Vertraute Putins agieren vom Kreml abgekoppelt 

Muchin benutzt ein anderes Bild, um die Machtstruktur innerhalb der russischen Führung zu charakterisieren: den Olymp, die Götterwelt der antiken Griechenlands. Putin habe die Kontrolle einzelner Politikbereiche, aber auch von wichtigen Staatsunternehmen in die Hände langjähriger Vertrauter gelegt. Sie agieren weitgehend autonom vom Kreml. So wird die riesige Eisenbahngesellschaft mit 1,3 Millionen Mitarbeitern kontrolliert von Putins altem Weggefährten Wladimir Jakunin – dem «Gott der Eisenbahn» (Muchin) – und der staatliche Rohstoff-Gigant Rosneft von Igor Setschin, dem «Gott des Öls». 

Einig sind sich Mintschenko und Muchin in der Einschätzung, dass Russlands Kurs in der Ukraine-Krise vor allem von einem Mann vorgegeben wird: dem Präsidenten selbst. Der Kreml-Chef glaube, dass er dem Westen oft genug entgegengekommen sei, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen. «Putin ist wahrscheinlich der prowestlichste Führer Russlands aller Zeiten», sagt Mintschenko. «Er ist aber zu der Überzeugung gelangt, dass es sich nicht lohnt, prowestlich zu sein.» 

Mintschenko saß am 18. März im Georgssaal des Kreml, als Putin die Krim als Teil Russlands aufnahm und mit Europa und den USA abrechnete. Danach sprach er mit den Leuten, die normalerweise Putins Reden schreiben. «Diesmal hatten sie wenig zu tun», sagt Mintschenko. «Putin hat die entscheidenden Passagen alle selbst verfasst.» 

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 04.04.2014 11:57
    Highlight Mit den Krimtataren könnte Putin beweisen, wie stark er wirklich den Willen des Volkes bei der Abstimmung berücksichtigt. Es ist eine fatale Konsequenz, die nationalstaatlichen Grenzen entlang der Volksgruppen neu zu ziehen. Moderne Gesellschaften gehen mit ihren Minderheiten fair um. Wer wegen der Volkszugehörigkeit Grenzen mit militärischem Druck verschiebt, wird die Geister nicht mehr los, die er rief. Putin wird das noch an anderen Orten in Russland schmerzlich zu spüren bekommen.
    Nun versucht Putin mit massiven Investitionen zu beruhigen, damit die Krimtataren nicht genau das fordern, was er seinen Landsleuten mit der Übernahme der Krim gegeben hat. Es bleibt weiterhin offen, wie es auf der Krim nun weiter geht.
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    • Horny 05.04.2014 10:32
      Highlight Warum wollte Putin die Krim zurück? Weil dort sein militärischer Zugang zum schwarzen Meer platziert ist. Warum hat die Krimbevölkerung dem Wechsel zu Russland zugestimmt? Weil der Nutzen für Russland von so grosser Bedeutung ist, das Russland dafür sorgen wird, dass es den Krimbewohnern an nichts fehlen wird.
      Im gleichen Ton wird Putin auch die Krimtataren mit Freiheiten ausstatten, aber nur bis zu einem gewissen Grad, denn es dürfen sich keine Konkurenzsituationen bilden, die seine installierte Stabilität gefährdet. Somit sichert Russland seinen Flottenstützpunkt am schwarzen Meer und erreicht auch eine bedeutend höhere Stabilität im Bezug auf die dort lebende Bevölkerung, was diese verglichen mit Der Ukraine und der Kiefer Regierung früher doch nur bedingt hatte. Absolut Frei und rein Sachlich gesehen, Schaft Putin für die Krim eine Win Win Situation, was vermutlich auch eine mögliche Erklärung der sehr hohen Zustimmungszahlen entspricht.
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