Südafrika
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Gefängnis für Oscar Pistorius

Ein Mann wie ein Schatten 

Oscar Pistorius muss wegen der tödlichen Schüsse auf Reeva Steenkamp ins Gefängnis. Die Familie des Opfers ist zufrieden. Der ehemalige Sprint-Star verlässt das Gericht als gebrochener Mann. 

Gesa Mayr / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Mit einem Strauss weisser Rosen wartet eine alte Frau vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria auf Oscar Pistorius. Sie ist in der Menschentraube die einzige mit Blumen. Im Spalier vor ihr stehen Polizisten in blauer Uniform und Journalisten mit Kameras. Pistorius' Limousine hält, er steigt aus, er trägt einen dunklen Anzug zu seinem grauen Gesicht. Sein Cousin und die Polizisten zerren ihn zum Eingang. Als er vorbei ist, liegen die Rosen draussen auf dem Boden.

Drinnen lässt sich Pistorius auf der Anklagebank nieder, vielleicht zum letzten Mal. Schon oft hat er dort Gefühle gezeigt. Er hat geweint, geschluchzt, er war zusammengebrochen und hatte sich übergeben. An diesem Tag ist er regungslos. Seine Haut wirkt fahl, sein Kiefer angespannt. Ein Mann wie ein Schatten. 

Richterin Thokozile Masipa betritt den Saal, sie wird heute verkünden, ob Pistorius wegen der tödlichen Schüsse auf Reeva Steenkamp ins Gefängnis muss. Als die Richterin mit der Erklärung beginnt, schliesst Barry Steenkamp die Augen. Mehrere Schlaganfälle hat der Vater des Opfers in den vergangenen 20 Monaten erlitten. Man sieht sie ihm an. Er und seine Frau June sitzen zusammengesunken auf der Zuschauerbank. So angespannt, als hätten sie Angst zu atmen. 

Das Leid der Steenkamps war nicht an Richterin Masipa vorbeigegangen. Zuletzt hatte die Cousine des getöteten Models noch einmal ausgesagt. Viele Familienmitglieder seien traumatisiert, litten unter Depressionen. Die Prozesskosten haben die Steenkamps zudem schwer getroffen, sie musste sich Geld von Oscar Pistorius leihen. Die Familie wolle keine Rache, sagte die Cousine. Aber die Familie wolle Gerechtigkeit. 

18 Monate hat Richterin Thokozile Masipa nach der Wahrheit gesucht und Pistorius schliesslich der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. Im Prozess hatte sie ruhig und überlegt agiert, sich von niemandem in die Karten schauen lassen. Und auch jetzt macht sie dem Vergleich mit einer undurchsichtigen Sphinx alle Ehre, tendiert mal zu den Forderungen der Staatsanwaltschaft, mal zu denen der Verteidigung. 

«Eine Entscheidung zu finden, war herausfordernd», sagt Masipa zu Beginn ihrer Erklärungen. Es gehe bei der Strafe darum, die richtige Balance zwischen dem Interesse der Gesellschaft und der persönlichen Situation des Angeklagten zu finden. «Nicht zu leicht, nicht zu schwer.»

Sie skizziert Pistorius' Leben. 27 Jahre alt, nicht vorbestraft, professioneller Athlet, momentan keine Arbeit, kein Einkommen, kein Besitz. Die Eltern liessen sich scheiden; als er 15 war, starb seine Mutter. Die Amputation sei eine Belastung gewesen. Er habe sich verdient gemacht, weil er das Bild von Menschen mit Behinderung in der öffentlichen Wahrnehmung verbessert habe. 

Kritik am Bild eines verletzlichen Pistorius 

Masipa kritisiert, während des Prozesses sei lediglich die Verletzbarkeit von Pistorius hervorgehoben worden. Das Bild des starken Sportlers, der international Erfolg hatte und gegen nicht behinderte Sprinter antrat, sei im Schatten geblieben. 

Sie sehe keinen Grund, warum Pistorius eine Gefängnisstrafe nicht antreten könne, sagt Masipa. Sie folgt der Experteneinschätzung, dass Südafrikas Gefängnisse nicht perfekt, aber zumutbar seien. Die Befürchtung einer Bewährungshelferin, die Pistorius bereits als Opfer von Gruppenvergewaltigungen sah, wischt sie beiseite. Diese habe sich auf veraltete Informationen gestützt. «Ich habe keinen Grund zu glauben, dass dem Angeklagten eine unüberbrückbare Herausforderung bevorsteht.» Auf der Zuschauerbank atmen die Steenkamps tief durch. Pistorius starrt nach vorne zur Richterin. 

Masipa betont die Schwere des Vergehens, Pistorius habe grob fahrlässig gehandelt. Als der Paralympics-Star vier Schüsse auf eine geschlossene Toilettentür in seiner Villa abfeuerte, hätte er wegen der Geräusche wissen müssen, dass sich hinter der Tür eine Person befand, für die es kein Entkommen geben konnte. «Es wäre ein trauriger Tag, wenn der Eindruck entstünde, dass es ein Gesetz für die Armen und eines für die Reichen und Berühmten gibt.» Keine Gefängnisstrafe würde die falsche Botschaft senden, eine lange Haftstrafe sei dagegen unangemessen, so Masipa. 

Schliesslich bittet die Richterin Pistorius aufzustehen. Dann spricht sie die Worte, die in den vergangenen Minuten immer wahrscheinlicher geworden sind. Pistorius muss ins Gefängnis, fünf Jahre. Den Verstoss gegen das Waffengesetz bewertet sie mit drei Jahren Haft auf Bewährung. 

Der Sprinter nimmt es hin. Kurz danach wird er von Polizisten verhaftet, er verabschiedet sich von seiner Familie. Als sie ihn eine Treppe hinunter aus dem Saal führen, halten sie noch seine Hand. Dann ist er weg. Die Nacht wird er schon im Zentralgefängnis von Pretoria verbringen. Sein Onkel wird später berichten, dass Pistorius das Urteil akzeptiert. 

«Sie sind zufrieden» 

Ein kleines Lächeln huscht über das Gesicht von June Steenkamp, als sie den Gerichtssaal verlässt. Endlich ein Abschluss, sagt sie den Reportern. Endlich sei es vorbei. «Sie sind zufrieden», sagt der Anwalt der Familie. 

Vor dem Gerichtsgebäude wird heftig über das Urteil diskutiert. Die wenigsten hielten Pistorius noch die Treue, berichtete eine Sky-Reporterin. Im Gegenteil: Die Leute fragten sich, warum er für den Tod eines Menschen kürzer ins Gefängnis müsse als ein Räuber. «Er hat eine Seele genommen», sagt ein Mann. Auch die Frauenrechtsgruppe ANCWL zeigt sich enttäuscht. Dies sei ein trauriger Tag für Frauen in Südafrika, sagt eine Sprecherin. Von der Frau mit den weissen Rosen ist nichts mehr zu sehen. 



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