Schottlands Weg zur Unabhängigkeit
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No supporters react to results in the Scottish independence referendum at the Marriott Hotel in Glasgow, Scotland as ballet papers are counted through the nigh Friday, Sept. 19, 2014. From the capital of Edinburgh to the far-flung Shetland Islands, Scots embraced a historic moment - and the rest of the United Kingdom held its breath - after voters turned out in unprecedented numbers for an independence referendum that could end Scotland's 307-year union with England. (AP Photo/PA, Lynne Cameron) UNITED KINGDOM OUT, NO SALES, NO ARCHIVE

So sehen Sieger aus: Anhänger des Nein-Lagers feiern in einem Hotel in Glasgow nach Bekanntwerden des Abstimmungsresultats. Bild: AP/PA

Schottlands Nein zur Unabhängigkeit

Grossbritannien wird sich verändern

Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden. Gewonnen haben die Separatisten trotzdem – denn Grossbritannien steht vor einem Neustart.

Carsten Volkery, Edinburgh / Spiegel Online

Ein Artikel von

Spiegel Online

Am Ende war das Ergebnis deutlicher als erwartet. Rund 55 Prozent der Schotten stimmten gegen die Unabhängigkeit ihres Landes, nur etwa 45 Prozent dafür (verfolgen Sie die Entwicklung im Liveticker). Die Briten können sich freuen, das Königreich bleibt intakt. Auch die Partner in Brüssel und Washington atmen auf, Grossbritannien kann weiter seine internationalen Aufgaben erfüllen.

Das Nein wird dennoch weitreichende Folgen haben, für Schottland wie für den Rest Grossbritanniens. Der emotional geführte Wahlkampf hat tiefe Spuren in der schottischen Gesellschaft hinterlassen, für die Anhänger der Unabhängigkeit ist ein Traum verflogen. «Ich bin am Boden zerstört», sagte Ja-Wählerin Susan Logan in Edinburgh. «Wir sind eine Nation der Trottel.»

Die Separatisten können sich jedoch trösten: Sie haben einen Neustart für Grossbritannien erreicht. Premierminister David Cameron kündigte gleich am Freitagmorgen konstitutionelle Veränderungen an: Bis Januar will er einen Plan vorlegen, welche Kompetenzen nach Schottland verlagert werden. 

Was bedeutet die Entscheidung? Ein Überblick: 

Für Schottland: Die schottische Regionalregierung wird mehr Autonomie erhalten. Die genauen Details sollen in den kommenden Monaten verhandelt und noch vor der Unterhauswahl im Mai 2015 beschlossen werden. Es geht vor allem um das Recht, einen grösseren Teil der eigenen Steuereinnahmen zu behalten und selbst zu verteilen. Sollte das britische Finanzministerium diesem Machtverzicht tatsächlich zustimmen, könnten sich die Schotten künftig weitgehend selbst regieren. 

Für Grossbritannien: Die neue Autonomie der Schotten wird die Föderalisierung des Königreichs vorantreiben - und den Verteilungskampf zwischen den Landesteilen verschärfen. Mit Entsetzen haben viele Engländer mit angesehen, wie Cameron den Schotten weitreichende Versprechen gemacht hat, damit sie bleiben. Nun stellen sie ebenfalls Forderungen - etwa ein eigenes Regionalparlament für England. Bislang haben nur Schottland, Wales und Nordirland Gremien dieser Art. Alle englischen Belange werden vom nationalen Parlament, dem Unterhaus in Westminster, entschieden. Das heisst, Abgeordnete aus Schottland dürfen über das englische Bildungssystem mitbestimmen, aber nicht umgekehrt. Die Debatte über die grundlegende Verfassung des Königreichs ist eröffnet.

Für Alex Sa lmond: Obwohl seine Yes-Kampagne bei der Wahl unterlag, ist der Chef der schottischen Nationalisten der Sieger des Tages. Er hat die britische Regierung dazu gebracht, weitere Kompetenzen nach Edinburgh abzugeben. Sein politisches Talent wird zähneknirschend auch in London anerkannt. Der Chef der Regionalregierung kann sich nun als Versöhner der gespaltenen Bevölkerung präsentieren. Ab heute gebe es kein Ja- und kein Nein-Lager mehr, sagt er, man werde gemeinsam als Nation nach vorn schauen. 

British Prime Minister David Cameron addresses the media outside 10 Downing Street in London, on September 19, 2014, following results in the Scottish referendum on independence. Scotland's First Minister Alex Salmond on Friday conceded defeat in his party's campaign for independence from the rest of the United Kingdom, after all but one result from the historic referendum was declared.  AFP PHOTO / CARL COURT

An einer Blamage vorbei: Premierminister David Cameron an der Pressekonferenz nach der Abstimmung.  Bild: AFP

Für David Cameron: Er geht nicht als Premierminister in die Geschichte ein, der den Zerfall des Vereinigten Königreichs zu verantworten hat. Diese Blamage ist Cameron erspart geblieben. Doch ist er der Verlierer des Tages. Er muss sich fragen lassen, wieso es überhaupt soweit kommen konnte. Auch werden die Tories gegen die Last-Minute-Versprechen an die Schotten rebellieren. Acht Monate vor der Unterhauswahl werden sie es jedoch nicht wagen, ihren Anführer auszuwechseln. 

Für die EU: Nach dieser nervenaufreibenden Erfahrung hat so mancher Brite erstmal genug von Referenda. Jeder, der nun auch noch ein Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft abhalten wolle, habe sie nicht mehr alle, zitiert die "Financial Times" einen müden Vertreter der schottischen Nein-Kampagne. Cameron hat versprochen, die Briten 2017 über den EU-Austritt abstimmen zu lassen. Könnte er diesen Schwur nun noch einmal überdenken? Unwahrscheinlich. Das würde seine Partei ihm nicht durchgehen lassen. Wenn der Tory wiedergewählt wird, steht in wenigen Jahren das nächste Drama ins Haus. 

Hat die Angstmache ihre Wirkung doch nicht verfehlt?

Fest steht: Es war eine historische Nacht in Schottland. Die Ergebnisse aus den 32 Wahlkreisen trudelten ab 2 Uhr morgens ein. Das Nein-Lager lag von Anfang an in Führung, doch zwischenzeitlich konnte das Ja-Lager aufholen. Das beste Ergebnis erzielten die Unabhängigkeitsbefürworter mit 57 Prozent wie erwartet in Dundee. Nach der Hälfte der Wahlkreise war der Trend klar: Das Nein-Lager zog auf 56 Prozent davon. Die Entscheidung fiel aber erst gegen 5 Uhr morgens mit dem Ergebnis aus Glasgow. Die grösste Stadt Schottlands stimmte mit 53 Prozent für Ja, doch reichte dies nicht für die Wende. 

Was letztlich den Ausschlag für das Nein gegeben hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Hat die Angstmache der Nein-Kampagne am Ende ihre Wirkung doch nicht verfehlt? Hat vielleicht das Flehen von Cameron und Co. die Schotten erweicht? War es ein Bekenntnis zur britischen Identität? 

Einig sind sich die Schotten nur in einem: Die politische Debatte hat dem Land gutgetan. Die Wahlbeteiligung hat mit 84 Prozent alle Rekorde gebrochen, Salmond sprach von einem «Triumph für die Demokratie». Tatsächlich beweisen die langen Schlangen vor den schottischen Wahllokalen eindrücklich, dass Politik die Menschen erreichen kann. Das lässt für das EU-Referendum im Jahr 2017 hoffen.



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