Schule - Bildung

Abubakar Shekau ist der mutmassliche Anführer der Terrorgruppe. Bild: AP/Militant Video

Nigerias Steinzeit-Islamisten

Diese Fakten solltest du über Boko Haram kennen

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram verbreitet Angst und Schrecken in Nigeria: Ihre Mitglieder brennen Kirchen nieder, töten Menschen und entführen Schülerinnen. Was will diese Organisation eigentlich? Und wer steckt dahinter?

13.05.14, 18:28 24.12.16, 16:47

Was will Boko Haram?

Die islamistische Vereinigung tritt gegen die westliche Bildung an: Boko Haram heisst sinngemäss übersetzt «westliche Bildung ist Sünde». Die Sektenführer sind überzeugt, dass die grassierende Armut im Norden Nigerias durch die westliche Bildung verschuldet ist.

Über die Gruppe ist aber sonst nur sehr wenig bekannt. Dabei ist sie keineswegs eine Neuerscheinung: Gegründet wurde sie bereits 2002. Mit dem systematischen Aufbau von Koranschulen versucht sie, die westliche Bildung zu konkurrenzieren. 

Wie hat sich Boko Haram radikalisiert?

Zu Beginn agierte Boko Haram noch gewaltlos und stellte sich gegen die politische Klasse in Nigeria. 2009 begann die Gruppe sich zu radikalisieren. Im Juni erschossen Sicherheitskräfte 14 Anhänger von Boko Haram, weil sie sich aus angeblich religiösen Gründen geweigert hatten, Motorradhelme zu tragen. Der damalige Boko-Haram-Anführer, Yusuf, kündigte Vergeltung an, die in Kämpfen zwischen den Sektenanhängern und den Sicherheitskräften mündeten. 800 Menschen starben.

Die Armee zerstörte Moscheen und Yusufs Wohnhaus, der Sektenchef wurde in Polizeigewahrsam umgebracht. Das brachte ihm Märtyrerstatus ein. Nach seinem Tod wurde Abubakar Shekau zum Chef von Boko Haram – und verfolgte den Terror noch brutaler: Hunderte von Kirchen wurden niedergebrannt, mehrere tausend Menschen starben. 

Mit der Wahl des christlichen Präsidenten Goodluck Jonathan 2010 verstärkte Boko Haram die Gewalt zusätzlich. Grundsätzlich geht es um die Vormachtstellung zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden Nigerias. Boko Haram geht mit aller Härte gegen christliche und westliche Institutionen und Personen vor, gleichzeitig schreckt auch die nigerianische Armee nicht vor Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zurück.

Wo ist Boko Haram aktiv?

Der Norden Nigerias, der grössten Volkswirtschaft Afrikas mit 169 Millionen Einwohnern, gilt als Heimat von Boko Haram. Aktiv ist die Truppe aber auch in Kamerun, Niger und vermutlich auch im Tschad.

Wer sind die Mitglieder?

Als Aktivisten der Boko Haram in Frage kommen alle strenggläubigen Muslime, die bereit sind, sich freiwillig gegen das politische Regime und die westliche Bildung zu engagieren. Im Norden des Landes ist die Arbeitslosigkeit hoch – besonders Jugendliche lassen sich dadurch leicht radikalisieren. Rund eine halbe Million Mitglieder soll die Organisation inzwischen haben.

Der Anführer von Boko Haram ist Abubakar Shekau. Angeblich wurde er in Niger geboren und wuchs in Maiduguri im Norden Nigerias auf. Er gilt als intelligenter und skrupelloser Anführer, der auch nicht davor zurückscheut, seine eigenen Mitglieder zu exekutieren, wenn sie sich dem bewaffneten Kampf widersetzen wollen.

Wie gefährlich ist die Truppe?

Alleine in diesem Jahr hat Boko Haram über 1500 Menschen getötet. Früher richteten sich ihre Anschläge hauptsächlich gegen Priester, Politiker, Polizisten und Richter. Ab 2011 setzen die Terroristen vermehrt auch Autobomben gegen Zivilisten ein.

Zerstörter Markt nach einem Anschlag von Boko Haram. Bild: Keystone

Inzwischen ist Boko Haram zu einer existenziellen Bedrohung herangewachsen – nicht nur für Nigeria, sondern für die ganze Region. Alleine in Nigeria sind zurzeit 250'000 Menschen auf der Flucht vor Boko Haram. Internationale Hilfswerke wie die UNO, Amnesty International und Human Rights Watch kritisieren die rohe Gewalt aufs Schärfste.

Es gibt Hinweise, dass die Terrorvereinigung durch einige Militärs unterstützt wird. Allerdings gibt es keine Beweise für bestellte oder bezahlte Überfälle. Die Frage bleibt offen: Wie kommen die Steinzeitkrieger an moderne Waffen?

Warum hat Boko Haram über 200 Schülerinnen entführt?

Boko Haram präsentiert angeblich die entführten Mädchen. Quelle: Youtube/SmartNews

Dass Boko Haram Mitte April 230 Schülerinnen entführte, dürfte verschiedene Gründe haben: Erstens wollen die Terroristen damit ihre Macht unter Beweis stellen, zweitens verabscheuen sie westliche Bildung – beim Überfall schrieben die Mädchen ihre Maturaprüfung – und drittens braucht die Sekte Geld. Um sich zu finanzieren, überfiel sie auch Banken und erpresste für ihre Geiseln Lösegeld. 

53 der entführten Mädchen konnten sich inzwischen aus den Fängen von Boko Haram befreien. Zu ihnen gehört auch Deborah Sanya, die hier ihre Erlebnisse schildert. Was mit den restlichen knapp 300 Mädchen geschieht, ist unklar. In Frage kommen derzeit drei Optionen: Versklavung, Zwangsheiraten oder Tausch gegen inhaftierte Boko Haram Mitglieder.

Wer bekämpft Boko Haram?

Weltweit setzen sich Menschen für die Freilassung der Mädchen ein. Bild: Keystone

Nach der gewaltsamen Entführung von rund 300 Mädchen rückte Boko Haram in den internationalen Fokus. Dies hat zur Folge, dass neben dem nigerianischen Militär auch Frankreich, Grossbritannien und die USA gegen sie vorgehen: Frankreich will Soldaten in die umliegenden Gebiete schicken, die USA sind bereits mit Aufklärungsflugzeugen und Spezialeinheiten vor Ort und auch Grossbritannien hat bereits Experten geschickt. Zudem will der französische Präsident Hollande am Wochenende in Paris mit Nigeria und den Nachbarstaaten einen Gipfel zur Bekämpfung von Boko Haram abhalten.

Seit einem Jahr läuft die Armee-Offensive von Nigeria gegen Boko Haram. Ein Fünftel des Staatshaushaltes fliesst in den Kampf gegen den Terror. Die korrupte Armee, die offenbar vor der Entführung gewarnt wurde, konnte bisher keine Erfolge vorweisen. Wer die Mädchen findet, bekommt 215'000 Euro – wer den Sektenführer aufspürt, kriegt von den USA sieben Millionen Dollar.

Auch in den sozialen Medien macht sich Solidarität mit den entführten Mädchen und deren Angehörigen breit. Tausende Menschen tweeten unter dem Hashtag #BringBackOurGirls. 

Viele muslimische User distanzieren sich unter dem Hashtag #Boko_Haram_does_not_represent_Islam vehement von den Taten von Boko Haram. Sie fürchten sich, dass ihr Glaube mit den Gräueltaten der Terroristen in Verbindung gebracht werden könnte.

Wer unterstützt Boko Haram?

Es gibt Hinweise auf Kontakte zwischen Boko Haram und der al-Qaida im arabischen Maghreb in Mali und Niger und zu der Miliz al-Shabaab in Somalia. Es ist allerdings unklar, ob dies nur technische Kontakte wie Trainings und Know-how sind.

Die Zentralführung der al-Qaida hat Boko Haram bisher nie öffentlich anerkannt und unterstützt. Die unglaubliche Gewalt verstört selbst internationale Dschihadisten. 

Deutschsprachige Reportage über Boko Haram

Auf den Spuren von Boko Haram. Quelle: Youtube/DW

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 14.05.2014 11:54
    Highlight Unter Berufung auf Anweisungen von unsichtbaren Freunden loszuziehen und Menschen zu terrorisieren ist normalerweise ein Grund für die Einweisung in die Geschlossene. Komischerweise ändert sich das, wenn genügend Leute an diese unsichtbaren Freunde glauben, dann nennt man das "Religion" und fängt an, mit den Irren zu diskutieren.
    Ein Fünftel des nigerianischen Staatshaushalts fliesst inzwischen in den Sicherheitsbereich, und der Grund dafür ist Boko Haram. Warum die Gruppe trotzdem nicht ausgeschaltet ist, ergibt sich aus der Umformulierung dieses Befundes: Ohne Boko Haram würde nicht ein Fünftel des Haushalts für Waffen ausgegeben und die Generäle würden sich nicht eine goldene Nase mit Schmiergeldern verdienen.
    Ob man den Tag noch erleben darf, an dem solche Entführungen durch Islamisten in der islamischen Welt dieselben Reaktionen hervorruft wie eine dänische Mohamedkarikatur?
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