Schweiz
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Nach Entführungsdrama: Aargauer Vater lebt jetzt in Mexiko – um näher bei seiner Tochter zu sein

Als vor einem Jahr der Kanton Aargau die neunjährige Anna* zu ihrer Mutter nach Mexiko zurückführte, sorgte das national für Aufsehen. Was seither geschah.

09.05.16, 14:21 09.05.16, 14:31

Mario Fuchs / az Aargauer Zeitung



Vater Beni Hess mit seiner Tochter, die bei ihrer Mutter lebt nach Gerichtsbeschluss.
TeleM1

Die Medienmitteilung des Departements Volkswirtschaft und Inneres trug einen ungewöhnlichen Titel: «Mutter mit ihrer Tochter nach Mexiko zurückgekehrt», schrieb das Generalsekretariat am 14. Juli 2015.

Es waren die letzten offiziellen Worte in einem erbitterten Streit um ein Kind.

Rückblende: Im Mai vor einem Jahr berichtete die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens über die Bremgarter Grossmutter Martina Hess, die mit ihrer Enkelin untergetaucht war, um das Mädchen vor den Behörden zu verstecken.

Der Grund: Die neunjährige Anna (Name geändert) sollte nach Mexiko zu ihrer Mutter zurückgeführt werden. Die in Mexiko geborene Tochter einer Einheimischen und des Bremgarters Beni Hess hatte nach der Trennung der Eltern bei der Mutter in Zentralamerika gelebt.

Später nahm der Vater seine Tochter Anna für einen Ferienaufenthalt in die Schweiz – und behielt sie bei sich. Die Obhut war zwar der Mutter zugesprochen worden, Beni Hess betonte aber, die Tochter selbst wolle nicht zurück. Die Familie war in Mexiko mittels Schutzgelderpressungen bedroht worden.

Schliesslich wurden Martina Hess und Anna nach einigen Tagen Flucht in Südfrankreich verhaftet und in die Schweiz zurückgebracht. Die Frage der Rückführung kam bis vors Bundesgericht. Zuletzt scheiterten mehrere Vermittlungsversuche zwischen den Eltern und das Aargauer Obergericht entschied, Anna müsse zurückgeführt werden. Nachdem sich das Kind von Vater und Klassenkameraden verabschiedet hatte, flog es mit seiner Mutter nach Mexiko.

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

Martina Hess bereut es nicht, dass sie mit ihrer Enkelin geflüchtet ist. Sie berichtet im Skype-Interview über ihre Verhaftung in Frankreich. Video: kaltura.com

Zwei Strafverfahren hängig

Theoretisch wäre danach ein Weiterzug an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nach Strassburg möglich gewesen. Davon sahen Beni Hess und sein Anwalt jedoch ab. Hess sagte damals: «Alles, was wir davon erwarten könnten, wäre ein Rüge für die Schweiz. Aber das würde für mich keinen grossen Unterschied mehr machen. Meine Tochter ist weg.»

Wie Recherchen der AZ nun zeigen, reiste Hess seiner Tochter bald nach. Mit seiner neuen Partnerin und einem gemeinsamen Baby lebt er wieder in Mexiko. Rechtsanwalt Silvio Mayer, der Hess vertreten hatte, bestätigt dies und sagt: «Es ist für ihn die einzige Möglichkeit, nah an seiner Tochter zu sein.» Wie mehrere mit der Sache Vertraute berichten, läuft in Mexiko ein Scheidungsverfahren, in dem es auch um Obhut und Unterbringung von Anna geht. Das Verfahren nach mexikanischem Recht könnte sich Jahre hinziehen. Anna lebt offenbar nach wie vor bei ihrer Mutter.

Im Aargau sind mit dem Vollzug der Rückführung alle zivilrechtlichen Verfahren abgeschlossen. Hängig sind noch die Strafverfahren gegen Beni Hess und Grossmutter Martina Hess. Dabei wird etwa wegen versuchter Nötigung, Freiheitsberaubung, Entführung und Entziehung von Minderjährigen ermittelt. Die Einvernahmen wurden gemacht, jetzt liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft: Sie muss entscheiden, ob sie Anklage erheben wird. Ob es zu einem Strafverfahren kommt, ist demnach noch nicht klar.

* Name geändert (aargauerzeitung.ch)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Li La Launebär 09.05.2016 15:18
    Highlight Mexiko liegt in Nordamerika, nicht in Zentralamerika - ändert aber nichts an dem tragischen Fall.
    8 13 Melden
    • Hoppla! 09.05.2016 20:21
      Highlight Ich bin jetzt noch klugscheissiger... :-)

      Ein Teil von Mexiko, südlich des Isthmus von Tehuantepec, gehört zu Zentralamerika. Insofern ist die Aussagen eventuell nicht falsch.
      9 2 Melden
    • Li La Launebär 09.05.2016 21:28
      Highlight Mucho respecto!
      2 0 Melden
    • Pasionaria 10.05.2016 00:02
      Highlight Meines bescheidenen Wissens nach wird die Landbruecke > Isthmus ebenfalls zum nordamerikanischen Kontinent gezaehlt.

      Wirklich traurige Geschichte.
      Ich verstehe den Vater wie auch die Grossmutter gut. Trotzdem sollte letztere nicht den Humbug, Mexico als "Kriegsgebiet" zu bezeichnen, von sich geben.
      Ihren Frust kann ich nachvollziehen, trotzdem sollte man sich an Tatsachen halten.
      Krieg herrscht in Mexico 'NUR' in der Drogenszene. 98% der Toten sind in dieser Szene taetig, die restlichen 2% sind bedauernswerte Opfer, die zum falschen Moment am falschen Ort waren.
      5 1 Melden
    • cassio77 10.05.2016 05:28
      Highlight Pasionaria, ich kenne die Lage in Mexico nicht, weiss aber dank Aufenthalten in Südamerika, dass auf Grund der Drogenkriminalität auch die normale Bevölkerung stark leidet, weil ihr Kugeln um die Köpfe jagen. Zudem gibt's immer wieder Fälle von Schutzgelderpressungen und Entführungen, somit könnte ich seine anfängliche Motivation verstehen. Habe aber Mühe damit, dass er plötzlich doch in Mexico leben kann und dies mit neuem Baby und neuer Partnerin.
      6 0 Melden
    • Watson-er 10.05.2016 10:18
      Highlight Die ewige Kontinentalfrage, Nordamerika oder Zentralamerika(obwohl Zentralamerika nicht ein richtiger Kontinent ist). Man kann die Frage mit der Türkei vergleichen: kleiner Teil in Europa; also europäisches Land?
      0 0 Melden
    • Pasionaria 10.05.2016 22:18
      Highlight Ein wenig kenne ich die Situation in Mexico schon, da ich oft und laenger dort verweile.

      Nun "die normale Bevölkerung stark leidet, weil ihr Kugeln um die Köpfe jagen. " so ist es wirklich nicht! Was verstehen Sie unter 'normaler' Bevoelkerung.
      Es hat einige v.a. Grenzstaedte zu den USA, wo die Bevoelkerung wahrscheinlich von den Narcos mehr mitkriegt als erwuenscht, aber in den andern Landesteilen wird die 'normale' Bevoelkerung davon verschont.

      Diese falsche Einschaetzung haelt auch viele Touristen von einer Reise nach Mexico ab, was fuer das Land und seine Arbeitnehmer verheerend ist.
      1 0 Melden
    • Pasionaria 11.05.2016 06:04
      Highlight Watson-er
      Ja, sicherlich gibt es gewichtigere Problem als die Kontinentalfrage, doch gewisse Leute interessiert dies ueberhaupt nicht und schaffen unglaubliche Zugehoerigkeiten, bis es schmerzen kann.

      Solange die Tuerkei nicht noch Fussballeuropameister wird, kann man sie locker zu Europa zaehlen.
      Hingegen Erdogan sollte sich tief in Asien verstecken.....
      0 0 Melden

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