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Sie stahl dem Gemeindeammann am Wochenende die Show: Johanna Gündel bei einem TV-Interview am Weihnachtsmarkt vom Samstag in Oberwil-Lieli.
bild: aargauer Zeitung / Toni Widmer

Johanna Gündel – das ist die Studentin, die SVP-Glarner die Stirn bietet

Johanna Gündel hat als Austauschstudentin verschiedene Länder kennengelernt. Humanitäre Traditionen und der Respekt vor allen Menschen ist ihr wichtig. Deshalb hat sie sich dafür engagiert, dass es im aargauischen Oberwil-Lieli sozial wärmer wird.

30.11.15, 08:14 30.11.15, 09:35

Toni Widmer / Aargauer Zeitung

«Im Vorfeld der Gemeindeversammlung hat er höhnisch von einer kleinen, lauten Minderheit gesprochen. Jetzt hat eine Mehrheit seiner Asylpolitik einen Riegel geschoben. Andreas Glarner kann nicht mehr behaupten, er hätte Oberwil-Lieli hinter sich.»

Johanna Gündel, die 24-jährige Studentin der Sprachwissenschaften, sagt das ohne jegliche Häme. Sie stellt einfach mit Befriedigung fest, dass Oberwil-Lieli «dem Glarner» gezeigt habe, dass er künftig mit dem, was er tue und was er sage, vorsichtiger sein müsse.

«Die Mehrheit toleriert es nicht mehr, dass er mit seinem Verhalten und seinen unsäglichen Voten das ganze Dorf in Verruf bringt.»

176 zu 149 Stimmen

«Der Gemeinderat soll darauf verzichten, 290 000 Franken für Ersatzzahlungen vorzusehen und stattdessen für die Bereitstellung der nötigen Unterkünfte für Asylbewerber besorgt zu sein» – diesen Antrag hat sie an der Gemeindeversammlung gestellt.

«Die Besserverdienenden werden vom Gemeindeammann gehätschelt. Man liest ihnen ihre Wünsche von den Augen ab und nimmt es dann bei deren Erfüllung mit den Vorschriften nicht immer so genau.»

Johanna Gündel

Mit 176 zu 149 Stimmen wurde ihm am Freitagabend nach einer emotionalen Diskussion entsprochen.

Johanna Gündel war vor Glarner in Oberwil-Lieli. «Ich bin hier aufgewachsen und habe eine wunderbare Kindheit verbracht. Doch Oberwil-Lieli hat sich verändert. Früher haben sich in einer kleinräumigen Idylle alle gekannt, es war beschaulich und gemütlich. Heute ist das Dorf protzig geworden und damit auch weniger familiär.»

Sie und andere hätten schon länger das Gefühl, in Oberwil-Lieli würde von der Politik primär darauf geachtet, dass es den Besserverdienenden gut gehe.

«Sonderbehandlung stört»

«Die Besserverdienenden werden vom Gemeindeammann gehätschelt. Man liest ihnen ihre Wünsche von den Augen ab und nimmt es dann bei deren Erfüllung mit den Vorschriften nicht immer so genau.» Die Hochfinanz solle sich schliesslich wohl fühlen im «Juwel am Mutschellen».

Sie habe absolut nichts gegen die Reichen, sagt Johanna Gündel. Doch sie störe sich an deren Sonderbehandlung durch den Gemeindeammann. Das auch, weil er den weniger Verdienenden meist nicht den gleichen Respekt entgegenbringe und ihre Anliegen weniger ernst nehme. Die weniger Verdienenden kämen sich von ihm nicht selten schikaniert vor.

«Wir wollen nicht primär Politik machen, unsere Aktion ist ein Akt der Humanität.»

Johanna Gündel

Obwohl sie ihr noch nie behagte, hat die junge Frau die Entwicklung in ihrem Dorf bisher hingenommen.

«Ich war politisch nicht aktiv und habe auch nie eine Gemeindeversammlung besucht.» Der Auftritt von Andreas Glarner im deutschen Fernsehen habe sie aufgeweckt: «Ich habe das vorerst gar nicht mitbekommen. Doch dann waren an der Uni in Basel «dieser Glarner und sein unsägliches Dorf auf dem Mutschellen» plötzlich in aller Mund.»

Glarners Auftritt im ARD-Morgenmagazin

YouTube/darkriderman

Den «Deckel gelüpft» hätte es ihr wegen Glarners Aussage im ARD: «Es gibt keinen Widerstand gegen meine Asylpolitik, das Dorf steht hinter mir.»

Mit dieser Behauptung habe Glarner die ganze Bevölkerung der Gemeinde in die rechte Ecke gedrängt. «Andreas Glarner», sagt Johanna Gündel, «hat das Dorf für den Nationalratswahlkampf benutzt.»

150 Personen protestierten

Das habe sie getroffen. Und nicht nur sie, wie sie rasch gemerkt habe. «Glarners Auftritt und die europaweite Diskussion darüber wurde zum Thema im Facebook. Leute aus Oberwil-Lieli und auch solche, die dort aufgewachsen sind und heute anderswo leben, haben sich im Chat ausgetauscht und darüber diskutiert, was man unternehmen könnte.»

So kam es zur Kundgebung vom 27. September.

«Öffnen wir unsere Herzen, statt die Gemeindekasse» – unter diesem Slogan demonstrierten rund 150 Personen am Sonntagnachmittag auf einer Wiese in Oberwil-Lieli: «Wir wollen zeigen, dass hier längst nicht alle Leute so denken wie Andreas Glarner. Wir sind empört über seine Aussagen zum Thema Flüchtlinge und noch empörter, dass er diese Aussagen im Namen einer ganzen Gemeinde gemacht hat. Es gibt hier viele Leute, die gegen Glarners menschenverachtende Politik sind», hatte Organisatorin Michelle Schuhmacher damals erklärt.

Aus der Kundgebung entstand die «IG für ein solidarisches Oberwil-Lieli» und Johanna Gündel wurde zu ihrem Gesicht: «Ich bin nicht die IG. Ich habe an der Kundgebung die Rede gehalten und auch an der Gemeindeversammlung den Antrag gestellt, Flüchtlinge aufzunehmen. »

Verpflichtungskredit abgelehnt

«So bin lediglich ich zur Repräsentantin der IG geworden, in der sich unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen zusammengefunden haben», erklärt die junge Frau. Wichtig ist ihr auch: «Wir wollen nicht primär Politik machen, unsere Aktion ist ein Akt der Humanität.»

Die IG hat mobilisiert und die Wende geschafft. Oberwil-Lieli kann sich nicht mit Geld aus der sozialen Verantwortung schleichen.

Und nicht nur das: Johanna Gündel ist überzeugt, dass Andreas Glarner nach der emotionalen Gemeindeversammlung weiss, dass ihm künftig nicht nur in humanitären Angelegenheiten auf die Finger geschaut wird.

«Er kann nicht mehr wie bisher tun und lassen, was er will», sagt Johanna Gündel. Ein weiteres Zeichen gesetzt hätte die Gemeindeversammlung auch mit dem abgelehnten Verpflichtungskredit für den Neubau einer Halle und die Überdachung: «Da wollte man für eine Million einen Bau aufstellen, der so gar nicht nötig ist. Da ging es meiner Meinung nach vor allem darum, zu protzen. Die Versammlung hat klar gesagt, dass sie das nicht will.» (aargauerzeitung.ch)

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18
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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 30.11.2015 17:38
    Highlight ohne jetzt hier auf das thema einzugehen, ob das nun richtig oder falsch ist: bei gemeindeversammlungen gibt es öfter mal das problem, dass die direkte demokratie "überstrapatziert" wird. z.b. stimmt die gdv über einen neuen fussballplatz ab, kommen garantiert alle fcler an die versammlung... natürlich kann argumentiert werden, dass die gegner ebenfalls mobilisieren könnten.. eine urnenabstimmung auf gemeindeebene hat für mich aber einen repräsentativeren charakter...
    2 2 Melden
  • The oder ich 30.11.2015 14:18
    Highlight Und sie kann eben doch funktionieren, die direkte Demokratie
    9 0 Melden
  • Triesen 30.11.2015 11:30
    Highlight "Die Mehrheit des Dorfes steht hinter mir": Mit dieser Aussage trat Glarner im Kampf gegen Asylbewerber ab. Damit ist er das Opfer der eigenen Propaganda geworden, denn die Rückschrittspartei, ihre Vertreter und viele ihrer Wähler sehen in ihrer Meinung die Meinung des "Volkes" - immerhin nennt sich die SVP Volkspartei. Doch dieser Fall zeigt, es gibt noch eine andere Schweiz, die fortschrittlicher und vor allem rationeller denkt. Danke für dieses Votum.
    39 7 Melden
  • Gelöschter Benutzer 30.11.2015 10:50
    Highlight ...einmal mehr sieht man für wen die SVP politisiert und wie sie sich kaufen lässt. Nach oben lecken und nach unten niedertreten.
    46 8 Melden
  • Gelöschter Benutzer 30.11.2015 10:49
    Highlight In solchen kleinen Gemeinden lässt es sich relativ einfach mit entsprechender Mobilisierung Mehrheiten beschaffen. Da muss man nur genügend Leute an die Gemeindeversammlung bringen, welche sonst nie gehen. Habe ich selber schon erlebt.
    Es ist aber auch so, dass die Gegenseite dann solche unvernünftige Entscheide wieder relativ einfach korrigieren kann. Kurzer Triumph für die Kleine.
    11 52 Melden
    • Linus Luchs 30.11.2015 11:24
      Highlight "Die Kleine" hat mehr Eier als alle sexistischen Fremdenhasser zusammen, die nichts anderes können, als auf Schwächeren herumzutrampeln.
      52 8 Melden
    • Charlie Brown 30.11.2015 11:59
      Highlight @Libertas: Bitte mach dich genau so stark dafür, dass der Volkswille kompromisslos durchgesetzt wird, wie wenn das Resultat andersrum gewesen wäre.
      16 2 Melden
  • stadtzuercher 30.11.2015 10:21
    Highlight Der Kampf des Schweizer Volks gegen die Classe Politique, gegen das rechtsbürgerliche Establishment. Verteidigung von Schweizer Werten gegen die neoliberale SVP.
    71 7 Melden
  • Linus Luchs 30.11.2015 09:55
    Highlight Hoffentlich lassen sich die National- und Ständeräte, die am 9. Dezember einen neuen Bundesrat wählen und nicht der SVP angehören, von der starken Aktion in Oberwil-Lieli inspirieren. Die undemokratischen, arroganten Methoden dieser Partei, anderen ihre Pläne aufzuzwingen, dürfen nicht hingenommen werden. Wir wollen keine Schweiz, die sich von humanitärer Verantwortung loskauft. Wir brauchen auch keinen Bundesrat, der rassistisch ausfällig wird (Gobbi) oder sich über eine mutmassliche Vergewaltigung lustig macht (Aeschi).
    76 11 Melden
  • oskar 30.11.2015 09:36
    Highlight respekt!!!
    74 10 Melden
  • oliversum 30.11.2015 09:34
    Highlight bravo!
    75 9 Melden
  • Amanaparts 30.11.2015 09:18
    Highlight Starch!
    75 9 Melden
  • Yolo 30.11.2015 09:08
    Highlight "Die Besserverdienenden werden vom Gemeindeammann gehätschelt. Man liest ihnen ihre Wünsche von den Augen ab und nimmt es dann bei deren Erfüllung mit den Vorschriften nicht immer so genau[.] weil er den weniger Verdienenden meist nicht den gleichen Respekt entgegenbringe und ihre Anliegen weniger ernst nehme "

    Traurige Wahrheit, solch Politik wird nicht nur durch die SVP betrieben, auch die FDP betreibt solche die Klientelpolitik (Z.B, mit der USR II). Dafür wird in der Bildung gespart. Und der kleine Mann soll für sich schauen und selbst "Verantwortung" tragen. Zynismus pur...
    110 11 Melden
    • Charlie Brown 30.11.2015 09:40
      Highlight @Yolo: So ist es. Einziger Unterschied: Die FDP steht dazu, dass ihre Politik für die oberen Zehtausend ist. Aber offensichtlich geht es uns gut, wenn zusammen fast 50% der Wählenden diese Politik unterstützen...
      60 5 Melden
    • Yolo 30.11.2015 09:58
      Highlight Danke für die Präzisierung! Stimmt absolut, unser Wohlstand hat uns träge gemacht.
      40 1 Melden
  • The Host 30.11.2015 08:58
    Highlight Chapeau!
    77 11 Melden
  • herschweizer 30.11.2015 08:48
    Highlight Super Johanna!
    80 13 Melden
  • Gelöschter Benutzer 30.11.2015 08:45
    Highlight Danke, junge Frau :-)
    78 14 Melden

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