Schweiz

1 Jahr danach: Warten auf Anklage und Verhandlung zur Bluttat von Rupperswil AG

11.12.16, 10:12 11.12.16, 10:24

Vierfachmord von Rupperswil AG

Knapp ein Jahr nach dem brutalen Vierfachmord in Rupperswil AG arbeitet die Aargauer Staatsanwaltschaft intensiv an der Anklageerhebung. Wann der 33-jährige Täter vor Gericht gestellt werden kann, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen.

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau sei dabei, die Untersuchung in diesem Fall abzuschliessen, sagte Fiona Strebel, die Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Dies werde aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Für die Tatsache, dass seit der Festnahme des Täters Mitte Mai keine Informationen mehr an die Öffentlichkeit gedrungen sind, gibt es Gründe. Alle Erkenntnisse, welche die Staatsanwaltschaft aus der laufenden Untersuchung heraus gewinne, könnten für die Beweisführung vor Gericht von Bedeutung sein, sagte Strebel. Deshalb könne die Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt nicht an diesen Erkenntnissen teilhaben lassen.

Wann die Staatsanwaltschaft Anklage erheben wird, kann sie im Moment nicht sagen. Dies hänge unter anderem auch von der psychiatrischen Begutachtung des Täters ab, die am Laufen ist, sagte Strebel. Ebenso wenig kann die Staatsanwaltschaft abschätzen, wie lange es nach der Anklageerhebung bis zur Hauptverhandlung vor Gericht dauert.

Täter muss mit Höchststrafe rechnen

Über das Strafmass, welches die Staatsanwaltschaft für den Täter vor Gericht beantragen wird, kann derzeit nur spekuliert werden. Angesichts der Kaltblütigkeit und der Brutalität, die der Mann bei der Ermordung von vier Menschen an den Tag legte, muss er wohl mit der Höchststrafe, einer lebenslangen Freiheitsstrafe zusammen mit einer lebenslängliche Verwahrung rechnen.

Eine solche Strafe wurde zuletzt für Verbrechen ausgesprochen, in denen der Täter ein Opfer umbrachte, etwa im Fall Lucie oder im Fall Marie. Die lebenslange Verwahrung wird unter anderem dann ausgesprochen, wenn die Gefahr besteht, dass der Täter rückfällig wird oder wenn er als dauerhaft nicht therapierbar eingestuft wird.

Tötungen kaltblütig geplant

Der sinnlose Vierfachmord von Rupperswil vom 21. Dezember letzten Jahres hatte die Öffentlichkeit schockiert. Was zuerst wie ein Hausbrand aussah, entpuppte sich als eines der grausamsten Verbrechen, das in der Schweiz in den letzten Jahren begangen wurde.

Bild: KEYSTONE

Der in der Nähe wohnende damals 33-jährige Täter, der bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, hatte sich Zutritt zum Haus einer Familie verschafft. Dort brachte er die vier anwesenden Personen unter seine Kontrolle.

Er bedrohte den 13-jährigen Sohn und zwang dessen Mutter, eine 48-jährige Frau, ihren 19-jährigen Sohn und dessen 21-jährige Freundin zu fesseln und zu knebeln. Auch der jüngere Sohn wurde danach gefesselt.

Dann verlangte der Täter von der Frau, dass sie Geld beschafft. An Bankomaten in Rupperswil und Wildegg hob sie rund 1000 Euro und 10'000 Franken ab. Nach der Rückkehr ins Haus wurde auch die Frau gefesselt.

Danach verging sich der Täter am jüngeren Sohn. Zuletzt tötete der Täter seine Geiseln, indem er ihnen die Kehle durchschnitt. Er zündete die Opfer mit Brandbeschleuniger an und verschwand unerkannt aus dem Haus. Die Tötungen und die Brandlegung waren laut Behördenangaben von Anfang an geplant.

Weitere vorbereitete Taten verhindert

Nach der Tat tappten die Aargauer Ermittlungsbehörden trotz riesigem personellem und zeitlichem Aufwand vorerst im Dunkeln. Nach und nach geriet aber ein Schweizer ins Visier, der als Student gemeldet und als Junioren-Fussballtrainer tätig war.

Am 12. Mai wurde der Mann unspektakulär in einem Café am Rande der Aarauer Altstadt festgenommen. Danach konnte er mittels Fingerabdruck und DNA-Abgleich mit der Tat in Verbindung gebracht werden.

Bei der Hausdurchsuchung am Tag seiner Festnahme stellte sich zudem heraus, dass er weitere, ähnlich gelagerte Delikte konkret geplant hatte und auch ausgeführt hätte. Mit der rechtzeitigen Festnahme konnte dies verhindert werden.

Bild: KAPO AG

Die Erleichterung war gross, als Staatsanwaltschaft und Polizei am 13. Mai im Polizeigebäude in Schafisheim AG, nur wenige 100 Meter vom Tatort entfernt, die Aufklärung des Verbrechens vermelden konnten. Selbst der Aargauer Justizdirektor Urs Hofmann war vor Ort, um den Beteiligten für die Arbeit zu danken.

Die 100'000-Franken-Belohnung, die für Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens ausgesetzt wurde, bekamen 42 Mitarbeitende der Kantonspolizei Aargau und der Staatsanwaltschaft, die am Fall gearbeitet hatten. Die Prämien bewegten sich zwischen 350 und 2300 Franken. (sda)

Der Fall Rupperswil

Pöschwies-Direktor über Thomas N.: «Schreckliche Straftaten bewegen auch Gefängnis-Insassen» 

Nicht erst seit der Bluttat von Rupperswil – «Hunde-DNA wird bei der Fahndung immer wichtiger»

Harsche Kritik von Anwaltskollege: Setzt sich Pflichtverteidigerin Senn zu wenig für Thomas N. ein?

Partner der getöteten Mutter von Rupperswil: «Es ist unglaublich, dass man Spuren hat, diese aber nicht verwenden darf.»

Fall Rupperswil: Die 100'000 Franken Kopfgeld gehen an die beteiligten Polizisten

Rupperswiler Täter wurde in Aarauer Starbucks verhaftet: Die Polizei liess ihn noch den Kaffee austrinken

«Wie grausam die Tat auch ist, der Beschuldigte verdient einen fairen Prozess»

Lebenslänglich? Verwahrung? Was dem Vierfachmörder von Rupperswil droht

Hat sich Thomas N. durch seine Handydaten verraten?

«Der frühe Tod des Vaters war ein schwerer Schlag für den Täter von Rupperswil»

Feuerwehrkommandant aus Rupperswil: «Es war schwierig, nicht darüber zu reden»

Das sagen die Rupperswiler über den Täter: «Thomas war ein beliebter Trainer»

Was wir jetzt wissen: Protokoll der unglaublichen Tat von Rupperswil

Vater von Rupperswil-Mordopfer: «Ich werde jeden Tag daran erinnert»

«Vielleicht haben ihn die Löwen gefressen»: Ex-Fahnder Jaeggi über das schwerste Verbrechen der Schweiz und den Fall Rupperswil

Vierfachmord: «Von einer Trennung waren wir weit entfernt», sagt Carla Schauers Lebenspartner

Das Verbrechen von Rupperswil muss um jeden Preis aufgeklärt werden

Ein Fall wie im Mafia-Milieu: 8 Fragen und Antworten zum Vierfachmord von Rupperswil

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Warum einer Aargauerin die IV-Rente halbiert wird, nachdem sie zu viel getwittert hat

Brigitte Obrist ist aktiv auf Twitter und Facebook. Zu aktiv, finden einige und fragen sich, wie eine IV-Bezügerin den ganzen Tag vor dem PC sitzen kann. Sie beschweren sich bei den Behörden – mit fatalen Konsequenzen für Obrist.

In ihrem Wohnkanton, dem Aargau, ist Brigitte Obrist bekannt als eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Vor zwei Jahren hat sie gegen ein Muslim-Inserat von der SVP Strafanzeige eingereicht. Über die Kantonsgrenze hinaus kennt man Obrist als ehemalige Bordellbetreiberin, AIDS-Hilfe-Projektleiterin und heutige Kämpferin für die Rechte von Sexarbeiterinnen. 

Mit fast allem in ihrem Leben geht Obrist offen um. Mit ihrer Vergangenheit als Prostituierte, mit ihrer Krankheit, den …

Artikel lesen