Schweiz

Versicherungen sollen Opfern von Cybermobbing helfen.  keystone

Cybermobbing lässt sich nun sogar versichern – Nachfrage steigt stark

Das Bedürfnis nach Schutz gegen Anfeindungen im Netz steigt in der Schweiz stark. Jetzt reagieren die Versicherungen. 

12.10.17, 06:12

Laurina Waltersperger / Nordwestschweiz

Ein 13-jähriges Mädchen aus Spreitenbach AG nimmt sich Ende August das Leben, nachdem sie mutmasslich in den sozialen Medien gemobbt wurde. Der Vorfall erschüttert die Schweiz und hallt in unzähligen Diskussionen nach.

Die Sorgen um Cybermobbing sind jedoch bei weitem nicht nur auf den tragischen Einzelfall in Spreitenbach gerichtet. Vor Mobbing im Netz schützen sich immer mehr Schweizerinnen und Schweizer. Das zeigt eine Kurzumfrage der «Nordwestschweiz» bei Schweizer Versicherern. Die meisten von ihnen bieten seit Frühling 2017 bestimmte Cyberversicherungen an. Wie fast alle befragten Akteure berichten, sei die Nachfrage nach solchen Versicherungen stark gestiegen. Doch was können diese Versicherungen?

Die meisten umfassen neben anderen Leistungen wie zum Beispiel Missbrauch von Kreditkartendaten oder Logins auch Cybermobbing. In dem Bereich leisten die meisten Versicherer vorwiegend Rechtsschutz. Das heisst, sie helfen Mobbing-Opfern bei der Durchsetzung ihrer Rechte, damit diffamierende Videos, Texte oder Bilder im Netz gelöscht werden. Sie prüfen strafrechtliche Tatbestände und reichen gegebenenfalls Anzeige ein. Dieser Rechtsschutz gilt für Einzelpersonen, die eine Cyberversicherung abschliessen und bei Familien auch für Kinder. Die meisten Versicherer decken Rechtsschutz-Auslagen bis zu 20'000 Franken.

Baloise zahlt am meistenBei den befragten Anbietern Mobiliar, Generali, AXA Winterthur, Allianz Suisse und Baloise kommen zwei von fünf auch für psychologische Betreuung auf. Bei Mobiliar belaufen sich diese Leistungen auf 1000 Franken. Die Baloise zahlt mit 3000 deutlich mehr. Zudem deckt der Basler Versicherer in der gleichen Grössenordnung die Umzugskosten, sollte dies notwendig sein.

Hätte Versicherung 13-Jähriger geholfen? 

Die Cyberversicherung kostet bei allen Anbietern zwischen 50 bis 160 Franken im Jahr, je nach Leistungskatalog und Einzel- oder Familienversicherungen. Die meisten Versicherer bieten Paketlösungen, die Mobbing im Netz beinhalten. Bei AXA kann man in Kombination mit einer allgemeinen Rechtsschutzversicherung diese Leistung aufs Internet erweitern. Die Mobiliar knüpft ihren Cyberschutz an die Hausratsversicherung. Versicherte müssen beides bei dem Anbieter abschliessen.

Hätte eine solche Versicherung auch im Fall der 13-jährigen Sabrina aus Spreitenbach gegriffen, die sich das Leben nahm? Allgemein lasse sich festhalten, dass der Todesfall kein explizit versichertes Ereignis sei, die vorausgegangene Persönlichkeitsverletzung durch das Mobbing jedoch schon, sagt ein Baloise-Sprecher. Die Versicherten – in Situationen wie bei Sabrina sind das oft die Eltern – hätten damit Anrecht auf die versicherte Leistung. Ähnlich klingt es bei Allianz Suisse: Sofern eine entsprechende Versicherung vorhanden gewesen wäre und sich die 13-Jährige gemeldet hätte, wären die Ansprüche zum Tragen gekommen, so eine Sprecherin. Dazu zählen Unterlassungsklagen, Beseitigung persönlichkeitsverletzender Inhalte, Prüfung auf Schadenersatz und Genugtuung. Ob in einem solchen Fall auch die Eltern diese Ansprüche geltend machen können, werde bei Allianz im Einzelfall geprüft.

Betroffenheit wächst

Der Bedarf nach mehr Sicherheit für den Fall einer Mobbing-Attacke im Netz steigt. Das zeigen auch die vermehrten Anrufe bei der Notrufnummer für Beratung und Hilfe 147. Dort laufendie Drähte heiss. «Immer häufiger suchen vorwiegend Jugendliche Rat wegen Mobbing-Attacken in sozialen Medien», sagt Beatrix Wagner, Beraterin bei der Pro-Juventute-Notrufnummer 147. Hauptsächlich seien es Oberstufenschüler zwischen 13 und 16 Jahren, die zum ersten Mal freien Internetzugang übers Handy hätten. «Damit hört das Mobbing unter Mitschülern nach der Schule nicht auf – sondern geht rund um die Uhr weiter.» In erster Linie sei es wichtig, den Jugendlichen einen Ausweg aufzuzeigen und die geschlossenen sozialen Gruppen, wie etwa der Whatsapp-Chat einer Klasse, aufzubrechen – damit eine breitere Öffentlichkeit davon erfahre, so Wagner. Rechtliche Hilfe über Cyberversicherungen erachtet die Beraterin erst im Erwachsenenalter als sinnvolle Ergänzung. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • andrew1 12.10.2017 10:20
    Highlight Ich verstehe ja wenn mobbing in der schule oder arbeitsplatz hart ist weil man sich dem mobbing nicht entziehen kann. Aber im internet kann man sich ja gut zurückziehen. Abmelden und gut ist. Sollen die doch schreiben was sie wollen. Mobbingproblem gelöst.
    5 4 Melden
  • Weissenstein 12.10.2017 08:33
    Highlight Noch eine Versicherung, die wird mir sicher auch dieses Loch in meinem Leben stopfen… Jetzt kann mir nichts mehr passieren im Internet, denn ich bin ja gegen Cyber-Mobbing versichert.

    Es klingt doch schon doof. Ich bezweifle, dass dies irgendwas zur Wohlfahrt für Betroffene verbessert
    4 0 Melden
  • JR67 12.10.2017 07:46
    Highlight Der beste Schutz gegen Cybermobbing ist, dass man sich nicht auf solchen Plattformen bewegen sollte. Unglaublich wie sehr unsere Jugend am verblöden ist und die Eltern gleich mit! Aber zahlt ruhig für die Versicherung, ist ja nicht so dass wir schon genug bezahlen würden.😆 Eltern sollten sich mehr für ihre Kinder interessieren, dann brauchen sie auch keine unnötige Versicherung!
    8 11 Melden
    • Friends w/o pants 12.10.2017 08:52
      Highlight Ähm, du hast schon verstanden, wie sowas funktioniert? Wenn jemand von dir bzw. über dich diffamierende Inhalte auf ein Webportal stellt, dann spielt es keine Rolle, ob du dich auf dem Portal bewegst oder nicht, Die Inhalte sind trotzdem dort und verschwinden in der Regel nicht mehr von allein.
      6 0 Melden
    • JR67 12.10.2017 09:40
      Highlight Das macht keinen Unterschied! Wenn man diesen „Freunden“ diffamierende Inhalte schickt - selber schuld! Nimmt mich ja wunder was Eltern heutzutage ihren Kindern beibringen. Früher hat man den Kindern beigebracht: „steigt nicht zu fremden ins Auto.“ Und heute muss man den Kindern beibringen: „schicke nie jemanden ein Nacktfoto.“
      Frage mich wann der Geistige Tiefpunkt endlich erreicht ist?!
      4 4 Melden
    • opwulf 12.10.2017 11:49
      Highlight JR67: Denk mal ein klein wenig weiter! Es geht nicht nur um Nacktfotos oder irgendwelche korrumpierbaren Sachen! Mobbing ist eine moderne Form des Plagens oder des Ferigmachens! Oft ist man eben nicht selber schuld sondern passt einfach nicht in ein gängiges Muster und wird aus langeweile oder Kompensation für irgendwas gemobbt! Es ist immer einfach JR67 wenn man selber nicht betroffen ist und wie man an diesem Bsp sieht ist es einfacher zu pauschalisieren als sich empathisch in die Schuhe der Person zu versetzen!
      4 1 Melden
    • Friends w/o pants 12.10.2017 13:02
      Highlight JR67 du denkst also, man kann dich ausschliesslich mit von dir selbst verbreiteten Inhalten mobben/fertig machen? Das würde ja implizieren, dass es vor dem Jahr 2000 kein Mobbing gegeben haben dürfte. Wenn ich mich aber an den Pausenhof erinnere, wurden dort aber keine Fotos, die den Gemobbten nackt oder sonst irgendwie unvorteilhaft zeigten, herumgereicht, sondern man hat die Person wurde ausgegrenzt, ausgelacht, beschämt, terrorisiert - halt gemobbt. An deiner Arbeit kann dir das auch passieren, dass Mitarbeiter dich mobben, online oder offline und alles ohne deine Nacktfötelis
      2 1 Melden

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