Schweiz
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Die FDP will eine Bewegung sein – doch da gibt es ein Problem

FDP-Präsidentin Petra Gössi will ihre Partei zu einer Bewegung formen. Doch in den eigenen Reihen ist man eben erst vom «Volksfreisinn» abgerückt.

03.04.18, 05:39 03.04.18, 09:27

Sven Altermatt / Nordwestschweiz

Wer als Partei etwas auf sich hält, nennt sich heute Bewegung. Das tönt frisch, unkompliziert, unabhängig. Weniger abgehalftert eben. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die FDP zur Bewegung erklärt.

«Ich will, dass sich die FDP zu einer Bewegung für die Zukunft entwickelt», sagte Präsidentin Petra Gössi an der jüngsten Delegiertenversammlung ihrer Partei. Die Nationalrätin schielt auf die eidgenössischen Wahlen 2019, wenn sie erklärt, man wolle in den unterschiedlichsten Milieus punkten. Während sich die SVP auf das Land und die SP auf die Städte zurückziehe, so Gössi, sei die FDP ganz klar eine «Bewegung für alle Menschen der Schweiz, die eine freiheitliche Politik wollen».

Bewegung, ein schillernder Begriff. Er nährt die Hoffnung, dass sich da etwas Grosses zusammenbrauen könnte. In Ländern wie Frankreich oder Österreich empfehlen sich als Bewegung titulierte Plattformen als Alternative zu den «Altparteien»; obwohl sie bisweilen aus deren innerstem Kreis entstanden sind. Derweil will in der Schweiz die Operation Libero, gerne als «progressive Bewegung» bezeichnet, dem liberalen Gedankengut zu neuer Frische verhelfen.

In Bewegung: Parteichefin Petra Gössi führt die FDP in die Wahlen 2019. Bild: KEYSTONE

Agil für die liberale Sache

In Reinkultur strebt eine Bewegung nicht nach institutioneller Macht. Sie versammelt Menschen um einen inhaltlichen Kern. Im Gegensatz zu Parteien, die Positionen abschleifen und Mehrheitsentscheide erdulden müssen, kann eine Bewegung rasch eine pointierte Agenda vorlegen. Mehr noch aber steht sie für eine smarte Möglichkeit der Teilhabe: ungebunden und agil. Eine Mitgliedschaft im engeren Sinn gibt es nicht, was im Zeitalter des Individualismus ganz chic ist.

Auch der FDP gefällt dies er niederschwellige Ansatz. Aus der Parteizentrale kommen euphorische Worte. Ziel sei es, noch mehr zu den Leuten zu gehen, sagt FDP-Kommunikationschef Martin Stucki. «Wir wollen nicht nur Politik machen, sondern auch den Gemeinsinn pflegen.» Die Rede ist von vertiefter Basisarbeit. Stucki betont: «Selbstverständlich können sich auch Menschen für die liberale Sache engagieren, die über keine Mitgliedschaft verfügen.»

Vorwurf Etikettenschwindel

Hauptsache, irgendwie bewegt? Das Ganze hat einen Schönheitsfehler: In der Regel wächst eine Bewegung von unten. Auf dem Marktplatz der Ungebundenen mitmischen und gleichzeitig institutionelle Politik machen, das ist nicht frei von Widersprüchen.

Schliesslich geht es bei einer Partei halt trotzdem darum, Mitglieder in Staatsorgane wählen zu lassen. Der Vorwurf des Etikettenschwindels ist deshalb nicht weit. Es besteht die Gefahr, dass «Bewegung» zum blossen Modewort einer Werbekampagne mutiert.

Unabhängig davon ist jedoch bemerkenswert: Was eben noch angestaubt schien, ist nun Avantgarde. Denn «historisch gesehen entstanden die meisten schweizerischen Parteien aus sozialen Bewegungen», so die Worte des Parteienforschers Andreas Ladner. Die FDP wuchs aus einer losen Anhängerschaft mit radikal-liberalen Überzeugungen. Lange hielten sich die Freisinnigen, die den Boden legten für die Gründung des Bundesstaats, fern von festen Strukturen.

Solothurner Weg als Vorbild

Dass 1894 dann doch die FDP gegründet worden ist, war ein notwendiges Übel. Zum einen diente die Gründung der besseren Koordination der kantonalen Gruppierungen. Zum anderen war sie eine Reaktion auf die Entstehung der SP sechs Jahre zuvor. Die Arbeiterschaft entfernte sich mehr und mehr vom Liberalismus, um sich den Gewerkschaften zuzuwenden. Ebenso fanden die Bauern ihre politische Heimat zusehends bei anderen Organisationen.

Doch Teile der FDP betonten weiterhin ihre Andersartigkeit – und zwar bis ins 21. Jahrhundert hinein. Wenn Petra Gössi also schon eine Öffnung postuliert, eine Partizipation von unten, sollte sie zuerst mal die Geschichte ihrer Partei gründlich studieren. Die Vorbilder in den eigenen Reihen. Vom interessantesten ist die FDP nämlich ironischerweise erst kürzlich abgerückt: vom Solothurner Weg.

Demnach ist der Freisinn «keine geschlossene und auf Mitgliederschaft beruhende Partei», wie es FDP-Urgestein Christian Wanner formuliert. Vielmehr sei er: «Offen für jeden, der sich zu diesem Staat und seinen Institutionen bekennt.» Diese Vorstellung war besonders dem Freisinn im Kanton Solothurn eigen.

«Ich bin Sympathisant des Freisinns, das muss reichen.»

Christian Wanner

Die FDP positionierte sich stets als «Volksfreisinn». Als eine Partei, in der sich alle vertreten fühlen sollten. Lehrer und Beamte, Arbeiter und Unternehmer, Bauern und Konsumenten. Die FDP wirkte integrierend und stellte einen Ausgleich der Interessen her. Abspaltungen waren im Gegensatz zu anderen Kantonen rar.

Dass ein FDP-Kantonsrat an der Spitze eines Personalverbandes stand, wurde nicht als Antagonismus betrachtet. Oft distanzierte man sich von der Mutterpartei, Eigenheiten wurden mit Musse gepflegt. Erst nach Interventionen aus Bern haben sich die Solothurner von der Farbe Gelb verabschiedet, um das Blau der nationalen FDP zu übernehmen. Das war 2010. Genauso widerwillig strichen sie das kleine «d» im Namen, die FdP wurde zur uniformen FDP.

FDP-Urgestein Christian Wanner Bild: KEYSTONE

Der einschneidendste Schritt allerdings folgte 2015: Der Solothurner Freisinn wurde zur Mitgliederpartei. Zuvor zählte er während 185 Jahren bloss Sympathisanten. Jeder, der wollte, durfte sich freisinnig nennen. Die Strukturen waren lose: keine Aufnahme, kein Austritt, kein Ausschluss. Ähnlich läuft es heute nur noch in Luzern und im Tessin, wo viele Lokalsektionen lediglich den Status «Sympathisant» kennen.

Urgestein ohne Mitgliedschaft

Aus der Sicht von Wanner, der lange Jahre im Nationalrat und im Solothurner Regierungsrat politisierte, hat der «Grundsatz, eher Bewegung zu sein, mit dem Übergang zur Mitgliederpartei gelitten». Die Reform wurde primär aus finanzieller Motivation angepackt. Die Spendenkassen der Solothurner FDP füllten sich nicht mehr zuverlässig. Nur mit einer Mitgliederbasis könne man die Einnahmen fix budgetieren, hiess es aus der Parteispitze.

Ausgerechnet von Jungfreisinnigen kamen dazu Bedenken, die man auch in der Berner Parteizentrale nicht ausser Acht lassen sollte: Für Junge habe die Mitgliedschaft in einer Partei keinen hohen Stellenwert mehr, mahnten sie. Tatsächlich hat die Bereitschaft, sich freiwillig in Organisationen zu engagieren, allgemein abgenommen. Parteien bleiben davon nicht verschont. Wer politisch interessiert ist, setzt sich lieber für konkrete Anliegen ein, nach Bedarf und wohl dosiert.

Die Solothurner FDP bot mit ihrem Weg quasi eine frühe Antwort auf diese Entwicklung. Also zurück zur Bewegung? Freisinnig sei eine Geisteshaltung, sagt Christian Wanner. Er, jahrzehntelang Aushängeschild seiner Partei, hat bis heute keinen Mitgliederantrag ausgefüllt. «Ich bin Sympathisant des Freisinns, das muss reichen.» (aargauerzeitung.ch)

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Brikne, 20.7.2017
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26
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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Restseele 03.04.2018 11:58
    Highlight Wollen die uns ein 'X' für ein 'U' vormachen?
    10 3 Melden
  • Bombenjunge 03.04.2018 11:00
    Highlight Die FDP ist gefahrlich. Eine Bewegung die uns an die EU verkaufen will.
    12 47 Melden
    • rauchzeichen 03.04.2018 13:13
      Highlight Zumindest bei SVPlern scheint die Taktik aufzugehn, die FDP wird als Bewegung gesehn. Und wie immer für SVP-treue Wutbürgerlis: Egal was sich bewegt, hat gestoppt zu werden. Ausser Bauernsubventionen. Die sind gut.
      15 3 Melden
    • Bombenjunge 03.04.2018 14:33
      Highlight Und Armeeausgaben. Das hast Du noch vergessen, kannst es ja als Rauchzeichen noch nachliefern.
      3 4 Melden
    • rauchzeichen 03.04.2018 15:52
      Highlight schau zum himmel, ich bin rauchen!
      0 3 Melden
  • Abbaio 03.04.2018 10:00
    Highlight "In der Regel wächst eine Bewegung von unten". Ich muss grinsen. Frage: was könnte denn eine FDP mit "unten" meinen? Diese Partei der "Eliten" und des neuen Geldadels kann ja mit "unten" nur den Zürichberg mit seinen Prachtsvillen und dem FIFA-Hauptsitz (Taxes? What's that?) meinen. Na ja, vielleicht ist der Zürichberg tatsächlich unten, wenn man im Höhenrausch ist, was den Kontostand und die Machtfülle betrifft! Da ist noch viel Luft nach oben! Ende Ironie.
    31 4 Melden
  • Fulehung1950 03.04.2018 09:52
    Highlight Bewegung. Gar VOLKS-Bewegung.

    Klar, das Programm der FDP dient dem Volkswohl. Steuergeschenke für die Reichen, Sozialabbau allenorten, Politik für die Unternehmen, Lobbying für Banken, Versicherungen, Pharma - genau das, was das Volk halt so braucht.

    Es gab schon mal eine selbsternannte „Bewegung“. Deren „Hauptstadt“ war München. Die entwickelte sich zu einer wahren Volks-Bewegung. Und bewegte die Massen im wahrsten Sinne des Wortes.......
    41 11 Melden
  • Abbaio 03.04.2018 09:51
    Highlight Diese ausserparlamentarische "Bewegung" hat zum Ziel die Mitte der Gesellschaft zu durchdringen mit neoliberalen Ideen. Schliesslich müssen die National- und Ständeräte noch 20 lukrative Verwaltungsratsmandate "erfüllen", da hat man/frau keine vorige Zeit, sich "auf dem Marktplatz der Ungebundenheit" zu tummeln.
    29 5 Melden
  • The truth is out there 03.04.2018 08:54
    Highlight Die FDP ist genauso wie CVP und BDP eine Windfahnenpartei.
    29 11 Melden
    • Abbaio 03.04.2018 09:42
      Highlight Entweder helfen uns Mitteparteien wie CVP und BDP den Sozialabbau von FDP/SVP zu bremsen, oder die Linke braucht überall die Mehrheit in den gesetzgebenden Institutionen.
      27 9 Melden
  • Larss 03.04.2018 08:31
    Highlight Der grösste Fehler ist halt FDP's Europapolitik. Wären sie dort auf SVP Linie wäre vieles besser
    6 74 Melden
    • JoeyOnewood 03.04.2018 09:56
      Highlight Dann bräuchte es die FDP nicht mehr, weil sie von der SVP praktisch nicht mehr zu unterscheiden wäre.
      42 2 Melden
    • Fabio74 03.04.2018 11:46
      Highlight Quatsch eine destruktive Partei reicht aus.
      Wir brauchen Parteien die eine Konsens-Politik fahren, die Lösungen suchen, die nachhaltig sind und die eine Zukunft haben.
      Wir brauchen keine Trötzlis, die Wasser predigen und Wein saufen, die lügen und diffamieren
      19 4 Melden
    • Christian Mueller (1) 03.04.2018 13:08
      Highlight In der Eu wissen sie vielleicht, wei man korrekte Genitiv- Endungen macht. Reisen bildet... Reduits nicht.
      6 3 Melden
  • Markus86 03.04.2018 07:45
    Highlight Eine Bewegung weg vom Rockzipfel der SVP würde schon reichen.
    84 14 Melden
    • Abbaio 03.04.2018 09:40
      Highlight Weg vom Rockzipfel der SVP heisst ja zur EU!
      Mir ist das Hans was Heiri, leider führt schon lange kein Weg mehr an der EU vorbei. Wenn jetzt noch das Rahmenabkommen kommt, müssen wir uns nur noch an die Fehlkonstruktion Euro schmeissen, dann ist eine EU-Mitgliedschaft nur noch Formsache. Pest oder Cholera! Muss googeln bei welcher dieser zwei Krankheiten das Leiden geringer ist.
      10 24 Melden
    • Fabio74 03.04.2018 11:46
      Highlight @abbaio In der Welt gibt es mehr als nur schwarz oder weiss
      7 3 Melden
    • Abbaio 03.04.2018 18:03
      Highlight @Fabio74. Wusst ich gar nicht. Aber von Ihnen lass ich mich gerne belehren.
      0 0 Melden
  • Theor 03.04.2018 07:33
    Highlight Die FDP ist eine Drohnenpartei. In all den Jahren, kann ich mich nicht an eine Parole der FDP erinnern, die menschenfreundlich war. Immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Jedes Abrücken davon ist zu teuer und zu schädlich.
    92 21 Melden
    • Abbaio 03.04.2018 09:34
      Highlight Vor Allem verfolgt die FDP einen gnadenlosen Neoliberalismus. Sie hat sich längst verabschiedet von der sozialen Marktwirtschaft, die zwar im Dienst der Wirtschaftsinteressen steht, aber auch für minimale soziale Sicherheit für Alle einsteht! Viele Neoliberalos haben genug vom Anti-EU-Kurs der SVP und wählen wieder das Original, die FDP. Bei der SVP wird die FDP auch ihre zusätzlichen Stimmen holen, nicht bei den Mitteparteien! Das hoffe ich zumindest. Ohne die Mitte würde man keine sozialen Anliegen mehr durchbringen!
      22 2 Melden
    • Christian Mueller (1) 03.04.2018 13:06
      Highlight Parkplätze, Parkplätze, Parkplätze hörte man auch noch oft ;-)
      12 0 Melden
    • AustinOsmanSpare 03.04.2018 14:19
      Highlight Schönes motzen hier, aber die ganze Sause bezahlen, das dürfen die Drohen dann wieder.

      Proscht beim lauwarmen Bier und roten Parolen.
      2 6 Melden
    • Abbaio 03.04.2018 16:23
      Highlight @AustinOsmanSpare. Drohnen arbeiten nicht! Die kassieren nur Dividenden fürs Nichtstun. Die lassen nämlich das Kapital für sich arbeiten. Uebrigens: die Königin sorgt für ihre Arbeitsbienen und tötet die Drohne nach der Begattung. Geht nämlich gar nicht, dass die Drohne den Arbeitsbienen für Nichtstun das Futter wegfrisst! Sehen Sie. Nur bei den Menschen geht, was im Tierreich ein no go ist. Ende Ironie.
      5 1 Melden
  • the devil's advocat 03.04.2018 06:13
    Highlight FDP, sicher tolle Leute. Hab nur nicht genug Geld den Adel für 4 Jahre zu mieten.
    78 25 Melden
    • meine senf 03.04.2018 08:02
      Highlight Ursprünglich hat ja eben genau diese FDP gegen den Adel gekämpft.
      Doch nach der (bürgerlichen) Revolution wird auch der grösste Revolutionär konservativ und es wurde einfach der blaue-Blut-Adel durch Geld-Adel ersetzt.
      52 6 Melden
    • joevanbeeck 03.04.2018 10:57
      Highlight Sich vom roten Adel kaufen lassen ist ist doch viel bequemer?
      5 23 Melden

Liebe Baslerinnen und Basler, das passiert jetzt mit eurer BaZ ...

Das Zürcher Verlagshaus Tamedia hat die «Basler Zeitung» gekauft. Wer die neue Besitzerin ist, wer sie steuert und was das für ihre Leserinnen und Leser heisst. 

Liebe Baslerinnen und Basler 

Eines vorneweg, damit es nachher nicht heisst, es sei nicht deklariert gewesen: Mein Vater ist der Chef von TeleBasel, der Vater meines Chefs ist der oberste Chef der «bz Basel», ich bin seit vier Jahren bei watson und zuvor habe ich acht gute Jahre bei der Tamedia verbracht. 

Ich bin also in alle Richtungen gleich befangen. Dafür weiss ich, wovon ich euch in diesem offenen Brief berichte.

Item.

Was habt Ihr geflucht über die «Basler Zeitung» seit Christoph …

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