Schweiz

Zwingt uns Digitalisierung zu mehr Arbeit? Der Streit um die Stempeluhr ist neu entfacht

50-Stunden-Woche als neue Regel? Die Gewerkschaften wehren sich gegen die Lockerung des Arbeitsgesetzes – und fühlen sich vom Bundesrat bestätigt.

09.11.17, 05:20 09.11.17, 06:25

doris kleck / Aargauer Zeitung

Die Stempeluhr, ein Relikt für Fabrikarbeiter? Mitnichten. Die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung war nie weg, sie wurde von vielen Firmen und Arbeitsinspektoren einfach lange ignoriert. Erst als sich Gewerkschaftschef Paul Rechsteiner und Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt unter Druck von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann auf Erleichterungen bei der Arbeitszeiterfassung einigten, kam die Erinnerung an die vernachlässigte gesetzliche Pflicht zurück.

Die von den Sozialpartnern erreichten Erleichterungen wurden von vielen Firmen aber nicht als solche angesehen. Von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung ausgenommen sind unter anderem Angestellte mit einem Einkommen von über 120 000 Franken – sofern ein Gesamtarbeitsvertrag vorliegt.

Viele Arbeitnehmer müssen ihre Arbeitszeit weiterhin notieren.  Bild: shutterstock.com

Die Unzufriedenheit hat zu parlamentarischen Vorstössen geführt. Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP/SG) verlangt, dass leitende Angestellte und Fachspezialisten ihre Arbeitszeit nicht erfassen müssen. Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber geht einen Schritt weiter. Bestimmte Wirtschaftszweige, Gruppen von Betrieben oder Arbeitnehmern sollen von einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit befreit und dafür einem Jahresarbeitszeitmodell unterstellt werden.

Wie läuft das mit der Kita? 

Zudem wird eine Lockerung der Ruhezeit angestrebt. Derzeit arbeitet das Staatssekretariat für Wirtschaft Vorschläge zur Umsetzung der beiden Initiativen aus. Graber geht davon aus, dass die Gesetzesänderungen Ende 2018 vom Ständerat beraten werden. Für hiesige Verhältnisse ist das ein Schnellzugstempo, mit dem die «gängige Praxis legalisiert» werden soll.

Denn wer heute zweimal pro Woche um 17 Uhr den Arbeitsplatz verlässt, um seine Kinder von der Kita abzuholen und den Abend mit ihnen zu verbringen, um 22 Uhr aber nochmals E-Mails beantwortet und dann um 8.30 Uhr wieder im Büro erscheint, verletzt das Arbeitsgesetz.

Er hält die Ruhezeit von 11 Stunden nicht ein. Diese ist neben der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 45 Stunden der wichtigste Pfeiler des Arbeitsgesetzes. Graber legt Wert darauf, dass nicht mehr gearbeitet werden soll, aber flexibler. Die neuen Regeln würden für 10 bis 20 Prozent aller Angestellten gelten.

Die Änderung des Arbeitsgesetzes ist heikel. Die Gewerkschaften drohen bereits mit dem Referendum und reden von «Wildwest am Arbeitsplatz». Bestätigt sehen sie sich durch die neuesten Forderungen des Gewerbeverbandes. Dieser will, dass die wöchentliche Höchstarbeitszeit für alle Arbeitnehmer auf 50 Stunden erhöht wird.

Komplexe Ruhezeiten

Auch der Gewerbeverband will nicht, dass übers Jahr hinweg mehr gearbeitet wird. Dennoch macht das Schlagwort der 50-Stunden-Woche die Runde und sorgt für geharnischte Kommentare. Solche liest der Gewerkschaftsbund gerne. Er sieht sich in seiner Haltung durch den Bundesrat bestätigt. Dieser publizierte gestern einen Bericht zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Die Regierung schreibt, dass sich den Unternehmen bereits heute eine Vielzahl von Möglichkeiten biete, die Arbeits- und Ruhezeiten der eigenen Belegschaft nach den betrieblichen Bedürfnissen zeitlich flexibel zu gestalten. Die Grenzen des Arbeitsgesetzes hätten in erster Linie zum Ziel, «die (zeitliche) Belastung der Arbeitnehmer zu begrenzen und so überlange Arbeitstage, welche erwiesenermassen negative Auswirkungen auf die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit haben können, soweit möglich zu vermeiden».

Zu den Vorstössen von Keller-Sutter und Graber wird sich der Bundesrat erst später äussern. Für Luca Cirigliano, Dossierverantwortlicher beim Gewerkschaftsbund, ist klar, dass es für den Bundesrat keinen Handlungsbedarf gebe. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, das Arbeitsgesetz sei veraltet: «Das Arbeitsgesetz ist flexibel. Zudem erlaubt die Verordnung zum Arbeitsgesetz Ausnahmen für Branchen, wo eine Flexibilisierung betrieblich notwendig ist.» 42 Bereiche machen von diesen Sonderregelungen Gebrauch.

Das könnte dich auch interessieren:

Dem Nachtzuschlag gehts an den Kragen – und Uber ist daran nicht ganz unschuldig

Für 27 Franken nach Berlin? So teuer müsste dein Flug eigentlich sein

Diese Feministin will die SVP aus Debatten (und Taxis) verbannen

Erwachsensein – wie du es dir vorgestellt hast, und wie es wirklich ist

Poisson prallte gegen einen Baum: «Als wir am Unfallort ankamen, war er bereits tot»

Wie lit bist du, du sozialtoter Bruh? Wir suchen die Jugendwörter vergangener Jahre

Erfolg für Facebook-Schreck Max Schrems: Datenschutz-Aktivist kann Facebook verklagen

5 Grafiken, die man im No-Billag-Nahkampf kennen muss

Diese 6 Grafiken zeigen, in welchem Kanton du für die Autoprüfung am meisten zahlst

Nico Hischier ist in seiner ersten NHL-Saison besser unterwegs als Auston Matthews

«Cookies»-Backen in der Schweiz – ein Drama in 5 Akten

10 Vorteile, die nur sehr langsame Leute kennen

Gesichtserkennung beim iPhone X angeblich überlistet

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
22
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Chrutondchabis 09.11.2017 11:22
    Highlight Ich muss seit jeher meine Arbeitszeit erfassen und finde das System in meiner Branche zum Kotzen. Wenn ich nach 7 Stunden fertig bin und mein Arbetskollege braucht für die gleiche Arbeit 10 Stunden, werde ich mit Minusstunden bestraft und er wird mit 3 Wochen Ferien auf überzeit belohnt. Ja, mein Chef ist ein ignorantes A... lo....
    5 2 Melden
  • meine senf 09.11.2017 09:08
    Highlight Eine Forderung aus dem Landesstreik vor über 100 Jahren:

    - 8 Stunden Arbeit
    - 8 Stunden Muse
    - 8 Stunden Schlaf

    Unsere Urgrosseltern würden sich im Grabe wälzen ab solchen Forderungen. Seit etwa 50 Jahren gab es kaum mehr soziale Verbesserungen. Und nun sollen die Räder ins 19. Jahrhundert zurückgedreht werden. Samstagsarbeit wird sicher bald auch gefordert. Dann Kinderarbeit bei Abschaffung der Schulpflicht. Dann Leibeigenschaft, dann Sklaverei ...

    Aber so lange ein grosser Teil der Bevölkerung sich von Burka-Diskussionen ablenken lässt, lässt sich das wohl nicht aufhalten.
    30 4 Melden
  • meine senf 09.11.2017 09:01
    Highlight Es geht doch nicht nur um die körperliche Anstrengung, welche vielleicht geringer wurde. Sondern darum, dass man auch noch ein Leben neben der Arbeit haben kann. Beispielsweise für Sozialleben, Familie, Weiterbildung (die auch dem Arbeitgeber nutzen kann), Hobbies, gesellschaftlichen Engagement, Zeit um das Geld auszugeben.

    Klar kann man sagen, es müsse ja nur zum Arbeits-Mönch werden, wer das auch will. Aber wenn es erlaubt ist, dann wird das bald auch erwartet. Was sagt wohl z.B. eine Krankenkassen-Ermäßigung-Instanz, wenn 40 Stunden finanziell nicht reichen, 50 aber reichen würden?
    9 0 Melden
  • Mitsch 09.11.2017 08:48
    Highlight Nachdem ich fast 20 Jahre nirgends meine Arbeitszeit erfassen musste, regelmässig Diskussionen darüber führen musste ob ich von den hunderten Überstunden mal eine kompensieren darf, empfinde ich es als Wohltat, durch die Erfassung, endlich keine Diskussionen mehr zu haben.

    Wer sein Stundensoll auch erfüllt, fährt meiner Meinung nach mit einer Arbeitszeiterfassung deutlich besser.

    Das Thema 50-Stundenwoche lasse ich jetzt absichtlich mal unkommentiert. Solche selten dämlichen Ideen verdienen es nicht, überhaupt eine Plattform und Einzug in den Diskurs zu erhalten.
    22 0 Melden
  • Bazoo 09.11.2017 08:32
    Highlight Meine zwei Kollegen und ich haben uns vor fast einem Jahr selbständig gemacht und sind in kürze in der Lage Leute einzustellen. Wir sehen es eher so, dass wir lieber eine Person anstellen werden und das Personal maximal 80% Arbeiten darf. Klar, nicht jeder kann es sich leisten nur 80% zu arbeiten. Aber wir sind davon überzeugt, dass wenn die Leute etwas weniger arbeiten müssen und trotzdem einen vernünftigen Lohn bekommen, die Arbeit zuverlässiger, speditiver und kostengünstiger ausgeführt werden kann.
    Also nichts mit noch länger arbeiten bei uns :p
    33 0 Melden
    • a-n-n-a 09.11.2017 08:57
      Highlight Diese Einstellung sollten mehr AG haben. Wo kann ich mich bewerben? 😉
      16 0 Melden
    • Flickii 09.11.2017 10:25
      Highlight Nehmt ihr auch +50 Personal? Meine Mutter ist auf der Suche, wo kann Sie sich bewerben? ;-)
      2 0 Melden
    • Chrutondchabis 09.11.2017 11:23
      Highlight Bazoo, super Einstellung. Bin dabei, wohin geht meine Bewerbung?
      1 0 Melden
  • Sensenmaa 09.11.2017 08:03
    Highlight Ja die böse Digitalisierung... einst wurde versprochen, dass wir mehr freie Zeit hätten und alles viel einfacher wird. Dank der Digitalisierung... 😁 Well...
    15 1 Melden
  • Linus Luchs 09.11.2017 07:45
    Highlight Die Arbeitgeber setzen sich mit ihren Forderungen über die Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitskräfte hinweg, als wären es Batteriehühner. In der Schweiz fühlen sich ein Viertel aller Erwerbstätigen stark erschöpft (Studie von 2014). Die monetären Kosten, die durch Überlastung am Arbeitsplatz entstehen, Stichwort Erschöpfungsdepression, gehen längst in die Milliarden. Die sozialen Kosten sind verzweifelte Menschen, Beziehungen, die kaputt gehen, Kinder, die ihre gestressten Väter und Mütter praktisch verlieren. Man zeige den neoliberalen Sklaventreibern die rote Karte!
    18 0 Melden
  • Max Müsterlein 09.11.2017 07:38
    Highlight 50 Stunden sind gut. Mehr Zeit für extrem wichtige Meetings.
    43 9 Melden
  • Jein 09.11.2017 07:29
    Highlight Letztendlich werden Arbeitszeitgesetze oftmals eh einfach nicht eingehalten.

    Viele Unternehmen aus Branchen wie die Medizin (die ist zwar vom 50 Stunden Maximum ausgenommen), Consulting, Banking etc. überschreiten die Höchstarbeitszeit systematisch, erfassen ohnehin keine Stunden oder zahlen Überzeit aus, und die Mindestruhezeit wird nicht eingehalten weil man 24/7 on call ist. De facto sind wir schon in einer Situation in der in einigen Branchen andere resp. gar keine Arbeitsgesetze gelten.
    25 1 Melden
  • _kokolorix 09.11.2017 07:18
    Highlight Dass das Arbeitsrecht angepasst werden müsste ist eigentlich sonnenklar. Die Gewerkschaften versäumen es gerade dies Anpassungen mitzugestalten, da sie keinerlei Vorschläge präsentieren.
    Die Flexibilisierungen sind ja längst Realität. Nur werden sie allein auf kosten der Arbeiter organisiert. Eine gestaffelte Entschädigung für die geforderten Mehrleistungen würden den Grossteil davon überflussig werden lassen und den Betrieben die geforderten Freiräume geben. So wird das mit jeder anderen Ressource gemacht, wieso nicht bei den Angestellten?
    18 4 Melden
    • raues Endoplasmatisches Retikulum 09.11.2017 07:53
      Highlight Ein sehr guter Kommentar!
      2 2 Melden
    • Chrutondchabis 09.11.2017 11:29
      Highlight Leider machst du es dir zu einfach, die Gewerkschaften kämpfen teilweise mit harten Bandagen gegen solche menschenfeindliche Massnahmen und versuchen permanent in den Branchen die Arbeitszeitmodelle mitzugestalten. Leider bekommen diese wenige Prozent Arbeitnehmer zu wenig Support von ihren verängstigten Arbetskollegen. Damit bleibt es oft beim Versuch etwas zu verändern.
      2 0 Melden
    • _kokolorix 09.11.2017 22:19
      Highlight @Chrutondchabis
      Ich bin seit über 35 Jahren Gewerkschaftsmitglied. Ich weiss sehr wohl, dass es diese braucht und sie oft sehr gute Verhandlungsergebnisse erzielen.
      Aber in diesem speziellen Fall sind die gewerkschaftlichen Kommentare etwas gar phantasielos ausgefallen, findest du nicht auch?
      1 0 Melden
    • Chrutondchabis 10.11.2017 07:53
      Highlight kokolorix, ich bin Gewerkschaftsmitglied und in der Personalvertretung ;-)
      1 0 Melden
  • Tschaesu 09.11.2017 06:25
    Highlight Bei uns im Betrieb wird auch seit September wieder die Arbeitszeit efasst. Etwas das viele von uns Begrüssen. Bislang haben so gut wie alle immer Überstunden geleistet, beweisen konnte man sie jedoch nicht. Dies fällt nun endlich weg.
    Gut ist auch, dass doch ein paar Mitarbeiter feststellen mussten, dass sie im gewohnten Arbeitsablauf gar nicht auf das Tagessoll kommen da sie viel zu viele Pausen über den Tag gestreut hatten.
    74 0 Melden
  • walsi 09.11.2017 05:54
    Highlight Ich bin bei der 50 Stundenwoche dabei, wenn gleichzeitig ins Gesetz geschrieben wird, dass ab der 40. bis zur 45. Stunde ein Zuschlag von 15% und ab der 45. bis zur 50. Stunde ein Zuschlag von 40% bezahlt werden muss. Zwingend und es kann vertraglich nicht wegbedungen werden. Keine Freizeit, es ist auch keine Überzeit. Harte Franken müssen dafür bezahlt werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf einmal nicht mehr nötig ist so viel zu arbeiten und dass es Mitarbeitern verboten wird zuhause die E-Mails zu lesen.
    126 11 Melden
    • ströfzgi 09.11.2017 07:43
      Highlight Und bei einer 30, resp 35 Stunden Woche dann ein Abschlag, oder wie?
      1 12 Melden
    • Olaf! 09.11.2017 11:59
      Highlight Ja ströfzgi, wenn man nur 70% oder 80% arbeitet wird normalerweise auch nicht 100% Lohn gezahlt oder? Kennst du das anders?
      0 0 Melden
    • ströfzgi 09.11.2017 15:55
      Highlight Es geht um überzeit, nicht beschäftigungsgrad. Kännsch?
      0 0 Melden

Fertig gepafft auf dem Perron? SBB prüfen schweizweit komplett rauchfreie Bahnhöfe 

In etwas mehr als einem Jahr könnte es auch vorbei sein mit Rauchen in Bahnhöfen: Gemäss einem unpublizierten SBB-Papier könnten mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2018 sämtliche Bahnhöfe in der ganzen Schweiz rauchfrei werden. Dies berichtet die NZZ.

Im Rahmen einer Testphase sollen ab dem nächsten Fahplanwechsel vom 8. Dezember 2017 drei verschiedene Nichtraucherregelungen während eines Jahres geprüft werden.

Gemäss dem Papier will die SBB-Konzernleitung im zweiten Quartal 2018 definitiv …

Artikel lesen