Schweiz

Asylbewerber im Empfangszentrum in Chiasso. Bild: KEYSTONE

Asylabkommen

EU-Dokument belegt: Schweiz ist grösste Profiteurin des Dublin-Systems

Das Dubliner Asylabkommen steht unter Beschuss von rechts. Nun zeigt ein vertrauliches Dokument der EU, dass die Schweiz am meisten von Dublin profitiert.

16.11.14, 15:34 16.11.14, 15:59

In der Schweiz wird derzeit um das Dublin-Abkommen gestritten. Anlass ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR), der sein Veto gegen die bedingungslose Abschiebung einer afghanischen Familie nach Italien eingelegt hat. «Das Dublin-System funktioniert nicht», wetterte SVP-Chefstratege Christoph Blocher letzte Woche in einem Interview. Die Schweiz müsse «die Zügel in der Asylpolitik wieder in die eigenen Hände nehmen».

Seit die Schweiz dem Asylabkommen Ende 2008 als assoziiertes Mitglied beitrat, steht es unter Beschuss vor allem aus den Reihen der SVP. Dublin schade der Schweiz mehr, als dass es ihr nütze, wird argumentiert. Nun aber zeigt ein vertrauliches Dokument der EU: Die Schweiz hat seit 2009 mehr als alle anderen Staaten in Europa vom Dublin-System profitiert. 

17'000 Asylsuchende abgeschoben

Zwischen 2009 und 2013 schob sie fast 17'000 Asylsuchende in einen anderen Dublin-Staat ab, berichtet die «NZZ am Sonntag» mit Verweis auf ein Papier der EU-Behörde Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO). Das zehnmal grössere Deutschland schaffte im gleichen Zeitraum gut 15'000 Asylsuchende in einen anderen Dublin-Staat aus, Schweden knapp 8000.

Auch das zweite Klischee, wonach die Schweiz in Europa gemessen an ihrer Einwohnerzahl am meisten Asylsuchende aufnehme, trifft nicht zu. Zwischen 2009 und 2013 reichten in der Schweiz gut 105'000 Personen ein Asylgesuch ein, was rund 13'000 pro einer Million Einwohner entspricht. Auf der kleinen Insel Malta waren es im gleichen Zeitraum gut 21'000 Asylsuchende pro einer Million Einwohner, in Schweden fast 20'000. Ein ähnliches Bild zeigt die EU-Dokumentation bei den sogenannten Schutzgewährungen für Asylsuchende. 

Das EASO wollte seine Zahlen nicht kommentieren. «Es handelt sich nicht um eine öffentliche Publikation», sagt sein Sprecher Jean-Pierre Schembri der «NZZ am Sonntag». Das Thema ist politisch heikel. Mehrere Staaten, darunter die Schweiz, hatten sich im September bei der EU beklagt, das Dublin-System werde ausgehöhlt, weil Italien nicht mehr alle Flüchtlinge registriere. Dies ist Voraussetzung dafür, dass das System funktioniert. (pbl)

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 16.11.2014 21:56
    Highlight Der Sicherheitsmann auf dem Titelbild sagt eigentlich genug über das gesamte Asylunwesen aus.
    4 0 Melden
  • Hans der Dampfer 16.11.2014 21:09
    Highlight Wäre aber noch Fair zu erwähnen das die Sxgweiz pro Kopf am meisten Flüchtlinge aufnimmt.
    Die liebe EU. Gegen die Russen kommen sie nicht an. GBR droht mit Austritt. Probleme noch und noch aber gegen die Schweiz haten kommt am Ende immer gut an..
    3 1 Melden
  • sewi 16.11.2014 18:41
    Highlight Ohne Dubliner Vertrag kann man die Leute an der Grenze zurückweisen. Es gibt keinen Grund eine Visumspflichtige Person ohne Visum einreisen zu lassen
    6 2 Melden
    • oskar 16.11.2014 20:41
      Highlight doch! wenn sie in not ist, soll sie asyl beantragen können.
      3 3 Melden
    • sewi 17.11.2014 07:02
      Highlight @Oskar: Einverstanden. Nur hat sich als ich noch an der Grenze tätig war, nie jemand gemeldet, er/sie beantrage Asyl. Wenn jetzt zBsp. Ukrainer um Schutz nachsuchen würden oder die in islamischen Ländern verfolgten Christen, ok kann man darüber reden....
      1 0 Melden
  • Lumpirr01 16.11.2014 18:15
    Highlight @
    Michèle Seiler&Howard271: Ich weiss zwar nicht wo sie wohnen, aber scheinbar ist das weitere Beherbegen von Flüchtlingen & Asylbewerber in ihrer Gegend kein Problem. Bei uns ist man in jedem Dorf krampfhaft am suchen von weitern Logis, während man z. Bsp. im benachbarten Bad Säckingen mit über 15'000 Einwohnern erst am Planen einer Unterkunft ist. Der Vergleich mit Schweden (10 mal grösser als CH) und Malta (direkt im Flüchtlingstrom) sind zudem keine guten Gründe. Ich erwarte vom Autor dieses Artikels, dass er selber mit guten Beispiel voran geht und bei sich zuhause Flüchtlinge aufnimmt!!!
    5 4 Melden
    • Howard271 16.11.2014 21:34
      Highlight Es geht nicht darum, Flüchtlinge bei sich in die Wohnung aufzunehmen. Keine 200 Meter von meiner Wohnung in Luzern entfernt war für 6 Monate ein Asylzentrum eingerichtet. Wir Anwohner wurden informiert, es gab kaum Proteste und am Schluss klappte alles auch sehr gut. Das Problem ist nicht der fehlende Platz, sondern der fehlende Wille der Einwohner - gerade in ländlichen Gegenden, wo mehr als genug m2 vorhanden wären, beginnen viele Leute einfach mal lauthals zu schreien und protestieren, ohne sich genauer zu informieren oder gar jemanden anzuhören. Das finde ich schade.
      2 3 Melden
    • Howard271 16.11.2014 21:36
      Highlight und als Ergänzung: Wenn sie sagen, Schweden sei 10 mal grösser als die Schweiz, dann stimmt das nur bezüglich Fläche, nicht Einwohner (9 vs. 8 Mio., also sehr ähnlich). Nimmt man dieses Argument, dann müsste man die Asylbewerber ja dort unterbringen, wo es kaum Leute hat, d.h. auf dem Land. Genau dort aber sind die blinde Wut und der unbegründete Widerstand am grössten.
      2 3 Melden
    • Amanaparts 16.11.2014 22:41
      Highlight @Lumpirr01 Der Artikel von Watson setzt die Zahlen ja auch in Relation. Das Argument, dass Schweden grösser ist zählt daher nicht. Malta ist direkt betroffen?! Stimmt die sollen das Problem lösen. Geht uns ja nichts an. Was machen wir aber wenn Malta die alle in einen Flieger setzt und zu uns fliegt? Du wärst erstaunt wie viel wir noch aufnehmen können. Wie wäre es mal mit etwas Empathie statt Polemik. Wie wäre es mit konstruktiven Diskussionen statt plakativen Hetzkampagnen?
      2 3 Melden
  • Michèle Seiler 16.11.2014 16:57
    Highlight Nun, auch hier scheint das subjektive Empfinden mit den Fakten zu kollidieren. Wär's nicht langsam an der Zeit, Ersteres zu überprüfen und nicht stattdessen blind danach zu handelt (bestärkt durch die, die einen ständig in der eigenen Wahrnehmung bestätigen)?
    9 6 Melden
  • Howard271 16.11.2014 16:32
    Highlight Diese Wutbürger, welche ständig gegen das Dublin-Abkommen wettern, werden diese Nachricht einfach ignorieren - behauptet wird nur, was ins Konzept passt, sachliche Diskussionen werden leider oft immer schwieriger.
    18 9 Melden

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