Schweiz

Eveline Widmer-Schlumpf bei ihrer Vereidigung 2007, umringt von Fotografen.
Bild: KEYSTONE

Applaus, Applaus! – Was die Presse zu Eveline Widmer-Schlumpfs Entscheid schreibt

29.10.15, 05:14 29.10.15, 06:26

Von den Zeitungskommentaren erhält Eveline Widmer-Schlumpf fast ausnahmslos Lob für ihre Amtsführung, aber auch für ihren Rücktrittsentscheid.

Bild: tumblr

Ihr Sitz solle nun an die SVP gehen, die konstruktiv denkende Kandidaten präsentieren solle, heisst es unisono.

«Nun ist der Weg frei …»

Notwendig und richtig, schreibt der «Tages-Anzeiger» über Eveline Widmer-Schlumpfs Rückzug – und nimmt sofort die SVP in die Mängel:

«Mit ihrem Rückzug erweist Eveline Widmer-Schlumpf dem Land aus staatspolitischer Sicht einen Dienst. Nun ist der Weg frei für eine der Wählerstärke angemessene SVP-Vertretung im Bundesrat. So schwierig diese Vorstellung angesichts des unübersichtlichen bis chaotischen SVP-Kandidatenfelds derzeit ist, so richtig ist es, der grössten Partei des Landes nun einen zweiten Sitz in der Regierung zuzugestehen. Wer nahezu 30 Prozent der Wählerstimmen erreicht, soll Verantwortung übernehmen und gleichzeitig den oppositionellen Gestus ablegen, der einen grossen Teil des bisherigen Erfolgs erst ermöglicht hat.»

«Spät, aber nicht zu spät …»

Für die NZZ konnte der Rückzug gar nicht genug früh kommen. Das Blatt bezeichnet den Schritt als Vernunftentscheid – und fordert von der SVP verantwortungsbewusste Bewerber.

«Spät, aber nicht zu spät hat die Finanzministerin erkannt, dass sie mit ihrer Demission der Schweiz eine Zerreissprobe erspart. Wäre sie am 9. Dezember nochmals angetreten, hätte es vor allem Verlierer gegeben. (...) Nach dem Vernunftentscheid von Eveline Widmer-Schlumpf ist jetzt die SVP gefordert, vernünftig zu agieren. Wenn man die Aussagen von Parteiexponenten zum Nennwert nimmt, stehen rund zehn Kandidaten bereit. Diese sollten nicht länger den Kopf einziehen, sondern ihre Karten auf den Tisch legen. Gesucht sind Bewerber, die verantwortungsbewusst mitregieren wollen. Unerwünscht sind Parteisoldaten, die sich als Horchposten ihrer Partei im Bundesrat verstehen.»

«Der Ball liegt bei der SVP.»

Auch die «Berner Zeitung» stellt Forderungen: Es werde sich nun zeigen, ob die Zurückhaltung der SVP «nur Show» war.

«Vor den Bundesratswahlen vom 9. Dezember liegt der Ball nun früh bei der SVP. Der Anspruch der klar wählerstärksten Partei auf einen zweiten Sitz im Bundesrat ist nach dem Erfolg bei den letzten Parlamentswahlen kaum noch bestritten. Nun liegt es an den Parteistrategen um Präsident Toni Brunner, valable Kandidatinnen und Kandidaten zu präsentieren. Bereits bei der Nomination wird sich zeigen, ob die Zurückhaltung der letzten Tage nur Show war oder ob es der SVP ernst ist mit ihrer Ansage, konstruktiv in der Regierung mittun zu wollen. Für die SVP gäbe es im Grunde genommen ein ziemlich einfaches Rezept, um echten Regierungswillen zu demonstrieren. Man biete eine echte Wahl mit einem Zweierticket, berücksichtige darin den Anspruch der Ost- und der Zentralschweiz, vermeide dabei Parteiextreme und setzte dafür auf Expertenwissen.»

Ihre Karriere in Bildern

«Eveline Widmer-Schlumpf geht nicht freiwillig.»

Die Bundesrätin kapituliere, schreibt «der Bund.» Sie habe viel geleistet und vieles gut gemacht.

«Eveline Widmer-Schlumpf geht nicht freiwillig. Die erfahrene Machtpolitikerin kapituliert vor dem Risiko einer Abwahl am 9. Dezember. Ein schmerzvoller Abgang für eine Bundesrätin, die viel geleistet und vieles gut gemacht hat, also nichts dafür kann, dass sie gehen muss. (...) Mitte-rechts hat die Wahlen gewonnen. Also sollen SVP und FDP jetzt die Verantwortung übernehmen und mit je zwei Sitzen die Regierungsmehrheit stellen. Gemessen am Wähleranteil sind sie so leicht übervertreten – doch eine bessere Variante gibt es nicht, die glaubwürdig die Stimmung in der Bevölkerung aufnimmt. Die Zauberformel war immer schon ein politischer Akt.»

«Das ist kein trivialer Fortschritt.»

Kein Lob gibt's natürlich von der «Basler Zeitung». Eveline Widmer-Schlumpf habe das Land gespalten und man habe sich acht Jahre lang fragen müssen, ob sie gehe oder nicht.

«Dass Eveline Widmer-Schlumpf sich nun zurückzieht und nach zehn Tagen das tat, was in einer Demokratie üblich ist, indem man nämlich das Resultat von Wahlen ernst nimmt, ist eine gute Nachricht. Es entlastet unser Land. Denn wo immer wir politisch stehen: Acht Jahre lang waren wir gezwungen, uns mit der Frage zu beschäftigen: Geht Widmer-Schlumpf – oder bleibt sie? Eine Personalie spaltete das Land. Das ist kein trivialer Fortschritt. Im Gegenteil. Inzwischen ist Europa aus den Fugen geraten. Es ist gut und es ist dringend nötig, dass die Schweiz wieder eine Regierung bekommt, wo alle massgebenden Kräfte dieses Landes vertreten sind.»

«… begleitet von heftigen Emotionen.»

Die «Neue Luzerner Zeitung» verliert nicht viele Worte über Widmer-Schlumpfs Arbeit, sondern mehr über ihren Vorgänger, Christoph Blocher, und ihre Nachfolger.

«Dieser Rücktritt ist die logische Konsequenz des Wahlergebnisses vom 18. Oktober. SVP und FDP haben in einem Ausmass zugelegt, dass die Abwahl dieser Bundesrätin wahrscheinlich gewesen wäre. Dieser Schmach aber wollte sich die Bündnerin nach acht Jahren im Amt entziehen. Diese acht Jahre waren begleitet von heftigen Emotionen. Ihr Vorgänger im Bundesrat, Christoph Blocher, hatte polarisiert. Sie, Widmer-Schlumpf, erschien im Vergleich dazu zwar geradezu spröde. Doch die Hintergründe ihrer Wahl und die mit ihrer Wahl sabotierte Konkordanz sorgten für neue Gräben. Jetzt aber könnte in der Bundespolitik ein neues Kapitel eröffnet werden und das Land in parteipolitisch geordnetere Bahnen zurückfinden.»

Widmer-Schlumpf und Blocher im Bundeshaus.
Bild: KEYSTONE

«contre cœur»

Mit diesem Entscheid sei die Bündner Bundesrätin einer Abwahl zuvorgekommen, analysiert das «St.Galler Tagblatt».

«Nicht mangelnde Amtsführung ist Grund für ihren Rücktritt, es sind die politischen Realitäten. Das Schweizervolk hat bei den Wahlen für neue politische Kräfteverhältnisse gesorgt, die es im Bundesrat abzubilden gilt. Mit ihrem Rücktritt ist die Bündner Bundesrätin einer möglichen Abwahl zuvorgekommen, sie hat aber auch – wohl contre cœur – den Weg für eine sachliche und würdige Evaluation eines zweiten SVP-Bundesrats freigemacht. Die wählerstärkste Partei des Landes hat es nun in der Hand, idealerweise mit einem valablen Zweierticket zu belegen, dass sie sich konstruktiv für die Schweiz engagieren will.»

«… alles richtig gemacht.»

Sie habe das Wahlergebnis respektiert und rechtzeitig Klarheit geschaffen, lobt der «Landbote». Nun stehe die SVP in der Pflicht.

«Mit ihrem Rücktritt hat Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf gestern alles richtig gemacht: Sie respektierte das Wahlergebnis vom 18. Oktober, sie schaffte rechtzeitig vor dem 9. Dezember Klarheit für die Bundesratswahlen und sie bescherte sich einen Abgang in Anstand und Würde. (...) Ihr Sitz steht der SVP als Wahlsiegerin zu. Die Partei steht nun in der Pflicht, einen Kandidaten zu präsentieren, der nicht nur die Parteilinie vertritt, sondern auch fähig ist, im Bundesrat konstruktiv und kollegial mitzuarbeiten.»

«… grössten Respekt.»

Überschwänglicher als alle anderen kommentiert die Zeitung aus Widmer-Schlumpfs Heimatkanton. Sie habe Nervenstärke bewiesen und mit kühlem Kopf die UBS gerettet, schreibt die «Südostschweiz».

«Der Leistungsausweis von Eveline Widmer-Schlumpf ist beachtlich – und verdient insbesondere vor dem Hintergrund ihrer schwierigen Ausgangslage den grössten Respekt: Ohne die Basis einer starken Partei, mit dem Stigma einer 'Verräterin' behaftet, hat sie acht Jahre lang im Bundesrat gewirkt. Ihre Nervenstärke konnte sie insbesondere im Krisenjahr 2008 unter Beweis stellen; sie rettete mit kühlem Kopf die UBS und prägte den heutigen Schweizer Finanzplatz wesentlich mit. Keine leichte Aufgabe!»

«… eine unglaublich robuste Frau.»

Lob gibt's auch von der «Nordwestschweiz»: Widmer-Schlumpf habe alles richtig gemacht – von der Annahme der Wahl vor acht Jahren bis zum jetzigen Rückzug aus dem Wahlkampf.

«Eveline Widmer-Schlumpf ist eine unglaublich robuste Frau. Kaum ein anderer Politiker oder eine andere Politikerin würde so viel Anfeindung auf Dauer aushalten. In eigener Sache hat sie alles richtig gemacht: Vor acht Jahren war es richtig, die Wahl anzunehmen – schliesslich ist die Vereinigte Bundesversammlung Wahlorgan und nicht eine Partei. Vor vier Jahren war es richtig, wieder anzutreten – schliesslich hat die SVP ihre Bundesrätin aus der Partei geworfen und ohne Not auf einen Bundesratssitz verzichtet. Und jetzt ist es richtig, zurückzutreten – das erspart dem Land eine Zerreissprobe und ermöglicht eine Normalisierung bei der Zusammensetzung des Bundesrats.»

«Dieses Geschenk hätte die SVP nicht verdient.»

Eveline Widmer-Schlumpf gewichte ihr Ego nicht höher als das Wohl der Schweiz, urteilt der «Blick». Und habe damit der SVP ein Geschenk gemacht.

«Sie [Eveline Widmer-Schlumpf] ist eine klug kalkulierende, aber einsame Arbeiterin. Mit einer Sachkompetenz, die so viel besser zu einer Chefbeamtin passt als zu einer Politikerin. Dafür loben sie selbst die Gegner aus der SVP. Sie hat nun auch ihren Abgang kühlt berechnet. Sie sah ihren Rückhalt nach den Wahlen schwinden und kam jetzt einer möglichen Abwahl zuvor. Sie tritt zu einem Zeitpunkt ab, der der SVP alle Möglichkeiten offenlässt, ihr Zweierticket zu planen. Dieses Geschenk hätte die SVP nach der gemeinsamen Leidenszeit eigentlich gar nicht verdient. Widmer-Schlumpf gewichtet ihr Ego nicht höher als das Wohl der Schweiz.»

«Zu stark ist die SVP.»

Unvermeidlich, beurteilt die «Tageswoche» den Rückzug Eveline Widmer-Schlumpfs. Die SVP hätte den zweiten Sitz ohnehin erhalten.

«Bei den Bundesratswahlen vom 9. Dezember geht es um Parteipolitik und das Kräfteverhältnis der Schweiz. Die SVP wird voraussichtlich ihren geforderten zweiten Sitz erhalten. Ob Widmer-Schlumpf nun wieder angetreten wäre oder eben nicht. Zu stark ist die Rechtsaussenpartei, zu schwach ein mögliches Bündnis der Mitte. Dieser zweite mögliche Sitz der SVP würde das Kräfteverhältnis im Parlament widerspiegeln - und er kann die Partei wieder in die Verantwortung ziehen. Ein starker SVP-Bundesrat würde vor allem der SVP selbst guttun, die mit ihrem Einbezug in die Regierungsgeschäfte zur Rechenschaft gezwungen wird.» 

Und hier geht's zum watson-Kommentar von Peter Blunschi.

(dwi/sda).

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Sillum 29.10.2015 10:29
    Highlight EWS bekommt in der (linken) Presse viele schmeichelhafte Titel. Einer wurde vergessen: Lügenbaronin!
    6 14 Melden
  • Jol Bear 29.10.2015 09:38
    Highlight Sie war jene, welche an vorderster Front die Früchte der Blocher-Abwahl ernten durfte. Allein das machte sie zu einer Galionsfigur von rund zwei Drittel der Leute. Die Freude bei vielen über den damalige Blocher- und SVP-Schiffbruch löste bei den SVP-Gegnern eine Euphorie aus, wie wir sie z.B. bei extrem loyalen Fans von Fussballclubs beobachten können. Realistisch gesehen war sie wohl eine fleissige Bundesrätin, gut situationsbezogen taktierend um ihr Amt nicht zu verlieren, insgesamt aber im Durchschnitt ihrer Bundesratskollegen.
    3 5 Melden
  • Chlinae_Tigaer 29.10.2015 09:29
    Highlight Und auch wenn watson wiedereinmal einen Kommentar zensuriert hat, obwohl jener NICHT gegen die Netiquette verstossen hat, ändert es nichts an der, im Kommentar erwähnten Tatsache, dem Denkanstoss und dem Vorschlag.

    3 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 29.10.2015 08:20
    Highlight Wahrlich ein überschwänglicher Kommentar der Südostschweiz: Sie hätte die UBS gerettet! Ja sie war dabei bei den Verhandlungen und hat ihren Teil beigetragen - das ist auch alles.
    8 9 Melden
    • Donalf 29.10.2015 09:36
      Highlight Ihr Vorgänger hat wesentlich weniger geleistet und kann nicht auf eine so erfolgreiche Zeit zurückblicken. Wenn Sie Couchpin im INTERVIEW SRF gehört haben, der dabei war, würden Sie sich für eine solche Aussage entschuldigen.
      9 2 Melden
  • Yolo 29.10.2015 06:57
    Highlight Bin gespannt welches SVP-Derivat nach acht Jahren entsteht...
    9 3 Melden

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