Schweiz
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Die frühen Morgenstunden des 1. Novembers 1986 im Industriegebiet Schweizerhalle. Bild: KEYSTONE

Rhein rot, Fische tot: Erinnerungen an einen Sirenen-Alarm, der keine Übung war

1986 brannte in Schweizerhalle bei Basel eine Lagerhalle mit Chemikalien.

01.02.17, 13:50 02.02.17, 14:57


Es ist ein Samstagmorgen, gegen 6 Uhr früh, mein Radiowecker geht los, ein ernster Mensch sagt, dass Schweizerhalle brennt. Die Autobahn ist gesperrt. Seit 3:43 Uhr röhren regelmässig die Sirenen. Züge nach Basel fahren keine. 1351 Tonnen Chemikalien drohen, in Flammen aufzugehen. Schweizerhalle! Ich geh' dort nebenan zur Schule, in Muttenz. Fast 30 Kilometer weit weg von meinem Wohndorf. Müssen wir jetzt alle in unsere Luftschutzkeller? Sterben wir jetzt? Seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl sind erst 185 Tage vergangen.

Ich renne ins Schlafzimmer meiner Eltern, man hat dort einen Blick über die Rheinebene in Richtung Basel, man sieht die Feldschlösschen-Brauerei in Rheinfelden, Schweizerhalle ist zu weit weg, aber vielleicht ist der Himmel rot? Ist er nicht. Ab 7 Uhr fahren die Züge wieder. Muss ich jetzt trotzdem nicht zur Schule? Muss ich nicht. Doch leider muss ich am Nachmittag unbedingt nach Basel. Ich hab da nämlich ein Problem. 

260 Feuerwehrleute kämpfen gegen die drohende Umweltkatastrophe. Bild: KEYSTONE

Es ist kein schulisches, sondern ein amouröses: Zwei aus unserer Klasse haben sich verliebt, so richtig (sie sind noch heute zusammen), am Nachmittag wollen sie miteinander an die Basler Herbstmesse, nur einen Nachmittag allein sein, ist ihr Traum. Aber so ganz alleine dürfen sie da nicht hin. Es ist ja erst 1986, und wir sind alle noch sehr, sehr jung.

Ich hab' dem Pärli versprochen, als Anstandsperson mitzukommen. Wobei mich die Sache mit dem Anstand überhaupt nicht interessiert. Ich will sehen, wie sich die beiden küssen. Ich will Romance in action. Und auf ein paar gefährlichen Bahnen fahren.

Das giftige rote Löschwasser läuft tagelang in den Rhein und tötet Fische. Bild: KEYSTONE

Es ist ein Kunststück, die Eltern so zu bearbeiten, dass ich zwar nicht zur Schule muss, aber an die Herbstmesse darf. Das Radio hilft mir dabei. Denn das Radio meldet zwar, dass jetzt eine stark nach Schwefel stinkende Wolke über Basel hänge, dass der Rhein rotgefärbt und viele Fische verendet seien, aber dass keine Gefahr für die Bevölkerung bestehe. Höchstens ein bisschen Hustenreiz. Der Alltag kann weitergehen.

Das Pärli und ich fahren nach Basel. Wir erwarten Ungeheuerliches, besonders die toten Fische stellen wir uns grässlich vor: ein Leichenteppich auf dem Rhein. Zu sehen ist davon nichts. Gut, der Rhein ist tatsächlich rot und sicher viele Fische tot, aber nicht so viele, dass sie vom Stadtufer aus zu sehen wären.

Tote Aale am Rheinufer im deutschen Iffezheim. Bild: KEYSTONE

Der Gestank ist eher zu erahnen als präsent. Aber er wird uns in den folgenden Wochen noch sehr plagen: Sobald das Wetter von einem Tiefdruckgebiet beeinflusst wird, stinkt es um unser Schulhaus, als läge der ganze Pausenplatz voll fauler Eier. Und wir werden den Verdacht einfach nicht los, dass im Gestank noch irgendeine Gefahr lauert. Man versichert uns das Gegenteil. Ich trete Greenpeace bei.

Studenten des Konservatoriums Basel spielen Trauermusik für den Rhein. Bild: KEYSTONE

Ob sich das Pärchen an jenem Samstagnachmittag im November 1986 tatsächlich geküsst hat? Ich habe daran keine Erinnerung mehr. Bis heute haben sich die beiden jedenfalls sehr, sehr oft geküsst.

Am 26. April 1986 kommt es in Tschernobyl zur Kernschmelze. Dies blieb von der Stadt übrig:

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 321polorex123 02.02.2017 07:45
    Highlight "50'000 people used to live here, now it's a ghost town."
    Zum Glück nicht so schlimm.
    0 1 Melden
  • Baba 01.02.2017 19:07
    Highlight Eines der Ereignisse, von denen ich noch genau weiss, wo ich war, als ich davon erfahren habe...

    1986 war für die Natur (und die Menschen) ein sehr bitteres Jahr: im April der Super-GAU von Tschernobyl, dann im November der Brand in Schweizerhalle und die Verseuchung des Rheins 😟 .
    6 3 Melden
  • meine senf 01.02.2017 15:37
    Highlight Was ich mich bei jedem Probealarm frage:

    Was ist, wenn es mal per Zufall ausgerechnet zum angekündigten Zeitpunkt des Probealarms ein echtes Unglück gibt?
    44 1 Melden
    • loplop717 01.02.2017 16:11
      Highlight Wenn ich ein nachbarland erobern wollen würde wäre so ein sirenentest definitv der optimale zeitpunkt😂
      38 1 Melden
    • sheimers 01.02.2017 16:53
      Highlight Mach bei Alarm immer das Radio an, dann hörst Du ob es ein Probealarm oder ein Ernstfall ist.
      34 0 Melden
  • AskLee 01.02.2017 14:25
    Highlight Bitte nächstes Mal vorwarnen, wenn ein Probealarm kommt. Meine Katze ist fast aus dem Fenster gefallen. Thx
    5 106 Melden
    • Swissbite 01.02.2017 14:53
      Highlight Jeden ersten Mittwoch im Februar. Kannst deinen Kalender dazu benutzen .
      150 0 Melden
    • Bowell 02.02.2017 07:42
      Highlight Ja, dann kannst du die Katze vorwarnen. Ich sags meiner immer zwei Tage vorher und dann weiss sie es.
      14 0 Melden
  • AlteSchachtel 01.02.2017 14:06
    Highlight Zum ganzen Elend für Rhein und Natur kommt die ekelregende Tatsache, dass in diesem Fall nicht die Sandoz als Verursacherin zur Verantwortung gezogen wurde, sondern die Feuerwehrmänner wegen Löschwasserabgang in den Rhein verurteilt wurden.
    84 2 Melden
    • pamayer 01.02.2017 14:25
      Highlight 2/2
      Wachte in besagt Nacht in Basel auf. Polizeidurchsagen in den Strassen, dann DRS 1, Gedüdel, dann ein Feuerwehrkommandant, ziemlich erregt, staggelte (stackelte??) recht geschockt was von gefährlich und Feuer, dann gedüdel, dann ein glatter Nachrichtensprecher, alles sei unter Kontrolle, einfach Fenster schliessen und abwarten.
      24 5 Melden
    • pamayer 01.02.2017 14:26
      Highlight 1/2
      Das wusst ich nicht... Riesen Sauerei.
      Von einem Chemielaboranten erfuhr ich, dass sie zuerst beim Löschen herausfinden mussten, was überhaupt brannte, was Stunden dauerte. Die Feuerwehr machte, was sie konnte. Heisst nicht, dass keine Fehler geschahen, aber sicher nicht, dass die Feuerwehr für was geradestehen muss. Oder, wenn schon, Feuerwehr und von allem Sandoz.
      36 4 Melden

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