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Warum ein Berner nach 25 Jahren Ehe plötzlich zum Gewalttäter wurde

Der Berner Beat Blatter lebte in einer Beziehung, wo Streit regelmässig zu Gewalt eskalierte. Er erzählt, wie er heute mit seiner Wut im Bauch umgeht. Ein Protokoll.

23.11.16, 06:58 23.11.16, 09:36

Anna Wanner / Nordwestschweiz



In vier von fünf Fällen von häuslicher Gewalt ist der Mann der Täter (Symbolbild). Bild: KEYSTONE

Als ihm seine Partnerin am Morgen des Karfreitags eine Kaffeetasse an den Kopf schmettert, weiss Beat Blatter* endgültig: fertig! Jetzt ist genug! So kann es nicht mehr weitergehen. Blatter greift zum Telefonhörer und wählt die Nummer der Interventionsstelle Bern. Er bittet um Hilfe.

An den Auslöser des vorangehenden Streits kann sich der Mann mittleren Alters nicht mehr erinnern. «Wie ich mich kenne, war es eine Kleinigkeit.» Das gilt für all die vielen Auseinandersetzungen, die zunehmend nicht nur mit gegenseitigen verbalen Attacken endeten, sondern mit einem «Chlapf», wie es Blatter nennt. 26 Jahre lebt das Paar zusammen, die letzten anderthalb Jahre sind von Gewalt gezeichnet.

Laut Blatters Erzählung bricht der erste eskalierende Streit einen Bann: «Wir stritten uns, warfen uns Schimpfwörter an den Kopf, bis ich nicht mehr wusste, wie ich mich wehren soll, wie ich die angestaute Wut herauslassen kann.» Es folgte der «Chlapf». Blatter hält mit der Erzählung inne, versucht zu erklären: «Der Streit hat sich hochgeschaukelt, bis ich mich mit Worten nicht mehr zu wehren wusste. Dann habe ich sie geschlagen, sie aufs Bett gestossen und vermöbelt.»

Nachdem sich die gesamte Wut an seiner Partnerin entladen hatte, verliess er das Haus. Er fuhr mit dem Auto durch die Gegend, fühlte sich schlecht, wusste nicht, was tun. Dann kehrte er zurück in die gemeinsame Wohnung, versuchte, sich zu entschuldigen: «Sorry. Das darf nicht passieren», sagt er. «Es war von uns beiden scheisse.»

Fünf Mal die Polizei im Haus

Trotzdem wollten es die beiden nochmals versuchen. «Ein Vierteljahrhundert Beziehung wirft man nicht einfach weg.» Doch dauerte es nur ein paar Monate, dann schlug er wieder zu. Die Polizei verfügte eine Wegweisung, Blatter durfte sich der Partnerin zwei Wochen lang nicht mehr nähern. Er lebte bei seinen Eltern und hoffte, dass die Distanz der Beziehung guttun würde. Als er zu ihr zurückkehrte, verschärfte sich das Problem.

Die Intervalle der Gewalt wurden kürzer, Blatter schlug die Frau spitalreif. Einmal drosch er eineinhalb Stunden auf sie ein – bis er irgendwann «wie aus einem Albtraum erwachte». Erst danach habe er realisiert, was er angestellt hatte. Fünf Mal stand die Polizei bei ihm in der Wohnung, auch der Krankenwagen musste kommen. Bewirkt haben die Einsätze nichts.

Blatter spricht von einer Gewaltspirale, aus der er alleine nicht mehr herausgefunden habe. Das Muster sei immer dasselbe. Mit Sticheleien habe der Streit angefangen. Zuerst habe er diese belächelt. Doch in seinem Bauch wuchs die Wut. «Auch wenn man eine Person über alles liebt: Irgendwann kann man auch bei klarem Verstand nicht mehr alles hinnehmen ... Und dann schlägt man zu.» Das sei das Tröpfchen, das das Fass zum überlaufen brachte, sagt Blatter. Und: «Im Privaten ist die Hemmschwelle, jemanden zu schlagen, viel tiefer. Es bleibt ja privat.»

Erst ein Zeitungsartikel kann ihn aus seiner Ohnmacht retten, wie er sagt. «Als ich über die Interventionsstelle las, wusste ich: Dort kann man mir helfen.» Die Tasse, welche ihm die Partnerin an den Kopf warf, bewegte ihn schliesslich dazu, seine sieben Sachen zu packen und sich für einen Täterkurs anzumelden. Der Kurs und der Halt einer neuen Beziehung hätten ihm «das Leben gerettet». Er habe gelernt, sich von aussen zu beobachten, sagt Blatter. Ein «Vögelchen im Ohr» warne ihn jetzt, wenn er bei einem Streit an die Grenze zur Gewalt komme. So wisse er: «Jetzt muss ich mich zurückziehen.» Und das tue er dann auch.

Immer alles runterschlucken

Wie Blatter mit seiner Ex 25 Jahre ohne Gewalt lebte und was sich plötzlich änderte, kann er selbst kaum erklären. Irgendwann in der Beziehung sei ein Vertrauensbruch passiert. Dann kamen erst finanzielle, später gesundheitliche Probleme hinzu. 2011 erlitt Blatter ein erstes Burnout, 2014 ein zweites. Wahrscheinlich, so blickt er zurück, hätte er früher sagen sollen: «Es passt nicht mehr.»

Blatter hält auch die «Leistungsgesellschaft» für verantwortlich: «Der Druck nimmt von allen Seiten zu.» Als Mann habe er immer gemeint, alles ertragen zu müssen, alles zu schlucken. Schon als Kind sei das sein Rezept gewesen, wenn andere ihn hänselten. «Ich wusste mich nicht anders zu wehren.» Im Sport habe er sich dann jeweils abreagiert. Irgendwann fiel dieses Ventil dann weg. Doch auch später erlebte er Situationen, in denen es ihn «innerlich fast zerriss», weil er sie nicht verarbeiten konnte. Heute könne er mit der Wut und mit seinen Gefühlen besser umgehen. Er zeige nun seinem Gegenüber, wenn Worte ihn verletzen. Dass es wieder zu einem Gewaltausbruch kommt, will Blatter deshalb nicht ausschliessen. «Ich werde mein Leben lang ein gewalttätiger Mann sein.»

* Name der Redaktion bekannt. (aargauerzeitung.ch)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ohniznachtisbett 23.11.2016 09:46
    Highlight Ein sehr spannender Artikel. Er zeigt, ohne das Opfer zum Täter zu machen auf, dass häusliche Gewalt nicht einfach aus dem nichts kommt. Dass es sehr schwer ist, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Dies muss, egal wie man beteiligt ist, eine extrem schwierige Situation sein. Ich bin sehr froh, weder Täter, Opfer noch Zeuge von solchen Taten geworden zu sein.
    28 2 Melden
  • Inti 23.11.2016 09:44
    Highlight Der Artikel ist sehr interessant und es ist richtig und wichtig sich damit zu befassen, wie es aus der Perspektive des Täters zu solcher Gewalt kommt.
    Dennoch befremdet mich das übermässige Verständnis für den Täter im Artikel und auch in den Kommentaren etwas.
    Hätte ein Jugendlicher ausser Rand und Band einen Passanten nach einem Streit spitalreif geschlagen, würden alle nach hartem Durchgreifen und Verwahrung rufen. Tut das ein Mann mit seiner Partnerin mehrmals, ist das Verständnis hingegen gross...
    26 4 Melden
    • cleo the leo 23.11.2016 10:57
      Highlight Ging mir beim Lesen fast genau gleich. Alles in allem eine sehr spannende Einsicht, aber ich kann nicht verstehen, dass das ganze strafrechtlich keine Konsequenzen hatte...
      5 0 Melden
  • Bruno Wüthrich 23.11.2016 08:46
    Highlight Man fragt sich tatsächlich, wie es so weit kommen kann. Für Menschen, denen das nicht passiert, unvorstellbar.

    Kann man Verständnis haben? Nein! Doch um Gewalt in Partnerschaften, Männer gegen Frauen oder umgekehrt zu verhindern, muss man wohl trotzdem verstehen lernen. Was schwierig ist! Denn dahinter versteckt sich wohl in jedem Fall eine eigene Geschichte.

    Wir müssen unterscheiden zwischen «Verstehen» um zu verhindern und «Verständnis», das wir für solche Taten und Eskalationen nicht haben dürfen. Ohne «Verstehen» können wir nicht präventiv tätig sein. Doch «Verständnis» wäre Gift!
    24 1 Melden
  • icon 23.11.2016 08:16
    Highlight Sehr spannender Artikel, danke Frau Wanner
    45 1 Melden
  • YOLOzärn 23.11.2016 08:03
    Highlight Gelernt hat er offensichtlich nichts. Egal wie der Streit ist, man schlägt nicht einfach seine Partnerin. Und das sage ich als äusserst aggressive Frau die sich aauc gerne prügelt.
    5 98 Melden
    • Olaf! 23.11.2016 08:54
      Highlight Aber seinen Partner schon? Irgendwelche Leute im Ausgang auch OK?
      20 4 Melden
    • Asmodeus 23.11.2016 09:04
      Highlight Anders gesagt. Du darfst den Mann hauen aber er nicht zurück hauen?
      22 5 Melden
    • Bruno Wüthrich 23.11.2016 11:00
      Highlight Ich hatte mal kurzzeitig eine Partnerin, die mir nach einigen Wochen des Zusammenseins «beichtete», sie hätte ihren Ex-Partner geschlagen (ein oder zwei mal, war wohl nicht so heftig).

      Ich antwortete ihr dann, dass mir Ähnlches noch nie passiert sei, weder aktiv noch passiv. Aber ich hielt gleichzeitig unmissverständlich fest, dass ihr dies bei mir nicht passieren dürfe.

      Es ist dann auch nichts passiert.
      2 0 Melden
  • lilie 23.11.2016 08:03
    Highlight Eine berührende Geschichte.

    An dem Beispiel sieht man auch gut, dass es oft zu einfach ist, den Mann als Täter und die Frau als Opfer darzustellen. Immerhin hat sie ihm eine Tasse an den Kopf geknallt.

    Dazu beschreibt er, wie sie ihn immer wieder mit Sticheleien provoziert hat. Frauen können subtile verbale Gewalt anwenden, welche einen Mann sehr hilflos machen können - bis er sich nur noch durch rohe Gewalt zu helfen weiss. Genau dies beschreibt "Beat" hier.

    Der Ausstieg aus der Gewaltspirale kann hart sein. Es freut mich, dass es dem Mann in diesem Fall gelungen ist!
    71 17 Melden
    • Inti 23.11.2016 09:49
      Highlight Es ist befremdlich, wie hier dem Opfer eine Mitschuld daran gegeben wird, mehrmals spitalreif geschlagen worden zu sein. Natürlich braucht es immer zwei zum Streit, natürlich kann auch verbale Gewalt sehr verletzend sein. Dies ist aber noch lange keine Entschuldigung dafür, seine Partnerin (oder seinen Partner) zu verprügel. Die Frau hat übrigens die Tasse nach ihrem Partner geworfen, nachdem sie unter anderem schon einenhalb Stunden am Stück verschlagen und von der Ambulanz abgeholt werden musste. Man stelle sich diese Tortur vor, auch psychisch...
      15 13 Melden
    • lilie 23.11.2016 10:14
      Highlight @Inti: Es geht weder um Schuld noch Entschuldigung, sondern um ein Nachvollziehen der Prozesse, die zu solchen Gewaltexzessen führen, welche auch für den Täter selber kaum mehr nachvollziehbar sind.

      Und nicht vergessen: Es war in diesem Fall der Täter, der sich Hilfe geholt hat, nicht das Opfer!
      7 1 Melden
    • 's all good, man! 23.11.2016 10:31
      Highlight @Inti
      Ich sehe hier keine Entschuldigung für die Gewaltanwendungen sondern lediglich eine klare, schlüssige Analyse und Erklärung dafür von »lilie«.
      7 0 Melden
    • Asmodeus 23.11.2016 13:51
      Highlight @Inti
      Es gibt eben nicht nur schwarz/weiss.

      Jahrelange Sticheleien, Beleidigungen etc. sind ebenfalls Missbrauch. Aber man spielt solche Dinge gerne runter.

      Ist dasselbe wie früher in der Schule.

      Man wird täglich Wochen/Monate/Jahrelang fertig gemacht. Sobald man sich einmal, körperlich, wehrt, muss man zum Rektor weil man sich daneben benommen hätte.
      7 3 Melden
  • baBIELon 23.11.2016 07:30
    Highlight Was für ein Scheiss!! Jeder ist selbst für sein Handeln verantwortlich. Schlägt man zu, dann weil man es will... Null verständnis für solche Menschen!
    27 72 Melden
    • who cares? 23.11.2016 08:53
      Highlight Sehe ich auch so. Anderen Kommentarschreibern scheinen verbale Sticheleien zu genügen um das Verhalten rechtzufertigen. Und dass man eine Tasse an den Kopf bekommt, wen man seine Frau auch schon eineinhalb Stunden verprügelt hat, scheint mir schon fast harmlos.
      11 11 Melden
    • René Gruber 23.11.2016 09:03
      Highlight Keine Ahnung haben sie, das Zuschlagen kann auch aus reiner Hilflosigkeit passieren. Natürlich ist es keine Lösung und sicherlich gäbe es (von aussen gesehen) andere Wege die Situation zu lösen.
      Ich habe auch schon in einer Beziehung gelebt in der die Frau es hervorragend verstand so lange zu provozieren (und auch selber handgreiflich zu sein), bis auch ich mich tätlich zur wehr setzte. Ich habe sie nicht verprügelt, aber auch die einzelnen Ohrfeigen waren von mir so nie gewollt kann ich ihnen versichern.
      18 9 Melden
    • who cares? 23.11.2016 10:24
      Highlight Zuschlagen aus Hilflosigkeit? Oh come on. Und jemanden krankenhausreif prügeln? Ebenfalls Hilflosigkeit? Zuschlagen löst ja auch die Situation oke, take me back to 1950
      4 5 Melden
    • René Gruber 23.11.2016 15:11
      Highlight Den zweiten Teil meines Kommentars haben sie auch gelesen? Meine Partnerin hat ebenfalls Gewalt angewendet, mehrheitlich psychische aber auch physische (der einzige mit zBsp. einem blauen Auge war ich). Mich physisch zu wehren war in diesem Moment die einzige Möglichkeit mich aus der Situation zu befreien. Eine Lösung für die Gesamtsituation war es nicht, da gebe ich ihnen Recht und wie geschrieben, ich hätte es auch anders gewollt. Seien sie froh, wenn sie nie in eine solche Situation kommen...
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