Schweiz

«Der Suizid wäre vermeidbar gewesen» – so verlief der tödliche Polizeieinsatz von Malters 

11.01.17, 09:49 11.01.17, 16:09

Grossaufgebot der Polizei in der «Lochmühle» bei Malters.  bild. keystone

Um 12 Uhr mittags wird in der «Lochmühle» in 6102 Malters, Luzern das Feuerwerk gezündet: Einheiten der Sondergruppe «Luchs», eine auf den Anti-Terror-Kampf spezialisierte Einheit der Zentralschweizer Polizeikorps, stürmen die Wohnung von Frau K.

Das sogenannte «Ablenkungsfeuerwerk» soll Frau K. überrumpeln. Doch der Plan geht schief. Frau K., psychisch krank und urteilsunfähig, flüchtet ins Badezimmer und erschiesst sich mit einem Revolver.

17 Stunden zuvor. Die Kapo Luzern ist auf Ersuchen der Zürcher Staatsanwaltschaft in Malters eingetroffen. Es besteht der Verdacht, dass in der Lochmühle, etwas ausserhalb des Dorfkerns von Malters, eine Indoor-Hanfanlage betrieben wird. Besitzer soll der Sohn von Frau K. sein.

Als die Polizisten eine Hausdurchsuchung durchführen wollen, stossen sie auf Widerstand. Frau K., eine 65-jährige Schweizerin, weigert sich, die Türe zu öffnen. Sie droht, eine Schusswaffe gegen die Polizisten einzusetzen. Und sie droht auch, die Waffe gegen sich selber zu richten.

Die Einsatzkräfte bieten Spezialisten der Einheit «Luchs» auf sowie eine Verhandlungsgruppe, die Frau K. zur Vernunft bringen soll. Das oberste Ziel bei solchen Einsätzen: der Schutz von Leib und Leben

Mitglieder der Sondereinheit «Luchs» bei einer Übung (Symbolbild). bild: kantonzug

Daniel Bussmann, Chef Kripo Luzern, und sein Vorgesetzter, Adolf Achermann, höchster Polizist im Kanton, wissen das. Sie wissen gemäss Anklageschrift, die watson vorliegt, auch, dass Frau K. psychisch krank ist, unter paranoider Schizophrenie leidet, und sich mitten in einem psychotischen Schub befindet. 

Polizisten riegeln am Mittwoch, 9. März ein Wohngebiet in Malters ab. Bild: KEYSTONE

Trotzdem entscheiden sie, am frühen Morgen des 9. März 2016, gewaltsam in die Wohnung von Frau K. einzudringen. Während die Verhandlungsgruppe Frau K. ans Telefon bindet, soll draussen, auf der Rückseite der Wohnung, beim Wald, das Feuerwerk gezündet werden. Frau K., dadurch abgelenkt, würde nach hinten gehen, die Polizei die Wohnungstür mit einer hydraulischen Presse sprengen, ein Interventionshund in die Wohnung stürmen und Frau K. überwältigen.

So weit der Plan. Ein schlechter Plan, wie Staatsanwalt Christoph Rüedi in der Anklageschrift gegen Kripochef Bussmann und Polizeikommandant Achermann festhält. Er erhob Anklage gegen die beiden Polizeikader wegen fahrlässiger Tötung.

Gemäss Staatsanwalt Rüedi hätte es Alternativen gegeben. Man hätte beispielsweise den Sohn von Frau K. beiziehen können. Die beiden pflegten eine enge Beziehung. Bis zu seiner Verhaftung im Kanton Zürich besuchte P. seine Mutter praktisch täglich. Er hätte seine Mutter vielleicht dazu bewegen können, die Polizei in die Wohnung zu lassen.

Oder man hätte Frau K. mit ihrem Anwalt sprechen lassen können, wie sie es gefordert hatte.

Oder man hätte die Verhandlungen weiterführen können. Für Anwohner bestand zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr, die Polizei hatte die übrigen Wohnungen und die Nachbarsgebäude evakuiert, sogar die Kantonsstrasse zwischen Malters und Schachen war zeitweise gesperrt.

Ein Poliziste sperrt die Luzernerstrasse in Malters. Bild: KEYSTONE

Oder man hätte einfach warten können. Frau K. erbat während der Verhandlungen um einen Tag Bedenkzeit. Wer weiss, ob sie ihre Meinung nicht geändert hätte. Und wenn nicht, dann wäre sie vielleicht irgendwann eingeschlafen. Frau K., 65 Jahre alt, war seit 17 Stunden auf den Beinen. 

Vielleicht würde Frau K. dann heute noch leben. 

Doch Daniel Bussmann und Adolf Achermann, entscheiden anders. Trotz Bedenken der Verhandlungsgruppe, trotz Warnungen des Polizeipsychologen. Bussmann, Einsatzleiter vor Ort, gibt das O.K. zum Zugriff. Achermann, sein Vorgesetzter, segnet ab und übernimmt die Verantwortung. 

Der Suizid von Frau K., so der ausserordentliche Staatsanwalt Christoph Rüedi, «wäre vermeidbar gewesen». 

Bussmann und Achermann wurden am Dienstag der fahrlässigen Tötung angeklagt. Der ausserordentliche Staatsanwalt verlangt für beide eine Geldstrafe. Wann es zur Verhandlung kommt, ist noch offen. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Tiger9 12.01.2017 19:47
    Highlight Hätte die Polizei mit ihrer Intervention weiter zugewartet und die Frau sich dennoch erschossen, würde es hier nun auch heissen, dass das Warten der Behörden unverantwortlich gewesen sei.
    Und übrigens: Die meisten bewaffneten Gewalttäter sind psychisch labil.
    0 0 Melden
  • What else 12.01.2017 17:00
    Highlight Die Frage ist: Was wäre passiert, wenn der Einsatz erfolgreich gewesen wäre?
    In der Pressemitteilung wären die Einsatzleiter warscheinlich gelobt worden.
    Das Problem ist, dass die Verantwortlichen beim selben Vorgehen mit einem besseren Ausgang nicht zur Strafe gezogen würden.
    Immer das selbe Drama.
    3 0 Melden
  • ostpol76 12.01.2017 00:00
    Highlight Wäre... hätte... hätte... hätte... hätte... Fahradkette
    2 3 Melden
  • Silas89 11.01.2017 16:36
    Highlight Da ist einiges schief gelaufen, aber wir kennen auch nicht alle Fakten. Ich würde es falsch finden, die Polizei zu bestrafen. Wichtig ist nur, dass sie daraus lernen.
    12 10 Melden
  • Against all odds 11.01.2017 15:35
    Highlight Ich bin ja auch nicht Polizeichef oder sonst ein Psychologe, aber den "Plan" hatten sie wohl noch aus ihrer Pfadizeit.
    19 9 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 14:11
    Highlight O.k. Das Ganze reduziert sich auf die Frage:
    "Wie viele Stunden Polizeieinsatz ist ein Menschenleben wert?"
    Antwort: Ab 16 Stunden ist Schluss. Die Leute müssen auch mal in den Feierabend.
    16 16 Melden
    • Normi 11.01.2017 15:47
      Highlight Nein ! Doch ! Ohh !

      luis de funes
      5 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 16:57
      Highlight Ha, ha ... genau.
      Ich glaub, ich weiss was ich heute Nachmittag mache. "Hasch mich, ich bin der Mörder", heisst der Film, nicht?
      1 2 Melden
    • Normi 12.01.2017 10:41
      Highlight ja fast genau richtig:

      Camouflage – Hasch mich, ich bin der Mörder
      1971 ‧ Farce/Komödie ‧ 1h 25m

      und weil die rechte (höhö rechte) abgelaufen ist kann man den film auf youtube anschauen 😊
      1 0 Melden
  • Normi 11.01.2017 13:40
    Highlight das alles nur wegen diesem pösen Kraut...

    was ein importiertes verbot von den ach so schlauen amis ist...
    21 12 Melden
    • Siebenstein 11.01.2017 23:29
      Highlight Blöde Trittbrettfahrerei!
      1 0 Melden
    • Normi 12.01.2017 10:48
      Highlight Genau, das Lustige&Traurige zugleich ist das die die für das Verbot sind andauernd gegen "Fremde-Richter" hetzen...
      2 0 Melden
  • Denk nach 11.01.2017 12:51
    Highlight Verstehe ich das richtig, das der Vormund der Frau (der Sohn) seine Mutter trotz psychischen Problemen Zugang zu einer Waffe gewährt hat? Eine Anklage gegen die Polizei müsste dann doch auch automatisch zu einer Anklage gegen den Sohn führen? Meines Erachtens macht ihn dieses fahrlässige Verhalten mindestens gleich mitschuldig am Selbstmord seiner Mutter.
    52 16 Melden
  • Picker 11.01.2017 11:59
    Highlight Ohne alle Fakten zu kennen (oder zu wissen, was nun stimmt und was nicht), ist eine Beurteilung schwierig und ich würde mich auch nicht anmassen, hier ein Urteil zu fällen.

    Unter dem Strich war dies einfach ein weiteres Opfer des Drogenkriegs (und damit ein weiteres Indiz dafür, dass man die Drogenpolitik in vielen westlichen Ländern dringend überdenken sollte).
    51 7 Melden
  • yLeonis 11.01.2017 11:46
    Highlight So tragisch der Fall auch endete, welche Alternativen hätte es gegeben? Einen Anwalt in eine Wohnung zu lassen, in der sich eine psychisch angeschlagene Person befindet, die notabene vom Gebrauch einer Schusswaffe nicht zurückschreckt, scheint mir ziemlich verantwortungslos. Ebenso unsinnig wäre eine tagelange Abriegelung der Umgebung in Malters gewesen.
    38 31 Melden
    • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 14:01
      Highlight Der Anwalt hätte wohl telefonisch zur Aufgabe geraten und die Mutter einfach informiert, welche Auswirkungen ihr Verhalten hat.

      Jedenfalls wäre die Vertrauensbasis zum Anwalt sicher besser gewesen, als zur Polizei.
      19 8 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 11:15
    Highlight "Trotz Bedenken der Verhandlungsgruppe, trotz Warnungen des Polizeipsychologen."
    47 14 Melden
    • BerriVonHut 11.01.2017 11:55
      Highlight Der Psychologe hat nach 1h diese Bedenken... nun wird auf diese Aussage herumgeritten und den Polizeichefs um die Ohren gehauen, obwohl der Zugriff 16 h später stattfand. Wie lange hätte man noch warten sollten???
      32 24 Melden
    • Datsyuk * 11.01.2017 12:24
      Highlight BerriVonHun, warum sollte den die Einschätzung des Psychologen 16 Stunden später nicht mehr wichtig sein?
      29 13 Melden
    • Nausicaä 11.01.2017 14:00
      Highlight Auch nach 16h ist der Plan einfach idiotisch. Ein Feuerwerk (!) zu zünden um eine psychotische Frau zu einer erwartbaren (!) Handlung zu bewegen, sorry, da muss man doch kein Psychologe sein, um zu sehen, dass das strunzdoof ist. Entweder mangelt es den beiden an Allgemeinbildung oder, schlimmer, sie sind zwei ignorante Kerle.
      24 11 Melden
  • Tomtom64 11.01.2017 11:05
    Highlight Auch so gilt, die Polizei hat Unbeteiligte, aber auch ihre Angestellten zu schützen. Wie der ähnlich gelagerte Fall in Rehtobel gezeigt hat, ist Kooperation leider kein Garant für Sicherheit. Zudem hätte die psychisch angeschlagene Frau auch dann noch Suizid begehen können. Deshalb finde ich es anmassend, im Nachhinein zu behaupten der Suizid wäre vermeidbar gewesen.

    Ich hoffe für die Angeklagten und die Polizeiarbeit in der Schweiz, dass es zu einem vollumfänglichen Freispruch kommt.
    66 40 Melden
    • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 12:30
      Highlight Finde es anmassend in den privaten Raum einzudringen und ganze Leben zu zerstören wegen Unkrautpflanzen...
      31 43 Melden
  • Tomtom64 11.01.2017 11:04
    Highlight Ja, der Einsatz ist unglücklich abgelaufen.

    ABER obenstehender Bericht verschweigt einige Fakten:

    1. Die Frau hat mehrmals mit einem Revolver in die Luft geschossen.
    2. Gegen den Sohn wurde in Zusammenhang mit mehreren Hanfplantagen ermittelt.
    3. Der Sohn war Vormund seiner kranken Mutter.
    4. Der Sohn hat der Mutter gesagt, sie dürfe niemanden in das Haus lassen.
    5. Der Sohn wusste, dass seine Mutter bewaffnet war.

    Nur schon diese Fakten würden einige Hypothesen zulassen. Diese spielen aber keine Rolle, da unser Rechtssystem nur die direkte Kausalität betrachtet.
    46 24 Melden
    • John Smith (2) 11.01.2017 11:24
      Highlight Nach Punkt 3 bis Punkt 5 hätte es sich geradezu aufgedrängt, diesen Sohn herbeizuholen und mit seiner Mutter sprechen zu lassen. Aber da haben wohl zwei leitende Polizisten zuviele amerikanische Actionthriller gesehen und wollten nun auch einmal.
      45 36 Melden
    • Gabbo 11.01.2017 11:56
      Highlight Ich lese hier in deinem Kommentar nur Sohn, Sohn, Sohn. Wäre wohl nicht ganz verkehrt gewesen diesen bei zuziehen.

      Aber wie ist es so oft im Leben? Im Nachhinein ist man immer schlauer. Auch in dieser tragischen Geschichte.
      32 8 Melden
    • BerriVonHut 11.01.2017 11:58
      Highlight Der Sohn war in Gewahrsam. In der Schweiz ist es nicht Brauch, mit Waffengewalt (mutmassliche) Verbrecher freizupressen...
      19 23 Melden
    • SemperFi 11.01.2017 12:10
      Highlight @BerriVonHut: Von Freipressen ist ja auch nicht die Rede. Da gibt es ja x andere Möglichkeiten, den Sohn mit der Mutter Kontakt aufnehmen zu lassen. Im Repertoire von erfahrenen Verhandlungsgruppen ist das auf jeden Fall so vorgesehen.
      26 7 Melden
    • Datsyuk * 11.01.2017 12:26
      Highlight BerriVonHut, der mutmassliche Verbrecher wäre trotzdem nicht freigepresst worden.
      19 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.01.2017 10:07
    Highlight Am Schluss ist man immer schlauer...ich frage mich eher warum Frau K., wenn sie ja so krank war, nicht betreut wurde? Warum hatte eine psychisch Kranke Frau eine Waffe? Nahm sie keine Medikamente? Es muss ja vorher schon was schief gelaufen sein wenn Frau K. so krank war und man sie alleine (wenn auch der Sohn sie jeden Tag besuchte) mit einer Waffe daliess...da stimmt einfach was nicht.
    68 18 Melden

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