Schweiz
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Klaus Rózsa mit seinem Vater auf einem familiären Super-8-Film.

Hinter diesem idyllischen Bild von Vater Egon und Sohn Klaus verbirgt sich unendliches Leid. Bild: Ariadnefilm

1980, Zürich brennt, die Bullen schiessen – Klaus R. schiesst mit der Kamera zurück

Dies ist die Geschichte des Zürcher Fotografen Klaus Rózsa. Seine Familie überlebte die Greuel des Zweiten Weltkriegs, er selbst den Angriff der Sovjets auf Budapest. Seine Befreiung war die Jugendbewegung. 



Eine Granate kommt den Kindern entgegen geschossen. Sie findet ihren Weg ins Kellerversteck durch einen Luftschacht. Ein Mädchen überlebt unter den Leichen seiner drei Geschwister. Es ist Januar 1945 in Budapest. Jemand hat das Versteck der jüdischen Familie an die Nazis verraten.

Die feinen Splitter, die das Mädchen in seinem Körper mit sich trägt, werden gut zwanzig Jahre später zum Tod führen. Doch zuerst wird sie Ehefrau und Mutter. Ihr Mann hat die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau überlebt. Von seinen nächsten Verwandten sind nur noch drei am Leben. Alle andern wurden vergast.

1950 kommt Tochter Olga zur Welt, 1954 Sohn Klaus. Als Klaus zwei Jahre alt ist, verbringen die Kinder einen Abend allein zuhause. Draussen tobt der Ungarnaufstand. Eine sowjetische Panzergranate trifft ihre Wohnung, sie geht in Flammen auf.

Diese Strasse in Budapest wurde im Oktober 1956 von den Sovjets zerbombt. Nur wenige Tage, bevor die Wohnung der Familie Rózsa getroffen wurde.  Bild: KEYSTONE

Danach flieht die Familie Richtung Westen. Wird im schweizerischen Lenk von einem jüdischen Hilfswerk betreut. Wird mittellos und traumatisiert von Dorf zu Dorf verschoben, bevor sie in Zürich landet, wo ihnen ein koscherer Metzger im Kreis 4 einen seiner weiss geplättelten Metzgerei-Räume zur Verfügung stellt. Dort leben sie. Jeden Tag gehen sie ins öffentliche Bad im Volkshaus, um sich zu waschen.

Was ihnen die Schweiz am übelsten nimmt? Dass sie Juden sind. Klaus wird nach Bayern in ein katholisches Internat für ungarische Flüchtlinge geschickt. Später wird er seinem Vater vorwerfen, dass alles, was er dort erlebt hat, genau so schlimm wie die Zeit des Vaters im KZ gewesen sei. 

Klaus mit seinem Vater Egon Rózsa, 60er-Jahre in Zürich

Egon Rózsa und Klaus in Zürich.  Bild: Ariadnefilm

Als Klaus nach Zürich zurückkehrt, stürzt er sich in die Subkultur der aufblühenden Jugendbewegung, wird Teil der «Autonomen Republik Bunker», «befreit» zwanzig bis dreissig Jugendliche aus einer Jugenderziehungsanstalt und wird dafür mit 17 zum ersten Mal in Einzelhaft gesteckt. 

Anfang der 70er-Jahre wird er als junger Fotograf auf das besetzte Gelände des geplanten AKWs Kaiseraugst geschickt. Und bleibt gleich bei den Besetzern. Er schmeisst sich mit seinem ganzen Können als Dokumentarist und Rädelsführer in den Kreislauf aus Protest und Repression, Aufbegehren und Niedergetrampelt-Werden.

Das besetzte Gelände von Kaiseraugst, hier 1975 während der sogenannten «zweiten Besetzung». 15'000 Menschen protestierten damals erfolgreich gegen den Bau eines Atomkraftwerks. Bild: KEYSTONE

Er macht Bilder und hält Reden und kriegt dafür aufs Dach. Wahrscheinlich kennt ihn noch heute jeder Zürcher Polizist. Zum letzten Mal von den Bullen verdroschen wird er 2008, als er den Kampf um das besetzte Hardturmstadion fotografiert. Einer der Bullen wünscht ihm, dass er «vom Tram verschlierget» werde. Klaus Rózsa ist sich nichts anderes gewohnt.

Jugendbewegung: Tausende von Jugendlichen gingen 1980 auf die Strasse, um für mehr Freiräume und ein AJZ (Autonomes Jugendzentrum) zu demonstrieren. Klaus Rozsa spricht auf dem Helvetiaplatz in Zürich vor 10 000 Demonstranten über seine Präventivhaft.
14/06/1980.

Im Juni 1980 spricht Klaus Rózsa vor 10'000 Demonstranten auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Bild: stringer, photoscene

Heute ist er 62 und selbst Gegenstand einer Dokumentation. Der Filmemacher Erich Schmid hat ihn zum Star von «Staatenlos» gemacht. Denn auch das war Klaus Rózsa 40 Jahre lang: ein Mann ohne Staatszugehörigkeit. Auf die schweizerische Staatsbürgerschaft musste er jahrzehntelang warten, weil es hiess, Ungarn sei ja inzwischen wieder eine Demokratie, es bestünde kein Grund, ihn einzubürgern. Es war eine Ausrede. Er war schon lang kein Ungar mehr, durch die Flucht hatte er die ungarische Staatsbürgerschaft verloren. Heute besitzt er beide Pässe.

Klaus Rózsas legendäre Bilder der Zürcher Jugendbewegung

Unbequem ist er trotzdem geblieben. Wie sehr ihn das «System», die Polizei und einige seiner prominenten SP-Parteigenossen in all den Jahren hassten (und umgekehrt) füllt wohl ganze Alpenlandschaften von Aktenordnern.

Erich Schmid schafft es, dass Klaus Rózsa im Film zum stringenten und objektiven Erzähler seines verrückten Lebens wird. Man hört ihm gerne zu, wenn er von den Jugendunruhen der 80er-Jahre erzählt. Vom brutalen Kampf ums Autonome Jugendzentrum AJZ an der Limmatstrasse neben dem Carparkplatz, den Zürichs Jugend schliesslich verlor, aus dem aber das Kulturzentrum Kanzlei samt Kino Xenix, die Rote Fabrik, der Jazzclub Moods, das Theaterspektakel und die Wochenzeitung WoZ hervorgingen.

Image

Zürcher Wutpunk, 1980. Bild: Klaus Rózsa, photoscene

Der Kampf damals war existenziell. Rózsa erzählt, wie sich die 23-jährige Silvia Z. 1980 aus Protest am Bellevue mit Benzin übergoss, sich in Brand steckte und qualvoll starb. Tag für Tag entfernte die Polizei die Kerzen der Trauernden. Es geht ans Herz. 

Silvias letzte Worte

Die Polizisten «warfen mich die 8 Stufen vor dem Bankverein hinunter und nachher wie Vieh in einen Gefängniswagen. Das Bein war gebrochen, die Sehne gerissen. Ich wurde operiert. Mit dem Gips kann ich nicht mehr an die Demo – ich habe sowieso den Horror.

Im AJZ fühlte ich mich wohl – ich konnte mit Leuten reden, es ging mir besser, bis im Juni. Ich war zu von den Medis als die Bullen Tränengas ins Haus schmissen. Ich konnte nicht mehr atmen – mein Asthma. Ich glaubte zu ersticken. Ich dachte, jetzt ist es wirklich aus. Jemand hat mich dann hinausgetragen. Seitdem habe ich Horrorträume, auch am Tag. Ich kann nur noch bei Licht schlafen.

Ich zünd mich an, mit Benzin – auf dem Bellevue, damit alle sehen, wie beschissen es einem Menschen in dieser Gesellschaft gehen kann. Ich mach es wirklich – ich bin ehrlich.»

Aus dem Abschiedsbrief von Silvia Z. Sie ist im Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Manegg beigesetzt worden. quelle: züri-graffiti

Man sieht seine Bilder, die von all den Geschichten übrig geblieben sind, enorm gern. Bilder vom AJZ an der Limmatstrasse neben dem Carparklatz. Von den Globus- und Opernhaus-Krawallen. Gut 10'000 protestierten regelmässig, und je aggressiver die Begegnungen mit der Polizei wurden, desto mehr Sympathisanten fanden sich für die Jugendlichen, viele Eltern und etablierte Kulturschaffende marschierten mit.

  Klaus Rózsa «Staatenlos»

Rózsa gegen die Polizei: Ein Drama über viele Jahre und mit mehreren Gerichtsverhandlungen. bild: ariadnefilm

Die Polizisten entdeckten das Gummischrot. Klaus Rózsa schoss mit seiner Kamera zurück. Er hatte seine Mission gefunden. Und wurde wieder und wieder zum Märtyrer.

Als cineastisches Erlebnis ist «Staatenlos» unwichtig. Neben Klaus Rózsas Material findet Schmid keine eigenen Bilder. Die nachgestellten Szenen sind peinlich. Aber darum geht es auch nicht. Denn als Dokumentation über einen unbeugsamen Widerspenstigen mitten in der Geschichte Europas und Zürichs ist der Film unverzichtbar.

«Staatenlos» läuft jetzt im Zürcher Lunchkino, am 4. April sind Klaus Rózsa und Erich Schmid anwesend. Ab 6. April ist der Film im regulären Kinoprogramm zu sehen.

Noch mehr Bilder und Infos zu Zürichs bewegten Jahren

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ohniznachtisbett 04.04.2017 16:28
    Highlight Highlight Worum gings 1980, ja genau ums AjZ bzw. darum, dass wegen dem sauteuren Umbau des Opernhauses die Rote Fabrik als Lager herdienen musste und dadurch nicht mehr für Jugendkultur zur Verfügung stand. Die "Lost-Generation" probte den Aufstand, wohl nicht ganz zu unrecht. Nur, als es dann ein AjZ gab, war es nicht eine Begegnungsstätte für die Jugend sondern ein Drogenmoloch und viele der Demonstranten landeten anschliessend auf dem Platzspitz und die Dame die sich verbrannt hat, war wohl eher psychisch krank als eine wirkliche Aktivistin... Und warum muss man die Polizei konsequent Bullen nennen?
  • ihrhänddochdeschussnödghört 03.04.2017 18:29
    Highlight Highlight Tja, es haben sich Menschen wegen Polizeigewalt und ihres Unglücks selber verbrannt, öffentlich mit Benzin übergossen und angezündet.
    Nein nicht irgendwo im fiesen Russland oder der diktatorischen Türkei. Nein mitten am Zürcher Bellevue.
    Und die meisten hier, wissen wohl noch nicht mal dass der Brunnen am Bellevue eine Gedenkstäte dafür ist.

    Die eigene düstere Geschichte will man halt lieber verschweigen und mit Fingern auf andere zeigen...
  • Daniel Caduff 03.04.2017 15:56
    Highlight Highlight Wenn schon Journis über Journis schreiben, dann passt das gut:

    Diskussion zwischen dem gemässigt linken Journi Constantin Seibt und dem ziemlich linken Journi Klaus Rosza über den möglicherweise nicht so linken Journi Jakob Augstein: Der jüdische Journi Klaus Rosza wirft Constantin Seibt Kollaboration mit einem Antisemiten vor (als dessen er Jakob Augstein betrachtet).

    Nachzulesen auf der Facebook-Seite von Constantin Seibt:
    https://www.facebook.com/constantin.seibt?fref=nf&pnref=story
  • saugoof 03.04.2017 00:17
    Highlight Highlight Habe mich schon oft gefragt was aus Herr und Frau Müller geworden ist. Ich war gerade 14, auf dem Land und meilenweit von Zürich aufgewachsen. Als ich die Zwei im Fernsehen sah hat das bei mir wie eine Bombe eingeschlagen! Plötzlich war klar das es anders gehen kann, das wir gegen die "Bünzlis" ankämpfen können. Das die beste Waffe ist das wir die überhaupt nicht ernst nehmen und das die Bünzlis es am schlimmsten finden wenn wir keinen Respekt vor ihnen haben.
    • Littlepage 03.04.2017 08:42
      Highlight Highlight Ich glaube, der Frau Müller hat die Aufmerksamkeit nicht gut getan, sie hatte psychische Probleme und kam mit der ganzen Sache nicht gut klar. Musste vor einiger Zeit auch an die beiden denken und hab sie dann gegoogelt.
  • pamayer 02.04.2017 16:14
    Highlight Highlight Von Klaus schön oft gelesen, aber noch nie seine Geschichte.

    Geht unter die Haut.

    Danke.

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