Schweiz
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CVP Vizefraktionschefin Viola Amherd, CVP Praesident Christophe Darbellay und CVP Vizepraesidentin Ida Glanzmann, von links nach rechts als Bauarbeiter und Bauarbeiterinnen verkleidet, bauen im Namen der Christdemokraten auf der Baustelle Schweiz an deren Staerkung, am Montag, 7. September 2015, in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Im Wahlkampf 2015 präsentierte sich die CVP-Führung in Bauarbeiter-Kluft. Auch die eigene Partei ist eine Baustelle.
Bild: KEYSTONE

Grossbaustelle CVP: Warum die letzte echte Volkspartei nicht auf Touren kommt

Die CVP gewinnt viele Abstimmungen. Dennoch leidet sie unter massivem Wählerschwund. Ihr Profil ist diffus, und sie ist im katholischen «Ghetto» stecken geblieben. Auf den neuen Präsidenten Gerhard Pfister wartet viel Arbeit.



Braucht es die CVP überhaupt noch? Gerhard Pfister ist eigentlich der falsche Adressat für diese Frage. Der Zuger Nationalrat muss sie mit Ja beantworten, er wird am Samstag das Präsidium der Christlichdemokratischen Volkspartei übernehmen. Die Wahl an der Delegiertenversammlung in Winterthur ist Formsache, niemand will gegen Pfister antreten. Illusionen aber macht er sich nicht: «Ich werde sicher nicht einstimmig gewählt wie Petra Gössi bei der FDP

Gerhard Pfister politisiert in der Bundeshausfraktion am rechten Rand. Das bereitet manchen Bauchweh, denn das ideologische Spektrum der CVP ist breiter als jenes der anderen Parteien. Das eine oder andere Protest-Nein ist programmiert. Letztlich aber haben sich selbst die Vertreter des christlichsozialen Flügels mit dem so scharfsinnigen wie streitbaren Konservativen abgefunden. Man ist froh, dass überhaupt jemand den stressigen Job auf sich nimmt.

ZUR MITTEILUNG DER CVP-FINDUNGSKOMMISSION, DASS DER ZUGER NATIONALRAT GERHARD PFISTER DER EINZIGE BEWERBER FUER DIE NACHFOLGE DES CVP-PRAESIDIUM IST, STELLEN WIR IHNEN AM MONTAG 15. FEBRUAR 2016 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG. - CVP-Nationalrat Gerhard Pfister sitzt hinter einem Dreikoenigskuchen, an der Dreikoenigskonferenz der Zuger CVP in Zug, am Mittwoch, 6. Januar 2016. Pfister kandidiert als CVP-Praesident, wie er an der Dreikoenigstagung der Zuger CVP bekanntgab. Die Entscheidung, wer Nachfolger von Christophe Darbellay wird, faellt am 23. April an der Delegiertenversammlung der CVP Schweiz in Winterthur. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Kann Gerhard Pfister das diffuse Profil der CVP schärfen?
Bild: KEYSTONE

Die CVP ist ein politisches Paradox. Keine Bundesratspartei ist bei Volksabstimmungen häufiger auf der Siegerseite. Man vertraut ihren Kandidaten bei Majorzwahlen, dies belegt ihre starke Vertretung im Ständerat sowie in den Exekutiven von Kantonen und Gemeinden. Ihr Wähleranteil auf nationaler Ebene und vor allem in den «Stammlanden» aber ist bedenklich geschrumpft, von mehr als 23 Prozent in den 1960er Jahren auf 11,6 Prozent bei den Wahlen 2015.

«Liberal-sozial» und wertkonservativ

Seit Jahren versucht die Partei vergeblich, den Wählerschwund zu stoppen. Ihrem alten «Erzfeind», der FDP, ist dies zuletzt gelungen, unter anderem dank einer klaren ideologischen Positionierung rechts der Mitte. Auch die anderen Parteien haben sich in der Politlandschaft eindeutig verortet. Das Profil der CVP hingegen bleibt diffus. Man kann es auch positiver formulieren: Mit ihrer breiten Abstützung ist sie die letzte echte Volkspartei.

«Das ist so», meint Gerhard Pfister. Er dankt dem Journalisten, ganz gewiefter Kommunikator, sogar für diese Einschätzung. «Ich sehe das so», meint auch Barbara Schmid-Federer. Die Zürcher Nationalrätin ist als Vertreterin des «linken» Flügels – was sie nicht gerne hört – eine Antipodin von Gerhard Pfister in der Fraktion. Sie betont den «liberal-sozialen» Charakter der CVP, der sich in der Verteidigung der Sozialpartnerschaft äussere. Gleichzeitig sei die Partei auch wertkonservativ.

Die CVP vereinigt Unternehmer und Arbeiter, Bauern und Banker, Patriarchen und Feministinnen. Sie ist in allen Sprachregionen – inklusive rätoromanische Schweiz – verwurzelt. Das schöne Image von der Volkspartei hat jedoch einen zweifachen Haken. Es erschwert die Profilierung, ein Nachteil in einer Zeit, in der klare ideologische Positionen bevorzugt werden, nicht zuletzt von den Medien. Und es trügt insofern, als es auf die katholische Bevölkerung beschränkt bleibt.

WAHLEN 2015 - NATIONALRAT - KANTON BASEL-LANDSCHAFT (2/2) - Elisabeth Schneider-Schneiter (bisher), CVP. (KEYSTONE/Parteien/Handout) === COMBO, HANDOUT, NO SALES ===

«Die CVP gewinnt die meisten Abstimmungen und ist damit die wirkliche Volkspartei. Wir brauchen Lösungen statt Blockaden. Wir dürfen die Politik nicht einfach den extremen Polen links und rechts überlassen. Nur wenn in der Mitte Lösungen gefunden werden können, wird das Erfolgsmodell Schweiz überleben.»

Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin (BL)

Obwohl sich die CVP von der Kirche gelöst und wiederholt eine Öffnung angestrebt hat, blieb sie im katholischen «Ghetto» stecken. So formulierte es der Historiker Urs Altermatt in einem Buch, das er zum 100-Jahr-Jubiläum der nationalen Partei 2012 verfasst hat. Gerhard Pfister benutzt deshalb auch den Begriff «Milieupartei». Die CVP habe 90 Prozent katholische Wähler. Für die misslungene Erschliessung anderer Schichten hat er eine Erklärung: Im Alltag seien die einstigen Gegensätze kein Problem mehr, «aber in den Hinterköpfen sind sie immer noch präsent».

Zweifache Verliererpartei

Um das zu verstehen, muss man die Geschichte der Partei eintauchen. Im 19. Jahrhundert waren die Katholisch-Konservativen eine zweifache Verliererpartei. Sie unterlagen den Freisinnigen im Sonderbundskrieg 1847 und im Kulturkampf, so bei der Abstimmung über die erste Totalrevision der Bundesverfassung 1874. Mit der Zeit konnten sie die Sonderbundskantone – die Innerschweiz, Freiburg und das Wallis – «zurückerobern», auf nationaler Ebene aber blieben sie von der Macht ausgeschlossen. Dies förderte eine Tendenz zur Abschottung.

Wer muslimische Parallelgesellschaften heraufbeschwört, kennt die katholische-konservative Schweiz des 19. Jahrhunderts nicht. Sie war eine echte Parallelwelt mit eigenen Strukturen und Institutionen: Vereine aller Art, Schulen, Zeitungen, Krankenkassen, sogar Spitäler. Bestimmt wurde sie durch ein konservatives, antimodernistisches Gedankengut, das vom Vatikan diktiert wurde. Es äusserte sich unter anderem darin, dass die meisten katholischen Kantone die Industrialisierung «verschliefen» und bis weit ins 20. Jahrhundert wirtschaftlich hinterherhinkten.

Und es führte zu einem für die CVP dunklen Kapitel, dem katholischen Antisemitismus. Er war ein giftiges Gemisch aus dem alten christlichen Antijudaismus, der die Juden als «Christusmörder» verunglimpfte, und dem völkischen Antisemitismus. Die Katholisch-Konservativen bekämpften die vor genau 150 Jahren beschlossene Gleichberechtigung der Juden auch dann noch vehement, als die Schweiz in dieser Frage vom Ausland – namentlich Frankreich – unter Druck gesetzt wurde.

Bundesrat Kurt Furgler diskutiert waehrend der Wintersession 1983 in Bern, Schweiz, mit Christoph Blocher. (KEYSTONE/Str) ===  === : FILM]

CVP-Bundesrat Kurt Furgler (r.) 1983 im Gespräch mit Christoph Blocher, der bald zahlreiche konservative Katholiken auf seine Seite ziehen wird. Bild: KEYSTONE

Der katholische Antisemitismus bildete auch den Nährboden für das vom Volk 1893 angenommene Schächtverbot. Zu jenem Zeitpunkt hatte die Versöhnung mit dem Bundesstaat bereits begonnen. Eine wichtige Rolle spielte dabei ausgerechnet die einst bekämpfte Verfassungsrevision von 1874. Mit ihr wurde das Referendum eingeführt, das von den Katholisch-Konservativen erfolgreich benutzt wurde, um dem rein freisinnigen Bundesrat Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Eintritt in die Regierung

Als das Stimmvolk 1891 die (Rück-)Verstaatlichung der Centralbahn ablehnte, erkannten die Freisinnigen, dass ihre mehr als 40-jährige Alleinherrschaft nicht mehr zu rechtfertigen war. Sie boten den Katholisch-Konservativen einen Sitz im Bundesrat an. Im internen Streit zwischen Hardlinern und Pragmatikern setzten sich die Verfechter der Regierungsbeteiligung durch, der Entlebucher Josef Zemp wurde zum ersten Bundesrat der heutigen CVP gewählt. Als Vorsteher des Post- und Eisenbahndepartements wurde der einstige Gegner der Bahnverstaatlichung zum «Vater» der SBB.

Zemp hatte 15 Kinder. Zu seinen zahlreichen Nachkommen gehört Barbara Schmid-Federer, sie ist auf der mütterlichen Seite eine Urenkelin des Luzerners. Ihr Bruder Urban Federer ist Abt des Klosters Einsiedeln. Trotzdem ist sie keine in die Wolle gefärbte CVPlerin. «Bis zum Jahr 2000 war ich weitgehend apolitisch. Ich wurde damals angesprochen, ob ich mich nicht in der Partei engagieren wolle.» Sieben Jahre später wurde sie als Quereinsteigerin in den Nationalrat gewählt.

Partei mit zwei Flügeln

Schmid-Federer vertritt den christlichsozialen Flügel, der ebenfalls im 19. Jahrhundert in den reformierten Diaspora-Kantonen entstand. Viele Katholiken waren auf der Suche nach Arbeit dorthin ausgewandert und wurden mit den sozialen Folgen der Industrialisierung konfrontiert. Zu den Konservativen in den «Stammlanden» entwickelte sich eine Rivalität, die erst 1912 mit der Gründung der Landespartei überwunden wurde, wenn auch nur halbwegs. Der damalige Name Konservative Volkspartei (KVP) zeigt, wer den Ton angab.

Martin Candinas (CVP-GR) spricht waehrend der Debatte um den Service Public im Nationalrat, waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 16. Dezember 2015 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Bild: KEYSTONE

«Unser Land steht vor grossen Herausforderungen: Frankenstärke, Flüchtlingskrise, globaler Wettbewerb, Entlastung der Familien. Die CVP hat dafür pragmatische Lösungen. Sie sorgt auch für den Zusammenhalt unseres Landes. Das Berggebiet und die Städte, aber auch die Sprachregionen, dürfen nicht gegeneinander ausgespielt und der Föderalismus nicht weiter geschwächt werden. Die CVP ist DIE Volkspartei, die verschiedene Strömungen in einer immer mehr individualisierten Gesellschaft zusammenbringt. Diese integrierende Kraft braucht es heute mehr denn je!»

Martin Candinas, Nationalrat (GR)

Politisch ging es weiter bergauf. Als die FDP mit der Einführung der Proporzwahl 1919 ihre absolute Mehrheit im Nationalrat verlor, erhielt die KVP einen zweiten Bundesratssitz. Von 1954 bis 1959 waren es sogar drei Sitze, doch das war in erster Linie taktisch bedingt. Hinter den Kulissen arbeitete der damalige Generalsekretär Martin Rosenberg längst an einer Neuordnung des Bundesrats. Ein Jahr zuvor hatte sich die SP nach zehn Jahren unter Getöse aus der Regierung zurückgezogen. Sie wollte erst zurückkehren, wenn ihr zwei Sitze garantiert wurden.

Höhepunkt und Niedergang

1959 war es soweit. Als vier Bundesräte gleichzeitig zurücktraten, entstand die «Zauberformel» aus je zwei Sitzen für FDP, CVP und SP und einem für die SVP. Während mehr als 40 Jahren sorgte sie für bemerkenswert stabile Verhältnisse. Die Katholisch-Konservativen wiederum öffneten sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur Mitte und tauften sich 1957 um in Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei (KCVP).

Der neue Kurs bescherte der Partei Erfolge, in den 1960er Jahren erzielte sie ihre besten Wahlergebnisse. Im Zuge der gesellschaftlichen Öffnung lockerten sich die Bande zum Katholizismus. 1970 erhielt die CVP ihren heutigen Namen, ausserdem erklärte sie sich ausdrücklich offen für Menschen anderer Konfession und Wertvorstellungen. Dennoch begann ein schleichender Niedergang, der sich in den 1990er Jahren beschleunigte.

Knackpunkt war die Abstimmung über den EWR-Beitritt 1992. Urs Altermatt bezeichnet sie in seinem Buch als politisches «Marignano» der CVP, «die in der Europafrage zwischen Progressiven und Konservativen tief gespalten war». Mit verheerenden Folgen. Zahlreiche konservative Katholiken «desertierten» zu einem reformierten Pfarrerssohn aus Zürich. Christoph Blochers nationalkonservative Schweiz wurde für sie zu einer Art «Ersatzheimat».

Deselected Federal Councillor Ruth Metzler, the first member of a Swiss government who is ousted of office by the Parliament in 130 years, walks to the session of the United General Assembly to comment her defeat in Bern, Switzerland, Wednesday, December 10, 2003. (KEYSTONE/Yoshiko Kusano)

Mit der Abwahl von Bundesrätin Ruth Metzler 2003 verlor die CVP den zweiten Sitz in der Regierung. Bild: KEYSTONE

Der Aderlass war in den Stammlanden massiv. «Alles in allem büssten die Christlichdemokratischen seit 1963 fast 50 Prozent ihrer Nationalratsmandate in den alten Kulturkampfkantonen der Schweiz ein», schreibt Altermatt. Auch in anderen Kantonen musste sie bluten. Im konfessionell gemischten Aargau belegte die CVP in den 1980er Jahren vier Sitze im Nationalrat und einen im Ständerat. Seither erhielt der Kanton aufgrund der Demographie zwei zusätzliche Sitze im Nationalrat, die CVP aber wurde fast ausradiert. Heutiger Besitzstand: Nationalrat 1, Ständerat 0.

Gescheiterte Fusion

Den absoluten Tiefpunkt dieser Entwicklung erlebte die Partei 2003, als Bundesrätin Ruth Metzler abgewählt und ausgerechnet von jenem Christoph Blocher verdrängt wurde, der so erfolgreich im Revier der CVP «gewildert» hatte. Damit war die Partei wieder auf dem Stand von 1891, und es bestehen kaum realistische Aussichten, dass sie in absehbarer Zeit einen zweiten Sitz im Bundesrat erobern kann. Heute lebt sie primär von ihrer Stärke im Ständerat, die im Vergleich mit der Blütezeit ebenfalls abgenommen hat, und ihrer Rolle als Mehrheitsbeschafferin.

Was wäre zu tun? Die CVP muss ihr Profil schärfen und ihre Wählerbasis verbreitern. Das aber ist leichter gesagt als getan. Nach wie vor wird sie überwiegend von Katholiken gewählt, aber immer weniger Katholiken wählen die CVP. Eine Annäherung an die BDP, die in mehrfacher Hinsicht Sinn machen würde, scheiterte am Widerstand des kleineren Partners. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Auch Urs Altermatt hält eine Fusion mit der BDP für prüfenswert.

Versäumte Öffnung

Aus eigener Kraft ist es der CVP nur ansatzweise gelungen, aus dem katholischen Milieu auszubrechen. Gerhard Pfister räumt Versäumnisse ein: «Wir haben zu lange davon gelebt, dass die Leute selbstverständlich CVP gewählt haben. Heute gibt es dieses Gewohnheitsrecht nicht mehr.» Die deutsche CDU hat vorgemacht, wie es ginge. Sie hat ihre Wurzeln in der einstigen katholischen Zentrumspartei und bemühte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv um evangelische Wähler. Sie erreichte damit Wahlergebnisse, von denen die CVP stets nur träumen konnte.

Nationalraetin Ida Glanzmann CVP/LU, spricht zur SVP-Familieninitiative am Freitag, 11. Oktober 2013 in Bern. Die Volksabstimmung ueber die SVP-Familieninitiative findet am 24. November 2013 statt. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Bild: KEYSTONE

«Selbstverständlich braucht es die CVP noch! In der CVP wird nämlich noch politisiert anstatt polarisiert! Die Polarisierung, die wir in vielen Sachgeschäften immer wieder erleben, bodigt den schweizerischen Erfolg, sie gefährdet unseren Wohlstand und sie widerspricht der typisch schweizerischen Glaubwürdigkeit. Die CVP steht für das Erfolgsmodell Schweiz, für Kompromisse und Lösungen!»

Ida Glanzmann-Hunkeler, Nationalrätin (LU)

Bei den Reformierten dürfte für die CVP in der heutigen säkularen Welt wenig zu holen sein. Barbara Schmid-Federer ortet eine «Marktlücke» im liberal-sozialen Spektrum, also bei jenen Linksliberalen, die sich politisch oft heimatlos fühlen. Um diese buhlte die CVP jedoch bereits unter der damaligen Präsidentin und heutigen Bundesrätin Doris Leuthard, mit überschaubarem Erfolg.

Gerhard Pfister hingegen beschwört gerne das Bild von «Laptop und Lederhose», mit dem der frühere deutsche Bundespräsident Roman Herzog die bayerische CSU beschrieben hat. In seinem Heimatkanton Zug politisiert die CVP mit Erfolg auf dieser Linie. Auf nationaler Ebene wird der Mix aus wertkonservativ und wirtschaftsfreundlich jedoch bereits von der SVP bewirtschaftet.

Als Hindernis für eine Öffnung wird oft das leidige C im Namen angeführt. Die Diskussion darüber ist alt. Bei der letzten Umbenennung 1970 stand der Name «Schweizerische Volkspartei» im Raum, doch er wurde nicht ernsthaft erwogen. Ein Jahr später übernahm ihn die heutige SVP.

Die «Kompromisskompetenz»

Soll die CVP also das Label «christlich» über Bord werfen? Weder für Schmid-Federer noch für Pfister ist dies ein Thema: «Ich habe mit dem Wort ‹christlich› keine Mühe, im Gegenteil, ich spreche den Horizont erweiternd von ‹interreligiös›. In Zürich haben wir nebst katholischen und reformierten auch muslimische Mitglieder. Auch Konfessionslose fühlen sich in unserer Partei mit der christlichen Kultur verbunden», sagt die Nationalrätin. Und für Pfister wäre es ein grosser Fehler, den etablierten «Brand» CVP einfach aufzugeben.

Barbara Schmid-Federer (CVP-ZH) spricht waehrend einer Debatte im Nationalrat waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 17. Dezember 2015 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Barbara Schmid-Federer erkennt eine «Marktlücke» im liberal-sozialen Spektrum. Bild: KEYSTONE

Wichtiger ist für beide Exponenten, dass die CVP sich besser positioniert. Der scheidende Präsident Christophe Darbellay hinterlässt in dieser Hinsicht eine Baustelle. Der joviale Walliser verlor sich sachpolitisch im Ungefähren und kompensierte dies durch populistische Sprüche, die das eine oder andere Mal ins Auge gingen. Einfach ist die Aufgabe nicht, denn ein Markenzeichen der CVP ist ihre Rolle als ausgleichende Kraft zwischen Links und Rechts.

Es ist die Quadratur des CVP-Kreises: Wie kann die Partei Profil gewinnen, ohne ihre «Kompromisskompetenz» (Urs Altermatt) zu gefährden? Gerhard Pfister sieht zwei Möglichkeiten: «Verengen oder aus der Vielfalt das Beste machen.» Er plädiert klar für den zweiten Weg. Die CVP müsse sich auf Kernthemen fokussieren, mit grösstmöglicher Geschlossenheit, aber ohne diese zu erzwingen. «Das benötigt mehr Energie als in anderen Parteien, die unternehmerischer organisiert sind oder ein ideologisch engeres Spektrum haben.»

Die neuen Fraktionsrichtlinien, die bei «Kerngeschäften» Geschlossenheit fordern, sind ein Schritt in diese Richtung. Die CVP müsse vermehrt eigene Themen lancieren und auch einmal verlieren, dafür aber die eine oder andere Wahl gewinnen, meint Pfister. Der neue Präsident ortet auch ein Kommunikationsproblem: «Die CVP definiert zu wenig proaktiv ihre eigenen Positionen. Sie ist häufig zu reaktiv und vorschnell auf Lösungen fixiert.»

Seine «Antipodin» Barbara Schmid-Federer sieht es ähnlich, auch für sie ist eine grössere Geschlossenheit der Schlüssel für künftige Erfolge: «Früher hat man in der Fraktion gestritten, trat am Schluss aber bei wichtigen Themen geeint auf. Wir müssen das wieder vermehrt machen.» Wie Pfister hofft sie darauf, dass das Stimmvolk langsam genug von der ewigen Polarisierung haben könnte. Bei Wahlen schlägt sich dies bislang aber nur bedingt nieder.

Iwan Rickenbacher, Kommunikatiosberater, SZ, bei der Eroeffnung zum 75 Jahr Jubilaeum der Schweizerischen Gesellschaft fuer Innere Medizin, SGIM, am Mittwoch, 16. Mai 2007 im Kultur- und Kongresszentrum Luzern, KKL. (KEYSTONE/Sigi Tischler)

Bild: KEYSTONE

«Mehr als 10 Prozent der Wählerinnen und Wähler geben bei eidgenössischen Wahlen der CVP die Stimme, mit zuletzt wachsenden Anteilen in Genf, im Wallis, in Zug. Zwischen 1929 und 1990 war dies der Wähleranteil der BGB, später SVP, mit dem Anspruch, einen Bundesrat zu stellen. Parteien machen Angebote. Ob diese gebraucht werden, entscheiden die Bürgerinnen und Bürger, nach ihrem Befinden. Und dieses ändert, wie es alle Parteien erfahren.»

Iwan Rickenbacher, ehem. CVP-Generalsekretär

Die CVP befindet sich im «historischen Dilemma» zwischen katholischem Milieu und bürgerlicher Mittepartei. So lautet der Titel von Urs Altermatts Buch. Bislang hat sie es nicht geschafft, eine überzeugende Antwort zu finden. Dabei empfindet man Sympathie für diese Partei, sie verkörpert so etwas wie die gut schweizerische Kompromisskultur, die man umso stärker zu vermissen begann, je unversöhnlicher und polarisierter der politische Diskurs wurde.

Braucht es die CVP überhaupt noch? Die Partei und ihre Exponenten beantworten diese Frage mit einem überzeugten Ja. Den Nachweis ihrer Unentbehrlichkeit aber muss sie in den nächsten Jahren erst noch erbringen. Die Aufgabe ist schwierig, aber nicht aussichtslos.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 25.04.2016 07:25
    Highlight Highlight Auch die Mitte-Parteien blockieren politische Kompromisse! (1)

    Nur die SVP und die SP/GP für Kompromisslosigkeit und den politischen Stillstand in der Schweiz verantwortlich zu machen ist unfair. Auch die Mitte-Parteien (FDP, CVP, BDP, GLP) haben Verantwortung bei der Aushandlung von politischen Lösungen. Weil sie zurzeit keine Mehrheit haben, sind sie gezwungen, sich einmal nach links und ein anderes Mal nach rechts zu bewegen. Das ist zwar wahltaktisch keine attraktive Position (siehe Wahlen 2015), für den politischen Fortschritt aber nötig.
  • Schneider Alex 25.04.2016 07:24
    Highlight Highlight Auch die Mitte-Parteien blockieren politische Kompromisse! (2)

    Ein anderes Mittel wäre das Ergreifen von Volksinitiativen. Dazu sind die einst erfolgsverwöhnten bürgerlichen Parteien aber zu bequem. Das Sammeln von Unterschriften auf der Strasse ist halt ein mühsames Geschäft.
  • Angelo C. 24.04.2016 12:21
    Highlight Highlight Eine ausgezeichnete und umfassende Darstellung der früher mal erfolgreicheren Geschichte, und der heutige Entwicklung der CVP zu einer blossen 11%-Partei.

    Ich denke, dass die CVP, der seit etlichen Jahren nicht gänzlich zu unrecht der labile Begriff "wischi-waschi" anhängt, ein dezidierter Politiker wie der neue Präsident Gerhard Pfister nur guttun kann. Dies nicht zuletzt (oder gerade) weil er parteiintern rechtsaussen politisiert und diese Dauerrochaden zwischen links und rechts auf ein erträgliches Mass zurückbinden und aus der CVP wieder vermehrt eine echt bürgerliche Partei formen wird.
  • rodolofo 23.04.2016 18:22
    Highlight Highlight Wer es allen recht machen will, wird scheitern.
    Findet heraus, was Ihr wirklich wollt, anstatt Euch nach irgendwelchen Umfragewerten zu richten!
    Und dann engagiert Euch, mit Spass und mit Herz!
    Dann könnt Ihr auch wieder WählerInnen begeistern.
    Fragt nicht "Was will das Volk?", sondern fragt Euch "Was wollen wir für dieses Volk tun?"
    Und wenn Eure Stammlande nicht mit Euren städtischen Sektionen einig werden, dann trennt Euch!
    Deutschland hat genau aus diesem Grund eine CDU und eine CSU.
    Auch sonst rate ich Euch zu einigen Blicken nach Deutschland.
    Die CDU distanziert sich klar von der AfD!
  • Einstein56 23.04.2016 16:56
    Highlight Highlight Das ist in der Tat ziemlich richtig. Nur: Die Katholiken wurden zur Parallelgesellschaft gezwungen. Nach dem Sonderbundskrieg gefielen sich die Liberalen/Radikalen in einer Art Siegerjustiz. Militär, Turnvereine, Gesangsvereine - überall hiess es Katholiken aussen vor. Watson: Hier hast du schlecht recherchiert.
    • indubioproreto 23.04.2016 20:36
      Highlight Highlight Naja, das stimmt zumindest nicht für die katholischen Kantone. Was meine nicht katholische Grossmutter im Kanton Luzern für Schikanen ausgesetzt war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Und das war in den 50er/60er Jahren.
  • MacB 23.04.2016 15:36
    Highlight Highlight Die CVP wird mehr denn je gebraucht. Während die einen populistisch vorgehen(SVP), tut der Gegenpol das zu ideologisch (SP). Die FDP ist nach wie vor zu starke Interessensvertretung der grossen Konzerne. Die CVP hingegen politisiert rein sachpolitisch und mit Vernunft.
    Ich wünschte, die Partei würde wieder mehr Wähler finden.
    • BoomBap 24.04.2016 13:24
      Highlight Highlight Naja, die CVP hat aber teilweise auch längst überholte Ansichten. Das was Sie da bdschreiben trifft für mich eher auf die BDP zu. Diese mag aber irgendwie niemand und so muss man dann doch CVP wählen, als kleinstes Übel.
    • MacB 25.04.2016 08:00
      Highlight Highlight Ich denke, einige Exponenten haben noch veraltete Ansichten aber nicht die Grundausrichtung der Partei.

      Wenn Sie die letzte Abstimmung ansprechen, wo man die Homo-Ehe ausschliessen wollte, geb ich Ihnen recht. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das Absicht oder Unvermögen war. Schade, die Familieninitiative als solches wär ganz gut gewesen.
  • indubioproreto 23.04.2016 14:56
    Highlight Highlight Seit seinen grässlichen Aussagen zur Priorisietung christlicher Flüchtlinge ist Gerhard Pfister für mich unten durch. Auch seine Haltung zur Abtreibung und auch andere "stockkonservative" Haltungen gewisser Politiker dieser Partei (schaut euch mal bei der CVP in der Zentralschweiz um) sind heute, so behaupte ich, von keiner "sozialliberalen" Partei zu vertreten.
  • Luca Brasi 23.04.2016 14:00
    Highlight Highlight So, lieber (linksliberaler?) Wähler, wer soll dein Herzblatt sein? Ist es die CVP, die in der Vergangenheit nur mit den Kids vom Vatikan abgehängt ist und ständig verloren hat, sich aber trotzdem etabliert hat und eigentlich bei allen beliebt sein will, auch wenn sie noch immer ein bisschen kirchenmiefig ist? Sie ist halt ein bisschen unschlüssig und weiss nicht, ob sie mit dem Arbeitersohn oder doch lieber dem Millionärssohn ausgehen soll. Gibst du lieber Wähler ihr trotzdem – mal wieder – eine Chance? lol
  • Evan 23.04.2016 12:31
    Highlight Highlight Das Problem der CVP ist das C.
  • alingher 23.04.2016 11:43
    Highlight Highlight Gute Analyse über die Schwierigkeiten einer Partei, welche entlang vergangener Konfliktlinien entstand und noch nicht richtig verstanden hat, dass die aktuellen Konfliktlinien zur Positionierung ausschlaggebend wären.

    Sehr gut auch das Foto dazu - erschreckend, wieviel besser Filipo Lombardi früher aussah.

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