Schweiz

illustration: Philip Schaufelberger

17 Hammerschläge, 26 Messerstiche, zwei Tote: Wie sich der Horror in eine Familie einschlich (1/2)

Eine junge Familie aus Deutschland sucht ihr Glück in der Schweiz. Vier Jahre später sitzen beide Eltern im Gefängnis. Die Tochter ist tot. Der kleine Sohn – so hoffen alle – hat davon nichts mitbekommen.

24.03.16, 11:25 25.03.16, 12:40

joel bedetti / coup

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Die Namen aller Personen wurden geändert.

Als seine Tochter im Oktober 2014 in Gingen bei Stuttgart begraben wird, hält Dimi eine Andacht in seiner Zelle. Er lädt Mitgefangene ein, kocht Kaffee für alle und zündet Kerzen an. Jemand liest seinen Abschiedsbrief vor, denselben, den Dimis Bruder an der Beerdigung verliest.

Seine Familie hat ihm ein Bild der aufgebahrten Sara geschickt. Einige der Mithäftlinge finden das makaber, aber Dimi meint, er hätte sie ja auch in Freiheit aufgebahrt sehen wollen. Er schaut das Foto an und schickt es wieder zurück, so als ob er den Totenraum betreten und ihn wieder verlassen hätte.

Die Stiche an Sara und Leon, denkt Dimi manchmal, galten eigentlich ihm.

Drei Wochen nach Saras Begräbnis erhält Dimi den ersten Brief seiner Frau. Diana sitzt in der Psychiatrie Bad Schussenried in Untersuchungshaft, geständig und bestürzt, wie Dimi anderthalb Jahre zuvor in der Zürcher Kriminalpolizei. «Ich weiss nicht, was ich schreiben soll», hatte Diana zittrig und fehlerhaft geschrieben, eine Schrift am Rand des Zusammenbruchs.

«Bitte schreibe mir zurück damit ich Kraft bekomme. Und wir vielleicht wieder mit Leon eine Familie sein können.» Sie hatte ein weinendes Gesicht und vier Herzen dazu gemalt.

«Was willst du ihm sagen?», antwortet Dimi ein paar flehende Briefe später. «Ich bin deine Mama, die dich umbringen wollte?»

«Mein Leben war schon kaputt an dem Tag als du die Tat begangen hast», schreibt ihm Diana im Januar 2015 zurück, es ist ihr letzter Kontakt. «Du weisst gar nicht was du in mir angerichtet hast.»

Mit diesem Brief endet die kurze Geschichte einer schwäbischen Familie, die ihr Glück in der Schweiz suchen wollte und sich in zwei blutigen Verbrechen auflöste. Die Nachbarn, Freunde und Verwandte zurücklässt, die sich augenreibend fragen, wie sich dieser Horrorfilm ins reale Leben schleichen konnte.

17 Hammerschläge, 26 Messerstiche, zwei Tote. Aber es ist das reale Leben.

Dimi sitzt im Gefängnis, verurteilt zu 13 Jahren wegen vorsätzlicher Tötung. Diana sitzt in der Psychiatrie, verurteilt zu 9 Jahren wegen Totschlags. Sara liegt in Gingen bei Stuttgart, in einem Grab mit kitschigen Herzen und Engeln. Und Leon, der stumme Zeuge, wird irgendwann Fragen stellen.

illustration: Philip Schaufelberger

Wie ein Märchen

Im März 2015 tritt Dimi in den Besucherraum der JVA Pöschwies, ein kahler Raum aus gelbem Backstein, mit Automaten für Kaffee und Snackautomaten. Dimi trägt Turnschuhe, Gefängniskleidung (dunkelbraune Hose und blaues T-Shirt), kurze Haare (spart Shampoo) und eine Kastenbrille, die nicht so ganz zu seinem Kopf passen will: Ein runder, starker Schädel, eine Nase, breit wie die eines Boxers.

Dimi ist trainiert, das T-Shirt spannt sich über den Arm. Auf den ersten Blick könnte man Dimi für einen harten Typen halten. Auch wegen der Tattoos. Ein Tribal mit einer versteckten 69, das Alter, in dem sein Grossvater starb, am Rücken. Auf der linken Hüfte steht «Hoffnung» in chinesischen Schriftzeichen, er liess es sich 2007 stechen, als er von Diana getrennt lebte. Auf der linken Brust trägt er den Handabdruck von Sara als Säugling. Auf dem rechten Unterarm das Gesicht von Leon.

Die Familie ist auf Dimis Körper eingraviert. Familie ist für mich alles. Das sagt Dimi immer wieder.

«Eigentlich ist Dimi ein Spiesser, ein echter Schwabe», sagt Markus, sein bester Freund. Andere aus der Realschulklasse gingen weg, nach Berlin, ins Ausland. Aber Dimi, sagt Markus, der wäre am liebsten gar nie gegangen. Dimi wollte ein Mädchen kennen lernen, Kinder haben, ein Haus bauen sogar, Enkelkinder. Damit wäre er zufrieden gewesen.

Eine Familie, denkt man, das kriegt doch jeder hin.

Angefangen hat es ja wie ein Märchen, sagt Dimi, der ein guter Erzähler ist, wenn auch mit Hang zum Kitsch. Dimi war etwa 23 und in einer verrückten Phase. Seine erste Beziehung war in die Brüche gegangen. Er arbeitete in Bars in seiner Heimat Göppingen, einer Kleinstadt nahe Stuttgart, und stürzte sich nach Arbeitsschluss ins Partyleben.

Er probierte Kokain, Speed, X. Und, erzählt er, bumste alles, was bei drei nicht auf den Bäumen war. Aber eigentlich, sagt Dimi, sei das nicht er gewesen. Er sei im Grunde ein Romantiker. Das erste Mal sah Dimi Diana im Café, in welchem er arbeitete. Sie war die Freundin eines Freundes, Dimi vergass sie gleich wieder.

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Genau ein Jahr später, am 12. Mai 2002, kam Dimi nach einer durchfeierten Nacht zur Frühschicht ins Café. Er zog etwas Speed, bevor er das Gedeck für Kaffee und Kuchen aufstellte. Ein Freund schaute vorbei und sagte, er besuche später eine Freundin. Dimi solle auch vorbeischauen. Als Dimi klingelte, öffnete die junge Frau, die er ein Jahr zuvor gesehen hatte. Diesmal habe es Boom gemacht, sagt Dimi.

Er blieb gleich zwei oder drei Tage bei ihr. Dann gingen sie raus, zogen Linien. Er sei so schräg drauf gewesen, sagt Dimi, dass er in Dianas Gegenwart Frauen auf der Tanzfläche die Zunge in den Mund steckte. Aber Diana sei so lässig gewesen, sie habe das alles ganz locker genommen.

Ein paar Wochen später schrieb ihm Diana, er solle sie am Abend besuchen. Jetzt ist es aus, dachte Dimi, ich bin zu weit gegangen. Doch Diana erwartete ihn mit einem Candle-Light-Dinner. Sie war schwanger. Dimi floh praktisch aus dem Haus. Nicht wegen dem Kind, wie er betont.

«Wer bumsen kann, kann auch Vater sein.»

Aber Dimi war nicht sicher, ob er diese Beziehung wollte.

Doch dann sagte ihm ein Freund: «Willst du, dass dein Kind im Sandkasten einem fremder Mann Papa sagt? Probier es doch mal.»

Also probierte es Dimi. Am 12. Mai 2003, kurz vor seinem Geburtstag, kam Sara zur Welt. Als Dimi sie mit der Hebamme wusch, öffnete Sara die Augen und schaute ihn an. Deshalb, glaubt Dimi, hätten sie eine ganz besondere Beziehung gehabt.

Drei Menschen starteten ins grösste Abenteuer menschlicher Existenz: Sich zu einer Familie zu vereinen. Und eine zu bleiben, vielleicht sogar bis zum Ende des Lebens. Zwei Jahre später wäre fast Schluss gewesen. Diana betrog Dimi.

Er blieb oft zuhause mit Sara, während Diana feiern ging. Er gönnte es ihr ja, schliesslich hatte sie Sara neun Monate in sich getragen. Eines Abends konnte seine Mutter die Kleine zu sich nehmen, Dimi wollte seine Frau überraschen. Er klapperte die Bars in Göppingen ab. Schliesslich fand er das Familienauto vor der Wohnung eines Freundes. Er klingelte und sah, wie sich die Gardinen bewegten.

Irgendwie, sagt Dimi, bogen sie es wieder gerade. Doch wiederum zwei Jahre später folgte die Retourkutsche. Dimi arbeitete im «Rock Café». Nach Dienstschluss ging er mit zur Polin, die mit ihm hinter der Bar stand. Mitten in der Nacht kehrte er nach Hause zurück. Am Morgen weckte ihn Diana, sie hatte Schminke an seinem T-Shirt entdeckt. Sie schmiss ihn raus.

Dimi zog ins Haus der Eltern zurück. Die Monate bis zur Silvesternacht 2007 lebte er getrennt von Diana und der nun vierjährigen Sara. Doch mitten in der Silvesternacht 2008 rief Dimi Diana an. 

Versuchen wir es nochmals, schlug er vor. Ok, sagt Diana.

Am 8. August 2008 verlobten sie sich, und bloss einen Monat später heirateten sie.

Für Dimi war klar: Er ist der Ernährer der Familie. Doch Dimi, der gelernter Automechaniker ist, fand einfach keine feste Stelle und hangelte sich durch Temporärjobs. Als die Wirtschaftskrise auch im Schwabenland ein wenig einschlug, fand Dimi gar nichts mehr. Er musste aufs Amt.

Andere Freunde eröffneten Läden, kauften Autos. Im Frühling 2010 hatte Dimi endlich Glück. Er kriegte die Stelle als Einrichter im Ostschweizer Werk eines schwäbischen Motorsägenherstellers. 5000 Franken, Feriengeld, Weihnachtsgeld.

«Wir hatten alle das Gefühl, das wird super, jetzt bauen sie sich in der Schweiz etwas auf», sagt Markus. Kurz vor seinem 31. Geburtstag feierte Dimi im Haus seiner Eltern eine Abschiedsparty. Nach dem Osterfest – es gibt ein Foto davon; Dimi, Diana und Sara grillieren eine Schafshälfte vor ihrer Wohnung – fuhr Dimi los. Diana und Sara kamen zwei Wochen später nach.

illustration: philip schaufelberger

Neustart

Im April 2010 zog die junge Familie in ein Mehrfamilienhaus mit beiger Fassade und grünen Fensterläden am Rand von Balterswil, einem Dorf zwischen St.Gallen und Winterthur. Zurückhaltend sei sie zu Beginn gewesen, sagen die Nachbarn, auch ein wenig stolz, eine Familie halt, die neu anfängt.

Man begann, einander zu Kaffee einzuladen. Diana, die gelernte Coiffeuse ist, schnitt den Nachbarskindern die Haare. Dimi half Facinis, die neben den Winters wohnen, beim Transport des neuen Familientischs. Abends assen beide Familien Spaghetti am neuen Tisch.

Dimi erinnert sich gerne an de Zeit in Balterswil. An den Spielplatz in der Mitte der Siedlung, an den Wald, in dem er mit Sara im Sommer Würste brätelte und im Winter Schlitten fuhr. Dimi fiel der Neustart leichter als Diana; er ist ein Kumpeltyp, er lernte Jungs bei der Arbeit kennen und trat dem örtlichen Dart-Verein bei.

Die schüchterne Diana hatte es schwerer. Sie ging selten aus dem Haus. Das wird schon, sagte ihr Dimi. Im Herbst 2011 zog Dimi eines Morgens die Hose an und zog einen rosa Zettel aus der Tasche. Herzlichen Glückwunsch, Papa, stand darauf.

Diana grinste. Sie war schwanger. Sara kriegte endlich den Bruder, den sie sich herbeigesehnt hatte.

Leon kam im April 2012 zur Welt. Doch der Kleine, sagen Freund und Nachbarn, habe die Familie überfordert. Schon die Frage nach seinem Namen führte zu einem Familienstreit. Dimis Vater wollte ihn nach griechischer Tradition nach dem Grossvater benennen, Diana war dagegen.

Nach der Geburt sei sie ständig gereizt gewesen, sagt Dimi. Sie habe sich noch mehr ins Haus zurückgezogen, sagen auch die Nachbarn. Dimi trat die Flucht an. Nach der Arbeit ging er oft zu seinem Bruder, der im benachbarten Aadorf lebte. Pavlos, der Mitte 20 nach Griechenland ausgewandert war, hatte in der Wirtschaftskrise den Job verloren. Er suchte sein Glück nun auch in der Schweiz.

Über seine Probleme redete Dimi mit seinem Bruder nicht. Sie gamten, schauten Fussball. Und kifften. Dimi kiffte mit Pavlos, er kiffte eins im Auto nach dem Migros-Einkauf. Er sagte Diana, er gehe kurz im Wald spazieren, und kiffte eins. Er kiffte mit Diana, damit sie beide runterkamen. Das Gras kriegte Dimi von seinem neuen Freund Chang.

Chang arbeitete als Einrichter in der Werkbank, die Dimi inzwischen beaufsichtigte. Er war jünger, schüchtern, trug Gangsta-Kleider und ein Tattoo. «No Fear» stand da. Manchmal schenkte er Dimi einen ganzen Sack Gras. Das seien Reste, sagte er.

Eines Tages fuhr Chang mit einer schwarzen Corvette vor. Dimi vermutete, dass er ein Dealer war. Was ihn nicht davon abhielt, von ihm 2000 Franken für eine Kieferbehandlung für Sara zu leihen. Chang war nicht Dimis einziger Gläubiger. Dimi wollte seiner Familie endlich was bieten. Sie kauften neue Möbel, eine Digicam und einen gebrauchten Audi als Familienauto. Weil die 5000 Franken Monatslohn dazu nicht reichten, nahm Dimi Leasingkredite auf.

Bald konnte er die Raten nicht mehr zahlen. Irgendwann, erzählt Dimi, habe er die Rechnungen gar nicht mehr geöffnet. Ein Freund riet ihm schliesslich, beim Konkursamt Lohnpfändung zu beantragen. Von da an überwies Dimi den Lohn direkt dem Amt und erhielt 4600 Franken als Existenzminimum.

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Die Schulden bei Chang konnte Dimi abarbeiten. Im Oktober 2012 fuhr ihn Chang nach Winterthur-Töss in eine seiner Hanf-Indooranlagen, die mit professionellen Wärmelampen und Wassersprenklern ausgestattet war. Chang bot ihm 40 Franken die Stunde als Erntehelfer an. Ein paar Tage kroch Dimi auf allen Vieren über die Beete und sammelte Blüten ein. Sie juckten ihn, und nach der Arbeit stank er einen Kilometer gegen den Wind nach Gras.

Bei der Arbeit im Werk fehlte er dafür immer öfters. Er wurde wieder zum Einrichter abgestuft. Abends blieb er bis spät bei Pavlos. Wenn er am Morgen aufwachte, war Diana wieder sauer. Sie vermutete eine Affäre und suchte Dimis Handy nach Kontakten ab. «In einem Jahr warf sie zwei Handys an die Wand», sagt Dimi. Dimi hatte keine Affäre. Aber er betrog Diana.

Chang, der kaum Freunde hatte, nahm regelmässig Arbeitskollegen mit ins Puff und zahlte ihnen Drinks und Frauen. Einmal nach dem Ernten kam auch Dimi mit. Chang zahlte ihm eine halbe Stunde mit einer Frau in der Dübendorfer «Bumsalp». Im Dezember dasselbe Programm im «Blauen Aff» in Affeltrangen.

Dimi rauchte mittlerweile zehn bis fünfzehn Joints pro Tag. Das Gras holte ihn nicht mehr runter. Es machte ihn ängstlich und unruhig. Die erste Panikattacke kriegte er auf der Rückfahrt von den Sommerferien in Pisa. Plötzlich befiel ihn eine Angst, dass etwas Schreckliches geschehen würde, dass jemand sterben würde.

«All das Gras, der Stress», sagt Dimi, «und Bum, dann ist Chang tot.»

illustration: philip schaufelberger

Am offenen Herzen

Dimis Neujahrsvorsätze für 2013 lauteten: Keine Ausflüchte. Schluss mit Kiffen. Daheim bei der Familie bleiben. An Weihnachten schenkte er seinem Bruder das übrige Gras.

Doch dann wurde Dimis Vater mit einem Herzinfarkt ins Spital eingeliefert. Eine risikoreiche Bypass-Operation stand bevor. Dimi kiffte wieder.

Anfang Februar lief Dimi am Bahnhof Wil Chang über den Weg. Sie hatten sich eine Weile nicht mehr gesehen, Dimi wollte aufhören mit der Erntehilfe. Ob er nicht noch einmal helfen könne, fragte ihn Chang. Ein letztes Mal, sagte Dimi.

Dimi fährt sich mit den Händen über den Kopf, als er im Besucherzimmer der JVA Pöschwies vom 7. Februar 2013 erzählt. Von diesem Tag gibt es nur eine Version – seine.

Um 18 Uhr fuhr er mit Chang in ein Gartenbaugeschäft in Sirnach, Dimi im BMW seines Bruders (der Audi war in der Werkstatt), Chang in seinem Hyundai. Mit neun Säcken Pflanzenerde und einer Wasserpumpe fuhren sie in eine Gewerbeliegenschaft am Rand von Kloten, in eine von Changs Plantagen. Sie verstauten die Einkäufe.

Danach wollte Chang in die «Bumsalp» feiern gehen. Dimi hatte ihm schon gesagt, dass er keine Lust hatte. An dem Abend würde sein Vater in der Uniklinik Tübingen am offenen Herzen operiert werden. Dimi sagte Chang nochmals, dass er aussteigen wolle. Im Vorraum der Plantage packte er seine Arbeitskleider, die noch von der letzten Ernte auf dem Boden lagen, in einen Plastiksack.

«Du kannst nicht aussteigen», soll Chang gesagt haben, «du weisst zu viel.» Aus den Augenwinkeln sah Dimi, wie Chang mit erhobenem Hammer über ihm stand. Dimi rannte zum Lift, Chang hinterher. «Du bist tot, deine Kinder sind tot», hörte er Chang rufen.

All die Befürchtungen über Chang schienen sich zu bewahrheiten, sagt Dimi. Chang, der behauptete, ein Gangsterleben zu führen, der Dimi seine Pistolen und Munition gezeigt hatte (es waren Luftdruckpistolen, fand die Polizei später raus) und hinter dem Dimi eine Bande vermutete, die ihn heimsuchen würde.

Doch Chang war harmlos. Er war eher der Chang, der keine Freundin fand und sich in Prostituierte verliebte. Er bluffte auf der Arbeit, markierte den harten Mann und erzählte seinen wenigen Freunden, dass er sich von den Menschen abwende. An einem Familienfest hatte er seiner Schwester aber gestanden, dass er doch nicht ohne Menschen leben könne. «Das waren zwei Menschen mit einem grossen Rucksack, die an diesem Tag aufeinandertrafen», sagt Dimis Anwältin.

Dimi drehte sich um und entriss dem kleineren Chang den Hammer. Er schlug ihn auf den Kopf. «Deine Familie ist tot», rief Chang, auch noch als das Blut über ihn strömte. Dimi schlug zum, bis Chang bewusstlos zu Boden ging. «Ich wollte, dass er ruhig ist», sagt Dimi später den Polizisten. Er schleppte Chang in die Plantage und legte ihn auf ein Beet, Gesicht nach unten. Laut Gerichtsmedizin lebte Chang da noch.

Dimi zog ihm die Schuhe aus, die Trainerjacke, die Trainerhosen. Er wickelte ein Kabel um seinen Hals. Er fuhr die elektrische Vorrichtung für die Lampen herunter, hängte das Kabel daran und fuhr sie wieder hoch.

Chang starb den Tod durch Strangulation, obwohl die 17 Schläge in der Schädeldecke vielleicht auch gereicht hätten, wie die Gerichtsmediziner schreiben.

Danach fuhr Dimi zu seinem Bruder. Er müsse ihm helfen, sagte ihm Dimi, es sei Notwehr gewesen. Dimi zog sich frische Kleider von Pavlos an und fuhr zu Changs Wohnung in Zuzwil. Dort fand Dimi in leeren DVD-Hüllen Geldbündel, die Einnahmen aus den Plantagen. Dann fuhr er zu seinem Bruder zurück. Mit Wischmop, Putzmittel und Kehrichtsäcken kehrten sie zum Tatort zurück. «Dimi sagte kaum was. Nur, jetzt rechts, jetzt da lang», erzählt Pavlos.

Dimi wollte, dass ihm Pavlos half. Pavlos weigerte sich. Dimi ging allein nach oben, putzte die Blutspuren und packte Changs Kleider in einen Kehrichtsack. In Pavlos’ BMW und Changs Hyundai fuhren sie nochmals nach Zuzwil. Dimi stellte den Hyundai in die Tiefgarage. Pavlos lud Dimi in Balterswil ab. Es war weit nach Mitternacht und kalt, Schnee lag auf den Feldern. Die Kinder schliefen schon, aber Diana war noch wach.

Dimi weiss nicht mehr, was er ihr erzählte. Sie rauchten einen Joint zusammen und gingen zu Bett. Dimi machte kein Auge zu in dieser Nacht. Er wollte nur noch eins: Seinen Vater sehen. Die Operation war geglückt.

Am nächsten Morgen begann es in der Indoor-Plantage in Kloten zu qualmen. Die Wärmelampen hatten die Holzbalken in Brand gesetzt. Die Feuerwehr stiess auf eine versengte Leiche.

Die Polizei fand auf Changs Handy den letzten Kontakt: Dimi.

Fortsetzung: Hier geht's zu Teil 2 der Reportage

Zu den Autoren

Joel Bedetti ist freier Journalist und Reporter
Philip Schaufelberger ist Illustrator

Autor Joel Bedetti über seine Recherche:

Video: watson.ch

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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