Schweiz

Heroin-Hölle Schweiz: Vor 25 Jahren fand das Grauen ein Ende

11.05.17, 10:04 11.05.17, 10:37

Chronologie der Schweizer Drogenpolitik 

Vor 25 Jahren hat sich der Bundesrat für die versuchsweise Heroinabgabe an Schwerstsüchtige ausgesprochen. Die Schweiz übernahm damit eine Pionierrolle in der Drogenpolitik. Für die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss wäre die Entkriminalisierung ein nächster notwendiger Schritt.

Die Bundesratssitzung vom 13. Mai 1992 setzte in der Schweizer Drogenpolitik einen Meilenstein: Der damalige Gesundheitsminister Flavio Cotti verkündete den Entscheid der Landesregierung: Spezialärzte durften demnach höchstens 250 Schwerstabhängigen, verelendeten oder sich prostituierenden Drogenabhängigen versuchsweise auch Heroin abgeben.

«Viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben.»

Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss

Wie schwer der damalige Entscheid der Landesregierung gefallen ist, lässt sich auch daraus lesen, dass sich der Bundesrat zuvor eine einwöchige Denkpause verordnet hatte, sozusagen um noch einmal darüber zu schlafen. Nach dem Grundsatzentscheid dauerte es noch einmal gut zwei Jahre, bis in Zürich die ersten Versuche gestartet wurden.

Ärztlich kontrollierte Heroinabgabe an Schwerstsüchtige fordert die Sozialdemokratische Partei Zürich 5. Bild: KEYSTONE

Kehrtwende des Gesundheitsministers

Noch wenige Monate vor dem historischen Entscheid hatte Cotti die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe kategorisch abgelehnt. Nachdem sich die Mehrheit der Kantone und die grössten Parteien für das Projekt ausgesprochen hatten, habe bei ihm aber ein teilweises Umdenken eingesetzt. Schliesslich seien Vernehmlassungen dazu da, dass sich die Regierung eines Besseren belehren lässt, erklärte Cotti die Kehrtwende.

«Als praktizierender Christ bleibe ich skeptisch», sagte Cotti weiter. Und er verwies darauf, dass oberstes Ziel weiterhin die Abstinenz bleibe und der Drogenkonsum auch weiterhin strafbar sei.

Nur SVP war klar dagegen

Die heroingestützte Behandlung, wie die Heroinabgabe heute genannt wird, löste damals eine heftige Kontroverse aus. So warnte etwa die Parlamentarische Gruppe Drogenpolitik, der rund 50 National- und Ständeräte aus allen bürgerlichen Parteien angehörten, die Schweiz würde mit der Heroinabgabe zum «Platzspitz Europas».

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik.»

Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Einen liberalen Umgang mit dem Heroin hatten nicht etwa nur die SP, die Grünen und der Landesring der Unabhängigen verlangt, sondern auch die FDP und sogar Cottis eigene Partei, die CVP. Nur die SVP hatte sich klar dagegen gesträubt.

Heute gehört Heroinabgabe zum Alltag

Heute gehört die heroingestützte Behandlung in der Schweiz zum Alltag. Davon profitieren können aktuell 1381 Schwerstabhängige in insgesamt 21 Institutionen über die ganze Schweiz verteilt. Das Heroin mit der medizinischen Bezeichnung Diamorphin – es dürfte sich um eine Menge von zwei bis dreihundert Kilogramm pro Jahr handeln – wird unter hohen Sicherheitsauflagen von der Thuner Firma DiaMo Narcotics GmbH vertrieben. Die Kosten pro Patient und Tag belaufen sich für die medizinische und psychosoziale Betreuung auf 45 Franken.

Derzeit erhalten 1381 Schwerstabhängige Heroin. Bild: KEYSTONE

«Die heroingestützte Behandlung hat wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Schweizerischen Drogenpolitik», urteilt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) heute. Dies zeige sich nicht nur am markanten Rückgang der drogen- und aidsbedingten Todesfälle, sondern auch an der gestiegenen Lebenserwartung und der verbesserten Gesundheit der Opiatabhängigen.

Rückgang der Beschaffungskriminalität

Zudem habe die Sicherheit profitiert durch den Rückgang der Beschaffungskriminalität und dem Verschwinden der offenen Drogenszenen. Ein wichtiger Effekt sei auch gewesen, dass die «Medikalisierung des Heroinkonsums» wesentlich dazu beigetragen habe, dass der Opiatkonsum ein Looserimage erhalten und dadurch generell an Attraktivität verloren habe.

Methadon-Abgabe 1992 in Zürich. Bild: KEYSTONE

Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss, heute Präsidentin der Weltkommission für Drogenpolitik, wertet die Einführung der heroingestützten Behandlung im Rückblick ebenfalls als Erfolg. Sie setzte in den 90er Jahren den Grundsatzentscheid ihrer Vorgänger in die Tat um.

Viele Süchtige wären nicht mehr am Leben

Im Nachhinein habe sich die Heroin unterstützte Therapie als medizinisch anerkannte Antwort erwiesen, die nicht nur den gesundheitlichen Zustand verbessert, sondern auch eine soziale Integration ermöglicht habe. «Und viele, vielleicht die meisten Patienten, wären ohne diese Behandlung nicht mehr am Leben», sagte sie auf Anfrage.

Die Rolle der Schweiz als Pionierin sei weltweit anerkannt. Dies zeige sich auch darin, dass andere Länder die heroingestützte Behandlung ebenfalls in ihr Spektrum von möglichen Behandlungen von Drogenabhängigen aufgenommen hätten.

Ex-Bundesrätin plädiert für Entkriminalisierung

Die Schweiz habe generell eine Pionierrolle gespielt in der Entwicklung von innovativen Gesundheitsmassnahmen in der Drogenpolitik. Unter dem Sammelbegriff der Schadensminderung finde man beispielsweise das zur Verfügung stellen von sauberem Injektionsmaterial, die Analyse von Substanzen oder die sogenannten Fixerstübli. Dank ihnen sei die Aids- und Hepatitis-Übertragung weitgehend unter Kontrolle gekommen.

Kein Pionier sei die Schweiz hingegen, was die Entkriminalisierung des Drogenkonsums angehe und die Regulierung des Marktes durch den Staat, wie man dies von anderen gefährlichen Substanzen wie Alkohol oder Tabak her kenne. «In meinen Augen ist das eine Notwendigkeit», sagt Dreifuss. (whr/sda)

10 Promis, von denen du nie gedacht hättest, dass sie gekifft haben

Das könnte dich auch interessieren:

Israelischer Professor zum Trump-Entscheid: «Jerusalem war nie das Hindernis für Frieden»

«So etwas macht man nicht» – FDP-Boss Gössi kritisiert Geheimtreffen vor Juncker-Besuch

«Bilder von unten» – 12 Leute erzählen, was sie auf Tinder und Co. nicht sehen wollen

Bitte, Nintendo, diese 15 Games gehören auf einen Game Boy Classic Mini!

Warum nach einem Amoklauf in den USA noch viel mehr Menschen starben

Jahre des Zorns – was der Palästinenser-Aufstand bedeutet

Diese Obdachlosen haben vielleicht ihr Zuhause verloren – nicht aber ihren Humor

Trump macht Jerusalem zur Israel-Hauptstadt – die Nahost-Eskalation in 9 Punkten erklärt

Dieser Schweizer Soldat musste gerade durch die Französisch-Hölle – aber sowas von

Orgasmus oder Gewichtheben – siehst du das Kommen?

Eine Lokalzeitung befeuert jahrelang die KESB-Debatte – dem Chef drohen jetzt Konsequenzen

Du hast vielleicht die wichtigste Botschaft auf dem «Time»-Cover übersehen

Back to the Future – so gut ist das iPhone X wirklich

Schone dein Portemonnaie und die Umwelt: 19 Tipps, wie du weniger Müll produzierst

#metoo im Bundeshaus: Was sich Nationalrätinnen anhören müssen – und wie sie sich wehren

Nathan Fillion ist der lustigste Promi-Twitterer der Welt. Der Beweis in 18 Posts

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • bcZcity 11.05.2017 13:29
    Highlight Pschhht, die damals grösste offene Drogenszene wird totgeschwiegen! Keine Doku, kein CH Spielfilm traut sich da ran, es gibt 2-3 Bücher über das Elend, unabhänging produziert. Das ach so saubere Zürich will vergessen, ist ja auch nichts für Touristen.....also pschhhhht, was war das?
    8 1 Melden
    • Fabio74 12.05.2017 10:51
      Highlight Wirrer Kommentar. Es gibt genügend Untwrlagen und Informationen damals. Wer Bedürfnis für eine Doku hat, kann die machen. Wo soll das Problem sein?
      1 0 Melden
    • bcZcity 12.05.2017 13:31
      Highlight Dass Problem ist, dass vorwiegend nur Filmstoff gefördert und produziert wird, welcher die "Heidi Schweiz" zeigt. In Zürich wird das Thema totgeschwiegen, die Szene ist aus den Augen umd aus dem Sinn. Genau so geht es auch dem Thema Alkohol, da ist ja alles paletti, oder?
      2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.05.2017 11:44
    Highlight Das Platzspitz Drogenelend, Heroinzombies als Teil des Strassenbildes, grassierende Beschaffungskriminalität, war zu einem grossen Teil das Verschulden der damaligen Politiker. Es konnte ihnen nie grausam genug sein, die geringste flankierende Hilfe wurde strikte abgelehnt, und gleichzeitig leisteten sie Vorschub für die horrenden Gewinne der Drogenmafia. Jahrzehntelang. Jugendliche, die sich nächtelang billig prostituierten ... und am morgen nahm ihnen die Polizei lächelnd das Geld ab. - Von diesen Politikern wurde nie einer zur Rechenschaft gezogen; die geniessen alle ihre fetten Pensionen.
    27 2 Melden
  • Telomerase 11.05.2017 10:39
    Highlight Neben der AHV in den 40ern, den AKWs in den 60ern, eine der wichtigen und guten Ideen der SP, das muss man auch als bürgerlich Wählender eingestehen.
    40 0 Melden

So will der Bundesrat den Ausstoss von Treibhausgasen senken 

Die Schweiz hat sich mit dem Klimaabkommen von Paris verpflichtet, den Ausstoss von Treibhausgasen bis 2030 zu halbieren, gemessen am Stand von 1990. Nun hat der Bundesrat dargelegt, mit welchen Massnahmen er dieses Ziel erreichen will.

Am Freitag hat der Bundesrat das totalrevidierte CO2-Gesetz zuhanden des Parlaments verabschiedet. Umstritten ist vor allem, um wie viel die Treibhausgasemissionen durch Massnahmen im Inland gesenkt werden sollen.

Der Bundesrat ist nach der Vernehmlassung bei …

Artikel lesen