Schweiz

Die Schweiz ohne Atomstrom? Fünf Fragen und Antworten zum AKW-Stillstand 

17.08.15, 14:26 17.08.15, 17:58

Drücke hier für Atomstrom: Bundesrat Ernst Brugger (sitzend) lässt sich in die Geheimnisse des AKW Beznau I einführen (11. Mai 1970). Bild: KEYSTONE

1. Alle fünf Atomkraftwerke der Schweiz sind momentan vom Netz – wie kann die Stromversorgung dennoch sichergestellt werden?

Der Atomstrom macht nur knapp 40 Prozent der gesamten Stromproduktion aus, der Rest wird aus Speichersee-, Laufwasserkrafterken und thermischen Kraftwerken (Verbrennungsanlagen) gespeist. Ein Stromengpass ist aber nicht zu befürchten. Im Sommer ist der Stromverbrauch tiefer als im Winter. Die Stauseen haben genügend Wasser gespeichert, um den Strombedarf zu decken. Auch ohne Atomkraftwerke weist die Schweiz einen Überschuss aus. Damit besteht kein Bedarf an zusätzlichem Importstrom.

bild: screenshot/swissgrid

2. Dass alle Atomkraftwerke gleichzeitig vom Netz sind, kam noch nie vor – wieso genau jetzt?

Die Kernkraftwerke Leibstadt und Mühleberg sind planmässig abgeschaltet: In beiden AKWs ist die Jahresresvision im Gang. Das AKW Gösgen wurde in der Nacht auf Sonntag ausserplanmässig abgeschaltet, Beznau 1 ist seit März wegen Unregelmässigkeiten im Material des Reaktordruckbehälters abgeschaltet und Beznau 2 befindet sich seit Freitag in einer viermonatigen Revision. 

Dass alle fünf Kernkraftwerke gleichzeitig vom Netz sind, war nicht geplant. Zwar werden die Jahresrevisionen von Leibstadt und Mühleberg mit Absicht auf die Sommermonate gelegt, da in dieser Zeit die Stromproduktion ihren Höchstwert erreicht, wie Andreas Schwander von der nationalen Netzgesellschaft swissgrid erklärt. Allerdings wird darauf geachtet, dass nie mehr als drei Kernkraftwerke gleichzeitig in Revision sind.

3. Beznau 1 ist seit 1969 in Betrieb. Droht vom ältesten Atomreaktor der Welt eine Gefahr?

Am Sonntag machte der Tages-Anzeiger publik, dass die europäische Atomaufsichtsbehörde Wenra den Informationsbestand über den Reaktordruckbehälter bemängelt. Die Schweizer Aufsichtsbehörde Ensi beschwichtigt: Das Atomgesetz von 1959 sehe im konkreten Fall keine Pflicht zur Dokumentation vor.

Dennoch sind sich Atomstrom-Kritiker einig: Beznau 1, der Methusalem unter den Atomreaktoren, stellt wegen seines hohen Alters ein Sicherheitsrisiko dar. Als Beznau 1 ans Netz ging, lief in den USA gerade «Easy Rider» an, vier Tage später startete Apollo 11 zum ersten bemannten Flug auf den Mond. Die Hippie-Ära ist seit geraumer Zeit vorbei, Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, ist 2012 gestorben. Sebastian Hueber, Mediensprecher bei der Atomaufsichtsbehörde Ensi stellt klar: «Der Gesetzgeber hat klare Vorgaben geschaffen: Sobald ein Kernkraftwerk die gesetzlichen Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfüllt, wird es vom Netz genommen.»  

Während Peter Fonda auf der Leinwand bekifft durch die USA fuhr, nahm der Atomreaktor Beznau 1 in Döttingen den Betrieb auf. Bild: pd

4. Häufen sich die Vorfälle bei den Atomkraftwerken?

International Nuclear Event Scale (INES): Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 waren die bisher einzigen Unfälle, die auf Stufe 7 klassiert wurden. bild: ensi/ines

Im vergangenen Jahr kam es insgesamt zu 38 meldepflichtigen Vorkommnissen, 37 davon werden von der Aufsichtsbehörde Ensi, die den Bericht erstellt, als Ereignisse ohne Bedeutung für Sicherheit eingestuft, ein Vorkommnis – eine Bohrung im Kernkraftwerk Leibstadt – wurde auf der Stufe 1 – Anomalie – klassiert. 

2013 wurden 34 Vorkommnisse gemeldet, 2012 kein einziges und 2011 27. Frage an Herrn Hueber: Sind die Atomkraftwerke in der Schweiz unsicherer geworden? «Im Gegenteil: Durch laufend getätigte Nachrüstungen sind die Sicherheitsmargen seit der Inbetriebnahme der Kernkraftwerke vergrössert worden

5. Wie sieht die Zukunft der Stromproduktion in der Schweiz aus?

Nach der Katastrophe von Fukushima war der Tenor von links bis rechts klar: Es ist höchste Zeit für eine Energiewende. Weg vom Atomstrom hin zu sauberer, nachhaltiger Energieproduktion. Mittlerweile ist Fukushima mehr als vier Jahre her, die anfängliche Euphorie scheint etwas verflogen. Der schrittweise Ausstieg aus der Atomenergie ist aber unbestritten. Nach dem Willen von Bundesrat und Parlament soll die Schweiz bis ins Jahr 2050 die Energiewende vollzogen haben. 

Eine Laufzeitbeschränkung für alte Kernkraftwerke lehnte die vorberatende Komission des Ständerats vor kurzem ab. Mit der Laufzeitbeschränkung soll die Betriebsdauer für alte AKWs auf 60 Jahre reduziert werden. Beznau 1 müsste demnach 2029 vom Netz genommen werden, Beznau 2 2031. (wst)

Nachtrag: Das Atomkraftwerk Gösgen SO dürfte noch diese Woche wieder ans Netz gehen. Die Reparaturarbeiten haben bereits begonnen, die Leckstelle an einer Messleitung wurde lokalisiert. «Wir gehen davon aus, dass das schadhafte Teilstück ersetzt werden muss», sagte der AKW Gösgen-Sprecher Konstantin Bachmann am Montag der Nachrichtenagentur sda. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • BeatBox 18.08.2015 09:53
    Highlight Wieso wird immer behauptet, das wir auch ohne AKW's einen Stromüberschuss haben? Auf www.swissgrid.ch kann die aktuelle (Echtzeit!) Bilanz angeschaut werden, im Moment importieren wir ziemlich massiv. Ich schaue regelmässig auf die Bilanz und habe in den letzten Stunden nie einen Export gesehen. Gestern Abend war die Zahl relativ stabil bei 1500MW Import... Ich bitte Sie die Quelle dieser Behauptung zu nennen!
    3 1 Melden
    • SeKu 18.08.2015 18:11
      Highlight So ein Käse. Wir exportieren dauernd. Momentan zum Beispiel 756 Megawatt. Das ist nun wirklich ein einfaches Grafiklein, das sollte sie lesen können.
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    • Erich-H 18.08.2015 20:42
      Highlight Naja, die Grafik stammt wohl auch von heute Nachmittag... und da Gösgen wieder rund 1000 MW ins Netz pumpt, ist es nicht verwunderlich, dass wir (die Schweiz) wieder zum Exporteur werden.
      Gestern wurden in der Tat fast immer 1000 MW importiert.
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    • SeKu 18.08.2015 23:03
      Highlight Ja, die Grafik stammt von 18:00 Uhr. Da war Gösgen 5.5 Stunden wieder am Netz (was ich um 18:00 Uhr nicht wusste). Ich bezweifle, dass Gösgen nach 5.5 Stunden schon wieder >750 MW lieferte. Auf der Homepage fand ich dazu nur "Die Leistung wird im weiteren Verlauf kontinuierlich auf 100 Prozent gesteigert.". Vielleicht wissen Sie mehr?
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  • SeKu 18.08.2015 01:40
    Highlight Die von den bürgerlichen Atomturbos so viel gepredigte Stromlücke ist da!!! Wenn die Bürgerlichen recht haben, dann habt ihr jetzt alle keinen um diesen Kommentar zu downloaden, geschweige denn ihn zu lesen.

    Und achja, liebe Atomturbos: Wenn ihr diesen Kommentar blitzt, dann gebt ihr zu, dass es die Stromlücke eben doch nicht gibt...
    8 6 Melden
    • el_chef 18.08.2015 13:15
      Highlight dank französischen kernkraftwerken und deutschen kohlenkraftwerken. kohle verbrennen ist sehr sinnvoll, vor allem schadstoffmässig
      4 2 Melden
    • SeKu 18.08.2015 16:42
      Highlight In den ersten Sätzen des Artikels steht, dass die Schweiz immer noch Strom exportiert. Vielleicht hätten die Stromlückenlüger mehr Erfolg, wenn ihre Lügen nicht ganz so einfach zu entlarven wären.

      Kohle produziert keinen auf Millionen Jahren für den Menschen tödlichen Abfall, im Gegensatz zum Atomstrom.
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    • el_chef 21.08.2015 16:12
      Highlight der import von strom aus deutschland und frankreich ist enorm, weiss nicht ab welcher menge sie eine lücke sehen, bei 2700 mw sehe ich jedoch eine.
      und sie wollen kohlekraft wirklich dem atomstrom vorziehen? antropogener treibhauseffekt ein begriff in ihrem wortschatz?
      1 0 Melden
    • SeKu 21.08.2015 22:58
      Highlight @el_chef
      Lesen Sie doch den Artikel: " Auch ohne Atomkraftwerke weist die Schweiz einen Überschuss aus."
      Auch der Uranabbau und die Uranaufbereitung heitzen den Klimawandel stark an (Kohle aber schon etwas mehr): http://www.focus.de/wissen/klima/tid-13427/atomkraft-die-co2-luege_aid_372528.html
      Schlussendlich muss man sich die Frage stellen, was ist schlimmer: Ein paar Jahrhunderte 1-2 Grad wärmer, oder für Jahrmillionen Milliarden von Tonnen strahlender, und hochgiftiger Abfall herstellen. So giftig, dass ein paar Milligramm reichen, um einen Menschen, ein Tier oder eine Pflanze zu töten.
      0 0 Melden
  • Der Tom 17.08.2015 23:46
    Highlight Ich rieche nichts! Bei mir kommt kein Kohlestrom aus den Steckdosen. Bezahle ja auch extra für öko Strom.
    1 2 Melden
    • el_chef 18.08.2015 13:19
      Highlight habe mal einen film eines forschers gesehen, wollte ein jahr ohne schadstoffe leben(titel leider vergessen, jedoch sehr spannend) als er bei dem energiekonzern auf ökostrom umsteigen wollte bekam er folgende antwort: dies ist möglich, jedoch beziehen sie zurzeit ein strommix, wenn sie auf ökostrom umsteigen erhalten die anderen haushalte einen grösseren anteil von nicht ökologischem strom
      4 0 Melden
  • E. Edward Grey 17.08.2015 22:13
    Highlight Technik auf aktuellen Stand gehabt, alles hat funktioniert wie es sollte, einfach nur menschliche Fehler passiert nach Wartung und bei Steuerung der Anlage. Ganz ohne Erdbeben ein Level 5 Event und mit Glück am GAU vorbei geschrammt.
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/usa-atomunfall-in-harrisburg-chronik-einer-kernschmelze-1.1079098
    4 1 Melden
  • dracului 17.08.2015 18:44
    Highlight Warum versteckt sich die Ensi hinter Gesetzen und dem Gesetzgeber? Ensi könnte einfach einmal das Alter der AKWs in Europa studieren und feststellen, dass die Schweiz Oldtimer-AKWs hat. Die AKWs müssen entweder endlich modernisiert oder sonst abgeschaltet werden. Brauchen wir wirklich noch einen Weckruf der EU, bis wir uns ernsthaft mit unseren Hippie-Relikten beschäftigen?
    18 7 Melden
    • Bowell 17.08.2015 19:08
      Highlight In Beznau werden die wenigsten Baustücke aus Anfangszeiten noch vorhanden sein. Das Alter sagt nichts über die Sicherheit eines Kraftwerks aus.
      9 20 Melden
    • Dr. Zoidberg 17.08.2015 19:41
      Highlight @bowell

      wo hast du denn diese weisheit her? wie jedes technische gebilde altert auch ein kraftwerk. und weder das containment, noch der druckbehälter oder die leitungen des primären kühlkreislaufs wurden ersetz. wie auch. dummerweise sind das aber genau die teile, deren versagen den mit abstand grössten schaden anrichten würde.
      23 3 Melden
    • _kokolorix 17.08.2015 21:50
      Highlight ich habe mal an einem winzigen projektli gearbeitet wo es um die überwachungskameras von mühleberg ging. die haben ein abartig primitives system ohne rückmeldung. man gibt kamera xy den befehl nach standort z zu fahren und geht dann davon aus, dass kamera xy nach ein paar minuten schon da sein wird. lol.
      aber etwas erschüternd für ein kkw ist das schon.
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    • Bowell 18.08.2015 06:56
      Highlight Wie die wenigsten "technischen Gebilde" werden KKWs in der Schweiz jährlich einer mehrwöchigen Revision unterzogen. Das Kraftwerk altert vielleicht, trotzdem werden alle Komponenten regelmässig auf ihre Sicherheit überprüft.
      3 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.08.2015 18:23
    Highlight Wenn man jetzt Artikel anderer Newsportale und deren Kommentare liest lässt es sich nur noch die Hände über den Kopf zusammenschlagen.
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  • Str ant (Darkling) 17.08.2015 15:57
    Highlight Wenn jeder der ein Haus besitzt ohne grosses Brimoborium Solarzellen montieren könnte wär auch schon viel geholfen.

    Wenn die Kantons- und Stadträte statt Anti-Auto lieber
    Pro-Elektro/Wasserstoff wären auch schon viel geholfen
    24 5 Melden

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