Schweiz

Kantonalpräsident Beat Walti, Regierungsrat Thomas Heiniger, seine neue Amtskollegin Carmen Walker Späh und der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger feiern den FDP-Erfolg. Bild: KEYSTONE

Blau ist das neue Grün: Wie die FDP ihr Verliererimage abstreifen konnte

Die jahrzehntelang gebeutelten Freisinnigen sind die grossen Sieger der Wahlen im Kanton Zürich. Sie profitieren mehr als jede andere Partei vom Primat der Ökonomie über die Ökologie.

13.04.15, 09:03 14.04.15, 06:40

Modefarben sind wechselhaft. Das gilt für die Haute Couture wie für die Politik. Vor vier Jahren, nach der Atomkatastrophe in Fukushima, war Grün voll im Trend. Jetzt aber erlebt ein Farbton ein Comeback, der lange megaout war: Das Blau der FDP. Seit mehr als 30 Jahren ging es für die Gründerpartei der modernen Schweiz auf nationaler Ebene nur bergab. 

Besonders heftige Schläge mussten die Freisinnigen in ihrer Hochburg Zürich einstecken: Den tiefen Fall von Bundesrätin Elisabeth Kopp etwa oder das Grounding der Swissair, das dem FDP-Filz angelastet wurde. Umso süsser schmeckt nun der fulminante Erfolg bei den kantonalen Wahlen: Plus 4,4 Prozent Wähleranteil, plus acht Sitze im Kantonsrat, dazu die beiden Sitze im Regierungsrat verteidigt. Zuvor hatte die FDP bereits bei den Wahlen in Basel-Landschaft und Luzern zugelegt. 

Das Zürcher Ergebnis ist kein Strohfeuer, sondern ein Versprechen für die nationalen Wahlen am 18. Oktober. Als «hoch motivierend» bezeichnete es Parteipräsident Philipp Müller in der Tagesschau von SRF. Wie konnten die Freisinnigen ihr notorisches Verliererimage abstreifen? Drei mögliche Erklärungen bieten sich an:

Der Frankenschock

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank am 15. Januar hat den Franken massiv aufgewertet. Seither geht im «Wirtschaftswunderland» Schweiz die Angst um vor einer Rezession und Arbeitslosigkeit. Die Ökonomie verdrängte die Ökologie auf der politischen Agenda nach hinten. Davon profitiert die FDP. Ihr Image als Wirtschaftspartei hat Schaden genommen, das Stimmvolk scheint ihr aber in diesem Bereich noch immer mehr zuzutrauen als anderen Parteien.

Die Entzauberung der Grünliberalen

Die Grünliberale Partei (GLP) galt bis vor kurzem als sichere Siegerin im Herbst. Der Absturz in Zürich hat ihr Winnerimage mehr als nur angekratzt. Gründe dafür sind der Frankenschock, aber auch das monströse Debakel ihrer Energiesteuer-Initiative. Es hat ernsthafte Zweifel an der Kompetenz dieser Partei aufkommen lassen. Auch dürften sich immer mehr Wählerinnen und Wähler die Frage stellen, ob man gleichzeitig grün und wirtschaftsliberal sein kann. 

Die Radikalität der SVP

Die SVP stagniert im Blocher-Kanton Zürich, obwohl die unsichere Weltlage ihrer Abschottungs-Ideologie in die Hände spielen sollte. Eine Erklärung sind die immer radikaleren Initiativen, die von der Partei lanciert werden. Sie hält damit ihren rechten Rand bei Laune, dürfte aber Wähler aus der Mitte abschrecken. Profiteurin ist jene Wirtschaftspartei, die für den Rechtsstaat und die Bilateralen einsteht: Die FDP.

Indizien für eine solche Entwicklung sind vorhanden. Ein Beispiel ist der Berner Unternehmer Jobst Wagner. Er flirtete eine Zeit lang mit der SVP. Nun grenzt er sich als Mitinitiant der neuen Bewegung «Vorteil Schweiz» klar von ihr ab. 

Für die FDP ist dies eine Genugtuung. Lange musste sie sich von der SVP vorführen und als «weichsinnig» verhöhnen lassen. Nach den jüngsten Erfolgen tut sie gut daran, sich nicht auf Hirngespinste wie einen «Freisinn blocherscher Prägung» einzulassen. 

Politologe Thomas Milic zum FDP-Wahlerfolg

Video: keystone

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hans Jürg 13.04.2015 23:46
    Highlight Hoffentlich kann sich Frau Walker-Späh mit dem neuen fürstlichen RR-Gehalt endlich einen echten Coiffeur leisten
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  • The Writer Formerly Known as Peter 13.04.2015 09:59
    Highlight Hoffe die Linken Nichtwähler sind für den Herbst aufgeschreckt worden! Die anderen dürfen natürlich weiterschlafen! Ich glaube bei den Regierungsräten hat Walker-Späh und Steiner geholfen, das Sie auch von Linken wählbar waren, die FDP Wähler aber nicht für Martin Graf votierten. Dies kostete Graf den Job. Sowas passiert mir kein zweites mal mehr. Anscheinend muss man wieder in Blöcken denken und die anderen Positionen leer lassen.
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    • Gelöschter Benutzer 13.04.2015 11:01
      Highlight Ich glaube kaum, dass Steiner und Walker Späh für linke Wähler attraktiv war. Wäre ja blöd, wenn man als Linker diese beiden wählt, anstatt Fehr und Graf. Zudem ist ein Grüner für die FDP nicht wählbar.
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    • Anded 13.04.2015 11:19
      Highlight Einem Linken Wähler muss doch bewusst gewesen sein, dass a) die beiden SVP und FDP Heiniger auch ohne die eigene Stimme gewählt werden, bleiben noch 4 Sitze. b) man wählt die beiden SP Fehrs, bleiben noch 2 Sitze. Man wählt Graf und gibt ev. der AL noch eine Stimme. die FDP/CVP Kandidaten wählt man als Linker in diesem Fall nicht, weil sie a) J.Fehr und Graf gefährden und b) der SVP keinen Sitz streitig machen. Anders sieht es aus, wenn sich SVP und andere Parteien um einen Sitz streiten, dann kann man als Linker gut FDP/CVF/GLP helfen um SVP-Sitze zu verhindern. (siehe z.B. Ständeratswahlen)
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    • The Writer Formerly Known as Peter 13.04.2015 11:55
      Highlight @Platinum: Du hast schon mal gewählt? Da sin 7 Namen zu nennen. Da ich die Frauen unterstützen wollte, habe ich auch Steiner und Walker-Späh gewählt. Leider kann ich keine negativ Stimmen geben. Denn die bekäme die SVP Alt-Herren Truppe!
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    • Anded 13.04.2015 12:26
      Highlight @Peter: Es war sehr naiv anzunehmen, dass alle Kandidaten auf deinem Zettel einen SVPler oder Heiniger überholen können. Also kämpfen sie Gegeneinander. Du hast allen 4 "unsicheren" (J.Fehr, Graf, Steiner, Walker-Späh) eine Stimme gegeben und somit niemandem geholfen. Wenn man alle Konkurrenten um die letzten Plätze wählt bedeutet das, dass es einem egal ist wer davon leer ausgeht.
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    • Gelöschter Benutzer 13.04.2015 12:44
      Highlight Wer sagt, dass man 7 Namen nennen muss? Du kannst doch auch nur drei Namen nennen (z.b. Die beiden Fehr und Graf). Jemanden zu wählen, nur weil sie eine Frau ist, finde ich zudem nicht besonders schlau.
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