Schweiz
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In der Schweiz werden nur noch sehr wenig Kinder zur Adoption freigegeben.
Bild: shutterstock

Nur 12 Kinder in einem Jahr: Warum die Adoption in der Schweiz immer bedeutungsloser wird

Im Jahr 1980 wurden in der Schweiz pro Jahr noch knapp 1600 Kinder adoptiert, inzwischen sind es weniger als 400. Und ein Grossteil davon sind Stiefkind-Adoptionen. «Echte» Adoptionen gibt es heute so gut wie keine mehr. Woran liegt das?



Mit dem Thema Kinderkriegen beschäftigen sich viele Menschen erst dann so richtig, wenn der Wunsch danach akut wird. Doch was, wenn man aus medizinischen Gründen gar nicht in der Lage ist, eigene Kinder zu zeugen? Viele Paare wollen sich mit diesem Gedanken gar nicht erst anfreunden: Sie versuchen alles Erdenkliche, um trotzdem ein Kind zu bekommen.

Gerade in den letzten Jahren hat sich auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin sehr viel getan; immer mehr Kinder entstehen auf diesem Weg. Doch wenn auch das nicht klappt – oder wenn ein medizinischer Eingriff aus anderen Gründen nicht in Frage kommt – bleibt nur noch eine letzte Möglichkeit: die Adoption.

Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen jedoch, dass diese Lösung in der Schweiz zum Auslaufmodell wird: Wurden im Jahr 1980 noch insgesamt 1583 Kinder adoptiert, waren es 2014 nur noch 383.

adoptionen bfs

Adoptionen nach Alter der adoptierten Person.
quelle: Bundesamt für Statistik

Inland vs. Ausland vs. Stiefkind

Dennoch sagt diese Zahl noch nicht viel darüber aus, wie viele Schweizer Paare sich tatsächlich den Kinderwunsch mittels Adoption verwirklicht haben. Denn hier werden auch Stiefkind-Adoptionen mitgezählt: Wenn zum Beispiel ein Mann die Tochter oder den Sohn seiner Ehefrau adoptiert, wird dieser – in erster Linie bürokratische – Vorgang in die Statistik mit aufgenommen.

Doch, wie viele «klassische» Adoptionen – Eltern, die ein fremdes Kind adoptieren – gibt es überhaupt noch? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müssen wir die Werte etwas genauer betrachten: Grundsätzlich unterscheidet man nämlich zwischen Inland- und Auslandsadoptionen. Dabei geht es darum, ob das adoptierte Kind in der Schweiz oder im Ausland geboren wurde.

Bei den Inlandadoptionen zeigt sich folgendes Bild: Zwar wurden im Jahr 2014 insgesamt 140 in der Schweiz geborene Kinder adoptiert. In den meisten Fällen handelte es sich aber um Stiefkind-Adoptionen. «Im Jahr 2014 wurden in der Deutschschweiz lediglich zwölf hier geborene Kinder in Adoptivfamilien platziert», erklärt Franziska Frohofer, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Fachstelle für Adoption. Und auch 2015 waren es nur zwölf Kinder.

Künstliche Befruchtung statt Adoption?

ZUR ABSTIMMUNG UEBER DIE PRAEIMPLANTATIONSDIAGNOSTIK PID AM 14. JUNI 2015 STELLEN WIR IHNEN AM DIENSTAG, DEM 9. JUNI 2015, FOLGENDES NEUES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Injection of a spermatozoon into a an ovum (ICSI: Intra Cytoplasmic Sperm Injection), at the ward for reproductive medicine of the University Hospital of Bern, Switzerland, on May 12, 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally) 

Injektion eines Spermiums in eine Eizelle (ICSI: Intra Cytoplasmic Sperm Injection), an der Abteilung fuer Reproduktionsmedizin des Inselspital Bern, am 12. Mai 2015. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Immer mehr Kinder entstehen im Reagenzglas.
Bild: KEYSTONE

Doch woran liegt das? Ist die Reproduktionsmedizin schuld daran, dass es nur noch so wenige Adoptionen gibt? Verwirklichen die Frauen von heute ihren Kinderwunsch einfach mithilfe der Medizin und die potentiellen Adoptivkinder bleiben auf der Strecke?

Mitnichten! «Das Interesse daran, Kinder zu adoptieren, ist viel grösser als das, was tatsächlich möglich ist», erklärt Frohofer. Das heisst: Es gäbe durchaus mehr Paare, die gerne ein Kind adoptieren würden, bloss werden in der Schweiz nur noch sehr wenige Kinder zur Adoption freigegeben. Ende 2015 befanden sich 89 Deutschschweizer Paare in dem Pool, in dem man darauf wartet, ein in der Schweiz geborenes Kind adoptieren zu können. Gemäss Frohofer kommen auf jedes Kind fünf bis sechs Paare, die es am Ende in die engere Wahl schaffen.

Und die Liste der Adoptionswilligen wäre sogar noch länger. Frohofer: «Viele interessierte Paare haben, wenn sie sich bei uns melden, bereits mehrere Jahre in Kinderwunschbehandlungen investiert.» Weil man als Adoptiveltern aber höchstens 45 Jahre älter als das Kind sein darf, ist der Zug für viele Paare dann schon abgefahren – und somit tauchen viele Adoptionswillige gar nicht in der Statistik auf.

Dass die Zahl der Inlandadoptionen schon länger auf einem niedrigen Niveau ist, zeigt die folgende Grafik:

zahlen adoption schweiz Schweizerische Fachstelle für Adoption

Platzierte Adoptivkinder in der Deutschschweiz zwischen 1953 und 2015. Gezählt werden hier nur die Inlandadoptionen.
Bild: Schweizerische Fachstelle für Adoption

Dass heutzutage nur noch so wenige Schweizer Kinder zur Adoption freigegeben werden, erklärt Frohofer wie folgt: «Alleinstehende Mütter werden heute viel weniger geächtet als damals. Ausserdem sind die sozialen Bedingungen hierzulande seit den Achtzigerjahren deutlich besser geworden.»

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Die veränderten sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen führten dazu, dass viele Frauen, die früher mit dem Gedanken gespielt hätten, ihr Kind abzugeben, es heute behalten wollten. «Das eigene Kind freizugeben, ist ausserdem extrem tabuisiert, für viele Menschen ist das überhaupt nicht vorstellbar. Darum wird meiner Ansicht nach auch von Seiten der Familienberatungsstellen nur selten in Richtung einer Adoption beraten, wenn eine schwangere Frau in Not kommt», so Frohofer weiter.

Auslandsadoptionen werden komplizierter

adoption

Auch Kinder aus dem Ausland werden heute seltener adoptiert.
Bild: shutterstock

Mit 243 Kindern im Jahr 2014 ist die Zahl der Auslandsadoptionen im Vergleich zu den Inlandadoptionen noch relativ hoch. Doch auch diese ist im Laufe der letzten Jahre stark gesunken. Zum Vergleich: 1980 sind noch 523 Kinder aus dem Ausland in der Schweiz adoptiert worden.

«Früher war es noch deutlich einfacher, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren. Heute laufen die Prozesse viel sorgfältiger ab und es dauert entsprechend länger, bis ein Kind ins Ausland zur Adoption kommt», erklärt Frohofer. Entscheidend für diese Entwicklung sei das Haager Adoptionsübereinkommen, das in den letzten Jahren von immer mehr Ländern unterzeichnet worden ist – darunter beispielsweise auch Rumänien und Vietnam.

Das Haager Adoptionsübereinkommen (HAÜ)

Das Haager Übereinkommen vom 29. Mai 1993 über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit im Bezug auf Auslandsadoptionen schützt Kinder und ihre Familien gegen die Gefahr illegaler, irregulärer, zu früher oder schlecht vorbereiteter Auslandsadoptionen. Dieses Übereinkommen, das auch durch ein System nationaler zentraler Behörden funktioniert, stärkt das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes und versucht sicherzustellen, dass Auslandsadoptionen zum Wohl des Kindes und unter Berücksichtigung seiner Grundrechte vorgenommen und um Entführung, Verkauf oder Handel mit Kindern verhindert werden.

Das Abkommen schreibt vor, dass zunächst im Herkunftsland nach passenden Eltern gesucht werden muss, bevor ausländische Paare in Betracht gezogen werden. «So gibt es in Indien zum Beispiel inzwischen auch Familien, die Kinder adoptieren können», sagt Frohofer.

Lieber ein kleines Baby

Aus diesen Gründen ist die Auslandsadoption laut Frohofer auch nicht mehr so beliebt wie früher: «Die Schweizer sind auf das Thema Kinderhandel sensibilisiert worden und weil die Vorgänge komplizierter geworden sind, merken wir schon, dass viele Paare heute doch lieber ein Kind aus der Schweiz adoptieren möchten.»

Ein weiterer Faktor, der bei dieser Entscheidung eine tragende Rolle spiele, sei das Alter der Kinder: «Die meisten Paare wünschen sich ein möglichst kleines Kind. Jene, die aus dem Ausland adoptiert werden, sind aber meist schon grösser. Dort weiss man dann auch nicht, was die Kinder in ihrer Heimat schon alles erlebt haben.»

In der Schweiz können Kinder bereits mit etwa vier Monaten in der Adoptivfamilie aufgenommen werden. Bis dahin werden sie in der Regel in einer Pflegefamilie betreut. Dieses Alter ist laut Frohofer aus entwicklungspsychologischer Sicht ideal. Dennoch würde dieser Prozess auch bei Inlandadoptionen oftmals etwas verzögert: «Im Schnitt sind die Kinder, wenn sie in den Familien aufgenommen werden, sechs Monate alt.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • mrgoku 04.03.2016 16:17
    Highlight Highlight ist es eigentlich wirklich so das eine Adoption extrem ins Geld geht? habe hierzu nie wirklich Fakten erhalten.. weiss da jemand bescheid?

    meine schwester ist gerade mitten drin ein Kind zu adoptieren. das jedoch in Portugal. krass finde ich dass um zu adoptieren die paare extrem viel ausweisen müssen. an kürse gehen, zeigen wie sie leben was sie arbeiten was sie verdienen etc. hört sich vielleicht krass an, aber wieso müssen das "Adoptiveltern" tun und "normale" Eltern nicht? je nachdem müsste man "normale" Eltern viel eher in kürse schicken um zu lernen wie mit kindern umzugehen ist. nicht?
    • satyros 04.03.2016 22:51
      Highlight Highlight Wenn fünf bis sechs interessierte Paare auf ein Kind kommen, kann man diese Ansprüche stellen. Früher war es umgekehrt und man hat Familien Geld gegeben, damit diese Kinder bei sich aufnehmen (Verdingwesen). Jetzt dünkt mich das irgendwie besser.
  • Snow White 04.03.2016 15:09
    Highlight Highlight Adoption wird zum Auslaufmodell... wirklich, die weicht der heutig popular und zulässig gewordenen Leihmutterschaft. Die letztere erlaubt genetisch eigene Kinder und die Mutterschaft vom ersten Tag des Leben vom Kind. Vom ersten TAg an und für immer. Und keine Reue darüber.
    Ich z.B. bereue nicht, dass auch mein Kind per Leihmutterschaft entstand.
    Schlecht ist, dass nur ausländische Leihmutterschaft erlaubt ist, wie bei uns in der Ukraine, aber da kann man nichts machen.
    • satyros 04.03.2016 22:53
      Highlight Highlight Ist das nicht etwas kompliziert, wenn die genetische Mutter und die biologische Mutter (die das Kind austrägt) nicht dieselbe Person sind?
    • Martiis 05.03.2016 09:17
      Highlight Highlight Wohl eher etwas teuer. Aber es gibt ja auch den umgekehrten Fall, dass eine Frau mittels Eizellenspende erst schwanger werden kann. Da wüsste ich jetzt nicht, was daran schlechter sein soll, als an einer Samenspende, wenns mit dieser des eigenen Mannes nicht klappt.
    • Viktoria 08.03.2016 15:51
      Highlight Highlight Hallo Snow White. Da ich mich ohnehin gerade mit dem Thema Leihmutterschaft beschäftige (als Folge-Story zu diesem Adoptions-Artikel), klingt das, was du da geschrieben hast, sehr spannend für mich. Könntest du dich vielleicht per Mail mit mir in Verbindung setzen? Das wäre super. Meine Adresse: viktoria.weber@watson.ch Vielen Dank und liebe Grüsse, Viktoria
  • RiotGurl 04.03.2016 11:11
    Highlight Highlight Ich wurde auf den Tag genau vor einigen Jahrzehnten adoptiert.

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