Schweiz

Wie die Schweiz die Rechte von Transgendern verbessern will

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hat am Freitag in Luxemburg Justizminister Félix Braz getroffen. Die Themen ihres Treffens: Wie Transidentität und Geschlechtsvarianten besser im Recht abgebildet werden können – und die «Ehe für alle». 

27.10.17, 21:42

Bundesrätin Sommaruga, die vom St. Galler Regierungspräsidenten Fredy Fässler als Vertreter der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) begleitet wurde, tauschte sich mit Minister Braz über die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Transidentität und solchen mit Geschlechtsvarianten aus.

Schauspielerin Renata Carvalho ist Transgender. Bild: AP/AP

Menschen mit Transidentität fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, dessen äussere Merkmale ihr Körper trägt. Menschen, die mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung geboren wurden, können aufgrund ihrer Geschlechtsmerkmale teilweise nicht eindeutig den medizinisch anerkannten Kategorien «männlich» oder «weiblich» zugeordnet werden.

Arbeiten an einem Gesetz, das es transidenten und geschlechtsvarianten Personen vereinfachen soll, ihr Geschlecht und ihren Vornamen im Personenstandsregister zu ändern, sind in Luxemburg bereits weit fortgeschritten. Das EJPD prüft derzeit ebenfalls eine solche Vereinfachung. Heute müssen sich diese Personen eine Änderung auf dem Weg über Gerichte erkämpfen.

Einfach eine Erklärung abgeben

Denkbar ist, dass sie künftig ohne vorgängige medizinische Eingriffe oder Begutachtung gegenüber dem Zivilstandsamt einfach eine Erklärung abgeben können, dass der Eintrag ihres Geschlechts und ihres Vornamens geändert werden soll. Die familienrechtlichen Verhältnisse wie die Ehe, die eingetragene Partnerschaft und das Kindesverhältnis würden von dieser Änderung nicht tangiert.

Der Bundesrat hatte, gestützt auf die Ergebnisse einer Studie des Schweizerischen Kompetenzzentrums für Menschenrechte (SKMR) festgestellt, das geltende Recht schütze transidente und geschlechtsvariante Menschen nicht ausreichend gegen Diskriminierung. Namentlich sei das heutige gerichtliche Verfahren für die Änderung des Geschlechts im Zivilstandsregister zu bürokratisch und deshalb diskriminierend.

«Ehe für alle»

Ein weiteres Thema in Luxemburg war die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Die Parlamentarische Initiative «Ehe für alle» will die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Das Parlament hat dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) den Auftrag erteilt, die möglichen Auswirkungen einer «Ehe für alle» in den verschiedenen Rechtsbereichen vertieft abzuklären.

Zu prüfen sind unter anderem die Folgen im Bereich der Fortpflanzungsmedizin und des Adoptionsrechts. Über den weiteren Fahrplan entscheidet, wie immer bei Parlamentarischen Initiativen, das Parlament.

In Luxemburg können gleichgeschlechtliche Paare seit Anfang 2015 heiraten. Europaweit gibt es die Ehe für alle heute bereits in 15 Ländern, unter anderem auch im konservativen Irland.

Niemandem etwas wegnehmen

Wie das EJPD mitteilte, waren Sommaruga und der luxemburgische Justizminister sich einig, dass die Ehe für alle niemandem etwas wegnehme: Wer heiraten wolle, könne das auch künftig tun. Die traditionelle Familie könne ein sicherer Wert sein, aber auch andere Formen des Zusammenlebens seien heute eine Realität.

Das Familienrecht werde daher seit einiger Zeit in verschiedenen Bereichen an die gesellschaftlichen Realitäten angepasst. Luxemburg kennt seit 2004 auch eine gesetzliche Lebenspartnerschaft (PACS), die allen Menschen offen steht. Dazu laufen in der Schweiz derzeit ebenfalls Diskussionen, der Bundesrat wird sich voraussichtlich Mitte 2018 in einem Bericht dazu äussern. (dwi/sda)

Transidentität und Geschlechtsvarianten in der Schweiz

In der Schweiz werden jedes Jahr rund vierzig Kinder geboren, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmt werden kann. Je nach Definition fällt die Anzahl der Kinder mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung jedoch höher aus.Die Fachliteratur geht zudem davon aus, dass in der Schweiz zwischen 100 und 200 Menschen mit Transidentität leben, die bereits operiert wurden oder bei denen eine Operation in Betracht gezogen wird. Die Zahl der Menschen mit Transidentität ist insgesamt allerdings höher, denn nicht alle Personen entschliessen sich für eine operative Geschlechtsumwandlung.Der Anteil der Menschen mit Transidentität und der Menschen mit Geschlechtsvariante an der Gesamtbevölkerung ist zwar klein, die betroffenen Personen und ihre Angehörigen sind aber oft grossem psychischem Druck ausgesetzt. Eine Vereinfachung des Rechtswegs und ein gesellschaftliches Umdenken könnten einen Teil dieses Drucks beseitigen, schreibt das EJPD.

dwi/sda

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tagedieb 28.10.2017 19:40
    Highlight Warum ist diese Einteilung so wichtig, wenn sie vielen Menschen nicht gerecht wird? Name und Vorname reicht doch! Warum muss man bei jeder Bestellung und immer und überall sagen ob man Weiblein oder Männlein ist? Wenn wir alle einander in erster Linie als Menschen sehen würden, wäre so vieles einfacher und gerechter ...
    4 3 Melden
  • Nuka Cola 28.10.2017 07:48
    Highlight Ich muss sehen, ich kann nicht verstehen, wozu es überhaupt solch einer Debatte bedarf, sollte so etwas nicht irgendwie selbstverständlich sein?

    Klar, man wird keine 1000 neue Begriffe einführen, soll man auch nicht. Man kann doch die Begrifflichkeiten Mann und Frau weiter verwenden, und einfach das entsprechende Attribut davor stellen.
    8 5 Melden
  • roterriese {gender fluid; AH-64} 28.10.2017 07:16
    Highlight Wird die AH 64 Ehe endlich legalisiert?
    9 3 Melden
  • stan1993 28.10.2017 02:08
    Highlight Ist das Populismus?
    9 7 Melden
    • roterriese {gender fluid; AH-64} 28.10.2017 09:02
      Highlight Ja, Linkspopulismus
      9 8 Melden
    • Fabio74 28.10.2017 11:18
      Highlight Ist deine Frage intelligent? Nein
      7 6 Melden
    • Sir Jonathan Ive 30.10.2017 08:55
      Highlight Po·pu·lịs·mus
      Substantiv [der]abwertend
      eine Politik, die mit scheinbar einfachen Lösungen die Gunst der Bevölkerung zu gewinnen versucht.

      Ich glaube Sie verstehen das Wort falsch.
      1 0 Melden
  • Bonzino 27.10.2017 22:44
    Highlight Frau BR Sommaruga hat ein neues Thema gesucht und gefunden. "Geschlechtsvarianten". Alle Varianten der multigeschlechtlichen Liebe will sie auch behördlich Absegnen. Ja, eine wahrhaft grosse Aufgabe für die Schweiz. Wir, die Probleme sehen, wo Andere nicht mal wissen, dass es sie gibt. Frau Sommaruga wird Erfolg haben, weil andere Probleme haben wir ja nicht.
    29 37 Melden
    • Cerulean 27.10.2017 23:32
      Highlight Die ewige "wir haben andere/größere Probleme"-Leier. Bei diesem Denkmuster kann man ja nie ein Problem lösen, weils ja immer ein anderes gibt. Der Bundesrat will Transmenschen besser stellen - ist doch toll. Das heißt ja nicht, dass man sich nicht gleichzeitig auch um anderes kümmern kann. Oder darf man sich erst um "kleine" (übrigens ist das durchaus Ansichtssache) Probleme kümmern, wenn das Klima sich stabilisiert hat, Weltfrieden herrscht, Armut und Hunger beseitigt sind und wir im Land wo Milch und Honig fließen leben?
      11 7 Melden
    • seventhinkingsteps 27.10.2017 23:34
      Highlight Man kann mehrere Probleme gleichzeitig angehen, weisst du...
      13 5 Melden
    • Fabio74 28.10.2017 00:13
      Highlight Doch wir haben andere Probleme. Das heisst aber nicht, dass wir dieses Problem nicht lösen können und wollen! Es betrifft eine kleine Minderheit. Aber es ist Aufgabe des Staates diese zu schützen und dieser Minderheit zu ihren Rechten zu verhelfen!!
      12 7 Melden
    • Chrigu91 28.10.2017 00:20
      Highlight Solange man als empathieloser Mensch selbst nicht betroffen ist, kanns einem ja scheiss egal sein... Ist so...
      9 5 Melden
    • Enzasa 28.10.2017 00:35
      Highlight Wie im Text bereits geschrieben geht um ca. 250 Menschen jährlich.
      Warum nicht fiesen Menschen? Das Leben einfacher machen, Der Aufwand ist doch gering,

      Natürlich kennen dieses Problem nur Menschen, die davon betroffen sind? Für den Rest ist es eine Lachnummet nichts ahnend dass man Mrndchen damit in den Suizid treibt
      4 4 Melden
    • Marmey 28.10.2017 03:39
      Highlight Kann Ihnen nur zustimmen! In der Schweiz wurden 2016 ca. 90'000 Kinder geboren. 40 davon waren dem Geschlecht nicht zuteilbar. Es handelt sich also um 0,04% der Geburten! Um dieses riesige Problem zu lösen reist BR Sommaruga eigens nach Luxmburg, womöglich noch im Bundesratsjet. Hat die Frau eigentlich keine anderen Probleme zu lösen?
      10 13 Melden
    • Fabio74 28.10.2017 11:16
      Highlight Und Marmey auch diese kleine Zahl Mensch hat Anrecht gehört zu werden und gleiche Rechte zu haben!!
      Schade habt ihr so viel Frust und Hass in Euch!
      Demokratie ist keine Diktatur der Mehrheit!
      12 4 Melden
  • α Virginis 27.10.2017 22:17
    Highlight Wenn auch schleppend, so geht Indien da bereits weiter, als Geschlecht gelten Männlich, Weiblich und auch Transgender (Eunuchen, Hermaphroditen und Corssdresser).
    13 7 Melden
    • Fabio74 28.10.2017 00:14
      Highlight Eunuchen sind Männer die man zwangsweise kastriert hat vor der Pubertät . Das ist Rückständig und grausam
      8 2 Melden
    • α Virginis 28.10.2017 10:22
      Highlight Ja, Fabio, stimmt. Leider gibt es trotzdem immer noch Kulturen, bei denen Kastraten durchaus vorkommen, auch wenn ich das als äusserst primitiv betrachte.
      2 0 Melden
    • Fabio74 28.10.2017 11:17
      Highlight Darum ist das nicht ein Schritt weiter. Sonst zurück ins dunkle Mittelalter beim Thema Kastraten.
      4 0 Melden

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