Schweiz

Walter Thurnherr soll Bundeskanzler werden.
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Warum CVP-Mann Walter Thurnherr im Dezember wohl neuer Bundeskanzler wird

Doris Leuthards wichtigster Mann Walter Thurnherr soll Bundeskanzler werden – das wirft Fragen auf. Tritt die CVP-Bundesrätin gar nicht mehr zu den Wiederwahlen im Dezember an?

07.10.15, 07:04 07.10.15, 08:51

Antonio Fumagalli und Dennis Bühler / Aargauer Zeitung

Vor wenigen Monaten in Bern, am Rand der Aare. Zwei Personen sitzen in einem Café und unterhalten sich angeregt. Es sind: Annemarie Huber-Hotz, Bundeskanzlerin von 2000 bis 2007, und Walter Thurnherr, Generalsekretär im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek). Was sie sich zu sagen hatten, ist nicht bekannt. Gut möglich, dass er sich von ihr Tipps geben liess.

Annemarie Huber-Hotz.
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Denn seit Dienstag wissen wir: Die CVP schlägt Thurnherr als neuen Bundeskanzler und damit als Nach-Nachfolger von Huber-Hotz vor. «Thurnherr bringt die dafür notwendigen Kompetenzen mit und wird der ganzen Bevölkerung ein fähiger und loyaler Bundeskanzler sein», sagt Parteipräsident Christophe Darbellay vor den Medien. Er spricht ohne Konjunktiv.

Die Chancen stehen gut

Gemäss heutigem Kenntnisstand – bislang meldete keine andere Partei ein konkretes Interesse für den Magistratsposten an – hat Thurnherr tatsächlich gute Chancen, von der Bundesversammlung am 9. Dezember gewählt zu werden. Noch ist der smarte Aargauer aber Uvek-Generalsekretär und damit rechte Hand von Bundesrätin Doris Leuthard.

«Sie hat mich unterstützt und fand, dass es der richtige Moment für mich sei, diesen Schritt zu machen.»

Walter Thurnherr spricht zu Doris Leuthard.
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Nicht alle Departements-Generalsekretäre füllen ihren Posten mit Macht und Kompetenz aus. Thurnherr tut es, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen bezeugen. Sein Einfluss innerhalb der Verwaltung ist gross – womit er an seinen Vorgänger im Departement, den legendären Hans Werder erinnert. Als treuer Wegbegleiter von Moritz Leuenberger galt dieser dank Arbeitseifer und Sachkenntnis gar als «Schattenminister». Die beiden Freunde aus Studententagen waren in symbiotischer Weise miteinander verknüpft.

Spekulationen um Rücktritt

Stellt sich also die Frage, warum Leuthard den wichtigsten Mann in ihrem Departement ziehen lässt. Angesprochen auf die Reaktion seiner Chefin sagte Thurnherr: «Sie hat mich unterstützt und fand, dass es der richtige Moment für mich sei, diesen Schritt zu machen.»

Möglich ist aber auch eine andere These: Leuthard tritt im Dezember gar nicht mehr zur Wiederwahl an und ist damit auch nicht mehr auf Thurnherr angewiesen. Vielmehr ermöglicht sie einem verdienten Mitarbeiter quasi als Abschiedsgeschenk den höchsten Posten, den er sich wünschen kann. Der «Tages-Anzeiger» nährte die Spekulationen am Samstag, weil sie bislang offenlässt, ob sie nochmals kandidiert.

Bei Leuthards Departement heisst es in dieser Hinsicht erwartungsgemäss: no comment. Gesprächsfreudiger sind die Parlamentarier. Auf die Frage, ob er ausschliessen könne, dass Frau Leuthard in den nächsten zwei Monaten zurücktrete, sagt CVP-Präsident Darbellay: «Das weiss nur sie. Oder Gott.» Klar ist: Auch wenn jemand innerhalb der CVP von allfälligen Rücktrittsplänen Leuthards Kenntnis hätte, er oder sie würde es bestimmt nicht an die grosse Glocke hängen.

Candinas mit Evelyne Widmer-Schlumpf.
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Die meisten Politiker halten es jedoch für ausgeschlossen, dass Leuthard nicht für eine weitere Amtszeit kandidiert: «Ich kann es mir nie und nimmer vorstellen», sagt stellvertretend Nationalrat Martin Candinas (CVP, GR). In der Tat stehen in näherer Zukunft eine ganze Reihe gewichtiger Traktanden in der Uvek-Agenda: Der Abschluss der Energiestrategie-Beratungen, die Abstimmung über die zweite Gotthardröhre, die Einweihung des Gotthard-Basistunnels. Und im Jahr 2017 winkt Leuthard ein zweites Mal die Bundespräsidentschaft. Politbeobachter gehen davon aus, dass sie ihren Posten erst danach räumt.

Am 9. Dezember wissen wir's

Behalten sie recht, würde Leuthards bislang engster Mitarbeiter ihr weiterhin zur Seite stehen. Zwar nicht mehr im eigenen Stab, dafür im Rahmen der Bundesratssitzungen. Ein Nachteil wäre das sicherlich nicht – was den anderen Parteien sauer aufstösst. Zwar will sich in den Parteizentralen niemand so zitieren lassen, hinter vorgehaltener Hand aber befürchten sie ein Powerplay des derzeitigen Uvek-Führungsduos im Bundesratszimmer.

Klarheit über die offenen Fragen wird es erst im Verlauf des 9. Dezembers geben, dann stehen die Wahlen für den Bundesrat und das Kanzleramt an. Vielleicht überraschen die anderen Parteien bis zu diesem Datum mit einer eigenen Kanzler-Kandidatur. Oder Leuthard mit einer Ankündigung in eigener Sache. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Schneider Alex 08.10.2015 07:02
    Highlight Katholisches Netzwerk nach wie vor intakt!

    Wer in der öffentlichen Verwaltung tätig ist oder war, hat die Auswirkungen des katholischen Netzwerks selbst erfahren oder beobachten können: Katholische resp. CVP-Regierungsräte oder Abteilungsleiter hieven wenn möglich ihre Klientel in die Verwaltung. Das geschieht selbstverständlich nicht offensichtlich, aber man merkt es und ist verstimmt.
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