Schweiz
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Der mysteriöse Tod des Offiziersaspiranten Flükiger

Hervé de Weck / Schweizerisches Nationalmuseum

Bis heute ist der Tod des Offiziersaspiranten Rudolf Flükiger nicht geklärt. Kreuzte der Berner ungewollt die Wege jurassischer Separatisten? Wurde er von Schmugglern ermordet? Oder kam er der RAF in die Quere? Drei mögliche Hypothesen.

08.01.18, 20:09 09.01.18, 06:37

Bis heute wird im Jura über das Schicksal von Rudolf Flükiger gerätselt. In der Nacht vom 16. auf den 17. September 1979 verschwindet der 21-jährige Berner Offiziersaspirant und Radfahrer während eines Postenlaufs auf dem Waffenplatz von Bure. Erst einen Monat später findet man seine sterblichen Überreste in der Gegend von Grandvillars in Frankreich

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Der Fall Flükiger» erschien am 21. Dezember 2017.
Mehr historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Ein Suizid mittels Handgranate, wie das Ergebnis der Untersuchung in der Schweiz lautet, scheint unwahrscheinlich. Erstens, weil Rudolf Flükiger als solider und unbeschwerter junger Mann gilt, der sich wohl in seiner Haut fühlt, und zweitens, weil sich beim Militär seit 1943 nur drei oder vier Selbsttötungen mittels Handgranate ereignet haben – die meisten Suizide werden mit der Ordonnanzpistole verübt.

Bei der Explosion einer Handgranate des Modells 43 entstehen Fragmente mit einer Nummer, über die sich zurückverfolgen lässt, welche Truppe die entsprechende Serie erhalten hat. An der besagten Stelle soll jedoch offenbar keine Spur einer solchen Nummer gefunden worden sein. 

Drei Hypothesen zum Tod von Rudolf Flükiger

Nur der untere Teil der Leiche wird zusammen mit Granatsplittern gefunden, vom Metall der Pistole und dem Leder des Halfters fehlt jedoch jede Spur. Die Hälfte der militärischen Erkennungsmarke liegt neben der Leiche. Ist es möglich, dass die Marke durch die Explosion zerrissen wurde? Der Stiel der Handgranate ist vorhanden, doch – und das ist das Beunruhigende – können weder Pistole, Kompass und Taschenlampe noch Deckel und Zünder der Handgranate gefunden werden.

• 16.-17.09.1977: Offiziersaspirant Rudolf Flükiger verschwindet während eines nächtlichen Postenlaufs auf dem Waffenplatz von Bure. 
• 19.-21.09.1977: Die Familie von Rudolf Flükiger erhält fünf anonyme Anrufe. 
• 13.10.1977: Rudolf Flükigers Überreste werden in 12 Kilometer Luftlinie vom Waffenplatz im französischen Grandvillars gefunden.

Rudolf Flükiger im Militärdienst.

Die Waffe hat sich durch die Explosion nicht etwa verflüchtigt, sondern ist sage und schreibe verschwunden, es sei denn, sie sei dem Aspiranten zuvor gestohlen worden, oder der Aspirant selbst hätte sie verloren. Ihre Nummer war im Dienstbüchlein des Aspiranten vermerkt. Es hat den Anschein, dass sie nie veröffentlicht wurde, obschon sich dadurch eine neue Fährte – in diesem Fall zu einem Verbrechen – hätte ergeben können. Als Erklärung für den noch immer ungeklärten Todesfall kommen drei Hypothesen in Frage: 

Hypothese 1

(Drogen-)Schmuggler werden von einem rennenden Mann in blauem Overall überrascht, der eine Taschenlampe hält und an der Seite eine Pistole trägt. Sie halten ihn für einen Grenzwächter oder Polizisten und erschiessen oder erschlagen ihn. Um eine falsche Fährte zu legen, bringen sie die Leiche nach Frankreich. Mit einer aus einem schweizerischen Munitionsdepot gestohlenen Handgranate werden allfällige Spuren beseitigt. 

Hypothese 2

Aspirant Flükiger wird im Umkreis des Waffenplatzes von Bure unfreiwillig Zeuge davon, wie Mitglieder der Roten Armee Fraktion den lebenden oder toten Hanns Martin Schleyer an einen neuen Ort bringen. Der Zeuge muss beseitigt werden. 

Hypothese 3

Am 15. Oktober 1977 erhält die Redaktion der Zeitung «L’Impartial» aus La Chaux-de-Fonds ein anonymes Schreiben, das die Untersuchungsverantwortlichen von Beginn weg als Instrument eines pro-bernischen Ränkespiels einordnen (der Fall wurde denn auch tatsächlich instrumentalisiert). In diesem Schreiben gesteht ein angeblicher Bélier-Anhänger, der mit dem Brief sein Gewissen erleichtern möchte, Rudolf Flükiger sei in der Absicht entführt worden, den Fernsehkameras vor dem Bundeshaus einen nackten «Fritz» (Deutschschweizer) vorzuführen.

Beim Transport im Kofferraum eines Autos sei der gefesselte und geknebelte Aspirant an seinem Erbrochenen erstickt. Der Suizid mittels Handgranate sei zur Beseitigung allfälliger Indizien inszeniert worden, die ein Nachvollziehen der tatsächlichen Todesumstände hätten ermöglichen können. Im Unterschied zu den damaligen Zeitungsartikeln wird der Name Flükiger im Brief korrekt geschrieben.

Der Brief wirft Fragen auf: 

Ausgangspunkt von Flükigers Verschwinden: Der Waffenplatz von Bure.

Gemäss «Spectator», einem dem Autor bekannten Jurassier, existiert ein Protokoll der Sitzung von Grandfontaine, das die Anwesenden nennt. Ein Teilnehmer sei erst im späteren Verlauf des Abends zur Gruppe gestossen und hätte einen aus frischer Transaktion herrührenden Geldbetrag mitgebracht. Mehr soll das Protokoll dazu nicht sagen.

Ein weiteres mögliches Szenario, für das allerdings keinerlei Belege existieren: Flükiger stösst während seines Postenlaufs versehentlich auf diese Transaktion und wird mit einer fremden Waffe beseitigt. Die Leiche wird weggebracht, damit keine Aufmerksamkeit auf die Versammlung von Grandfontaine gelenkt wird. Mit einer gestohlenen Handgranate wird das Verbrechen als Selbsttötung getarnt. Die Pistole wird behalten: Die Waffe ist der Polizei nicht bekannt. 

Was hat die Militärjustiz unternommen, in deren Zuständigkeit die Ermordung eines sich im Dienst befindenden Militärangehörigen fällt? Und was hat die Bundespolizei unternommen, in deren Zuständigkeit ein Sprengstoffdelikt fällt? Hatten die Beamten in Ajoie die Mittel und Möglichkeiten, die Untersuchung in aller Gründlichkeit durchzuführen und alle daraus resultierenden Schlüsse zu ziehen?

Zum damaligen Zeitpunkt steht die Abstimmung der Kantone und der Schweizer Bevölkerung über die Gründung der Republik und des Kantons Jura an. Die Berner Kantonsregierung hat sich da bereits damit abgefunden, dass sie jenen Teil ihres Kantonsgebiets verlieren wird. Polizei und Justiz zeigen keine sonderliche Dynamik mehr, besonders, wenn ein Fall in Zusammenhang mit der Jurafrage steht. Den Leitfiguren des Verfassungsrats empfiehlt es sich nicht, die Béliers als Angeklagte in einem Verbrechen zu sehen. Bundesrat Kurt Furgler, der in der Jurafrage grosses Engagement gezeigt hat, möchte sein Wirken nicht gefährden. Er lädt den Chefredakteur des «Bundes» vor und bittet ihn, vom Fall Flükiger nicht allzu viel Aufhebens zu machen. 

Der Tod von Aspirant Flükiger ist nicht restlos geklärt. Vergessen wir nicht den unbeschreiblichen Schmerz seiner Familie, die sich absolut sicher ist, dass sich der junge Mann nicht das Leben genommen hat.

«L'affaire Flükiger», Dok- und Diskussionssendung auf RTS vom 1. Dezember 2010. Quelle: RTS

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Zeno Hirt, 25.6.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Juan95 09.01.2018 11:20
    Highlight 4. Hypothese

    Flückiger wurde aus Rache am schweizer Militär von einem Landwirt Bures entführt/getötet. Die Bevölkerung Bures wurde bei der Vergrösserung des Waffenplatzes enteignet und ht viel Land verloren. Sie hassen das Militär ao, das kein einziges Militärauto oder Person in Uniform das Dorf auch heute noch passieren darf!
    7 10 Melden
    • So en Ueli 09.01.2018 21:44
      Highlight Können Sie Ihre Schilderungen/Behauptungen beweisen? Ich war während meiner Dienstzeit nicht wenige Male uniformiert in Bure in dessen Dorfkern. Mir wurde noch nie die Durchfahrt oder der Aufenthalt verweigert.
      7 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 09.01.2018 10:26
    Highlight Cooler Artikel. Es hat aber auch noch mehr Morde, welche vielleicht in Verbindung stehen. Im Frühling 1978 wurde auch ein Polizist brutal ermordet, weil er zu viel wusste. Im gleichen Monat wurde auch ein Wirt der Region ermordet.
    18 0 Melden
  • Sageits 09.01.2018 10:10
    Highlight Hypothese 3 könnte ich mir schon vorstellen. Da wurde verbissen und mit harten Bandagen um einen Kanton Jura gekämpft.
    Am Rande:
    Mein Vater hatte kurz nach der Gründung des Kantons Jura ein neues Auto mit einer Zulassungsnummer vom Kanton Bern und war öfters im Jura unterwegs. Er hat sich zum Schutz vor Vandalismus mehrere VS-Fahnen-Sticker auf seinen Wagen geklebt ( er war ursprünglich vom VS). Die Emotionen blieben halt auch nach der Abstimmung auf hohem Niveau. Passiert ist nie etwas.
    8 0 Melden
  • länzu 09.01.2018 04:17
    Highlight Ein Fall mehr, bei dem der damalige Bundesrat Furgler eine sehr traurige Rolle gespielt hat. Dass der überhaupt nicht abgesetzt wurde, ist immer noch skandalös. Bereits beim Fall Jeanmaire hat er ja ein Intrigenspiel erster Güte abgezogen.
    11 2 Melden
  • derEchteElch 08.01.2018 22:22
    Highlight Ich fand die Hypothese 2 (RAF Entführung von Hanns Martin Schleyer) interessant, dann begann ich etwas zu recherchieren.. 🧐

    Schleyer wurde doch nie irgendwo in der Nähe der Schweiz festgehalten? Von Köln ging es praktisch nach Westen in Richtung Den Haag und Brüssel...

    Die Leiche wurde zwar bei Mülhausen (F) gefunden, aber was hätten sie soviel weiter südlich bei Burre gesucht/getan?

    Bitte um weitere Aufklärung und Infos, das interessiert mich sehr 🙂
    107 10 Melden
    • Romandie - Guy 09.01.2018 00:15
      Highlight In der Doku wird gezeigt dass zwei andere Fälle zeitlich und geographisch dem Fall Flükiger sehr nahe liegen.
      Erstens ist da die Schiesserei und darauffolgende Festnahme von zwei RAF-Mitgliedern am Grenzort Fahy.
      Zweitens werden die Eltern von Flükiger nach dessen Tod von einem Polizisten aus der Region, Heusler, besucht und ausgefragt. Wenige Monate später stirbt dieser Polizist. Verdächtigt und verurteilt wird dessen Kollege Rychen. Doch der Fall ist unklar. Rychen beteuert noch heute seine Unschuld und ist überzeugt das die RAF Heusler ermordet hat. Vielleicht wusste er zu viel ?
      16 0 Melden
    • Daniel Huber 09.01.2018 01:13
      Highlight Dazu gibt es einen ergänzenden Artikel, den wir ebenfalls vom Blog des Nationalmuseums übernehmen. Er wird in den nächsten Tagen hier publiziert.
      48 0 Melden
  • Martin68 08.01.2018 21:23
    Highlight Vielen Dank für diesen Bericht! Weshalb erscheint dieser erst jetzt, nachdem die letzte der Jurafragen geklärt wurde?

    Es wäre an der Zeit, dass die Eidgenossenschaft den Fall endlich transparent behandelt und restlos aufklärt, wie jeder andere Mordfall auch.

    Das ist die offizielle Schweiz der Familie und Allen die Rudolf gekannt haben schuldig.

    Jura hin oder her!!

    Zu dieser Zeit hatten wir noch nicht vor den IS Terroristen Angst, sondern vor den feigen Aktionen der Beliers!
    36 36 Melden
    • Juliet Bravo 08.01.2018 22:57
      Highlight Also warens die Béliers?
      12 10 Melden
    • Martin68 09.01.2018 15:38
      Highlight @Juliet Bravo: Habe ich nicht gesagt, deshalb sollte der Fall aufgeklärt werden um die Verdachte auszuschalten.

      Autobombe in Bern, Gerechtigkeitsbrunnen, Holzbrücke Büren, Wankdorfrasen, alter Fritz etc......unsere Ängste waren vorhanden....
      7 0 Melden
  • mille_plateaux 08.01.2018 21:14
    Highlight Spannender Artikel, danke Watson!
    Die ganze Jurafrage wird trotz aktueller, innenpolitischer Relevanz leider noch zu wenig aus historischer Warte beleuchtet (wobei Watson in der jüngeren Vergangenheit hier sehr viel geleistet hat und positiv aufgefallen ist). Eine öffentliche Aufarbeitung des Themas wäre so langsam wünschenswert. Gerade meine Generation (geb. in der Wendezeit) weiss zwar Märchen von Tell und Winkelried zu erzählen, aber nichts zum Jura. Und den etwas älteren Menschen würde eine weniger ideologisch gefärbte Darstellung als damals verfügbar wohl auch nicht schaden.
    64 7 Melden
    • niklausb 08.01.2018 22:26
      Highlight Es ist nicht Watson dass hier schreibt sondern das Schweizerische Nationalmuseum....
      59 1 Melden
    • mille_plateaux 08.01.2018 22:40
      Highlight Das ist mir bewusst. Das «Danke» war fürs Übernehmen des Blogeintrages (da haben sich die Verantwortlichen in den letzten Tagen auch schon schlechter angestellt 😅), und 2017 wurden auf Watson ja auch einige selbstgeschriebene Artikel zum Jura veröffentlicht.
      24 0 Melden
  • Azrag 08.01.2018 21:10
    Highlight Habe diesen Sommer eine Artikelserie darüber gelesen. Unglaublich, wie schlecht die Ermittlungen damals gelaufen sind und wie politisch Einfluss genommen wurde.
    41 0 Melden
    • Alnothur 09.01.2018 01:11
      Highlight Erinnert ein bisschen an das Kander-Unglück. Da wurde seitens Politik und Medien dermassen Druck gemacht, dass es am Ende der reinste Schauprozess wurde.
      5 8 Melden
    • Gzuz187ers 10.01.2018 22:09
      Highlight Das mit den Booten?
      2 0 Melden
  • ubu 08.01.2018 20:37
    Highlight Ein grossartiger Bericht von Hervé de Weck. Sehr zu empfehlen ist auch das Buch, das er gerade über den Jura im Ersten Weltkrieg geschrieben hat.
    24 0 Melden
  • SilWayne 08.01.2018 20:21
    Highlight Vielen Dank für diesen interessanten Bericht!
    200 4 Melden

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