Schweiz

Bild: Facebook

Katharine Hamnett: «Fashion Victims! Hört auf das Zeugs zu kaufen, bis es fair produziert ist»

Sie ist eine der wichtigsten britischen Designerinnen und setzt sich seit Jahren für fair produzierte Mode ein: Katharine Hamnett. Ein Gespräch über Moderiesen wie Gucci und H&M, gescheiterte Versuche und Mode, die nicht sexy ist.

11.06.16, 17:00 12.06.16, 08:48

Katharine Hamnett, Sie engagieren sich schon lange für faire Mode. Was hat ursprünglich den Ausschlag gegeben?
Katharine Hamnett: Ich habe mich schon sehr früh – in den 80er-Jahren – angefangen zu fragen, ob man im Mode-Zirkus überhaupt nach ethischen Grundsätzen arbeiten kann. Ob ich überhaupt Mode entwerfen und produzieren kann, ohne jemandem damit ernsthaft zu schaden. 

Katharine Hamnett

Zur Person

Die britische Designerin war eine der ersten, die politische Slogans auf Kleider druckte. Ihre «Message-T-Shirts» mit teils provokativen politischen Botschaften machten sie bekannt. 1979 lancierte sie ihre erste Kampagne gegen bleihaltiges Benzin. 1984 trug sie bei einem Empfang bei Premierministerin Margaret Thatcher ein Shirt mit der Aufschrift «58% Don’t Want Pershing» gegen Atomwaffen.

Hamnett ist eine der bedeutendsten britischen Designerinnen. 2015 rief Hamnett dazu auf, Benetton zu boykottieren, bis die Marke für die Schäden aufgekommen ist, die sie mit dem Brand in der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch verursachte. (egg)

Und was war die Erkenntnis?
Ich musste feststellen, dass genau das Gegenteil zutrifft: Mode beutet grundsätzlich sehr viele Leute aus. Das verdeutlicht nur schon die Zahl von 27 Millionen Kleidernäherinnen, die praktisch als Sklavinnen arbeiten müssen. Von den Baumwoll-Bauern reden wir da noch gar nicht.

Dennoch ist Fair Fashion immer noch ein Nischenprodukt. Wie können Sie der fair produzierten Mode endlich zum Durchbruch verhelfen?
Ich versuche es ständig ...
Die Konsumenten würden inzwischen sehr wohl fair produzierte Mode tragen wollen – wenn sie zum gleichen Preis wie die «normale» Mode zu haben wäre. Aber um das zu erreichen, brauchen wir bessere Gesetze. Auf freiwilliger Basis ist das nicht hinzukriegen.

«Mode beutet grundsätzlich sehr viele Leute aus.»

Katharine Hamnett, britische Modeschöpferin

Was würden wir mit Gesetzen gewinnen?
Wir müssen garantieren können, dass die Textilien, die wir heute billig aus Bangladesch, Kambodscha oder China nach Europa importieren, unter menschenwürdigen Umständen hergestellt werden. Dafür müssten die Arbeitsgesetze in diesen Ländern die gleichen sein wie die in der EU.

Berühmte Kundin: Madonna trägt Katharine Hamnett.

Bild: helvetas

Infos zum Projekt

Die Aktion Slow Fashion Container verfolgt das Ziel, via Crowd-Ordering einen Container voll Bio-Baumwolle aus Mali zu kaufen und daraus 100‘000 T-Shirts zu produzieren. watson begleitet das Helvetas-Projekt als Medienpartner und informiert dich regelmässig über den Stand der Aktion. (egg)

Zurück zu Ihnen: Was können Sie als Designerin tun?
Ich habe versucht, mit grossen Firmen zusammenzuarbeiten. Angefangen bei Marks & Spencer (eine grosse britische Supermarktkette, Anm. d. Red.), mit dem italienischen Coop und sogar mit dem US-Rapper Kanye West.

Was ist dabei herausgekommen?
Nichts. Es hat alles nichts gebracht. Ich bin kläglich gescheitert.

Warum?
Nehmen Sie Marks & Spencer: Die haben sich geweigert, die Fair-Fashion-Kollektion entsprechend zu vermarkten. Am Ende wollten sie die Kleider nicht labeln und schreiben, dass sie das erste grosse englische Modeunternehmen sind, das eine Kollektion aus Bio-Baumwolle macht.

1984: Die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher war «not amused», als Katharine Hamnett an einem Empfang dieses Anti-Atom-T-Shirt trug.

Weshalb nicht?
Weil sie Angst hatten, dass die Leute fragen: «Was ist mit der anderen, normalen Baumwolle?»

Was war mit Kanye West?
Er sagte, er wolle den Baumwoll-Bauern helfen, aber er hat am Ende nichts dafür getan. Deshalb arbeite ich mit Helvetas zusammen: Die wissen, wovon sie reden und helfen den Bauern wirklich.

Warum hat es Fair Fashion in der Modewelt so schwer?
Weil die grossen Marken und die wichtigen Designer sich immer noch nicht um die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Produkte kümmern. Sie tun einfach nichts!

«Sag deinem bevorzugten Designer, dass du sein Zeugs liebst, aber dass du aufhören wirst, es zu kaufen, bis er Materialien dafür verwendet, die weder Menschenleben noch den Planeten zerstören!»

Katharine Hamnett, Designerin

Warum macht Fair Fashion immer den Eindruck, nicht sexy zu sein?
Weil sie es meistens tatsächlich nicht ist. Aber es braucht mehr junge Designer und grosse Marken, die nachhaltig produzierte Materialien verwenden. Es gibt langsam wirklich keine Entschuldigung mehr.

Was erwarten Sie von den grossen Modeketten und Modeschöpfern?
Nichts. Leider. Hingegen sollte jeder modeinteressierte Mensch selber in Aktion treten und seiner bevorzugten Marke – Gucci, Prada, Roberto Cavalli, Burberry, wer auch immer das ist – einen Brief schreiben und nachhaltig produzierte Kleider verlangen.

Sie verlangen, dass die Konsumenten auf die Barrikaden gehen?
Ja. Ich rufe alle Fashion-Victims auf: Sag deinem bevorzugten Designer, dass du sein Zeugs zwar liebst, aber dass du aufhören wirst, es zu kaufen, bis sie Materialien dafür verwenden, die weder Menschenleben noch den Planeten zerstören!

Wer sind aus Ihrer Sicht die engagiertesten Designer, was Fair Fashion angeht?
Viele junge Designer engagieren sich bereits sehr. Zum Beispiel People Tree oder Eileen Fisher.

Aber das sind weder die ganz grossen noch die bekannten Marken ...
Ja, aber H&M, für die ich übrigens auch schon eine Kollektion entworfen habe, steigt jetzt auch gross ein. Und in der Schweiz darf man Hess Natur natürlich nicht vergessen.

Die besten Message-T-Shirts von Katharine Hamnett

Was muss man als Modeschöpfer beachten, wenn man Fair Fashion machen will?
Man darf den sozialen und ökologischen Fussabdruck, den man hinterlässt, nie vergessen. Bei allem, was man tut.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, mit Helvetas zusammenzuarbeiten?
Wir sind beide überzeugt davon, dass der Weg zu fair produzierter Mode bei den Baumwollbauern anfangen muss. Wir wollten beide die Bauern dazu bringen, biologische Baumwolle zu produzieren. Das hat uns von Anfang an verbunden und ist bis heute so geblieben.

Warum steht «LOVE» auf den T-Shirts, die Sie für die «Slow Fashion Container»-Kampagne entworfen haben?
Liebe ist das, worum es immer und überall geht. Die Liebe zum Planeten Erde, die Liebe zum Leben auf Erden, einander zu lieben. Ich will, dass die Erde überlebt und bin überzeugt, dass die Zivilisation auseinanderfällt, wenn die Menschen aufhören, füreinander da zu sein.

Und jetzt: Bestell dein Slow-Fashion-T-Shirt ... 

>>> Die von Katharine Hamnett designten T-Shirts kannst du hier bestellen.

... oder werde selbst Fair-Fashion-Designer!

Von den 100'000 T-Shirts aus dem Slow-Fashion-Container haben wir 50 Stück bestellt, die ein eigenes watson-Design verpasst bekommen.

Wir sammeln eure Design-Vorschläge. Wenn genügend Ideen bei uns eingegangen sind, wird ein Modell ausgewählt – anschliessend verlosen wir die 50 watson-T-Shirts unter den Usern.

Wir haben schon mal ein paar Ideen gesammelt:

>>> Hier gibt's unser Logo zum Download

Und hier ist die Vorlage fürs T-Shirt:

Tadaaaa, ich hab da was gestaltet!

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Video-Interview mit Katharine Hamnett zum Projekt Slow Fashion Container

Die schönsten Mode-Kampagnen von Katharine Hamnett

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    Alle Leser-Kommentare
  • Energize 12.06.2016 19:30
    Highlight Coop verkauft grundsätzlich gute Öko-Artikel, welche auch junge tragen können.
    1 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 12.06.2016 08:32
    Highlight Es gibt doch einige Läden in der Schweiz, die junge, faire Mode produzieren (sehr schön ist NUBUC in Zürich). Natürlich sind die Preise höher als bei H&M etc. Aber ernsthaft: wer sich sauteure Designerware leisten kann, sollte auch genug Geld für faire Biokleider haben!
    13 0 Melden
  • Nick Name 11.06.2016 23:06
    Highlight Das ist glaubs das erste Mal, dass mich ein "Haute Couture"-Mensch wirklich beeindruckt.
    Mögen ihr viele folgen!
    27 1 Melden
  • Lami23 11.06.2016 22:26
    Highlight Modisches für junge Leute zu finden, ist in der fair Fashion wirklich schwer...ab und an was bei Bess Natur und bei anderen guten Labels und das, was es nicht fair gibt, muss halt Qualität vor Quantität der Leitspruch sein...
    1 2 Melden
  • fenxi 11.06.2016 21:35
    Highlight die Menschen schätzen die Arbeit nicht mehr. Es ist selbstverständlich, dass zB ein T-Shirt nur ein paar Franken kostet. Was dahinter steckt interessiert fast niemanden. Die verdammte Geiz-ist-geil Mentalität. Die verursacht viel Leid und Elend, bei den Menschen, der Natur und Nutztieren etc. Leider interessiert das nur wenige. Jetzt schaffen wir unsere Zukunft. Dann sehen wir das Resultat. So ist es immer: was wir jetzt haben ist das Resultat aus der Vergangenheit.
    32 0 Melden
  • Thomas Bollinger (1) 11.06.2016 18:08
    Highlight Das finde ich am schlimmsten, dass auch echte Designer Klamotten noch lange nicht fair produziert werden. Selbst wenn man Geld hat, ist es noch schwierig, einfach mal schnell was faires zu kaufen. Deshalb kaufe ich nur noch online und fair, statt spontan im Laden.
    35 1 Melden

17 Grotti, die man einmal im Leben besucht haben muss

Bei einem Ausflug ins Tessin darf der Besuch eines Grotto nicht fehlen. Ursprünglich handelte es sich dabei um natürliche Felshöhlen, in denen die Landbevölkerung Wein, Wurst und Käse aufbewahrte. Die heutigen Grotti sind nur noch selten Felskeller – stattdessen handelt es sich um einfache traditionelle Steinhäuser mit Tischen und Bänken aus Granit, in denen man lecker essen kann. Wir haben eine Liste mit 17 Grotti, die bei Besuchern und der watson-Redaktion hoch im Kurs stehen.

(viw)

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