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epa06293521 Employees of bankrupt German airline Air Berlin, demonstrate with an inflatable toy plane prior to the arrival of the last Air Berlin flight AB 6210 from Munich at airport Tegel in Berlin, Germany, 27 October 2017. Air Berlin, Germany's second largest airline, has filed for insolvency proceedings on 15 August 2017 and had it's last operative day on 27 October 2017.  EPA/FELIPE TRUEBA

Mitarbeiter versammeln sich am 27. Oktober zur Abschiedsfeier. Bild: EPA/EPA

Last Call für Air Berlin: In Zürich endet die Firmengeschichte – wie gehts weiter?

Millionen für den Kurzzeit-Chef – aber für eine Mitarbeiter-Auffanggesellschaft fehlt das Geld: Air Berlin fliegt ein letztes Mal, und Tausende Beschäftigte blicken ungewiss in die Zukunft. Die Folgen der Zerschlagung im Überblick.

Benjamin Bidder



Ein Artikel von

Spiegel Online

Wenn am späten Abend Flug AB6210 von München kommend in Berlin-Tegel landet, gehen bei Air Berlin endgültig die Lichter aus.* Die insolvente Fluglinie, Nummer zwei nach Marktführer Lufthansa, stellt den Flugbetrieb ein. Das Unternehmen wird zerschlagen.

*Letzter Flug endet in Zürich

Planmässig landet in Tegel der letzte Air-Berlin-Flug mit einer AB-Flugnummer um 22:45 Uhr von München. In Düsseldorf setzt die letzte Maschine voraussichtlich gleichzeitig auf. Der wirklich letzte Flug, schreibt aerotelegraph.com, lande aber – zumindest laut Flugplan – in Zürich. Um 22:50 Uhr sei die Ankunft von Flug AB8574 aus Berlin-Tegel geplant. Mit dieser Landung ende die 39-jährige Firmengeschichte.

Viele der zuletzt 8000 Mitarbeiter stehen vor einer ungewissen Zukunft. Einen Einblick in die Gefühlswelt der Belegschaft gibt ein Video, das anonym auf YouTube hochgeladen wurden. «Dear Mr CEO» heisst die Coverversion eines Hits der US-Sängerin Pink – und ist eine Abrechnung mit dem Management der Fluggesellschaft. «Lieber Herr Vorstandsvorsitzender», heisst es in dem Lied, «lass uns doch mal so tun, als wärst du nicht besser als wir.»

Ein klarer Seitenhieb auf Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann, der erst im Februar von der Lufthansa kam, das Ruder übernahm und sich ein Salär von 4.5 Millionen Euro auch im Insolvenzfall garantieren liess. Damit könnte Winkelmann 2017 sogar mehr verdienen, als sein ehemaliger Vorgesetzter: Lufthansa-Chef Carsten Spohr bekam 2016 «nur» 3.1 Millionen Euro ausgezahlt.

Für Mitarbeiter und Kunden hingegen hat das Ende von Air Berlin finanziell deutlich unangenehmere Folgen. Der Überblick:

Germanwings CEO Thomas Winkelmann speaks during a press conference at the Barcelona airport in Barcelona, Spain, Wednesday, March 25, 2015. Sixteen 10th-grade students from a town in western Germany and two of their teachers had just spent a week on an exchange near Barcelona and were less than an hour from landing when their Germanwings flight crashed in southern France. Officials confirmed Tuesday they were among the 150 people who died in the crash. (AP Photo/Manu Fernandez)

Thomas Winkelmann. Bild: AP/AP

Wo kommen die Mitarbeiter unter?

Sehr unterschiedlich. Frank Kebekus, Generalbevollmächtigter der insolventen Fluglinie, beteuert, «dass wir am Ende des Tages 70 bis 80 Prozent der Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise neu überleiten können». Der Betriebsrat hält das für extrem unwahrscheinlich – und macht seinem Unmut drastisch Luft: «Die 80 Prozent sind der grösste Beschiss.»

Tatsächlich gibt es grosse Fragezeichen, wie viele der zuletzt etwa 8000 Air Berliner beispielsweise tatsächlich bei der Lufthansa landen werden. Der Konzern übernimmt 81 der 144 Air-Berlin-Flieger- und führt stets die Zahl von 3000 neuen Mitarbeitern an. Fest übernommen werden allerdings wohl nur rund 1700, die bei den Air-Berlin-Töchtern LGW und Niki beschäftigt waren. Hinzu könnten bis zu 1300 weitere kommen. Sie sollen aber bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings erst mal einen Bewerbungsprozess durchlaufen, Ausgang offen.

epa06293503 Air Berlin crew, airport staff and journalists gather infront of the aircraft for the last flight of bankrupt German carrier Air Berlin AB6210 to Berlin, an Airbus A320 with the registration D-ABNW, at Franz-Josef Strauss Airport in Munich, Germany, 27 October 2017. Airberlin, Germany's second largest airline, has filed for insolvency proceedings on 15 August 2017 and had it's last operative day on 27 October 2017.  EPA/LENNART PREISS

Einer der letzten Flüge: Air-Berlin-Maschine in München. Bild: EPA/EPA

Unklar ist noch immer, ob andere Konkurrenten weitere Flugzeuge von Air Berlin übernehmen – und zu welchen Konditionen. Verhandlungen mit Condor und Easyjet über den Verkauf von 25 Maschinen kommen seit Wochen nicht recht vom Fleck. Im Falle einer Einigung glaubt Sanierungsexperte Kebekus, «dass wir da möglicherweise weitere 1000 Arbeitsplätze anbieten können». Laut einem Sprecher von Air Berlin liefern sich Condor und Easyjet gerade «ein knappes Rennen».

Wie gross sind die Gehaltseinbussen?

Die Lufthansa-Tochter Eurowings spricht davon, dass Piloten bei ihr im Durchschnitt rund acht bis zehn Prozent weniger verdienen werden. Eurowings-Chef Thorsten Dirks hatte allerdings vorgerechnet, in Einzelfällen könne das Jahresgehalt auch von rund 250'000 Euro auf 154'000 Euro sinken, etwa wenn Piloten noch einen alten Vertrag der 2007 von Air Berlin geschluckten Gesellschaft LTU haben. Das wäre ein Minus von rund 40 Prozent.

Was passiert mit dem Bodenpersonal?

Für die Techniksparte von Air Berlin ist offenbar eine Lösung gefunden worden – auch wenn diese vielen Mitarbeitern wenig hilft: Die Berliner Wartungsfirma Nayak und der Berliner Logistiker Zeitfracht kaufen das Geschäft, übernommen werden sollen rund 330 Mitarbeiter. Die Mehrzahl – rund 550 Beschäftigte – kommen in eine Transfergesellschaft, «zur Abfederung sozialer Härten», heisst es.

Was erwartet die übrigen Mitarbeiter?

Die Verhandlungen für eine grosse Auffanggesellschaft für bis zu 4000 Mitarbeiter sind am Mittwoch krachend gescheitert. Air Berlin, die Bundesregierung und die Bundesländer Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin konnten sich nicht einigen, wie die veranschlagten Kosten in Höhe von rund 50 Millionen Euro aufzubringen wären. Die Bundesregierung – die für Air Berlin noch vor Kurzem mit einem Kredit von 150 Millionen Euro eingesprungen war und damit auch die Übernahme durch Lufthansa ermöglicht hatte – lehnte eine Beteiligung offenbar ab.

Eine Transfergesellschaft sei Sache von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern. Beteiligen würde sich daran lediglich «die Bundesagentur für Arbeit mit dem Transfer-Kurzarbeitergeld», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte mit, Transfergesellschaften seien «grundsätzlich» Aufgabe des Unternehmens und der Länder mit Firmensitzen «und nicht Aufgabe des Bundes».

A crew member of flight AB6210, the last flight of insolvent airline Air Berlin, carries a ginger bread heart prior to departing at the airport in Munich, Germany, Friday, Oct. 27, 2017. (AP Photo/Matthias Schrader)

Last Call für Air Berlin. Bild: AP/AP

Kritik daran äussert vor allem Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er könne nicht verstehen, «dass zwar die Bereitschaft vorhanden ist, einem Unternehmen zu helfen, nicht aber den Menschen, die dieses Unternehmen über Jahrzehnte am Leben gehalten haben», so Müller. Am Donnerstag unternahm der Berliner Bürgermeister einen letzten Versuch, ein breites Bündnis für eine Auffanggesellschaft zu zimmern. In Briefen an Lufthansa und Easyjet mahnt Müller die «moralische Verpflichtung» der Firmen an, Verantwortung für die Mitarbeiter zu übernehmen. Die Schreiben liegen dem SPIEGEL vor.

In Berlin sind besonders viele Mitarbeiter vom Ende Air Berlins betroffen. Der Senat hat deshalb angekündigt, zur Not in Eigenregie eine regionale Auffanggesellschaft zu gründen. Profitieren könnten davon rund 1200 Berliner Mitarbeiter des Bodenpersonals.

Worauf müssen sich Kunden einstellen?

Die Rechnung ist einfach: Ein wichtiger Konkurrent weniger, gestrichene Flüge – das führt zu höheren Preisen. Auf zahlreichen innerdeutschen Verbindungen fällt mit Air Berlin der wichtigste Konkurrent der Lufthansa weg – entsprechend knapp könnten die Plätze auf diesen Strecken in den kommenden Monaten werden. Betroffen sind beispielsweise Flüge von Berlin nach Düsseldorf, ebenfalls ein wichtiges Drehkreuz von Air Berlin.

Das Problem ist, dass andere Airlines nicht einfach die frei werdenden Start- und Landeplätze von Air Berlin übernehmen können. Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr werden diese erst auf einer internationalen Konferenz im November für den Sommerflugplan ab Ende März 2018 koordiniert (mehr zum Hintergrund: Das Schachern um den Schatz von Air Berlin).

Kurzfristig hat die Lufthansa angekündigt, etwa auf der Strecke Berlin-Düsseldorf grössere Flugzeuge als bisher einzusetzen. Bei der Lufthansa steigen die Ticketpreise allerdings bereits seit Sommer.

Das ist durchaus im Sinne des deutschen Marktführers. Konzernchef Spohr hofft, bald «Investitions- und Wachstumsfähigkeit zu erlangen». Die Lufthansa streckt bereits die Fühler nach dem nächsten Übernahmekandidaten aus: der italienischen Fluglinie Alitalia.

Im Interview mit dem «Tagesspiegel» geben die Schöpfer das Air-Berlin-Songs «Dear CEO» übrigens an, sie hätten das Gefühl, bei der Insolvenz habe massgeblich «die Führung der Lufthansa Group die Fäden gezogen». Sie bleiben allerdings sowohl im Interview als auch im Video lieber anonym. Sie haben Angst, keinen neuen Job zu finden.

mit Material von dpa

Chaos-Tage bei Air Berlin

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    Alle Leser-Kommentare
  • lucasm 28.10.2017 00:38
    Highlight Highlight In einem land, indem millionen für einen mindestlohn von 8.84€ arbeiten müssen ist es für diese piloten verkraftbar, statt 250'000 "nur" noch 154'000 zu verdienen. Der durchschnittslohn in deutschland beträgt 37'103. Die piloten können sich wahrlich nicht beklagen.
    • DerTaran 28.10.2017 11:55
      Highlight Highlight Eine Halbierung des Lohns von heute auf morgen, kann ganz schnell zum Privatbankrott führen.
    • Waedliman 29.10.2017 15:36
      Highlight Highlight Bitte nicht vergessen, dass Piloten, ähnlich wie Seemänner, in jedem Hafen ne Braut haben. So ein Leben ist teuer, uneheliche Kinder und Begehrlichkeiten der Ehefrauen...da ist dann auch von 150´000 brutto (!!!) am Ende nix mehr übrig ;-)

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