Schweiz
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Priests during an ordination ceremony in Econe, in the southwestern part of Switzerland, on Friday June 27, 2014. 8 fundamentalist priests and 7 deacons have been inducted by the society based in Econe in a ceremony already declared 'illegitimate' by the Catholic church. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Priester der Piusbruderschaft halten eine Messe in Ecône, Wallis, ab. Der Bezirk Martigny ist bekannt, weil hier der Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, bis zu seinem Tod wirkte. Bild: KEYSTONE

Stur, scheinheilig und verschwiegen: Wie eine Walliser Bruderschaft 20 Jahre lang einen Kinderschänder deckte

Wenig ist bekannt über Sexualdelikte in den Reihen der erzkonservativen katholischen Piusbruderschaft. Spiegel Online hat mit Opfern und Angehörigen gesprochen – ihre Erfahrung der kirchlichen «Aufarbeitung» ist erschütternd.

Annette Langer / spiegel online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die Piusbruderschaft tut viel, um sich vom angeblich modernistischen katholischen Mainstream abzugrenzen. In einem aber sind sich Traditionalisten und offizielle kirchliche Würdenträger erstaunlich ähnlich: im Umgang mit sexuellem Missbrauch.

«Ich muss ihm verzeihen», sagt der heute 13-jährige Joey* über einen Priester, der ihn im Schlafsaal eines Brüsseler Internats unter der Bettdecke betatschte. Der «schmutzige Dinge» mit ihm tat, ihn so berührte, wie es kein Erwachsener bei einem Kind tun sollte. Der ihn vor sich knien liess, ihn bestrafte und erniedrigte. So berichtete es der Junge seinen Eltern und Geschwistern.

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Marcel Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft: 1988 wurde er von Papst Johannes Paul II. wegen unerlaubter Bischofsweihen exkommuniziert. bild: wikimedia

«Vergebung? Nein, dafür ist es zu früh», sagt Joeys Mutter mit zusammengepressten Lippen. «Denn dieser Priester bereut gar nichts.» Im Jahr 2010 soll es den Eltern zufolge zu ersten sexuellen Übergriffen auf den damals siebenjährigen Joey, seinen vier Jahre älteren Bruder Luke* und mindestens einen weiteren Schüler des Internats der Piusbruderschaft, den damals achtjährigen Michael*, gekommen sein. Zu einem Zeitpunkt also, als weltweit aufgedeckte Missbrauchsskandale die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschütterten.

Wer sind diese Piusbrüder?

Die traditionalistische Piusbruderschaft, kurz FSSPX, wurde 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. In der Schweiz existieren 27 Kirchen und Kapellen, in denen sie ihre alten Messen auf Latein halten. Der Schweizer Sitz befindet sich in Ecône im Wallis. Die Mitglieder fühlen sich nicht an die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils gebunden, sie lehnen die Liturgiereform, eine Öffnung zur Ökumene oder die Anerkennung des Judentums als modernistisch ab. Seit 1975 hat die FSSPX keinen kanonischen Status mehr – damit erfolgen Priester- und Bischofsweihen ohne die Erlaubnis Roms. Papst Johannes Paul II. exkommunizierte unerlaubt geweihte Geistliche, Papst Benedikt XVI. hob 2009 die Exkommunizierungen wieder auf. Teile der Piusbruderschaft sind offen antisemitisch, wie es der Skandal um Holocaustleugner Richard Williamson zeigte. Für die Piusbrüder sind Laizismus und Atheismus gleichbedeutend mit Todsünde, die Schriften der Aufklärung «Irrlehren». Sie verurteilen Abtreibungen, Empfängnisverhütung, Zinsspekulation, Gleichberechtigung, Homosexualität und Pornografie.

Im Zustand der «Sexsomnie» gehandelt

Der Priester, der aus der Schweiz stammt und im Internat in Brüssel arbeitete, soll sogar bauliche Veränderungen in dem Internat vorgenommen haben, um unbeobachtet mit den Kindern intim sein zu können. Die Eltern berichten, er habe einen Durchgang zumauern lassen, durch den die Kinder vorher aus Angst vor seinen Avancen in ein kleines Bad geflohen waren, um sich dort einzuschliessen.

Im Prozess am Strafgericht von Brüssel wies der Angeklagte jeden Verdacht auf einen systematischen, geplanten Missbrauch von sich: Wenn überhaupt, so habe er in einem Zustand der «Sexsomnie» gehandelt, sagte er. Also unbewusst, schlafwandlerisch, ohne Kontrolle über sich selbst.

Es ist bekannt, dass sich einige Missbrauchstäter vor Gericht auf diese Art von Schlafstörung berufen, um dann auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. Der Auftritt des Geistlichen wirkte auf die Betroffenen gut geplant und inszeniert: «Er kam herein und benahm sich, als wäre er selbst das Opfer», erinnert sich die Mutter von Joey und Luke. «Er weinte und jammerte die ganze Zeit.»

«Er kam herein und benahm sich, als wäre er selbst das Opfer. Er weinte und jammerte die ganze Zeit.»

Mutter von Joey und Luke

Children walk in a procession before a mass ordination of the breakaway Roman Catholic sect, the Society of St Pius X, in Econe, western Switzerland, June 27, 2014. 8 fundamentalist priests and 7 deacons have been inducted by the society based in Econe in a ceremony already declared 'illegitimate' by the Catholic church. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Kinder der Piusbruderschaft in einer Prozession in Ecône. Bild: KEYSTONE

«Vertrau deinem Priester»

Das Jammern wäre gar nicht nötig gewesen, denn der Mann wurde im Mai 2015 wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. «Sein Anwalt hat meinen Sohn vor Gericht als Lügner bezeichnet», empört sich die Klägerin, die Mutter von Michael. Für die überzeugte Traditionalistin war die Konfrontation mit dem Missbrauch auch ein Prozess der Desillusionierung:

«In der Piusbruderschaft lernt man, die Geistlichen zu verehren. Rede nie schlecht über einen Priester, vertraue ihm, zeige Respekt.»

Mutter von Michael

Es habe sie viel Zeit gekostet, die Augen zu öffnen. «Ich war wie ein Kind, das seinen Eltern vertraut. Es erwartet niemals, dass sie ihm Böses wollen. Wir sind doch wie eine grosse Familie.» Heute will die Klägerin nur noch eins: Verhindern, dass der Priester wieder mit Kindern arbeitet.

Opfer verdrängen die Erlebnisse

Ihr Sohn Michael hatte bei der Polizei kurz nach der Anzeige eine Videoaussage gemacht und konkrete Vorwürfe erhoben. Joey und Luke jedoch mussten ein halbes Jahr auf einen Termin für ihre Aussage warten. Die Folge: Beide verdrängten das Geschehene.

«Als es so weit war, sagten sie nichts, was vor Gericht verwertbar gewesen wäre», erinnert sich die Mutter.

«Joey hat alles bestritten, Luke hat nur über Joey und Michael geredet, aber nicht über seine eigene Missbrauchserfahrung.»

Mutter von Michael

Für Traumaexperten eine völlig verständliche Reaktion. Aber ein Desaster für alle, die den Priester hinter Gitter sehen wollten.

Dabei waren die psychischen Folgen des Missbrauchs offensichtlich: Monatelang wickelte sich Joey nachts aus Angst vor Übergriffen in mehrere Bettlaken. Die Probleme in der Schule häuften sich. Lukes Schrift wurde immer kleiner, er hatte Albträume und fing an, sich zu bewaffnen, mit Spielzeugpistolen, Schwertern, einfach allem, was seiner Verteidigung dienen konnte.

Monsignor Alfonso de Galarreta holds a mass ordination of the breakaway Roman Catholic sect, the Society of St Pius X, in Econe, in the southwestern part of Switzerland, on Friday, June 27, 2014. 8 fundamentalist priests and 7 deacons have been inducted by the society based in Econe in a ceremony already declared 'illegitimate' by the Catholic church. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Monsignor Alfonso de Galarreta von der Piusbruderschaft hält die Messe.
Bild: KEYSTONE

Einmal sei der Priester abends in den Schlafsaal gekommen und habe seinen kleinen Bruder einfach über die Schulter gelegt und mitgenommen, erzählte Luke. Die beiden seien im Büro des Geistlichen verschwunden, bis heute weiss niemand, was dort geschehen ist. Joey selbst sagte nur:

«Nichts. Das ist ein Geheimnis zwischen dem Abbé und mir. Ich durfte Schokolade essen.»

Joey

Auch die Nonnen hören und sehen nichts

Beweise für einen Missbrauch zu liefern, ist schwer. Schweigen, falsche Solidarität mit den Tätern oder aktive Vertuschung durch Verantwortliche sorgen regelmässig dafür, dass die Opfer keine Chance haben. Weil es erfahrungsgemäss viele Jahre braucht, bis Opfer sich zu einer Aussage durchringen, sind Zeugen oft schlecht aufzutreiben oder erinnern sich nur schlecht.

Als Joey sich wegen der sexuellen Übergriffe verzweifelt an eine katholische Schwester im Internat wandte, reagierte die nicht: «Ich habe es auf den Ohren, ich höre so schlecht», sagte sie später auf Nachfrage der Mutter.

«Ich habe es auf den Ohren, ich höre so schlecht.»

Katholische Internatsschwester

Priests during an ordination ceremony of the Society of St Pius Xin in Econe, in the southwestern part of Switzerland, on Friday, June 27, 2014. 8 fundamentalist priests and 7 deacons have been inducted by the society based in Econe in a ceremony already declared 'illegitimate' by the Catholic church. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Nonnen der Piusbruderschaft erhalten den Segen. Bild: KEYSTONE

«Wer weiss, wie viele Opfer es noch gibt?», fragt die sich heute. Sie selbst hatte sich bereits 2010 beim damaligen Oberen für die Beneluxländer beschwert, weil der Priester ihrem Sohn ungewöhnlich teure Geschenke gemacht hatte und sie bereits Verdacht schöpfte. Der Obere versprach, sich zu kümmern – und tat nichts.

Priester übernimmt trotz Suspendierung Nachtaufsicht von Grundschülern 

Als die Vorwürfe konkret wurden, suspendierte die Bruderschaft den Priester. Die Eltern erstatteten Anzeige. Nach dem Freispruch in der ersten Instanz läuft jetzt das Berufungsverfahren gegen den Priester. Die Eltern haben beschlossen, ihre Kinder keinen weiteren Befragungen auszusetzen.

«Die Piusbruderschaft hat in diesem Fall innerhalb von 24 Stunden reagiert, diese Person suspendiert und sofort den zivilen Behörden übergeben. Gleichzeitig wurde der Fall an die Kongregation für die Glaubenslehre in Rom gemeldet.»

Stellungnahme der Piusbruderschaft

Die Reaktion kam spät, denn: Der tatverdächtige Geistliche war seit Jahren als potenzielles Risiko bekannt. Schon 2005 wurde er in seinem Heimatland, der Schweiz, wegen Pädophilie in einem kanonischen Verfahren angeklagt und 2006 wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Der Priester habe seitdem ein «limitiertes und überwachtes Apostolat» ausgeübt, schreibt die Piusbruderschaft auf Anfrage. Dennoch wurde der Geistliche kurz darauf ausgerechnet an das Internat in Brüssel berufen. Und übernahm die Nachtaufsicht bei den Grundschülern.

A participant confesses to a cleric during an ordination ceremony in Econe, southwest Switzerland on Friday, June 27, 2014. 8 fundamentalist priests and 7 deacons have been inducted by the society based in Econe in a ceremony already declared 'illegitimate' by the Catholic church. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Beichten beim Piusbruder.
Bild: KEYSTONE

Die Piusbruderschaft besitzt aufgrund ihrer radikalen Ansichten schon seit 1975 keinen kanonischen Status mehr und ist damit keine römisch-katholische Organisation. Das bedeutet: Sämtliche Priester- und Bischofsweihen erfolgen ohne die Erlaubnis Roms, Amtsausübung und das Spenden der Sakramente sind illegitim. Absurderweise behandelt die offizielle Kirche die Traditionalisten aber als gleichwertig, wenn es um «delicta graviora», die Missbrauchstaten, geht.

Bild

Im Mai 2015 erteilte die Glaubenskongregation dem Generaloberen der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, das Mandat, Recht über Missbrauchstäter in den eigenen Reihen zu sprechen – auch über die hier genannten Fälle.

Bernard Fellay

Bernard Fellay (*1958) stammt aus Siders VS. Ab 1977 absolvierte er die Priesterausbildung im Priesterseminar St. Pius X. in Ecône VS. 1988 wurde er vom Gründer der Piusbruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, zum Bischof geweiht. Weil die Weihe ohne Zustimmung des Papstes erfolgte, wurden Lefebvre, Fellay und zwei weitere Bischöfe exkommuniziert. 1994, nach dem Tod von Lefebvre, wurde Fellay Generaloberer der Piusbruderschaft. 2009 hob der Vatikan die Exkommunizierung wieder auf.

«Damit wird Intransparenz, Vertuschung und Vetternwirtschaft noch mehr Vorschub geleistet», sagt Simon P.*, der aus einer alteingesessenen, vielköpfigen Pius-Familie stammt und selbst Opfer eines Priesters wurde.

«Ein Piusbruder hat mich 1989 in einem Pionierlager sexuell missbraucht und versucht, mich zu vergewaltigen.»

Simon P.

Elf Jahre alt sei er gewesen, der Pädophile habe ihn ein Jahr lang beharrlich verfolgt. «Der Generalobere der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, hat diesen Priester fast 20 Jahre lang geschützt», so sein Vorwurf.

P. besuchte zwei Internate der Piusbruderschaft in Frankreich, er hat die Prinzipien der Hardliner mit der Muttermilch aufgesogen. Er war Teil des fundamentalistischen Mikrokosmos, in dem fast jeder jeden kennt und die Netzwerke verlässlich und verschwiegen sind. Sein Fall lässt ahnen, wie verheerend es für einen Heranwachsenden sein muss, wenn die Hälfte der eigenen Familie versucht, an den Idealen der geschlossenen Pius-Gesellschaft festzuhalten, obwohl deren Struktur den ungestraften Missbrauch erst möglich gemacht hat.

Fellays Antwort liess viele Jahre auf sich warten

Bereits 1991 schrieb P. laut eigener Aussage einen Brief an den damaligen Generaloberen, in dem er vor dem übergriffigen Priester warnte. Doch obwohl immer wieder Missbrauchsvorwürfe laut wurden, geschah nichts.

Erst viele Jahre später, im Juli 2008, reagiert der Generalobere Bernard Fellay in einem Brief, der Spiegel Online vorliegt, auf die Vorwürfe von P. Er erklärt, er habe seinem Assistenten Niklaus Pfluger die Ermittlungen übertragen. Zudem versichert er, der Tatverdächtige sei «seit langer Zeit von der Arbeit mit Kindern entbunden worden und ich glaube nicht, dass es weitere Fälle gegeben hat».

Tatsächlich arbeitete der Tatverdächtige ganze neun Jahre lang in Frankreich ungestört mit minderjährigen Pionieren, von 1993 bis 2002, was die Piusbruderschaft bestätigt:

«Pater Laurençon, Distriktsoberer der Bruderschaft in Frankreich seit 1996, wandte verschiedene, immer restriktivere Massnahmen ihm gegenüber an. Diese Massnahmen wurden von Mgr. Fellay, Generaloberer der Bruderschaft seit 1994, stets gutgeheissen.»

Stellungnahme der Piusbruderschaft

«Schwere Verfehlung unsererseits»

Allein, die Massnahmen waren offenbar nicht effektiv: Der verdächtige Priester hat sich dem Verbot, mit Kindern zu arbeiten, widersetzt und es als ungerecht bezeichnet. In einem Brief an den Ex-Oberen Schmidberger schreibt der Geistliche 2005:

«Es ist eine Schwäche, die flüchtig war, und die ich von ganzem Herzen bereut habe.»

Verdächtiger Priester

Und weiter: «Sie haben mich das Priesteramt wiederaufnehmen lassen und ich habe gezeigt, was ich kann, an verschiedenen Orten, zur Zufriedenheit von allen.»

In dem Brief versuche der Priester, sich in einem günstigen Licht zu zeigen, schreibt die Piusbruderschaft in einer Stellungnahme. «Er lässt beiseite, dass es sich um ein limitiertes Apostolat handelte.» Es sei wahr, dass der Priester wiederholt die ihm auferlegten Einschränkungen im Amt umgangen habe. «Oft kreidete er das Verhalten seiner Oberen an und sah sich selbst als ein notorisches Opfer ihrer Machenschaften.»

«Die schwere Verfehlung unsererseits war, dass wir das Verbot nicht durchgesetzt haben», sagt der Pius-Ermittler Pfluger 2008 in einem Gespräch mit dem Missbrauchsopfer P., dessen Audiokopie Spiegel Online vorliegt.

Erst nachdem P. einen Beschwerdebrief an die Glaubenskongregation in Rom geschickt hat, eröffnet die Piusbruderschaft 2012 ein kanonisches Verfahren gegen den Priester. Der Geistliche wurde dazu verurteilt, seine Ämter niederzulegen. Er legte dagegen im Sommer 2013 in Rom Einspruch ein.

«Leider hat der Priester die Entscheidungen der kirchlichen Autoritäten abgelehnt und die Piusbruderschaft verlassen.»

Aktuelle Stellungnahme der Piusbruderschaft

Der Ex-Piusbruder wurde assoziiertes Mitglied einer Splittergruppe namens Résistence, der auch der renitente Holocaust-Leugner Richard Williamson angehört. Der Priester verrichte «seine Arbeit» im Westen Frankreichs, heisst es auf der Website der Gruppierung.

Bild

Der Mann, der den Holocaust leugnet: Richard Williamson.
bild: wikimedia

Die Traditionalisten sind nicht einfach christliche Fundamentalisten, viele sind offen antisemitisch – das weiss man spätestens seit dem Skandal um Williamson. In Italien fand 2013 die Trauerfeier für den nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Erich Priebke bei den Piusbrüdern statt. Auch in der Flüchtlingsfrage positionieren sie sich derzeit weit rechts – fremdenfeindlich und islamophob. Ätzende Kritik am liberalen Papst Franziskus gehört ohnehin zum guten Ton.

(file) Former Nazi officer Erich Priebke (C) is escorted by paramilitary carabineers as he arrives in Rome's military court for his trial on war crimes charges, May 13. Photo: Massimo Capodanno (zu dpa:

Der Nazi-Kriegsverbrecher Erich Priebke starb 2013 in Rom. Eine öffentliche Begräbnisfeier hatten die Behörden untersagt – doch die Piusbruderschaft stellte eine Kapelle zur Verfügung. Bild: epa ansa

Johannes Paul II. drängte die tiefschwarzen Schafe der Piusbruderschaft einst ins kirchliche Abseits, indem er mehrere unerlaubt geweihte Geistliche exkommunizierte. Papst Benedikt XVI. hob 2009 die Exkommunizierung wieder auf.

Papst will die Bruderschaft zurückholen

Und Franziskus? Scheint erstaunlicherweise die Erzkonservativen wieder in den Schoss der Kirche aufnehmen zu wollen. Für die Dauer des heiligen Jahres 2015/2016 erklärte der Papst unerwartet die Beichte innerhalb der Piusbruderschaft für rechtens:

«Ich vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können, um die volle Einheit mit den Priestern und Oberen der Bruderschaft wiederzugewinnen.»

Papst Franziskus

Der ehemalige Distriktobere von Deutschland und Österreich, Franz Schmidberger, sah bereits eine «endgültige Normalisierung» der angespannten Beziehungen kommen – eine Horrorvision für Missbrauchsopfer, die darin eine Belohnung für Vertuschung und intransparente Strukturen sehen.

Papst Franziskus, anlaesslich des Besuches von Bundespraesident Schneider-Ammann am Samstag, 7. Mai 2016, im Vatikan. Bundespraesident Schneider-Ammann wohnte gestern der Vereidigung der Paepstlichen Schweizergarde im Vatikan bei und  trifft sich heute zu Gespraechen mit Papst Franziskus. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Papst Franziskus will die Piusbruderschaft wieder in den Schoss der Kirche aufnehmen. 
Bild: TI-PRESS

Sollen also die Fundamentalisten durch Inklusion domestiziert werden? Anfang April empfing Franziskus persönlich den Generaloberen Bernard Fellay. Für Beobachter ein Indiz, dass die Piusbruderschaft langfristig den Status einer Personalprälatur bekommen könnte, wie die Laienorganisation Opus Dei. Dies würde eine kanonische Anerkennung bedeuten, aber mit grösstmöglicher Autonomie für die Fundamentalisten.

In Argentinien, dem Heimatland des Papstes, wurde die Piusbruderschaft bereits im April 2015 vom Staat offiziell als Teil der katholischen Kirche anerkannt. Dafür eingesetzt hatte sich Franziskus' Nachfolger im Amt des Erzbischofs von Buenos Aires, Mario Aurelio Kardinal Poli. Ob mit dem Segen oder einer nachdrücklichen Empfehlung des Pontifex, ist nicht bekannt.

* Sämtliche Namen wurden zum Schutz der Betroffenen von der Redaktion geändert.

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    Alle Leser-Kommentare
  • dergraf 30.05.2016 12:22
    Highlight Highlight Wir brauchen nicht nach Brüssel zu schauen.
    Vor nicht all zu langer Zeit war das Kinderheim Faschingen im Gespräch.
    Nach anfänglicher Weigerung des zuständigen Vereins bequemten sich die Vereinsoberen zu einer kleinen Aufklärung, die durch all zu viele Aufdeckungen durch den Journalisten Odehnal zu tage kamen.
    Der letzte lebende Übeltäter wird aber abgeschottet und weiterhin pfleglich behandelt. Anklagen in die Länge gezogen und dann wegen Verjährung abgelehnt.
    Das Problem liegt auch bei den Gerichten, wie im obigen Artikel aufgezeigt, die diese Täter all zu leicht laufen lassen!
  • Anaalvik 30.05.2016 08:47
    Highlight Highlight Die einen betrachten es als geschändet, die anderen als gesalbt.
    Die einen sehen ihn als Triebtäter, die anderen als Sexsomniebetroffenen.
    Ach wie hübsch anzuschauen: wie formbar die Wahrheit ist durch den menschlichen Geist, der so unglaublich sehr beschränkt, dass weiss wird aus schwarz, dass gut wird aus böse, dass gescheit wird aus blöd.
  • Manuela (1) 29.05.2016 20:16
    Highlight Highlight Wie kann ein Mensch seine Kinder in so einen widerlichen Verein stecken?
    Die verstecken doch Ihre Neigungen hinter Ihren Glauben. Es gibt doch immer noch Menschen die unverbesserlich sind.
    Grausamkeit hinter Religion versteckt. Kranke Welt.
  • Mr_Burton 29.05.2016 16:58
    Highlight Highlight Organisierter Kindsmissbrauch, mitten unter uns. Wo sind jetzt all die Ricklis, Brunner, Köppels und das andere Gesocks, die bei jeder Gewalttat sofort mit Verdächtigungen von Ausländer zur Stelle sind? Wo ist der rechte Enpörismus, der immer kreischend sofort zur Stelle ist?
    Nirgends. Wieso? Weil man das Thema für sich nicht politisch ausschlachten kann. Man will die erzkonservativen Katholiken ja nicht gegen sich aufbringen.
    • pamayer 29.05.2016 18:13
      Highlight Highlight Und vielleicht ist die eine oder der andere etwas befangen.
  • LiberalFighter 29.05.2016 16:16
    Highlight Highlight Die christliche Doppelmoral schlägt mal wieder zu. Was für eine Überraschung.
  • SVRN5774 29.05.2016 15:54
    Highlight Highlight Ich find es sehr schade. Christentum
    Hat nichts mit der Kirche zu tun. Also nicht mit diesen kranken Schweine. Jeder Christ weiss, dass so etwas eine Sünde ist. Aber der Teufel mischt sich unter das Volk. Man assoziiert Christentum mit Kinderschänden. Genau wie Islam mit Terrorismus. Oder Juden mit Geldgier.
    • SVRN5774 29.05.2016 19:44
      Highlight Highlight Lieber kleiner_Schurke. Ich wollte damit bloss sagen, dass man nicht der Religion oder was weiss ich für eine Gruppe die Schuld geben sollte. Es ist der Mensch. Punkt!
      Es ist weder die Herkunft, das Aussehen, die Religion, die Sexualität. Nein, allein der Mensch.
      Und man sollte niemanden verurteilen bloss weil er einer Gruppe angehört. Böse Menschen gibt es überall.
  • azoui 29.05.2016 14:36
    Highlight Highlight Ein Drama für die Kinder und eine Schande für Eltern, die in unserer Zeit immer noch ihre Kinder der Kirche anvertrauen.
    Hierbei spielt es keine Rolle, ob katholisch, muslemisch jüdisch, oder irgend eine der tausenden von Freikirchen.
    Alle sind verbohrt.
    • Tom Garret 29.05.2016 21:42
      Highlight Highlight Was bin ich froh dass nur gläubige Menschen Kinder missbrauchen, somit kann ich meine allen anderen überlassen. Generell scheint es mir das ungläubige generell die besseren Menschen sind (10 mal mehr likes für solch einen Kommentar...). Da bin ich froh mehrheitlich von solchen umgeben zu sein, die Welt ist dadurch viel besser... Das gute ist ja, als atheist zum Beispiel habe ich keine vorgeschriebenen Wertvorstellungen und somit kann mich auch niemand an solchen messen. alle anderen wiederum kann ich aber anhand ihrer verurteilen wenn sie sich nicht daran halten. Scheinheilige Welt...
  • Phippe 29.05.2016 14:19
    Highlight Highlight *Spiegel online... nicht Siegel online oder?^^
    • Anna Rothenfluh 29.05.2016 14:27
      Highlight Highlight @Phippe: In der Tat. Danke!
  • Yelp 29.05.2016 13:45
    Highlight Highlight Wer dieses thema interessiert sollte den Film spotlight sehen. Darin geht es um die Aufdeckung von Kindesmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston.
  • pamayer 29.05.2016 13:32
    Highlight Highlight leider mit grosser sicherheit kein einzelfall in sachen organisierter pädophilie.
    noch bis in die 90er jahre geisterte die vorstellung vom bösen mann, der einen auf einer chilbi abschleppt, als prototypen des pädophilen herum, am besten noch homosexuell veranlagt.
    wohl alles ablenkung von der sehr gut organisierten pädophhilie, welche mafia artig organisiert ist, eben, optimal zb in internaten, wo der respekt vor der obrigkeit ein und alles ist. und wer sich negativ über diese obrigkeit äussert - ist eben des teufels. nach der teufelsaustreibung sagst du nie mehr etwas....
  • Röschtigraben 29.05.2016 13:25
    Highlight Highlight Schafft endlich das Zölibat ab. Evt gibt's dann weniger solche Fälle. Es wäre "ämu" wünschenswert
    • EvilBetty 29.05.2016 16:56
      Highlight Highlight Das eine hat mit dem anderen nix zu tun. Oder gibt es etwa keine verheirateten Pädophilen? Und was hält einen Priester – oder was auch immer – davon ab, wenn er geil ist, zu einer Prostituierten zu gehen?
    • kiawase 29.05.2016 22:04
      Highlight Highlight interessant ist weshalb das zölibat eingeführt wurde .... die priesterhaben soviel rumgevögelt dass die kirche die unterhaltszahlungen nicht mehr leisten wollte/konnte
    • AdiB 30.05.2016 19:15
      Highlight Highlight das zölibat ergibt doch wirklich keinen sinn. wenn diese menschen an gott und seine schöpfungen glauben, dann müssen sie auch an der, von gott gegebenen, fortpflanzungsart glauben. sie widersprechen sich mit dem zölibat selber. und tun etwas gotteswidriges.
    Weitere Antworten anzeigen
  • bennni 29.05.2016 12:59
    Highlight Highlight Ich kann es nicht verstehen, dass es bei dieser riesigen Mafia und Kinderschändering nicht einmal ernsthafte Konsequenzen folgen! Für die Täter gibt es immer irgendwelche internen Lösungen, dabei müsste man solch organisierte Verbrechen mal richtig bestrafen - man kann dem genau so sagen, da soviele (Führungs)Personen grmeinsam alles vertuschen. Die wohl grösste "Sekte" der Welt hat allgemein zuviel Hoheitsrechte.
  • -woe- 29.05.2016 12:55
    Highlight Highlight Der katholischen Kirche bleibt gar nichts anderes übrig, als Pädophile, Sadisten, aktiv Homo- und Heterosexuelle als Priester in ihren Reihen zu dulden und zu decken. Ansonsten hätte sie ja gar keinen Nachwuchs mehr.
  • koks 29.05.2016 12:22
    Highlight Highlight ich habe zwar die geschichte nicht ganz kapiert, ist etwas anspruchsvoll strukturiert und springt in ganz europa rum.
    aber dass das wallis da mitdrin hängt, überrascht nicht. die CVP -christliche volchspartei- hat da nicht umsonst seit jahrzehnten das sagen.
  • Kiyoaki 29.05.2016 12:20
    Highlight Highlight Zu behaupten, das sei nur die Spitze des Eisbergs, wäre wohl in diesem Fall stark untertrieben... da gibts bestimmt noch so einige Missstände in dieser Institution, die noch aufgedeckt werden.
    • Maon 29.05.2016 13:04
      Highlight Highlight Vermutlich eher die Schneeflocke auf der Spitze des Eisberges...

Wie aus einer römischen Orgie der Geburtstag von Jesus wurde

Beim Anblick von bunt geschmückten Schaufenstern, dumm grinsenden Samichlaus-Fratzen und durch Einkaufsstrassen hetzenden Menschen könnte ich kotzen. Doch eigentlich ist das der einzig wahre Sinn des Weihnachtsfests – und das seit über 2000 Jahren.  

Puristen verachten das Fest am Ende des letzten Monats im Jahr. «Alles bloss Kommerz, wir feiern unsere eigene Versklavung am Kapitalismus, so 'n Scheiss!», motzen sie vor sich hin und lehnen den Becher voller Glühwein, der ihr Ticket zur pathetischen Ausgelassenheit sein könnte, kommentarlos ab.

Dem Vorwurf, dass Weihnachten, so wie wir es heute feiern, nur wenig bis gar nichts mehr mit der Huldigung von Jesu Geburt zu tun habe, würden wahrscheinlich sogar Hardcore-Christen zustimmen.

Nur ist …

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