Schweiz

Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet kritisierte in der Vergangenheit mehrmals den Bund, weil er dessen Vorkehrungen zur Terrorbekämpfung für ungenügend hält. Bild: KEYSTONE

Genfer Sicherheitsdirektor: «Alle Polizisten sollten eine Anti-Terror-Ausbildung erhalten»

Nach dem Anschlag in Nizza fordert Genfs Sicherheitsdirektor Pierre Maudet eine spezielle Schulung für Polizisten: «Jeder Polizist muss fähig sein, einen verrückten Killer sofort auszuschalten.»

17.07.16, 00:55 17.07.16, 10:02

Yannick Nock / Schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Herr Maudet, hat Sie der Anschlag in Nizza überrascht, oder mussten wir letztlich mit einem weiteren Terrorakt in Europa rechnen?
Pierre Maudet: Das hat mich nicht überrascht. So hart es klingt, aber mittlerweile haben wir uns beinahe an Terroranschläge gewöhnt. Trotzdem machen solche Attacken noch immer betroffen. Genf hat eine sehr grosse französische Gemeinschaft und hunderttausende Grenzgänger. Wir spüren sofort, wenn in Frankreich etwas Schreckliches passiert.

Haben wir mit der Amokfahrt von Nizza ein neues Level von Anschlägen erreicht?
Ja, das war eine neue Dimension des Terrors. Zuerst hatten wir den 11. September, als eine Gruppe von aussen den Terror ins Land brachte. In Paris handelte es sich diesen November ebenfalls um eine gut organisierte Gruppe, die aber grösstenteils in Europa geboren oder sozialisiert wurde. Nun erreichen wir eine neue Phase: Eine hier lebende, aber isolierte Person, die allein und ohne Sprengstoff agiert. Die Einzeltäter versuchen, mit einem minimalen Aufwand den maximalen Schaden anzurichten.

Wie lassen sich solche Lastwagen-Anschläge wie in Nizza verhindern?
Das ist fast unmöglich, es ist ein neuer Amok-Stil.

In drei Wochen beginnt das Stadtfest «Fêtes de Genève». Muss Genf die Sicherheitsmassnahmen nun erhöhen?
Wir haben erst vor wenigen Tagen über die Vorkehrungen gesprochen und werden uns auch nächste Woche nochmals absprechen. Grosse Menschenmassen sind immer ein Risiko. Wir erwarten eine halbe Million Besucher an der Promenade. Deshalb haben wir reagiert. Wie beim Public Viewing während der Europameisterschaft wird mehr Sicherheitspersonal vor Ort sein, in Uniform und in zivil.

Reicht das, um einen Lastwagen zu stoppen?
Wir warten ab, welche Informationen uns die französischen Behörden geben werden. Ich weiss nicht, wie hilfreich eine Panzersperre gewesen wäre. Und das ist ja nicht das einzige Problem: Die Tat eines Einzelnen kann auch der Nachrichtendienst kaum verhindern. Die Täter müssen sich nicht absprechen und sie kaufen weder Sprengstoff noch Kriegswaffen.

Wo kann die Schweiz ansetzen?
Wir müssen unsere Sicherheitskräfte besser auf die neuen Gefahren schulen. Alle Polizisten sollten eine spezielle Anti-Terror-Ausbildung erhalten. Der Beamte, der zuerst vor Ort ist, muss einen Terroristen sofort bekämpfen können. Wir können uns nicht erlauben, auf das Spezialkommando zu warten. Das hat man in Nizza gesehen. Jeder Polizist muss fähig sein, einen verrückten Killer sofort auszuschalten. Er muss das Feuer eröffnen, bevor etwas Schlimmeres passiert. In Genf haben wir unsere Einsatzdoktrin bereits daraufhin überarbeitet. Das reicht aber nicht, die Grundausbildung muss sofort angepasst werden, wie wir es auch im Wallis und Waadtland gemacht haben.

«Das Fedpol und der Nachrichtendienst haben ihren Personalbestand aufgestockt. Aber wir hinken im internationalen Vergleich noch hinterher.»

Maudet über die Terrorbekämpfung in der Schweiz

In Nizza war die Polizei schnell vor Ort, stoppen konnte sie den Attentäter trotzdem nicht.
Das ist in einem solchen Fall immer schwierig. Ich war letzte Woche in Paris und habe mich mit Sicherheitskräften und Feuerwehrmännern unterhalten. Sie sind wirklich müde. Nicht überfordert, aber müde. Der Ausnahmezustand in Frankreich hält nun schon seit acht Monaten an. Das ist ein Risiko. Irgendwann passieren Fehler. Ob das in Nizza der Fall war, wissen wir aber noch nicht.

Dann benötigen wir also mehr Polizisten?
Nicht unbedingt, aber es ist eben schwierig, den Ausnahmezustand über Monate aufrechtzuerhalten. Das haben wir im Dezember auch in Genf gesehen, als wir wegen der Fahndung nach mutmasslichen Terroristen die Warnstufe erhöhten.

Damals sagten Sie, der Bund sei in der Terrorbekämpfung «blind und taub». Bleiben Sie bei Ihrem vernichtenden Urteil?
Die Situation hat sich etwas gebessert. Das Fedpol und der Nachrichtendienst haben ihren Personalbestand aufgestockt. Aber wir hinken im internationalen Vergleich noch hinterher. Unsere Entwicklung verläuft wahnsinnig langsam. Zuversichtlich stimmt mich aber, dass Politiker aus allen Landesteilen den Terror heute deutlich ernster nehmen als noch vor einem halben Jahr.

«Ein neuer Amok-Stil» sei der Einsatz eines Lastwagens in Nizza gewesen, sagte Maudet. Er wartet auf Informationen aus Frankreich. Bild: EPA/DPA

2017 und 2019 stehen nationale Krisenübungen an. Sie wollen diese ganz dem Terror widmen.
Wenn das nicht schon vor Nizza klar war, ist es nun eindeutig: Wir müssen durchspielen, wie Polizei und Armee auf einen Terroranschlag in einer oder mehreren Schweizer Grossstädten reagieren sollte. Wir können es uns nicht leisten, unvorbereitet zu sein.

Rechnen Sie tatsächlich mit einem Anschlag in der Schweiz?
Es gibt momentan keine Anzeichen, die Alarmbereitschaft zu erhöhen. Trotzdem dürfen wir nicht naiv sein. Die Schweiz wird von Terrorgruppen nicht als neutral wahrgenommen. Wir sind ein christliches und reiches Land inmitten Europas. Besonders Genf als Heimat der UNO und Stadt der Freiheit könnte Zielscheibe für radikale Kreise sein. Ich bin froh, dass unser Stadtfest dieses Jahr nicht mehr drei Wochen dauert, sondern nur zehn Tage.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 18.07.2016 19:09
    Highlight Was für ein Zufall dass wiedermal ein Bilderberg-Teilnehmer zuvorderst bei der Angstmacherei und dem Aufbau des Polizeistaates dabei ist..
    1 1 Melden
  • reaper54 17.07.2016 07:39
    Highlight Jeder Polizist der nicht unverzüglich das Feuer auf einen Attentäter eröffnet, hat in der Jobwahl einen Fehler gemacht. Wenn man selbst oder andere Personen angehgiffen wird das Feuer eröffnen. Nennt sich notwehr und notwehrhilfe. Aus welchem Grund brauchen sie für das eine spezial Ausbildung?
    9 17 Melden
    • Fabio74 17.07.2016 09:48
      Highlight Genau wegen solchen Möchtegerns die "wissen was zu tun ist"
      16 6 Melden
    • Fox1Charlie 17.07.2016 10:10
      Highlight Wie du das schreibst klingt das ja ganz einfach, ist in der echten Welt aber nicht immer so. Die Entscheidung zu fällen, einen Menschen unter Beschuss zu nehmen ist eine sehr schwierige. Der gewaltige Zeitdruck macht es auch nicht einfacher. Und kein Polizeikorps in der Schweiz deckt einem Polizisten den Rücken, wenn dieser seine Schusswaffe einsetzt(PR-Desaster). Daran sind die Medien mitschuld, die genau wie ein grossteil der Bevölkerung sofort voreilige Schlüsse aus falschen oder ungenügenden Informationen ziehen. Und die Staatsanwälte sehen eine Karrierechance(Polizist verurteilen)
      12 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 17.07.2016 05:48
    Highlight Falsche Angaben im Artikel:

    Das noch junge fedpol wurde 2009 vom EJPD ins VBS integriert mit den Diensten für Analys und Prävention (DAP).
    Der Militärische Nachrichtendienst MND beurteilt Phänomene der Gewalt unterhalb der Kriegsschwelle und macht Lagebeurteilungen in Kooperation mit anderen Geheimdiensten.
    Das VBS bildet aber die Anti Terrorreinheiten aus, dessen Mitglieder idR als Elitepolizisten eingesetzt werden. Dabei wird das VBS stark kritisiert weil es dabei die Kantone konkurrenzieren soll. Siehe Gruppe Tigris der Bundeskriminalpolizei. Zur Haltung Maudet: Traum eines Dorfpolizisten.
    7 3 Melden
    • SemperFi 17.07.2016 08:35
      Highlight Fedpol ist nicht im VBS sondern im EJPD. Das VBS bildet nicht "die Sondereinheiten" aus. Das machen die Kantone schon selber. Und was an der Haltung von Maudet ist denn "Traum eines Dorfpolizisten"?
      5 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.07.2016 10:08
      Highlight Falsch! Das hat gewechselt im2009 zum VBS.
      Habe es ja geschrieben!
      Die Grundlage eines Polizeigrenadiers oder eines ähnlichen Spezialisten ist eine RS in erforderlichem Umfang mir den entsprechenden Weiterbildungen im Militär. Darum schrieb ich VBS. Die Polizei selber ist dann schon Kantonal organisiert. Aber das Rüstzeug im Kampf gegen Terror erhält man durch das Militär. Anti Terror ist sehr vielschichtig und anspruchsvoll. Selber denke ich das Gros an Durchschnittspolizisten ist dieser Anspruchsvollen Ausbildung nicht gewachsen. Und wild rumballern könnten Kleinkinder auch.
      1 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.07.2016 11:14
      Highlight Ungenaue Angabe von mir:
      Meine den nachrichtendienstlichen Bereich des fedpol, Die Dienste für Analyse und Prävention wurden ins VBS integriert. Der Rest bleibt beim EPJD.
      Entschuldigung für meine ungenauenAngabe.
      1 2 Melden
    • SemperFi 17.07.2016 14:07
      Highlight Da irrst Du Dich mit Sicherheit. Die kantonalen Polizeikorps bilden ihre Sondereinheiten selber aus. Eine militärische Vorbildung ist keine Voraussetzung für die Aufnahme in eine Sondereinheit und schon gar kein Ersatz für die korpsinterne Ausbildung. Ich lasse mich jedoch gerne belehren, wenn Du also handfeste Quellen hast...
      4 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.07.2016 17:19
      Highlight Was du sagst stimmt schon nur:
      Als Polizist brauchst du die RS mit entsprechendem Abschluss. Bei solchen Spezialkräften sowieso.
      Dazu ein Mindestalter glaube 21?
      1 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.07.2016 17:45
      Highlight @SemperFi
      Grundsätzlich hast du recht. Die Polizei bildet ihre Leute selber aus. Nur sind deren Bedingungen hart und die Selektion streng. Das Grundwissen um Polizeigrenadier zu werden erhält man vor der Polizeischule im Militär. Das ist Bedingung.
      Die Polizei kennt danach interne Selektion und Weiterbildung bis hin zur Altersbeschränkung.

      http://www.vtg.admin.ch/internet/vtg/de/home/schweizerarmee/organisation/fsta/ksk.html
      1 2 Melden

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