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Viele junge Menschen aus Europa schliessen sich den Kämpfern des Islamischen Staats an. Bild: AP Militant Website

«Wir müssen verhindern, dass es weitere Nachahmer gibt»: Wie Winterthur mit den mutmasslichen Dschihad-Jugendlichen umgeht

28.03.15, 10:19 29.04.15, 08:29

Winterthur macht derzeit Schlagzeilen. Doch es sind keine, über die sich Vertreter und Bürger der 100'000-Einwohner-Stadt freuen dürften. Denn sie lauten so: «Aus Winterthur in den Heiligen Krieg», «Teenager aus Winterthur im Dschihad», «Winterthurer Dschihad-Kämpfer in Syrien gestorben» und «Winterthur rätselt über Dschihad-Reisende».

Spätestens seit dem vergangenen Dezember ist der Islamische Staat Thema in der Stadt. Damals zog ein Geschwisterpaar, das Mädchen 15, der Junge 16 Jahre alt, mutmasslich in den Dschihad. Nun wurden innerhalb weniger Tage zwei neue Fälle bekannt: Ein 18-jähriger Junge, der nach Informationen des Tages-Anzeigers in den gleichen Kreisen wie die Geschwister verkehrte, soll Anfang Februar nach Syrien gereist sein. 20 Minuten berichtet zudem von einem 21 Jahre alten Winterthurer, der laut dem Blatt im Kampf für den IS getötet wurde.

«In Winterthur sind aus meiner Sicht keine Anwerbungsstrukturen für einen Dschihad in Syrien erkennbar.»

Extremismusexperte Samuel Althof Kessler

Dass Winterthur plötzlich zur Keimzelle für Dschihadisten geworden ist, bezweifeln sowohl Stadtvertreter als auch Extremismusexperten. «Ich glaube nicht, dass die Reisen etwas mit der Stadt Winterthur zu tun haben. Es ist Zufall, dass es hier nun vier Fälle gegeben hat», sagt Stefan Fritschi, Stadtrat des Departements Schule. Samuel Althof Kessler von der Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention sagt: «In Winterthur sind aus meiner Sicht keine Anwerbungsstrukturen für einen Dschihad in Syrien erkennbar, es handelt sich bislang um Einzelfälle.» Und die Jugendbeauftragte der Stadt, Mireille Stauffer, wehrt sich dagegen, «dass man es als Massenphänomen darstellt».

Tatsächlich beziffert der Nachrichtendienst des Bundes die aktuelle Zahl der dschihadistisch motivierten Reisenden aus der Schweiz, die in Konfliktgebieten waren oder sich noch immer dort befinden, auf 63. Die Bundesanwaltschaft führt gegenwärtig 20 Verfahren im Bereich des radikalen Dschihadismus, darunter fallen auch die Dschihadreisen oder die Reisen zum Islamischen Staat.

Islamistische Terroristen

Zu den konkreten Fällen wollen oder können jedoch weder Bundesanwaltschaft, Nachrichtendienst noch die Kantonspolizei Zürich Auskunft geben. Letztere bestätigte immerhin, dass man von den Fällen Kenntnis habe: «Es liegen Vermisstenanzeigen vor», sagt eine Sprecherin: «Die Ermittlungen laufen.»

In Winterthur ist man indes ratlos, wie sich die Heranwachsenden zu mutmasslichen Dschihad-Kämpfern entwickeln konnten. «Erstaunlicherweise sind es alles Jugendliche, die gut integriert und in Schule und Lehre erfolgreich und beliebt waren», sagt Jugendbeauftragte Stauffer: «Es sind Kinder aus gemässigten muslimischen Familien oder aus Familien ohne muslimischen Hintergrund.»

«Bei uns haben sie sich bestimmt nicht radikalisiert»

Atef Sahnoun, Präsident des Islamischen Vereins «An' Nur»

Es gibt viele Spekulationen über die Radikalisierung: Geschah es im Freundeskreis? In einer der Moscheen? Und was haben die umstrittenen Koranverteilungen der Gruppe «Die wahre Religion» damit zu tun, die es in vielen Schweizer Orten gibt? «Bei uns haben sie sich bestimmt nicht radikalisiert», hatte Atef Sahnoun, Präsident des Islamischen Vereins «An’ Nur» (deutsch: «Das Licht»), im vergangenen Dezember gesagt und sich von jeglichen extremen Ansichten distanziert. Er ist überzeugt, dass die Rekrutierungen von Deutschland aus geleitet werden.

video: tele top

Für Jugendbeauftrage Stauffer ist es hingegen «noch zu früh, um Vermutungen anzustellen», ob und von wem die Jugendlichen rekrutiert wurden. Sie verweist auf die laufenden Untersuchungen. Laut Extremismusforscher Althof Kessler sind Selbstradikalisierungen jedoch selten. «Für einen Weg in den Dschihad brauchen Jugendliche Menschen, die Kontakte zu ihnen knüpfen und ihnen die gewalttätigen Aspekte des Islams näher bringen.»

Althof Kessler hält es auch für unwahrscheinlich, dass die Jugendlichen von jetzt auf gleich in den Dschihad reisen. Vorher müsse es viele Brüche geben, innerhalb der Familie oder während der Persönlichkeitsentwicklung. «Damit die Werte zerstört sind, die einen in seiner vertrauten, sozialen Umgebung bleiben lassen – dem Umfeld seiner Liebenden –, braucht es eine lange Zeit, in welcher es zu wiederholten Verletzungen oder sogar zu Ausgrenzungen gekommen ist.»

Die Verantwortlichen in Winterthur versuchen nun, mit den bekannten Fällen umzugehen. «Ich bin sehr erschrocken. Jeder Jugendliche, der in den Dschihad reist, ist einer zuviel», sagt Schul-Stadtrat Fritschi: «Wir müssen verhindern, dass es weitere Nachahmer gibt und dass die Taten unter den Jugendlichen glorifiziert werden. Die Dschihadreisen dürfen nicht als aufregendes Abenteuer dastehen.» Auch Jugendbeauftrage Stauffer verweist auf den Nachahmungseffekt: «Einige Jugendliche kommen wohl erst auf die Idee so etwas zu tun, weil es in ihrem Umfeld geschehen ist.»

Einflussbereich des Islamischen Staat. Bild: KEYSTONE

Um weitere Dschihadreisen aus Winterthur zu verhindern, hat das Schuldepartement das Thema in den Schulen thematisiert: «Wir arbeiten mit Fachkräften, etwa einem Krisenpsychologen zusammen und haben auch Kontakt zu Extremismus-Experten», sagt Stadtrat Fritschi. 

Bei der Jugendarbeit in Winterthur setzt man ebenfalls auf Dialog. Nach dem Verschwinden der Jugendlichen im Dezember und auch nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo sei in den Jugendtreffs viel diskutiert worden über Meinungsfreiheit, Witze über Religion, Fanatismus und gesunde Religiosität. «Das sind ganz wichtige und wertvolle Diskussionen, die in der Jugendarbeit aktiv gefördert werden», sagt Jugendbeauftragte Stauffer: «Die meisten Jugendlichen in Winterthur, auch die muslimischen, sind über den Weg, den diese jungen Menschen eingeschlagen haben, genauso schockiert wie wir alle.»

In Winterthur steht man vor einer weiteren Herausforderung: Was machen, wenn einige der Syrien-Reisenden zurückkehren sollten? «Wir müssen uns darauf vorbereiten», sagt Stadtrat Fritschi: «Das ist ein Risikofaktor, eine Gefahr.» Extremismusexperte Althof Kessler rät, Rückkehrern gegenüber offen und vorsichtig zu begegnen. Man dürfe sie nicht vorverurteilen: «Nicht jeder, der nach Syrien reist, begeht dort Verbrechen.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 29.03.2015 21:59
    Highlight Einige weniger! Es gibt aber noch genug solcher muslimischer Troublemaker, die nicht nach Syrien reisen und hier die Leute terrorisieren und ihnen auf der Tasche (Sozialhilfe) liegen. Diese radikalen Muslime sind nur eine Facette der gescheiterten Integration. Über Jahre hat sich unter dem Deckmantel der falschen Toleranz ein Zusehen eingebürgert. Täter werden zu Opfern gemacht. Man muss sich gegen solche Tränendrüsengeschichten über Täter, die ja so liebe Kinderchen waren, verwehren. Sie sind eben keine Kinder mehr und man sollte mit dem Thema so umgehen wie die harte Realität aussieht.
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    • blueberry muffin 31.03.2015 19:42
      Highlight Sozialhilfe Bezüger sind also jetzt Jihadisten? Christliche Werte wie Nächstenliebe und die Unterstützung der Armen sind wohl auch ihrem Fanatismus zum Opfer gefallen.
      1 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 28.03.2015 12:41
    Highlight Jihadismus ist das AIDS der 2010er Jahre. Und genau wie damals Mitte der 80er wäre es nur richtig eine flächendeckende vom Bund in Auftrag gegebene Stop-Jihad Kampagne zu lancieren mit dem Ziel der Aufklärung der Jugendlichen. Denn genau da happert es: viele diese Fehlgeleiteten geraten an Seelenfänger die ihnen das Blaue vom Himmel erzählen und die "Propaganda" im ursprünglichen Sinne wird diesen Typen komplett überlassen. Tuen wir dies nicht (vermutlich noch aus monetären Gründen) werden wir diese Seuche noch teuer zu bezahlen haben.
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    • 足利 義明 Oyumi Kubo 28.03.2015 13:54
      Highlight Wenn wir es schon nicht schaffen solche Fehlgeleiteten vor diesen Irren zu verschonen, ist es wohl besser wenn sie nach Syrien gehen und dort als Kanonenfutter dienen. Dann ist das Nachsorgeproblem wenigstens gelöst.
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    • Gelöschter Benutzer 28.03.2015 14:54
      Highlight @Uther: "tuen wir dies nicht werden wir unser Versäumnis teuer bezahlen müssen". Muss ich dir das jetzt wirklich erklären? Hier ein Tipp: Rückkehrer. Egal ob wir sie einsperren oder traumatisierte ex-Kriegstouristen betreuen müssen, es wird mehr Aufwand sein als eine Kampagne die der heutigen Generationen vor Augen führt was man heute als Söldner zu erwarten hat. Ob nun im Kriegsgebiet oder ausserhalb. Und dass von Rückkehrern schon immer ein enormes Gewaltpotenzial für die Zivilgesellschaft ausgeht ist auch nichts neues. Aber jemand der sich Uther Pendragon nennt, lebt wohl eh in einer Parallelwelt in der man Konflikte mit Schwert und Streitaxt löst...
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  • Zeit_Genosse 28.03.2015 11:13
    Highlight Liege ich falsch wenn ich daraus schliesse, dass der Pfad der Rekrutierung über die Religion und die Religionsstätten führen. Wenn sich da einer radikalisieren lässt und angehalten wird seine Freunde zu Konvertierern oder Anhänger zu machen, Neudeutsch Followers, dann entstehen solche Cluster wie in Winterthur. Diese können aber überall entstehen wo sich Religionsstätten befinden, deren Selbstkontrolle versagen. Dort kann sich dann eine radikalisierte Brut einnisten und damit zum Eiterherd werden. Wie begegnet man dem von aussen, wenn sie von innen nichts gegen die Infiltration und Ausnutzung unternehmen. Die Religionen stehen in der Verantwortung, dass aus und durch ihre Kreise keine Fundamentalisten entstehen. Von aussen kann man nur mit Nachrichtendiensten und Undercoveranhänger die Szene bespitzeln.
    12 1 Melden
    • achso 28.03.2015 12:20
      Highlight ich, du, wir alle schauen zu
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