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Oberrichter Jürg Lienhard. bild: aargauer zeitung/Annika Buetschi

Aargauer KESB-Chef: «Allen werden die Entscheide nie gefallen»

Der Leiter der Aargauer Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, Jürg Lienhard, äussert sich zur massiven Kritik. Und er sagt, warum diese trotz dicker Haut schmerzt.

02.08.15, 08:46 03.08.15, 10:24

Manuel Bühlmann / schweiz am sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Die Kritik ist heftig, die Empörung gross. Nach dem Fall Sisseln wird in Onlinekommentaren und auf Facebook der Unmut über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) geäussert. Sie platzierte die zwei Mädchen fremd, die der Vater nun zusammen mit ihrer Mutter auf die Philippinen geschickt hat.

Die Meinungen sind schnell gemacht: der Vater als Held; die Behörde als Bösewicht. «Abschaffen», «Unfähig», «Taugenichtse und Tagediebe», «unmenschlich und unprofessionell», «auf den Mond schiessen» – nur eine Auswahl der Äusserungen. Oberrichter Jürg Lienhard ist Präsident der kantonalen Aufsichtsbehörde über die KESB, die im Aargau Familiengerichte heissen.

Im Interview nimmt er Stellung, warum die KESB zu den einzelnen Fällen schweigt und wie es um die kritisierte Behörde steht.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die heftigen, teils gehässigen Reaktionen auf den KESB-Fall in Sisseln lesen?
Jürg Lienhard: Online lässt sich sehr schnell und anonym Frust ablassen. Viele der Kommentare sind wenig differenziert. Die Kritik ist ungerechtfertigt und tut weh. Sie schmerzt vor allem für die KESB-Mitarbeitenden, die unter ausserordentlich hoher Fallbelastung stehen und Tag für Tag sehr gute Arbeit leisten. 

Woher kommt diese grosse Wut auf die Behörde?
Der Schutz von Kindern ist ein sehr emotionales Thema. Die Kritiker schaukeln sich wohl gegenseitig hoch, womit die Empörungsspirale zu drehen beginnt. Das Resultat ist oft unsachliche und pauschale Kritik.

Die KESB macht es den Kritikern auch einfach. Sie äussert sich öffentlich nicht zu den einzelnen Fällen. Auch im Fall Sisseln wird geschwiegen. Warum kommuniziert man nicht offensiver?
Die familienrechtlichen Verfahren sind nicht-öffentlich – zum Schutz der Betroffenen. Häufig gelangt nur eine Seite an die Öffentlichkeit. Die andere Partei hat nach wie vor Anrecht auf Privatsphäre, die wir schützen müssen. Das führt dazu, dass wir keine Stellung nehmen dürfen, wenn eine unzufriedene Person den eigenen Fall publik macht.

In Krisen wird empfohlen, möglichst rasch und umfassend zu kommunizieren. Den KESB-Verantwortlichen hingegen ist ein Maulkorb auferlegt. Müsste diese Regelung nicht gelockert werden, um sich künftig besser gegen Kritik wehren zu können?
Ich halte es nicht für sinnvoll, an den Gesetzen etwas zu ändern. Die Privatsphäre der Betroffenen muss gewährleitstet werden, und diese Verschwiegenheit hilft, das Vertrauen in die Gerichte sicherzustellen. Es wird auch in Zukunft nicht zu jedem umstrittenen Fall ein Communiqué geben.

Darum dürften die KESB und ihre Mitarbeitenden auch künftig heftiger Kritik ausgesetzt sein – ohne sich dagegen verteidigen zu können.
Das ist leider so, damit müssen wir wohl leben. Die KESB haben häufig heikle und hochemotionale Fälle zu beurteilen: Kinder, die unterernährt oder gar nicht zur Schule geschickt, die sexuell missbraucht oder geschlagen werden. Handeln wir zu langsam oder gar nicht, wird uns das zum Vorwurf gemacht. Letztlich haben wir die Verantwortung für diese Kinder. Wie generell bei gerichtlichen Entscheiden gilt: Allen werden unsere Entscheide nie gefallen, eine Seite ist meist unzufrieden.

Nach dem Fall Flaach wurde im Januar ein Aargauer festgenommen, der KESB-Mitarbeitende mit dem Tod bedrohte. Ein Einzelfall oder haben Drohungen allgemein zugenommen?
Morddrohungen sind die absolute Ausnahme. Häufiger hingegen sind Anfeindungen und Beleidigungen in Schreiben an die Gerichte, die es aber auch schon früher gab. Doch mit der Zeit erhält man eine dicke Haut. In krassen Fällen wären Strafanzeigen denkbar, erfolgen aber äusserst selten. Und natürlich gilt die Meinungsäusserungsfreiheit, es ist nicht verboten, Kritik an der Kesb zu üben.

Inwiefern halten Sie die Kritik auch für berechtigt?
Wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren. Mit einer unabhängigen und professionellen Gerichtsorganisation, einem rechtsstaatlichen Verfahren und mehreren Beschwerdemöglichkeiten können solche jedoch auf ein Minimum beschränkt werden. Allgemein sind wir mit dem neu eingeführten System auf einem guten Weg, auch wenn einzelne Abläufe noch optimiert werden können.

Immer wieder wird auch kritisiert, unter der KESB gebe es mehr und teurere Fälle als zuvor.
Der Vorwurf, wir würden die Sozialindustrie unnötig aufblähen, ist ungeheuerlich. Wir haben keinerlei Interesse daran. Im Gegenteil: Die KESB im Aargau hat nach wie vor mit einer ausserordentlich hohen Fallbelastung und einem zu tiefen Personalbestand zu kämpfen. Es dient den Gerichten in keiner Weise, sich mit unnötigen Fällen zusätzliche Arbeit zu machen.

Die Behörde gibt es erst seit 2013, der Ruf ist bereits ramponiert. Lässt sich das überhaupt noch korrigieren?
Ich glaube nicht, dass der Ruf beschädigt ist. Eine neue sorgfältig aufgebaute Institution darf man nicht vorschnell abschreiben. Die Unmutsbekundungen von einzelnen Direktbetroffenen und Wutbürgern sind nicht repräsentativ, die Mehrheit hat nach wie vor Vertrauen in uns.

Das würde sich zeigen, wenn die angekündigte Initiative für eine Machtbegrenzung der KESB zur Abstimmung kommen sollte.
Allzu grosse Wellen wird die Initiative wohl kaum werfen. Die Initiantin Zoë Jenny will wegen eines Einzelfalls, der sie persönlich betroffen hat, das ganze System ändern. Das ist nicht gerechtfertigt. Ich vertraue darauf, dass Politiker und Wähler dies erkennen.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Maria B. 02.08.2015 11:14
    Highlight Keine Spur von auch noch so mässiger Selbstkritik, alles bei der KESB ist selbstverständlich ausnahmslos gut und sollte somit vom ihm unterstellten Fussvolk nicht in Zweifel gezogen werden. So einfach kann man es sich natürlich nicht machen, würde ich meinen. Es sollte zumindest eine Kontrollinstanz für besonders umstrittene Fälle geben, damit sich solche Dramen wie in Flaach, der Familie Kast, aber auch diesem noch immer denkfähigen Greis nicht ad infinitum wiederholen. Mal sehen, ob sich unter dem Druck der drohenden Volksinitiative und in deren Vorfeld noch was ändert oder gewisse Rauchzeichen kommuniziert werden.
    8 2 Melden
    • Tschosch 02.08.2015 11:56
      Highlight Auch wenn ich über weite Strecken Herrn Lienhards Meinung bin, täte ihm eine Priese Selbstkritik tatsächlich gut. Eine Kontrollinstanz oder ein Ombudsmann ergänzend zu den bereits vorhandenen Rekursinstanzen sowie niederschwellige unentgeldliche Rechtsberatung wären sinnvolle Optimierungsvorschläge...
      (Den Flaacher Fall hätte aber weder eine Behörde noch eine Kontrollinstanz verhindern können.)
      7 1 Melden
  • Huber50 02.08.2015 09:59
    Highlight Offenbar gibt es in unserer Gesellschaft ungeschriebene Verhaltungsnormen (speziell im Umgang / Verhalten innerhalb Familien), die unbedingt einzuhalten sind, damit nicht irgend eine Person eine Gefährdungsmeldung generieren kann und der anonymen KESB zustecken kann, anstelle mit den Betroffenen von Gesicht zu Gesicht das Gespräch zu suchen. Dieser Umstand sollte Herr Jürg Lienhard kennen und sich zu diesem äussern. Seine raponierte KESB in obiger Form in Schutz zu nehmen bringt da gar nichts.
    15 12 Melden
    • Tschosch 02.08.2015 10:46
      Highlight Was für Verhaltensnomen meinen Sie?
      4 6 Melden
    • Huber50 02.08.2015 22:57
      Highlight Hier einige echte Beispiele aus der Praxis im Jahre 2015:
      5 jährige Kinder unbeaufsichtigt um 21:00 Uhr noch draussen spielen lassen; Kinder bei 30°C Aussentemperatur mit Skijacke & Roger Staubmütze in den Kindergarten schicken lassen; Alleinerziehende, die ihre Kinder erst dann ins Bett schicken, wenn sie selber um 23:00 Uhr ins Bett gehen. Auf dieses Problem beim Eltergespräch angesprochen kommt die Antwort: Was Du machen wollen, wenn der Kind nicht will!!
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  • dracului 02.08.2015 09:24
    Highlight Jürg Lienhard präsentiert hier den klassischen Lösungsansatz aller Verwalter: Jedes Problem erst einmal aussitzen! Im ganzen Interview sehe ich keine Lösungsansätze, keine Verbesserungsvorschläge und keinerlei Selbstkritik. So wird die Wut gegen die Behörden nur noch grösser und eine grosse Angst wird bestätigt: Die Ohnmacht gegenüber der Willkür der Behörden.
    25 12 Melden
    • gigibibi 02.08.2015 11:30
      Highlight Angst, JA. Sie nimmt zu, denn diese machtbesessene und kopfgesteuerte Organisation wird weiterhin Unheil anrichten. Ohnmacht, NEIN. Handeln ist jetzt angesagt. Entgegen der Meinung von Jürg Leinhard, wird die Initiative der Gruppe um Pirmin Schwander sehr wohl etwas bewegen!
      7 5 Melden
  • E. Edward Grey 02.08.2015 09:21
    Highlight Herr Lienhard klassifiziert die Kritiker der KESB also per se als Wutbürger und Kritik als ungerechtfertigt. Das sagt eigentlich alles über das System KESB.
    27 14 Melden
    • kiawase 02.08.2015 17:21
      Highlight ja , ich habe nach wie vor den Eindruck dass viele KESB Beamte sich nicht bewusst sind dass sie eine Dienstleistung erbringen und da dass Wohl ihrer Kunden im Zentrum stehen muss. Ich sehe auch in jedem der traurigen Fälle ein Ungleichgewicht in den rechtlichen Hebeln die den Parteien zur Verfügung stehen; KESB mit Anwälten, Richtern und Psychiatern im Rücken und die Betroffenen ?
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