Schweiz
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Marco Camenisch, undatierte Aufnahme des Buendners, der als

Marco Camenisch – ein ungebrochener Gegner des Systems. Bild: KEYSTONE

Marco Camenisch: Die Stimme der Anarchisten ist nach 23 Jahren Gefängnis immer noch nicht verstummt

Marco Camenisch sitzt seit über 23 Jahren hinter Gittern. Der Ökoanarchist hat Spreng-Anschläge verübt und einen Grenzwächter getötet. Der Journalist Kurt Brandenberger hat ein sehr feines Portrait über den Mann geschrieben, der sich – ob hinter oder vor den Gefängismauern – dem Kampf gegen die Zerstörung der Natur verschrieben hat. 



Marco Camenisch, dem Bündner, der in den 80-er Jahren Hochspannungsmasten der Elektrizitätskonzerne in die Luft jagte und als verurteilter Mörder seit über 23 Jahren ununterbrochen im Gefängnis sitzt, nimmt man seinen Kampf gegen die ausbeuterische Zerstörung der Umwelt ab. Seine ganze Seele hängt daran und ist schon immer daran gehangen und wird es auch weiterhin tun, wenn er am 8. Mai 2018, nach fast 10'000 Nächten und Tage hinter dicken Mauern, entlassen wird. 

Den gewaltigen Lebenskampf dieses Anarchisten und sein Innerstes zu vermitteln, das ist der Verdienst von Kurt Brandenbergers neuem Buch «Marco Camenisch. Ein Leben im Widerstand.» Der Journalist hat den einzigen Häftling, der mehr als lebenslänglich verurteilt wurde, während drei Jahren besucht, er hat mit seiner Tochter, mit seiner Frau und seiner Mutter geredet und dann dieses aussergewöhnlich schnörkellose und darum wohl so unverfälschte Buch vorgelegt. Marco Camenisch spricht auf fast jeder Seite selbst. Aus seinen Tagebüchern, aus Briefen oder anarchistischen Zeitschriften.

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Und trotz Brandenbergers Treue zur sachlichen Recherchearbeit liest sich das Buch wie ein Roman. Vielleicht ist Marco Camenischs Leben auch ein bisschen wie ein Roman. Nur möchte man darin nicht die Hauptrolle spielen.  

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Kurt Brandenbergers Buch «Marco Camenisch. Ein Leben im Widerstand» erscheint am 16. April 2015 und ist im Echtzeit-Verlag erhältlich.  

Marco Camenisch liebt die Berge. Er liebt die Natur. Er ist ein Alpenmann, ein Senn. Als wäre er direkt aus dem Mutterleib auf eine taufrische Wiese gekrabbelt, so wirkt der Mann, der sich im Krieg befindet gegen die «Finanzoligarchie», gegen «babytötende Nahrungsmittelkonzerne», gegen die «verbrecherischen internationalen Rohstoff- und Waffenhändler», gegen die «ausbeuterischen Multis» und die Atomlobby. Die Natur ist ihm existentiell, so wie sie es eigentlich uns allen sein sollte, doch neigen wir, die wir in den Städten wohnen, dazu, das manchmal zu vergessen. 

«Ich will eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Kein Staat. Keine Hierarchie. Überschaubare Gemeinschaften von selbstbestimmten, wehrhaften und freien Menschen. Ich bin Anarchist.» 

Marco Camenisch, zitiert nach Brandenberger.

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Marco Camenisch 1991. bild: Keystone

Die Sprengung des Hochspannungsmastes bei Balzers war Camenischs Rache für das AKW Gösgen. Damals war er 27 Jahre alt, ein kiffender, revolutionärer junger Mann, der schon damals wusste, dass sein Kampf ein gewaltsamer sein würde. Am Tag seiner ersten Verhaftung, am 8. Januar 1980, bewilligt die Regierung des Kantons Graubünden den Nordostschweizerischen Kraftwerken (NOK, heute Axpo) den Bau der Kraftwerke Ilanz I und II am Hinterrhein. 

«Wem nützt es, beispielsweise für ein Quartierzentrum zu kämpfen, ohne gleichzeitig gegen die fortschreitende und rasende Zerstörung des Planeten zu kämpfen? Es ist, wie wenn wir eine Kabine retten wollten auf einem Schiff, das lichterloh brennt und sinkt». 

Auszug aus Camenischs Artikel in der anarchistischen Zeitschrift Annarres, zitiert nach Brandenberger.

Marco Camenisch stellte sich denen in den Weg, die tiefe Wunden in die Landschaft schlagen, die im Namen des Profits die Umwelt, sein Zuhause zerfurchen und zerstören. Dafür wurde er mit zehn Jahren Zuchthaus bestraft. Er, der «Kriegsgefangene», flieht zusammen mit drei Italienern und einem Nigerianer aus dem Gefängnis. Dank zwei Pelati-Büchsen, die gefüllt waren mit zwei 38er-Trommelrevolvern und einer 6.35er Handfeuerwaffe, alle mit vollem Magazin. Ein Geschenk von den Freunden draussen.

Die Buchvernissage findet am 16. April 2015 um 20 Uhr im Theater Neumarkt statt. Dabei sind Kurt Brandenberger (Autor) und Bernard Rambert (Rechtsanwalt von Marco Camenisch und eine Art Kronanwalt aller radikalen Linken), die Moderation übernimmt Stefanie Hablützel. 

Nachdem der Bündner mit Hilfe einer Leiter über die hohen Knastmauern von Regensdorf in seine Freiheit gerannt ist, lebt er zehn Jahre im Untergrund. Als Gejagter von Interpol und Aktenzeichen XY hetzt er quer durch die Welt, stets bereit, die zu töten, die ihm seine Selbstbestimmung wieder wegnehmen wollen. 

«Im Untergrund lebst du 24 Stunden am Tag mit der Gefahr, ergriffen oder getötet zu werden. Oder töten zu müssen.» 

Marco Camenisch, zitiert nach Brandenberger.

Dann wird Marco Camenisch wieder verhaftet. Diesmal in Italien im April 1993, nachdem er den Carabiniere in den Arm geschossen hat, der ihn kontrollieren wollte. Er bekommt zwölf Jahre Zuchthaus wegen vorsätzlicher Körperverletzung, Sprengstoffanschlägen, illegalem Waffenbesitz, Fälschung und Hehlerei und sitzt im Hochsicherheitstrakt des Gefängisses in Novara, im Piemont ein. Und alles, was danach auf ihn wartet, ist der Prozess in der Schweiz: Dort wird er des Mordes am Grenzwächter Kurt Moser angeklagt werden. 

Rund fuenfzig jugendliche Camenisch - Sympathisanten ziehen durch die Zuercher Altstadt und fordern Freiheit fuer Marco Camenisch, am Freitag, 4. Juni 2004 in Zuerich. Das Zuercher Geschworenengericht hat Marco Camenisch zu einer 17-jaehrigen Zuchthausstrafe wegen Mordes verurteilt. Dazu kommt der Rest einer frueheren Strafe. Der frueheste Zeitpunkt, zu dem der heute 52-Jaehrige entlassen werden kann, ist im Jahr 2018.  (KEYSTONE/Dorothea Mueller)

Camenisch-Sympathisanten ziehen durch die Zürcher Altstadt und fordern seine Freiheit. 4. Juni 2004.  Bild: KEYSTONE

Camenisch hat den Mord immer abgestritten. 2004 sagt er vor dem Obergericht Zürich und vor einer vollen Tribüne, besetzt von seinen Freunden, Sympathisanten und «Genossen»: 

«Auch als bewaffnet kämpfender Revolutionär habe ich niemals kriegsverbrecherische Tötungen [...] vorgenommen. [...] Und ich habe schon gar nicht einem wehrlos am Boden Liegenden in den Kopf geschossen. Solche Niedertracht ist für mich schlicht nicht denkbar.» 

Der Grenzwächter Moser wurde am 3. Dezember 1989 im Puschlav mit drei Kugeln getötet. Er hinterliess eine Ehefrau und einen kleinen Sohn. Marco. Er trägt den Namen des verurteilten Mörders seines Vaters. 

Die Geschworenen befinden Marco Camenisch in einem Indizienprozess für schuldig. Er bekommt 17 Jahre. Die oberen Ränge des Gerichts toben: «Schweine», ruft einer. 

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Überall in Europa fordern Anarchisten Marco Camenischs Freiheit. 

Im SF-Dokumentarfilm Camenisch – Mit dem Kopf durch die Wand sagt Camenischs Mutter, die ihm Zeit ihres Lebens durch alle Böden die Treue gehalten hat: 

«Marco und ich haben nie über das Tötungsdelikt in Brusio gesprochen. Es hat sich nie ergeben. Aber wenn er plötzlich sagen würde, ‹ich habe alles falsch gemacht›, würde er zerbrechen, dann hätten sie erreicht, was sie wollen.» 

Annaberta Camenisch, zitiert nach Brandenberger.

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bild: wikipedia

Dieser Mann ist kein Kommunist, kein Marxist, kein Leninist oder Trotzkist. Er ist Anarchist. Er will das Recht auf Selbstbestimmung. Er will das Recht auf die absolute Freiheit und er will die Abschaffung des «Systems». Dieser Mann war immer ursprünglich. Er ist mitten in die Ursprünglichkeit hineingeboren worden. Er gehört zu ihr. Und irgendwann wird er zu ihr zurückkehren. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Martin1610 01.07.2015 10:04
    Highlight Highlight Schließe mich der Meinung von Luki Bünger an aber wie viele Menschen gibt es noch die überhaupt Ideale und Überzeugungen haben? Heute schauen alle nach unten auf ihr Smartphone. Kapitalismus: "Ausbeutung des Menschen durch den Menschen." Wer hat's geschrieben? 😉
  • Luki Bünger 17.04.2015 13:17
    Highlight Highlight Über Camenisch's Gesinnung kann und will ich nicht urteilen, aber wer sich in der Schweiz genötigt fühlt, seine Anliegen der Gesellschaft mit Gewalt reinzudrücken, hat in meinen Augen keinen Respekt verdient. Gewalt als Lösungsansatz ist der Beweis dafür, dass man weder die Geduld noch die Eier hat, sich mit anders gesinnten Mitmenschen auseinanderzusetzen. Diese Haltung sabotiert jegliche Art von friedlichem Zusammenleben, sei es nun im Bergdorf oder in der "achsopösen" Stadt.
  • mazzli 16.04.2015 23:25
    Highlight Highlight Was für ein verwirrter armer Verlierer... und dann noch ein paar über das "System" rumfloskelnde pseudointellektuelle KommentatorInnen... Was für ein unnützer Beitrag von mir oben drauf... Zürich 2015
    • Anna Rothenfluh 17.04.2015 08:33
      Highlight Highlight
      User ImagePlay Icon
    • mazzli 17.04.2015 09:48
      Highlight Highlight Grossartig, Anna Rothenfluh, genau so ist es :-))
  • Angelo C. 16.04.2015 23:20
    Highlight Highlight Sicher, auf seine Weise kein uninteressanter Mensch, auch wenn die gewählten Mittel zur Erreichung seiner angestrebten Ziele (intellektuell und von der Effizienz her betrachtet) wenig ergiebig waren. Mag er sich als Anarchist sehen, was sein folgenschweres Privatvergnügen darstellen mochte, aber er hätte eigentlich wissen müssen, dass er als solcher - ausser bei einigen ähnlich gelagerten Wirrköpfen - weder gesamtgesellschaftlich noch oekologisch etwas bewegen und gegebene Situationen wirksam verändern konnte. Und so blieb er genauso eine gescheiterte Existenz analog anderen Anarchisten, wie z.B. der linksextreme Andreas Bader einer war. Wobei er wenigstens noch lebt, wenngleich den grössten Teil seines Lebens eingesperrt.
  • malu 64 16.04.2015 19:14
    Highlight Highlight Hoffentlich hat die Haft nichts von seinem Mut und seiner Entschlossenheit kaputt gemacht. Aber wer unsere Justiz kennt, weiss wie Sie Leute brechen kann
    • 1337pavian 18.04.2015 00:06
      Highlight Highlight Die frühesten Herrscher waren kaum gekannt.
      Die späteren wurden verehrt.
      Die noch späteren gefürchtet.
      Die letzten verachtet.
      Wird Gesetzmässigkeit verlassen /
      Werden Gesetze verhängt.
      Gesetze schaffen gesetzliche Vorgänge
      Gesetzliche Vorgänge führen zu Zerfall.
      Die frühesten Herrscher wahrten Gesetzmässigkeit.
      Und das Volk fühlte sich frei.

      'Tao Te King' (Buch 1 - XVII), Laotse
  • malu 64 16.04.2015 19:07
    Highlight Highlight Ein hoch auf Camenisch!
    Solche Leute braucht die Natur.
  • dath bane 16.04.2015 18:16
    Highlight Highlight Komisch. Wieso muss ich bei dem Kerl an Wilhelm Tell denken?
  • Monachus 16.04.2015 14:47
    Highlight Highlight Camenisch eignet sich offensichtlich wunderbar als Projektionsfläche für genau jene Städter, über die die Journalistin den Stab bricht. Diese Romantisierung eines gewalttätigen Wirrkopfs (und das ist er, hinter den wohlklingenden und utopischen Floskeln steckt nichts politisch oder gesellschaftlich konkret umsetzbares) hinterlässt einen schalen Geschmack.
    • Franz Zorn 16.04.2015 15:06
      Highlight Highlight Vielen Dank für Ihre unverirrten Belehrungen, Monachus. Mit Attributen wie Wirrkopf und Romantisierung ist selbstverständlich glasklar argumentiert and alles gesagt, da braucht man seine Meinung über andere und anderes Denken nicht mehr zu hinterfragen.
  • Horseman 16.04.2015 14:35
    Highlight Highlight Anna,
    ausserordentliche Menschen interessieren mich. Mein Dank für diesen interessanten Beitrag.
    Eine etwas philosophische" Überlegung dazu:
    Jedes System hat eine starke innere Kraft, sich selbst am Leben zu erhalten, um nicht die moralische Rechtfertigung für das eigene Tun zu verlieren.
    Und so werden wir auch in Zukunft mit den schönen hellen, aber auch dunkleren Seiten von Systemen zu leben haben. Wie weit wir dagegen kämpfen, ist letztlich eine ganz persönliche Entscheidung.
    Marco scheint glaubwürdig und authentisch, radikal zu sein.
    • Anna Rothenfluh 16.04.2015 18:39
      Highlight Highlight Ich würde nicht unbedingt sagen, dass das System diese Kraft besitzt. Vielmehr die Menschen, die in diesem System leben. Und ja, da gibt es ganz gewiss immer beide Seiten. Die meisten Menschen leben einfach damit. Deshalb ist Camenisch für mich auch ein aussergewöhnlicher Mensch. Er anerkennt das System nicht, will nicht in ihm leben. Deshalb wünscht er sich kleine, ländliche Gemeinschaften, die autark leben. Aber ist das nicht auch eine Art System? Und die Kinder dieser Kommunen-Gründer, werden die dann nicht auch, ohne gefragt zu werden, in dieses System hineingeboren? Ist das dann Freiheit?
    • 1337pavian 18.04.2015 00:10
      Highlight Highlight Ausgezeichnete nicht bevorzugen /
      So sind nicht Gezeichnete.
      Besitz nicht schätzen / so sind nicht Besitzgierige.
      Nich werten das Aussen / so ist nicht Unwert im Innern.
      Also der Erwachte:
      Er macht Volkes Herz begehrdenlos /
      Und es wird überfluss haben.
      Schwindet Begehren / erscheint Kräftigkeit.
      Nicht übt er Gescheitsein /
      Und sind Gescheite / so beirrt er sie im Handeln.
      Ist Nichthandeln /
      Geschieht die Grosse Ordnung.

      'Tao Te King' (Buch 1 - III), Laotse
  • Asmodeus 16.04.2015 13:05
    Highlight Highlight Sehr romantischer Text über einen Verbrecher und Mörder.

    Gerade im Moment, mit Abkommen wie dem TTIP um die Ecke, ist es wichtiger denn je gegen die Ausuferung des Kapitalismus und die Macht der Konzerne vorzugehen.

    Aber ob man dafür einen Mörder verherrlichen sollte verschliesst sich mir.
    • Raro Wetzel 16.04.2015 13:32
      Highlight Highlight Was gibt Ihnen die Gewissheit, dass Marco Camenisch wirklich gemordet hat? Kennen Sie die Indizien? Beweisen diese wirklich hieb und stichfest die Erschiessung des Grenzwächters durch Herrn Camenisch?
    • Anna Rothenfluh 16.04.2015 14:01
      Highlight Highlight Ich habe das "mutmasslich" eben auf das Jahr des Mordes bezogen, da war er noch nicht verurteilt, man hielt ihn nur für den Mörder. Aber du hast recht. Ist wohl verwirrend. Ich werde es ändern.
    • Hans Jürg 16.04.2015 14:46
      Highlight Highlight Hat C je gesagt, es sei es nicht gewesen? man jann natürlich hinter allem eine Verschwörung sehen, wenn die Wirklichkeit nicht dem Wunschbild entspricht.
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