Schweiz

Mit 78 Jahren auf Diebestour – der tragische Fall des slowakischen Einbrecher-Opas

Ein 78-jähriger Slowake war in Wettingen bei einem Einbruch auf frischer Tat ertappt worden. Er ist ein Wiederholungstäter und muss nun ins Gefängnis.

01.10.16, 07:49 01.10.16, 15:43

Rosmarie Mehlin / az Aargauer Zeitung

Knapp eine Woche nachdem das Schweizer Volk eine Erhöhung der AHV abgelehnt hat, sass vor Gericht in Baden Jano (Name geändert), der seine Rente mit Diebstählen aufbessert. Es sind 200 Euro pro Monat, die der 78-Jährige daheim in der Slowakei vom Staat bekommt. Grauer Haarkranz, zerfurchtes Gesicht, grauer Schnauz, leicht gebückte Haltung: Man sieht Jano sein Alter an, umso mehr, als es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten steht.

Am 26. Juli, mittags gegen 12 Uhr, hatte Herr S. in der Küche seines Hauses in Wettingen einen wildfremden Mann angetroffen. Es gelang ihm, diesen zu überwältigen und bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten. Es war Jano, der durch die unverschlossene Tür ins Haus marschiert war.

In Rheinfelden bereits verurteilt

Nach der Festnahme sass der alte Mann zuerst in U-Haft, inzwischen ist er im vorzeitigen Strafvollzug. Denn ums Gefängnis kommt Jano nicht herum, war er doch bereits am 15. Juli von der Staatsanwaltschaft Rheinfelden wegen Einschleichdiebstählen zu sechs Monaten unbedingt verurteilt worden. Der Strafbefehl wurde an Janos Adresse in der Slowakei geschickt. Dieser hatte ihn aber noch nicht erreicht, war er damals doch nach Abschluss der Untersuchungen zunächst nach Frankreich gefahren.

Von dort wollte Jano mit seinem Auto dann via Deutschland nach Hause fahren – mit «unbeabsichtigtem» Abstecher nach Wettingen. «Ich wollte Deutschland ja gar nicht verlassen. Ich hatte überhaupt nicht gemerkt, dass ich über die Grenze gefahren und in der Schweiz war», versicherte Jano dem Einzelrichter Bruno Meyer. Im Mai dieses Jahres aber war Jano von der Schweiz mit einer zweijährigen Einreisesperre belegt worden.

«Ich möchte mich entschuldigen, ich wollte nichts Unrechtes tun.»

Wegen versuchten Diebstahls, Hausfriedensbruchs und der rechtswidrigen Einreise sollte Jano laut Staatsanwalt diesmal mit 12 Monaten Gefängnis bestraft werden. Seine amtliche Verteidigerin sprach Klartext. Ihr Mandant sei kein unbeschriebenes Blatt und unbelehrbar. «Er ist ein Kleinkrimineller, seit Jahren spezialisiert auf Einschleichdiebstähle. Nicht zuletzt weil er auf Medikamente angewiesen ist, geht er – um die bescheidene Rente aufzubessern – immer wieder aufs Neue den Weg des geringsten Widerstandes.»

Richter spricht von tragischem Fall

Da Jano die Einreise in unser Land fahrlässig begangen, sich keinen gewaltsamen Zutritt in das Haus in Wettingen verschafft und eigentlich gar nicht gewusst habe, was er dort überhaupt wollte, sei eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten angemessen.

Mit seinem Schlusswort wandte Jano sich an Hausbesitzer S., welcher der Verhandlung als Zuschauer beiwohnte: «Ich möchte mich entschuldigen, ich wollte nichts Unrechtes tun.»

Bruno Meyer sprach Jano gemäss dem Strafbefehl schuldig, reduzierte die Strafe aber auf 8 Monate. Dazu gesellen sich allerdings die sechs Monate aus Rheinfelden. Mit den Worten: «Ihr Fall ist tragisch und ich kann Ihnen auch kein Rezept geben, wie sie ihre Rente auf legalem Weg aufbessern können», liess der Richter den 78-jährigen von einem Polizeibeamten zurück in die JVA Lenzburg führen. (aargauerzeitung.ch)

Diese Justizfälle haben die Schweiz bewegt

«Er ist unschuldig?» – wie Luanas Traum von der Freiheit vor dem Aargauer Obergericht jäh platzte

Kondome, Viagra, Medienstelle: Der «Rollstuhl-Bomber» erzählt vor Gericht krude Romane

«Wir sind durch die Hölle gegangen» – Das sagt der Schlieremer Polizist zum Bundesgerichtsentscheid

«Fall Walker»: Das Obergericht übt sich in Schadensbegrenzung

Eine lesbische Liebe, Kokain-Sucht und Salmiakgeist, 12 Prozent: Der Mordprozess Hochweid

Carlos vor Gericht: Ein schweigender Trötzler

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 02.10.2016 10:49
    Highlight Wollte seine Rente von 200.00 Euro aufbessern. Konnte er seine Rente nicht mit Diebstählen in der Slovakei aufbessern? Warum kommt er in die Schweiz um einbrüche zu verüben.
    1 0 Melden
  • Bijouxly 01.10.2016 13:45
    Highlight "sich keinen gewaltsamen Zutritt in das Haus in Wettingen verschafft und eigentlich gar nicht gewusst habe, was er dort überhaupt wollte" was ist denn das für ein Argument?^^ .. Ich war mit dem im Gebüsch und der hat geschrien, wirklich? Weiss gar nicht mehr was ich da wollte. Komisch. Ja dann ist das natürlich nur halb so schlimm, oder. Auch dass er durch ganz Europa tuckerln kann mit dem Auto spricht nicht grad von Armut - oder klaut er das Benzin auch, weil er nach dem Tanken "gar nicht mehr wusste, was ee wollte" und einfach davonfährt? http:// Wi
    8 5 Melden

Alle zwei bis drei Sekunden ein Auto: Wie der Aargau die Autobahnen ausbaut

Der Ausbau der A1 im Aargau ist erst 2040 ein Thema. Mit einem Trick macht der Kanton die Strasse trotzdem breiter – zumindest ein bisschen.

«Ummarkierung Aarau Ost-Birrfeld» steht auf der weissen Baustellentafel an der A1 – was unspektakulär klingt, ist ein grösseres Projekt, um den Verkehr auf der Autobahn flüssiger zu machen. Konkret werden die Ein- und Ausfahrten bei den drei Anschlüssen Aarau Ost, Lenzburg und Mägenwil verlängert. Bisher waren diese zwischen 100 und 260 Meter lang, was in den Stosszeiten zu stockendem Verkehr bei Einfahrten und Rückstau auf die Autobahn bei Ausfahrten führte.

Neu beträgt die Länge der …

Artikel lesen