Schweiz

Hier wird es Nacht und Tag, es blitzt und donnert, und wetterfeste Kinder haben Spass. Bild: sme

Wieso hab ich so viele Nacktszenen geschrieben? Mein Einsatz an der Sex-, äh Gartenmesse 

65'000 Menschen besuchten die Giardina in Oerlikon. Ich hatte dort einen Job. Mit Gärtnern hatte er nichts zu tun. Eine Glosse.

20.03.17, 19:50 21.03.17, 06:58

«Hoi, Koi!», denke ich. Ich denke beim Anblick von Kois meist was Blödes. Sie gefallen mir einfach nicht. Sie sehen so krank aus. Hautkranke Fische. Die Kois in der Halle 1 des Messegebäudes in Oerlikon baden direkt neben einer Disco. Jedenfalls hängt eine riesige Discokugel von der Decke, Nebel steigt auf, es donnert, Kinder flitzen ungerührt auf einer riesigen Schaukel über einen Teich. Polaroidkameras für Selfies hängen von der Decke.

Jeder dieser Kois sei 10'000 Franken wert, heisst es. Angeblich kann man sie streicheln wie Büsis. Oder angeln. Aber dann kommt die Polizei. Bild: giardina

Es riecht ganz leicht nach Kompost. Ich bin an der Giardina. Das Tram zur Gartenmesse war so voll wie sonst nur zu einem FCZ-Match im Letzigrund.

Alle grünen Daumen zeigen völlig erigiert nach oben. Ich habe keinen. Ich habe in meinem Leben sämtliche Pflanzen, die mir anvertraut wurden, ins Jenseits der Komposthaufen befördert.

Besonders schnell führte ich mal als Teenie den Exitus einer Zimmerpflanze herbei, als ich versuchte, ein paar winzig kleine Milben mit Parfum zu töten. Was also mache ich an einer Gartenbaumesse? Vorlesen.

Ich bin jetzt in meiner Freizeit Schriftstellerin. Ein Stand hat mich gefragt, ob ich einen Tag lang lesen würde, immer mal wieder, nur ganz kurz, damit es die potentiellen Kundengespräche nicht stört, aber damit der Titel des Standes «Garten der Poesie» gerechtfertig ist.

Dieses Gärtchen der Poesie mit seinen Mauern aus Büchern und echten Bäumen muss man sich mit 13'000 Menschen pro Tag vorstellen. Bild: giardina

Der Stand ist schön. Er hat als einziger diesen gemütlichen Pippi-Langstrumpf-Charme und eine Gartenmauer aus 20'000 Büchern. Dafür hat er prompt den Preis als schönster Showgarten gewonnen. Er war schon im Fernsehen, alle wollen ihn sehen. Mich eher weniger.

Ich mach das wie ein abgebrühter Gemüseraffel-Verkäufer. So lange ins Mikro labern und dabei gezielt die Worte «Sonderaktion», «Hammer» und «Gartengrill» einsetzen, bis ein paar liebe Leute stehen bleiben. Gartengrill nützt immer.

Der ganze 2. Stock der Messe ist voller Gartengrills. Alle Männer flippen aus. Am besten gefällt ihnen allerdings ein Mini-Gummiboot für den Biertransport im Jacuzzi. Und der Pool mit dem höhensverstellbaren Boden. Eine Frau tut nichts anderes, als den ganzen Tag lang den Boden per Knopfdruck zu heben und zu senken. Ihre Zuschauer sind fassungslos und gebannt.

Geeeeeeiiiiil! Bild: sme

Hinter diesem aufwändig auf Stahl polierten Monsterfisch verbirgt sich der höhenverstellbare Pool. Bild: sme

Eigentlich möchte ich gern ein lustiges Kapitel lesen, das mit dem Ablegen von Unterwäsche beginnt. Leider sind da sehr, sehr viele Kinder. Ich suche hektisch nach was Angezogenem. Wieso zum Teufel habe ich so viele Sexszenen geschrieben? Und Masturbationsfantasien? Wieso??? Gibt es überhaupt ein einziges Kapitel ohne Sex-Kontext? Wie ist das bloss gekommen? Ich musste schon neulich an einer Lesung mein Programm umstellen, weil meine Eltern kamen. Aaahhhhhh!

Ein Grillfelsen! Hammerhammerhammer! Passt aber nur in einen Riesengarten. Bild: sme

Direkt neben «meinem» herzigen Garten ist die Champagnerbar. Bestimmt hülfe jetzt Champager. Hülfe suchend gehe ich rüber und kriege einen Löffel mit Schweizer Kaviar in den Mund geschoben.

Was hat Kaviar schon wieder mit Gartenbau zu tun? Hmmm ... Nichts! Genau! Aber fein ist er.

Kann man eigentlich Kois zur Kaviar-Produktion abrichten? An einem Stand mit Korblampen ist eine Tänzerin in einen korblampenähnlichen Käfig gesperrt und muss sich verrenken. Daneben: 5000 Paar Gummistiefel und Gartenhandschuhe mit Blümchenprints.

Kann man sich gönnen. Bild: KEYSTONE

Leider heisst mein Buch nicht «Das Glück trägt Blumen als Gewand» oder «Ich pflücke keine geknickten Blumen» oder «Liebe lässt alle Blumen blühen». 

Mein Buch heisst «Fleisch» und fertig. Sein Umschlag zeigt abstraktes Wagyu-Beef. Nichts Pflanzliches. Fuck me.

Wieso hab ich kein Märchenbuch mitgenommen? Irgendwas «Schönes», wie meine Mutter sagen würde? Wieso habe ich nicht meine innere Trudi Gerster gechannelt?

Tschüss, kleiner Märchengarten, miss you! Bild: KEYSTONE

Irgendwann ist es Abend. Der letzte Kaviar ist gegessen. Der Standchef schleppt einen Schlauch herbei und spritzt. Schliesslich wachsen hier echte Blumen und Bäume, und echte Spinnen sind während der Lesungen über meine Seiten gekrabbelt.

Ach ja, nach einem Versuch mit einem angezogenen Kapitel hab ich für den Rest des Tages dann doch die Unterwäsche-Passage bevorzugt. Es hat in dieser feuchtfröhlichen Welt der spriessenden Triebe, Bars und Badelandschaften niemanden gestört.

P.S. Dieser Text ist auf Druck von Patrick Toggweiler entstanden. Er macht sehr viel Krafttraining. Deshalb hab ich nicht gewagt, ihm allzu lange zu widersprechen. 

Kein Grill? Mit einem dieser 15 Lifehacks gibt's trotzdem eine geile Grillparty

Das könnte dich auch interessieren:

Geheimes UFO-Programm enthüllt – Video zeigt, wie US-Kampfjets ein «Raumschiff» verfolgen

«Oh nein, bitte nicht der ...» – mein erstes Mal an einer Kuschelparty

LOL, der Führer: So haben die Deutschen über die Nazis gelacht

Die neue Standseilbahn am Stoos wird gerade ziemlich abgefeiert – auf der ganzen Welt

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
15
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Walter Sahli 20.03.2017 23:12
    Highlight Hätte ich gewusst, dass Sie da sind, Frau Meier, wäre ich mit Picknickdecke und Cervelat an diese Messe gekommen und hätte Ihrer Lesung gelauscht!
    30 5 Melden
  • Luca Brasi 20.03.2017 22:10
    Highlight Das Tram war vollkommen leer? :D

    Hätte ich gewusst, dass es Unterwäsche-Passagen auch an der kinderfreundlichen Giardina gibt, hätte ich mir noch einen Besuch überlegt.
    Und haben Sie keine Angst vor Herrn Toggweiler. Er verliert gegen Frozen und Herrn Fehr.
    http://www.watson.ch/Schweiz/Kommentar/822760502-Wie-ich-den-Krieg-gegen-Disney-und-«Frozen»-verlor
    😉
    22 3 Melden
    • Patrick Toggweiler 21.03.2017 13:06
      Highlight Jaja Luca. Immer schön Salz in die Wunden...
      7 0 Melden
    • Luca Brasi 21.03.2017 13:14
      Highlight Scusi Signor Toggweiler. Ich konnte nicht widerstehen, wenn Frau Meier Sie als so bedrohlich darstellt. Aber ich glaube weiter an Sie. Irgendwann zahlen Sie es Herrn Fehr heim. ;)
      3 1 Melden
  • Toerpe Zwerg 20.03.2017 21:57
    Highlight Dekoritis Horror Messe
    5 5 Melden
  • TanookiStormtrooper 20.03.2017 21:41
    Highlight Das nächste mal bitte noch mit einem Video der lesenden Frau Meier.

    Und vor Herr Toggweiler muss man keine Angst haben, spielen sie ein Lied aus Disneys "Frozen" ab, dann bricht er sicherlich weinend zusammen. 😜
    33 2 Melden
    • Patrick Toggweiler 21.03.2017 13:09
      Highlight Im Gegenteil Tanooki. Dann werde ich erst recht zum Hulk!
      7 1 Melden
  • pamayer 20.03.2017 21:33
    Highlight Wenn eine(r) Krafttraining macht, würde ich auch nicht widersprechen.

    Schön ist der Bericht über Gardenene Dekadenz alleweil.
    Mein Daumen ist auch nicht gerade grün. Lebe trotzdem zufrieden.

    Danke.
    10 2 Melden
  • Closchli 20.03.2017 21:24
    Highlight Also Frau Meier, Sie müssen nur ein bisschen vorausschauend schreiben und die Sexszenen einfach in die Gartenlaube mit Grillfelsen und Teiche verlegen. Halt Masturbieren in Gebüschen, Ausgezogene Gewänder kunstvoll an grünen Pflanzen drapieren, sich durch Kois die Zehen oder sonst was anknabbern lassen usw. Sozusagen vernetztes Denken der Erotik. :-)
    16 2 Melden
  • toobitz 20.03.2017 20:55
    Highlight Bei Kois musste ich an Koitus denken.
    18 2 Melden
    • Simone M. 21.03.2017 08:31
      Highlight Das krieg ich jetzt nie mehr aus dem Kopf, damn!
      15 3 Melden
    • toobitz 01.04.2017 14:59
      Highlight Wir ernten halt was wir säen.

      Und was säen wir? Richtig: Samen.

      Vielen Dank auch Frau Meier, nun kann ich keinen Artikel mehr von Ihnen ohne zweideutige Synapsensprünge lesen.
      0 0 Melden
  • Julietta 20.03.2017 20:44
    Highlight Hab mich während deiner Lesung nicht getraut, meinen Wettbewerbszettel einzuwerfen, weil du vor dem Briefkasten gestanden hast und jetzt gewinne ich deinetwegen kein... Hm.. Was auch immer das war.. 😂
    Schade um dein Buch und deine Stimme, das ging total unter, es gab so viel zu sehen und zu riechen...
    16 2 Melden
    • JayAge 21.03.2017 01:27
      Highlight "es gab so viel zu sehen und zu riechen..."

      Bei Frau Meier? o.O
      6 2 Melden
    • Simone M. 21.03.2017 08:30
      Highlight Ohh, eine watson-Userin war da! Wie schön! Irgendwann am Nachmittag kam den netten Jungs vom Stand in den Sinn, das künstliche Vogelgezwitscher abzuschalten, ab da wars richtig super.
      8 3 Melden

Ganz ohne Plastiksäckli: In Zürich öffnet der erste Zero-Waste-Laden der Deutschschweiz

In Zürich eröffnet der erste Laden ganz ohne Abfall. Wer was kaufen will, muss seinen eigenen Behälter mitnehmen, auch für Nudeln, Reis oder Alkohol. «Zero Waste» heisst die Philosophie und steht ganz im Zeichen der Kreislaufwirtschaft. 

Rüebli, Kartoffeln, Nudeln oder Seife, im Foifi, dem ersten Zero-Waste-Lasten in Zürich, findet man eigentlich alles – ausser eben Plastiksäckli. Der neue Laden steht ganz im Zeichen der Kreislaufwirtschaft und setzt sich zum Ziel, keinen Abfall zu produzieren. Der Durchschnittsschweizer produziert im Jahr 344 Kilogramm Abfall – viel zu viel, finden die Betreiber des «Foifi». Der Name ist ein Vermerk auf die fünf Axiome von Zero Waste, aber auch eine Liebeserklärung an den Zürcher …

Artikel lesen