Schweiz

Die Genughaber: Was Lukas Bärfuss und Pedro Lenz mit Til Schweiger und Donat Kaufmann zu tun haben

16.10.15, 15:04 02.01.16, 15:48

Im Detail kann man natürlich alles kritisieren. Im Detail könnte man sagen, dass der Text des Dramatikers Lukas Bärfuss in der FAZ vom Donnerstag ein bisschen klingt, als wäre er von einem empörten alten Mann geschrieben. Dass ein coolerer Stil wirklich cooler wäre. Dass es ein paar grobe Fehler (der Mann versteht nichts von Wirtschaft!) und verdammt viele Rechtschreibfehler hat. Und dass Künstler sowieso nichts anderes sind als übersubventionierte Kulturpessimisten.

Lukas Bärfuss: Du, Schweiz, wir müssen reden!
bild: gemeinde riehen

Im Detail könnte man sagen, dass der Text von Pedro Lenz vom Freitag irgendwie schief ist, weil da ausgerechnet der Autor, der so beliebt ist wie sonst vielleicht nur noch Franz Hohler und Peter Bichsel, seinen Kollegen Bärfuss davor warnt, dass es huerehart ist, wenn man von allen Seiten gebasht wird. Im Detail könnte man sagen, dass der offene Brief, den Melinda Nadj Abonji am Mittwoch an die Chefredaktion von «20 Minuten» schrieb, überflüssig ist.

Pedro Lenz zu Bärfuss: Dini Unterstützig bin ig.
bild: wikicommons/uido Süess

Niemand findet es gut, wie «20 Minuten» das von Donat Kaufmann via Crowdfunding gesammelte Geld für ein politisch unabhängiges «20 Minuten»-Cover eingestrichen hat. Im Detail könnte man sagen, dass die Aktion von Kaufmann vielleicht etwas schlicht war. So, wie vor drei Monaten die Deutschland-Kritik von Til Schweiger etwas schlicht war. Aber korrekt. Und waren wir da nicht alle ganz betört? Und hat Schweiger seither nicht auf bewundernswerte Weise Wort gehalten?

Im Detail könnte man auch sagen, dass die Liste 23, also die Liste «Kunst und Politik» in den Nationalratswahlen sowieso nichts bringt. Diese Liste, die übrigens von Melinda Nadj Abonji angeführt wird, der Frau also, die 2010 mit ihrem Migrationsroman «Tauben fliegen auf» das Unfassbare schaffte und den Schweizer und den deutschen Buchpreis zusammen gewann.

Autorin Melinda Nadj Abonji.
Screenshot: YouTube

Hinter der Liste steht auch Ruth Schweikert, die 2015 mit ihrem packenden Familienroman «Wie wir älter werden» das beste Schweizer Buch des Jahres geschrieben hat. Und die mit «Kunst und Politik» vor allem eines will, nämlich, dass die Kulturschaffenden endlich den Finger aus dem Arsch nehmen und sich ernsthaft und ganz real mit Politik befassen. Anstatt sich immer darüber zu beklagen.

Ruth Schwelkert will mehr Kunst in der Politik.
Bild: Andreas Labes

Wenn man nur auf die kleinen Dinge blickt, kann man vieles sagen. Und darin, da hat Lukas Bärfuss recht, ist die Schweiz gross. Im Tüpflischiissen. In der Swissminiatur. In der Suisse Mania. Selbstzerfleischung, bis nur noch Ghackets mit Hörnli übrig bleiben.

Aber darum geht es gar nicht. Denn das Grossartige ist doch, dass diese Woche so unterschiedliche Leute wie Kaufmann, Nadj Abonji, Bärfuss und Lenz aufstehen und gemeinsam mit ihren Manifesten und Interventionen sagen: «Mir langet's!»

Die Schweiz nicht gerade im Kulturkampf – aber debattieren tut diese Kultur derzeit dennoch lebendig und kontrovers.
Bild: KEYSTONE

Und so schmeissen sie sich denn mit grossen symbolischen Aktionen (Kaufmann), genauen, kleinen Analysen (Nadj Abonji), grosser (Bärfuss) und selbstkritischer (Lenz) Klappe mitten hinein in die öffentlichen Debatten. Mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Vom Crowdfunding über soziale und andere Medien bis zu den Abstimmungsunterlagen.

Weil das bei uns möglich ist. Und weil sie unzufrieden sind. Weil sie sich denen, die die Unzufriedenheit verursachen, stellen wollen. Man nennt das auch: Verantwortung übernehmen. Aus eigenen Stücken. Nicht, weil einem jemand dafür Geld bezahlt. Kaufen lassen sich nur die Verantwortungslosen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Roger Gruber 19.10.2015 15:39
    Highlight Wusstet ihr übrigens schon, dass Til Schweiger es abgelehnt hat, bei sich zuhause einen oder mehrere Flüchtlinge aufzunehmen? Er meinte, bei ihm passe das halt gar nicht, da er sowieso meistens unterwegs sei... Ist das nicht ein schönes Beispiel, wie ernst es die "Welcome Refugees"-Fraktion mit der Solidarität meint? Die denken da offenbar mehr im grösseren Zusammenhang, sich selber beziehen sie dann doch lieber nicht mit ein.
    19 18 Melden
  • Schneider Alex 17.10.2015 15:33
    Highlight Ist Wutbürger Bärfuss nicht selbst ein Populist? Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, ein Populist zu sein.
    27 8 Melden
  • JaAber 17.10.2015 13:22
    Highlight Dass Bärfuss die FAZ als Podium für seine Gedanken wählte und nicht eine Schweizer Bühne, wo doch die eigentlichen Adressaten seiner Kritik leben, lässt in mir den Verdacht aufkommen, dass es ihm weniger um eine Änderung der Situation geht, als vielmehr um die Pflege seines Rufs. Diesfalls wäre er nicht besser als die Kritisierten...
    26 7 Melden
    • LandeiStudi 17.10.2015 15:44
      Highlight Welches der FAZ auch nur annähernd ebenbürtige Print!-medium (Tageszeitung) hätte das wohl gedruckt?
      26 8 Melden
    • Stephan Locher 18.10.2015 01:49
      Highlight Interessanter als die "hätte wohl"-Frage ist: Welchen Schweizer Medien hat Bärfuss seinen Text angeboten und die haben diesen aus welchen Gründen abgelehnt?
      18 0 Melden
    • S.T. Rebel 18.10.2015 21:43
      Highlight In der Aargauer Zeitung sei Baerfuss' Artikel erschienen und heute in der Schweiz am Sonntag auch noch ein Reprint der 25-Jaehrigen Rede Duerrenmatts, in der dieser die Schweiz mit einem Gefaengnis verglich: "Wer moechte in einem Gefaengnis, in dem man frei ist nicht Gefangener sein?".

      Das Publizieren in der FAZ ist deshalb sinnvoll, weil Medienkritik im eigenen Land selten wirsam werden kann – wie wir vom Hoerensagen aus der Bibel schon wissen. Manchmal ist gut, wenn noch ein paar Nachbarn mithoeren – wenn's peinlich ist – umso wahrer!
      11 3 Melden
  • M@ Di11on (亚光狄龙) 17.10.2015 12:37
    Highlight Weshalb kultivieren wir solche geistigen Kakteen und unterstützen sie noch mit Kulturgeldern?

    35 43 Melden
    • phreko 18.10.2015 14:45
      Highlight Ohne die Kakteen wäre die Welt noch eine Scheibe, die Erde noch der Mittelpunkt des Universums und sovieso, sie hätten hier garantiert nicht schreiben können...
      29 11 Melden
    • Hanjo 19.10.2015 22:43
      Highlight Damit wir nicht in Selbstzufriedenheit ersticken brauchts ab und zu mal einen Kaktus, der ein bisschen Luft raus lässt.
      11 2 Melden
  • kliby 17.10.2015 11:23
    Highlight "Man nennt das auch: Verantwortung übernehmen. Aus eigenen Stücken. "
    Im prizip ja. geht aber nur durch, wenn man ein unzufriedener PROMI ist. anderswo nennt man das einfach wutbürger. und die finden die medien ja nicht so toll. weil zu viele nicht politischkorrekt gendermainstreamschönwetter wählen und denken.
    19 7 Melden
  • Hayek1902 17.10.2015 09:56
    Highlight sry, aber das ist ein sturm im wasserglas. keine 5% der menschen bekommen das mit und die meisten werden es bis montag vergessen haben. aber diskusion ist immer gut, bloss scheint mir form und veröffentlicjungsort nicht sehr sinnvoll zu sein. zu lenz: geschickt ein bisschen dem revoluzzer im kugelhagel die sympathie bekunden, aber das in der sicheren bürgerlichen stube. wie die anderen kulturlinken vor 40, 50 jahren
    12 11 Melden
  • Gelöschter Benutzer 16.10.2015 23:38
    Highlight "Niemand findet es gut, wie «20 Minuten» das von Donat Kaufmann via Crowdfunding gesammelte Geld für ein politisch unabhängiges «20 Minuten»-Cover eingestrichen hat." (Watson)

    Natürlich finde ich das gut!? Und richtig! Mit welcher Begründung sollten sie auch etwas anderes mit dem Geld machen?!
    37 10 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.10.2015 08:00
      Highlight Bin auch dieser Meinung. Donat wurde behandelt wie jeder andere Kunde auch und das ist gut so.
      30 6 Melden
    • Tom Garret 17.10.2015 09:33
      Highlight Sie müssen es eigentlich machen, alles andere wäre ein klares Politisches Statement wenn mandas geld der SVP normal einkassiert und das der Gegenaktion spendet...
      17 2 Melden
    • atomschlaf 17.10.2015 12:49
      Highlight Hä? Was hätte "20 Minuten" sonst mit dem Geld tun sollen?
      Inserate gegen Geld verkaufen ist Teil des Geschäftsmodells einer Zeitung. Ob das Inserat von Donat Kaufmann oder von Christoph Blocher in Auftrag gegeben wird, macht da überhaupt keinen Unterschied.
      22 3 Melden
  • banda69 16.10.2015 21:38
    Highlight Es wird so weitergehen. Und noch schlimmer werden. Die SVP kreiert Themen und fördert Ängste und blendet Relevantes aus und zerstören. Die Medien lassen sich kaufen oder legen sich mit mit diesen Rechtspopulisten ins Bett. Die Linken reagieren - wenn überhaupt - und agieren nicht. Schockstarre. Angst vor Repressionen der rechten Kaputtmacher. Mir graut.
    51 30 Melden
    • atomschlaf 17.10.2015 13:01
      Highlight Das mit den Ängsten stimmt eben nur teilweise. Die PFZ-bedingte Massenzuwanderung löst nicht nur Ängste aus, sondern hat ganz reale Folgen. Ohne die zuwanderungsbedingte Nachfrage wären die Wohnkosten in den letzten Jahren niemals so stark gestiegen. Auch die Überlastung der Infrastruktur hätte nicht so rasch zugenommen. Ebenso könnten nicht so einfach ältere Arbeitnehmer durch PFZ-Zuwanderer mit tieferen Löhnen ersetzt werden.
      Solange die Linke diese Zusammenhänge nicht anerkennt und brauchbare Lösungen unterstützt, wird der Rechtstrend weitergehen.
      21 14 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.10.2015 15:08
      Highlight Die kriminellen Ausländer, die rechten Kaputtmacher, Sozialschmarotzer oder reiche Bonzen; ob Überfremdung oder Einkommens-/ Vermögensschere, alle Parteien kreieren Themen, die ihnen wichtig erscheinen. Umso näher an den Polen die Parteien angesiedelt sind, umso häufiger arbeiten sie mit Ängsten. Das gilt für rechts wie links, liberal, etc.
      12 5 Melden
  • Thomas Binder 16.10.2015 20:42
    Highlight Ein schönes Stück - danke!

    Es ist in der Tat höchste Zeit aufzuwachen und den Aufstand der Verantwortungsvollen gegen die Verantwortungslosen in Angriff zu nehmen – he could not but, yes, we can! Denn die wahren Realpolitiker sind die Brückenbauer, immer naive Gutmenschen und Jedermann/frau-Versteher, nicht die zero toleranten gegen alles und gegen alle intoleranten bloss nicht gegen sich selber von ihren Allmachtsphantasien besessenen Machtpolitiker, immer clevere Schlechtmenschen - und: Wir sind "99%"!
    32 14 Melden
    • Simone M. 18.10.2015 16:12
      Highlight Danke zurück!
      4 2 Melden
  • klugundweise 16.10.2015 16:55
    Highlight Nun wird auf den Botschaftern sowie dem Zeitpunkt und der Wirkung der Botschaft herumgehackt.
    Man vermeidet aber tunlichst den INHALT der Botschaft zu debattieren, z.B.
    - EU ist kein Thema im Wahlkampf
    - Linke und Gewerkschaften befinden sich in einer Starre
    - die Medien nehmen ihr Aufgabe nicht wahr oder sind gekauft
    und einiges mehr.
    Dieses Verhalten bestätigt eigentlich die Kritik von Lukas Barfuß!
    71 19 Melden
    • Big ol'joe 16.10.2015 19:21
      Highlight Sie schreiben wie es ihrem Namen gebührt. Da macht einer mit grossem Klamauk, zu recht, aber auch ein wenih unbeholfen auf die Inhaltslosigkeit unserer Politik aufmerksam (Widerspiegelung der heutigen Gesellschaft, Gy?). Auf jeden Fall muss jetzt endlich aufgehört werden mit dem Finger auf andere zu zeigen und Problem rufen ( und das von links bis rechts, von unten bis zuoberst, vom Bauarbeiter zum Lehrer zum Investmentbanker und Künstler). Wir müssen diese Themen am Inhalt diskutieren und nicht emotional, sondern sachlich. Führt komplexer Inhalt zu politischer Poöemisierung? Ich hoffe nein.
      26 9 Melden
  • smoking gun 16.10.2015 16:04
    Highlight Mit Ihrer Einschätzung betreffend Lukas Bärfuss bin ich einverstanden. Ganz anders verhält es sich bei Pedro Lenz: Dieser Mensch ist ein Opportunist. Ich verstehe ja, dass er nicht mehr auf dem Bau arbeiten will, aber muss es denn gleich eine Kolumne beim Blick sein? Lenz wäre sich wohl auch nicht für eine Home-Story bei der Schweizer Illustrierte zu schade. Wie unbeholfen ist das denn? Und so einer soll man als Intellektuellen ernst nehmen? Und jetzt biedert er sich auch noch bei Bärfuss an. Lenz lechzt nach Aufmerksamkeit.
    32 52 Melden
    • Hartbart 16.10.2015 18:27
      Highlight Vielleicht möchte er dort ansetzen, wo es am nötigsten ist?
      21 3 Melden
    • smoking gun 16.10.2015 19:51
      Highlight ... Mit Sportkolumnen im Boulevard? Grundsätzlich ist das ja in Ordnung, aber so bieder und angepasst - und das von einem so bekannten Schweizer Schriftsteller?

      7 11 Melden
    • Alex23 17.10.2015 08:41
      Highlight Pedro Lenz als Opportunisten zu betiteln, ist schon ein bisschen kühn. Weil er Lukas Bärfuss die Stange hält? Weil er der Meinung ist, es fehle an Mut und Engagement sich für eine Schweiz einzusetzen, die in manchem ein wenig zu selbstgefällig geworden ist?
      13 2 Melden
  • Yosh Eden 16.10.2015 15:36
    Highlight Alles wunderbar. Kritik ist gut und wichtig. Konstruktive kritik sogar nich viel besser. Danke an die Literaten und deren Kritik. Aber was der Bärfuss da vom Stapel gelassen hat, ist undifferenziertes Bashing und Heulsusen-Pessimismus. Und dann noch in der FAZ. Was bitteschön soll das bewirken?
    48 50 Melden
  • Angelo C. 16.10.2015 15:34
    Highlight Etwas gar spät vor den Wahlen von übermorgen, dieser dritte hehre Bericht - während er nachher kaum mehr was bringt, da die Positionen für die kommenden vier Jahre bezogen sind. Fraglich scheint auch, über wieviel Akzeptanz und Gewicht diese "Protestanten" in der breiten Bevölkerung verfügen.

    Was jedoch absehbar scheint - vermutlich eher eine quantité négligeable 😉!
    28 16 Melden
  • Shlomo 16.10.2015 15:12
    Highlight Einfach nur danke
    37 31 Melden
    • Simone M. 16.10.2015 16:36
      Highlight Danke!
      16 14 Melden

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