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Junger Eritreer beim Training im Testzentrum Juchhof in Zürich Altstetten. bild: keystone

Altersbestimmung: Flüchtlinge müssen zum Genital-Check

Hosen runter für Flüchtlinge: Für Altersschätzungen müssen jugendliche Asylsuchende in Zürich ihre Genitalien untersuchen lassen.

Sarah serafini / schweiz am Sonntag



Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Rund 3000 minderjährige Flüchtlinge kamen vergangenes Jahr ohne Eltern in die Schweiz und stellten ein Asylgesuch. Solche «unbegleitete minderjährige Asylsuchende», kurz UMA, stehen gemäss Schweizer Verfassung und UNO-Kinderrechtskonvention unter speziellem Schutz. Nur in Ausnahmefällen können sie zurückgeführt oder ausgeschafft werden.

Bestehen bei einem Flüchtling Zweifel, ob er wirklich noch nicht 18-jährig ist, wird ein Altersgutachten veranlasst. Recherchen zeigen nun, dass dafür in Zürich auf eine umstrittene Methode gesetzt wird: Minderjährige müssen bei einem forensischen Rechtsmediziner zur Genitaluntersuchung antreten. Im Zürcher Testzentrum praktiziert das Bundesamt für Migration (SEM) den Check seit über zwei Jahren.

60 Prozent der «Minderjährigen» erweisen sich als volljährig

Unter den jungen Flüchtlingen gibt es viele, die sich als minderjährig ausgeben, obwohl sie es nicht sind. Sie erhoffen sich damit eine grössere Chance auf Asyl. Im Testzentrum auf dem Juch-Areal galten in den letzten zwei Jahren 337 Flüchtlinge bei ihrem Eintritt als UMA. Nachträglich wurden rund 60 Prozent der Fälle als volljährig befunden.

Das SEM ist bestrebt, solche Missbrauchsfälle aufzudecken. Bisher stützte es sich bei forensischen Altersgutachten vor allem auf die Handknochenanalyse. Deren Ergebnisse sind jedoch ungenau. Darum wird im Testzentrum seit Januar 2014 auf die sogenannte 4-Punkte-Analyse zurückgegriffen. Neben dem Knochen- und dem Zahnalter wird dabei auch die körperliche Entwicklung berücksichtigt. Letztere soll aufzeigen, wie weit fortgeschritten die sexuelle Reife der Flüchtlinge ist.

Das Testzentrum, von den Bundesbehörden für den reibungslosen Betrieb gelobt, gilt als Vorzeigeunterkunft. Wird die Asylgesetzrevision heute an der Urne angenommen, so sollen in der ganzen Schweiz weitere Bundeszentren wie jenes in Zürich entstehen. Doch darüber, dass in Zürich Geschlechtsuntersuchungen an jugendlichen Flüchtlingen vorgenommen werden, haben die Behörden nie informiert.

Selbst bei der Asylorganisation Zürich (AOZ), die für die Unterbringung der Bewohner des Bundeszentrums zuständig ist, heisst es: «Die AOZ hat keine Kenntnis von Genitaluntersuchungen zur Altersschätzung bei unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden.»

Die «Schweiz am Sonntag» weiss von mindestens 130 solchen Untersuchungen, die im vergangenen Jahr in Zürich gemacht wurden. Darunter ist der Fall von «Luam», einem eritreischen Jungen, der laut eigenen Aussagen bei seiner Einreise in die Schweiz 16 Jahre alt war.

Das SEM schickte ihn zur Altersschätzung. Nur kurz sei er über den Ablauf der Untersuchung aufgeklärt worden. Dass er dem Arzt die Genitalien zeigen müsse, habe er nicht gewusst. Im Vorfeld sei auch nicht abgeklärt worden, ob «Luam» ein Missbrauchsopfer ist.

Ruth-Gaby Vermot, Präsidentin der Beobachtungsstelle, sagt, solche Genitalanalysen verletzten die Würde dieser Kinder und Jugendlichen. «Viele von ihnen sind bereits auf der Flucht Opfer von sexueller Gewalt und Ausbeutung. Die absurde Geschlechtsuntersuchung verletzt nicht nur ihr Recht auf Integrität, sondern auch die von der Schweiz ratifizierte Kinderrechtskonvention.»

Untersucht werden die jungen Flüchtlinge von Patrick Laberke. Er ist Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin in Zürich. Laberke prüft, ob die körperliche Entwicklung zur Entwicklung der Zähne und des Skeletts passt. Dabei richtet er sich nach den Tanner-Stadien, die verschiedene Entwicklungsstufen der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale definieren.

Methode laut Ärzten unbrauchbar

Konkret heisst das: «Wir schauen, wie weit fortgeschritten und verbreitet die Körperbehaarung ist und wie weit entwickelt die Genitalien und die Brüste sind.» Bei weiblichen Jugendlichen erfolgt die Untersuchung durch eine Ärztin. Angefasst würden die jugendlichen Flüchtlinge nicht, sagt Laberke. Die Inspektion erfolge von Auge. Auch gebe er darauf acht, dass sich die Asylsuchenden nicht ganz nackt ausziehen müssten. «Die Untersuchung erfolgt etappenweise.»

Ärzte schütteln über diese Art von Altersschätzung den Kopf. Oskar Jenni, Leiter der Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, sagt, weder eine Knochenanalyse noch eine körperliche Untersuchung können zuverlässige Rückschlüsse zum Alter einer Person geben.

Auch die Kombination der verschiedenen Methoden, wie sie bei Jugendlichen des Bundeszentrums gemacht werde, ist laut Jenni unbrauchbar für die Altersbestimmung. Je nach Herkunft und persönlicher Lebensgeschichte einer Person weiche das biologische Alter stark vom tatsächlichen Alter ab.

Die Methode der Handknochenanalyse wie auch die Definition der Tanner-Stadien stammen aus den 60er-Jahren und wurden anhand von weissen Kindern und Jugendlichen erstellt. «Wenn schon, bräuchte es Daten von syrischen, afghanischen oder eritreischen Kindern», sagt Jenni.

Bund hat keine Bedenken

Die Haltung der Europäischen Akademie für Pädiatrie, zu der auch die Schweizer Gesellschaft gehört, empfiehlt darum, auf alleinige Altersschätzungen mittels biologischer Merkmale zu verzichten.

Hinter dieser Meinung steht auch Jenni. Vielmehr sollten der kognitive, soziale und emotionale Entwicklungsstand und das Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen bestimmt werden. «Das Entwicklungsalter ist ein besseres Mass für die Einschätzung der individuellen Bedürfnisse und Schutzwürdigkeit als das biologische Alter», sagt Jenni. Dazu brauche es aber umfassende Leitlinien, die von Pädiatern und Psychologen erarbeitet werden müssten und nicht von forensischen Rechtsmedizinern.

Der Bund verteidigt die Praxis. Für Martin Reichlin, Sprecher beim SEM ist die 4-Punkte-Analyse mit dazugehörender körperlicher Begutachtung eine Verbesserung. Das Bundesverwaltungsgericht stützte vor einem Monat die Methode in einem Urteil.

Betreffend der umstrittenen körperlichen Untersuchung gibt es beim SEM keine Bedenken. Reichlin sagt: «Es wird insbesondere auf allfällige körperliche Fehlentwicklungen sowie auf Spuren von Misshandlungen geachtet.» Reichlin sagt, den jungen Asylsuchenden werde vor dem Arzttermin ausführlich erläutert, was Zweck und Ablauf der Untersuchung ist. Ein Dolmetscher sei bei den Gesprächen immer dabei. Die Untersuchung sei zudem freiwillig. Verweigert habe sich ihr bisher niemand.

Eine Verweigerung hätte keine unmittelbaren Folgen für das Asylgesuch. Reichlin sagt: «Für den Asylsuchenden stellt sich hingegen unter Umständen das Problem der Beweislosigkeit, wenn er seine Angaben glaubhaft machen muss.» Gelingt ihm dies nicht, wird er als volljährig eingestuft.

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    Alle Leser-Kommentare
  • M.aya 05.06.2016 18:48
    Highlight Highlight Ich bin entsetzt über diesen Umgang mit Kindern, Jugendlichen.
    Zum Vergleich:
    Meine Schwestern sind, wie ich, alle von den selben Eltern gezeugt, in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Ich kam mit knapp 11 Jahren in die sog. körperliche Reife. Meine um fast 5 Jahre ältere Schwester bekam erst in ihrem 16 Altersjahr die erste Periode. Meine älteste Schwester ereilte das selbe Schichsal mit 14 Jahren. Diese Unterschiede kamen trotz der allgemein identischen Lebensbedingungen zu stande. Ich (als Jüngste der 3) würde als kindliche Asylbewerberin, in der Unterkunft mit den Erwachsenen landen.
    • wonderwhy 05.06.2016 19:44
      Highlight Highlight Die körperliche Reife ist ja nicht das alleinige Kriterium. Ich bezweifle dass Du mit 11 schon ausgesehen hast wie mit 20!
  • Sapere Aude 05.06.2016 12:29
    Highlight Highlight Der Grund für solche Untersuchungen ist doch, dass Minderjährige besser geschützt werden können und jene, die das System ausnützen wollen, heausgefiltert werden. Wenn aber die Methode der Altersbestimmung unbrauchbar ist, weil sie auf veraltete Analyseverfahren aufbaut, die nicht einmal die Anthropologischen Merkmale der Einreisenden berücksichtigt, kann die gestellte Aufgabe nicht erfüllen. Analyseverfahren die das Alter genau bestimmen können, sind wahrscheinlich zu teuer, weshalb man lieber falsche Analysen in Kauf nimmt, statt die Schutz des Kindes ins Zentrum zu stellen.
    • wonderwhy 05.06.2016 19:42
      Highlight Highlight Es geht um Grenzfälle! Offensichtliche Kinder werden nicht untersucht. Wenn aber ein Typ kommt der 25 sein könnte, aber angibt 16 zu sein, dann wird überprüft!
    • Sapere Aude 05.06.2016 21:01
      Highlight Highlight Ich habe nichts gegen eine Überprüfung, dann bitte aber mit einer Methode die über eine gewisse Genauigkeit verfügt, nicht 60ig Jahre alt ist und wissenschaftlichen Standards entspricht. Dass scheint hier nicht der Fall zu sein.
  • wonderwhy 05.06.2016 11:00
    Highlight Highlight Hier werden keine 10 Jährigen gezwungen ihr Gemächt zu offenbaren. Wieso ist es so schwierig nachzuvollziehen dass bei gewissen Kandidaten das Alter überprüft werden muss. Nehmt als Beispiel Schweden. Dort gilt im Zweifelsfall ist der Flüchtling ein Kind. Daraus resultieren mit Erwachsenen überfüllte Kinderheime. Unbegleitete Kinder sollen besonderen Schutz geniessen. Ist doch nur wünschenswert das nicht jeder dieses Privileg erhalten soll.
    • Sapere Aude 05.06.2016 11:39
      Highlight Highlight Das Problem ist ja, dass die im Artikel genannten Methoden schlicht nicht mehr dem dem heutigen wissenschaftlichen Standart entspricht. Wir verwenden 60 Jahre alte Analysemethoden mit welchen sich das Alter nur ungenau bestimmen lässt, wenn überhaupt.
    • elk 05.06.2016 11:46
      Highlight Highlight Einverstanden. Man muss abklären, wie alt jemand ist.
      Aber die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern ist kein Privileg. Es ist ein Recht. Weil Privilegien kann man verlieren, die Rechte eigentlich nicht. Für mich ein grosser Unterschied.
    • eskimolimon 05.06.2016 11:55
      Highlight Highlight Vermutlich sind fortgeschrittene Methoden schlicht zu teuer
    Weitere Antworten anzeigen
  • Theor 05.06.2016 08:43
    Highlight Highlight Im Rahmen der Militärrekrutierung ulss jeder Bueb dem Arzt sein Schnäbi zeigen und anfassen lassen. In Windisch teilweise sogar durch eine Ärztin, was ich dann doch aus Pietätsgründen danaben fand. Trozdem verletzt das Prozedere nicht die Würde der Schweizer Knaben.

    Ich bin ja eigentlich Links aingestellt, aber wenn plötzlich wieder für Ausländer eine Ausnahme gemacht wird (Handshake-Gate) hört das Verständnis bei mir auf. Warum kann man Ausländer so einfach verletzen, beleidigen, vernachlässigen und sonstwas? Man soll einfach alle fair und gleich behandeln.
    • Fabio74 05.06.2016 09:40
      Highlight Highlight Thema verfehlt. Oder wurde dort dein Alter geschätzt?
    • ChiefJustice 05.06.2016 09:43
      Highlight Highlight Aus Pietätsgründen??
    • Nordpol 05.06.2016 11:11
      Highlight Highlight Auch Juristen haben Probleme mit Fremdwörtern.
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