Schweiz
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Omar J. mit seiner Frau im Spital in Domodossola: Erst hier erhielten die Flüchtlinge die medizinische Behandlung, die sie brauchten. Vermutlich war das Kind schon Stunden vorher tot.   Bild: SRF

Totgeburt nach Rückschaffung

Das totgeborene Baby soll bis zu zwölf Stunden vor der Entbindung gestorben sein – auf Schweizer Boden

13.07.14, 00:52 13.07.14, 14:32

Das Baby, das eine Syrerin in Italien nach der Rückschaffung aus der Schweiz tot geboren hat, soll bis zu zwölf Stunden vor der Geburt gestorben sein. Das hat die Obduktion ergeben, wie die Tagesschau des Schweizer Fernsehens am Samstagabend unter Berufung auf italienische Lokalmedien berichtete. Eine offizielle Bestätigung fehlt bislang.

Video: SRF

Die Frau, die im siebten Monat schwanger war, war vor einer Woche am Bahnhof in Domodossola zusammengebrochen. Im Spital gebar sie ihr Baby tot. Ihr Mann, der Syrer Omar J., wirft den Schweizer Behörden Fehlverhalten vor: Die Grenzwächter sollen sich nicht angemessen um die Frau gekümmert haben. Die fünfköpfige Familie, die mit 23 weiteren Angehörigen reiste, soll nach Angaben des Ehemannes gar noch mehrere Stunden eingesperrt worden sein. 

Starb das Kind auf Schweizer Boden? 

Gemäss der «SonntagsZeitung» mussten die am 5. Juli frühmorgens in Vallorbe VD aufgegriffenen illegal reisenden Flüchtlinge zunächst neun Stunden in einem Kastenwagen auf den Rücktransport nach Brig warten. Sie sollten nach Italien rückgeführt werden.

Auf der Fahrt nach Brig platzte die Fruchtblase der 22-jährigen Frau. Nach Angaben ihres Ehemannes reagierten die Grenzwächter durch eine verdunkelte Scheibe kaum auf seine Versuche, Kontakt aufzunehmen. «Ich erhielt immer dieselbe Antwort: ‹Okay, okay›», sagte Omar J. gegenüber der «Sonntagszeitung». Selbst als er angeboten habe, die Kosten für die Rettung seiner Frau selber zu übernehmen. 

Drei Stunden später in Brig angekommen, musste die Familie in einem Saal auf die Fortsetzung ihrer Reise warten. Inzwischen hatte die junge Frau starke Blutungen. Als die Flüchtlinge ein paar Stunden später in den Zug nach Italien einsteigen sollten, kollabierte die Syrerin. Omar J.: «Die Grenzwächter haben sich nicht gerührt. Wir waren allein. Es war niemand da, nur wir und die Zöllner.» Er habe seine Frau in den Zug getragen. Gegen 20 Uhr abends im Spital in Domodossola konnte das Kind nur noch tot geboren werden. 

Dieser Zeitablauf und der Obduktionsbericht deuten darauf hin, dass das Baby nicht in Italien, sondern schon in der Schweiz gestorben ist.

Fehler des Grenzwachtkorps nicht ausgeschlossen

Bei der Schweizer Militärjustiz läuft nun eine Untersuchung. Dies, nachdem der Chef des Schweizer Grenzwachtkorps Jürg Noth schon am Montag gegenüber dem Nachrichtenmagazin «10vor10» den Anschein erweckt hatte, eine solche eingeleitet zu haben. Tatsächlich hatte aber die zuständige Militärjustiz am Freitag noch keinen Untersuchungsantrag erhalten. Die erwähnte Untersuchung werde lediglich vom «zuständigen Kommandanten» geführt, sagte der Sprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) Walter Pavel gegenüber watson.

Oberzolldirektor Rudolf Dietrich, links, und Juerg Noth, rechts, Chef Grenzwachtkorps, informieren an der Jahres-MK des Grenzwachtkorps am Dienstag, 18. Februar 2014, in Chiasso. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Hat Grenzwacht-Chef Jürg Noth schnell genug reagiert?  Bild: KEYSTONE

Später teilte die Eidgenössische Zollverwaltung mit, dass ein Fehler des Grenzwachtkorps nicht auszuschliessen sei. Deshalb sei das Dossier der Militärjustiz übergeben worden. Dass die Übergabe an die Militärjustiz erst ganze sieben Tage nach dem Vorfall geschah, wird dennoch heftig kritisiert. Nun wird ein Untersuchungsrichter entscheiden, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird. (rar/trs)  



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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Andrea_Mordasini 13.07.2014 23:34
    Highlight Was für eine schreckliche Tragödie :(! So etwas hätte nie passieren dürfen! An alle, die der armen, verzweifelten Mutter Verantwortungslosigkeit vorwerfen: Sie war ja nicht einfach so auf einer Reise, sondern auf der Flucht aus Angst und Verzweiflung vor Krieg und Elend, in der Hoffnung sich und ihrem noch Ungeborenen ein schöneres und besseres Leben in Frieden und Sicherheit zu ermöglichen! Egal woher jemand kommt und wieso, jeder Mensch hat das Recht auf Hilfe und Unterstützung. Einem Menschen in Not nicht zu helfen, ist schäbig, feige, unterlassene Hilfeleistung und strafbar.
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  • Kfj 13.07.2014 19:23
    Highlight Es wird sein wie meistens Teppich hoch Mist darunter Teppich runter und gut ist !!
    0 1 Melden
  • zombie1969 13.07.2014 14:58
    Highlight "Dieser Vorgang zeige "mit aller Deutlichkeit die Unmenschlichkeit der Festung Europa", sagte Flüchtlingshilfe-Sprecher Stefan Frey"
    Fast getroffen!
    Genau hiesse es: Dieser Vorgang zeige "mit aller Deutlichkeit die Unmenschlichkeit der Regierungen der Herkunftsländer der Flüchtlinge.
    4 0 Melden
  • kiawase 13.07.2014 08:29
    Highlight ich wette da wird nichts weiter untersucht. Ist doch krank jetzt minutengenau herauszufinden wann das baby gestorben sein könnte. Dass das unterlassene Hilfeleistung war ist glasklar. Wir sind schlimmer als alle sog. Entwicklungsländer.
    3 0 Melden

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