Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04561148 The Swiss National Bank, SNB, photographed  15 January 2015, in Bern, Switzerland. The Swiss National Bank (SNB) ended the day by abandoning its exchange rate control and cut interest rates to -0.75 to send the franc soaring against the single currency.  The Swiss franc rose by almost 30 per cent against the europe after the move shocked global markets.  EPA/PETER KLAUNZER

Bild: EPA/KEYSTONE

Klare Antworten

Der Kurssturz: Erklärbär Löpfe beantwortet die naiven Fragen von Wirtschafts-Muffel Toggweiler so, dass es alle verstehen

16.01.15, 15:37 17.01.15, 13:13

Patrick Toggweiler: Was ist passiert? Weshalb die riesige Aufregung? 
Philipp Löpfe: Ein Haufen Leute haben sehr viel Geld verloren.

Wer? Gehöre ich auch dazu?
Vielleicht. Wenn du Aktien hattest, zum Beispiel von Swatch, dann sind diese nun rund 20 Prozent weniger wert.

Zurück zu den Anfängen: Es gibt in der Schweiz eine Nationalbank und die bestimmt den Euro-Kurs ... 
Die Nationalbank hat die Lizenz, Schweizer Franken zu «drucken». Real, also auf dem Papier, oder virtuell, indem sie quasi einfach die Zahl auf dem eigenen Konto erhöht.

Die Nationalbank kann Geld «erfinden»?
Genau.

Philipp Löpfe

watson-Wirtschaftsjournalist Philipp Löpfe. Hier kann man ihm folgen.   Bild: Karl-Heinz Hug

Und wann «erfindet» die Nationalbank Geld?
Sobald sie das Gefühl hat, der Schweizer Franken sei zu stark.

Von wie viel Geld reden wir da?
Im Dezember druckte die Nationalbank ca. 30 Milliarden Franken.

Und was kauft sie damit?
In diesem Fall wurden Euros oder Wertpapiere, welche stark an den Euro gebunden sind, gekauft. Damit wird der Franken geschwächt, der Euro gestärkt und ein Mindestkurs gehalten. Der lag bis gestern bei 1.20 Franken für einen Euro.

Und jetzt hat man den Mindestkurs aufgegeben ...
Genau: Die Nationalbank hat entschieden, dass auch wenn der Kurs unter 1.20 Euro fällt, keine Franken mehr «erfunden» und keine Euros mehr gekauft werden.

Wieso dieser Entscheid? 
Es ist, wie wenn ein Millionär Häuser kauft und realisiert, dass der Wert der Häuser sinkt. Dann kauft er auch keine weiteren Häuser mehr. Das Verlustrisiko wird ihm zu gross.  

Aha Verlustrisiko ... hat die Nationalbank denn schon Geld verloren?
Ja, gestern zum Beispiel 60 Milliarden.

Oha. Und was sind die Auswirkungen der Aufhebung des Mindestkurses auf die Schweiz?
Die Schweiz wurde über Nacht auf einen Schlag 20 Prozent teurer.

Aber nicht, wenn ich in die Migros gehe ... 
Nein, aber im Vergleich zum Ausland.

Also wurde das Ausland für uns auf einen Schlag 20 Prozent billiger.
Der Euroraum, ja.

Tönt ja gar nicht schlecht!
Als Tourist oder als Einkäufer im Grenzgebiet hast du Vorteile. Schlecht ist einfach, wenn du entlassen wirst. Einige Branchen leiden unter dem Entscheid.

Welche Branchen sind das?
Sämtliche Exportbranchen. Die Top-3 davon sind: Die Pharmabranche, die Maschinen- und Uhrenindustrie.

Was ist mit dem Tourismus?
Nochmals: Für alle Touristen aus dem Euro-Raum wurde die Schweiz 20 Prozent teurer – bei derselben Leistung. Das Preis-Leistungsverhältnis wurde also massiv verschlechtert. Besucher werden es sich nun noch genauer überlegen, in die Schweiz zu kommen.



Wie stark wird die Arbeitslosigkeit ansteigen?
Ich glaube, die Nationalbank hat nicht mit einem so grossen Schock gerechnet. Deshalb habe ich schon eine gewisse Angst, dass die Folgen massiv sein könnten.

Deine Prognosen in Zahlen?
Eine Zahl wäre unseriös. Das kann man nicht sagen.

Was ist mit Lehrstellen?
Es besteht die Gefahr, dass, wenn Firmen sparen müssen, sie dann – obwohl es dumm ist – auch weniger Lehrlinge ausbilden.

Wie geht es weiter?
Im Moment herrscht ein riesiges Durcheinander. Es braucht jetzt etwas Zeit, bis sich aus diesem Durcheinander eine neue Ordnung herausschält.

Aber wie diese Ordnung aussieht, ist unklar?
Ein absolutes Horrorszenario wäre, wenn dieses Erdbeben diverse Folgebeben nach sich ziehen würde. Manchmal braucht es nur noch einen Tropfen, um die Weltwirtschaft zu erschüttern – und vielleicht war das gestern dieser Tropfen.

Und wie würde das bestmögliche Szenario aussehen?
Die Hoffnung ist, dass die Halbierung des Ölpreises sich als gigantischer Turbo für die Weltwirtschaft herausstellt – vor allem für Europa. Und dass das dazu führt, dass sich der Euro gegenüber dem Franken erholen würde – und unsere Exportwirtschaft und der Tourismus am Ende mit einem blauen Auge davonkommen.  

Runter mit den Preisen! Produkte, die jetzt billiger werden müssten.

Presseschau zum Mindestkurs-Entscheid der SNB

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

24
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
24Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • sewi 17.01.2015 06:33
    Highlight Glaubt nicht der linken Propaganda. Notfalls müssen die verwöhnten Arbetnehmer halt eine halbe Stunde pro Tag mehr zum selben Lohn arbeiten. Die Auswirkungen werden weit geriinger sein als herbeigeredet. Bis jetzt ist nie wirklich etwas eingetroffen was die Linke androhte... Und... den Euro gibts bald nicht mehr....
    7 15 Melden
    • Shlomo 17.01.2015 09:53
      Highlight Danke sewi, ich wusste gar nicht das wir Arbeitnehmer in der Schweiz so verwöhnt sind. Ich habe das nähmlich ein wenig anders in Erinnerung in den letzten 10 bis 20 Jahren mit zunehmender Arbeitsbelastung bei einem durchschnitlichen Lohnwachstum von knapp über 0%.
      13 1 Melden
    • sewi 17.01.2015 10:49
      Highlight @ Shlomo: ich gebe Ihnen recht. Nur auf uns geschaut. Es geht mir auch so dass ich nicht mehr verdiene als vor 15 Jahren. Deshalb arbeite ich ca 250h pro Monat damit es genug Geld gibt. Betrachtet man die Situation in anderen Ländern, geht es uns sehr gut. Meine Verwandten in Frankreich müssen auch Schicht/ Nachtarbeit oder Zweitjob in Kauf nehmen, weil 1200€ nicht reichen....
      2 2 Melden
    • MediaEye 17.01.2015 11:42
      Highlight @sewi; wir sind eben alle hier in der Schweiz, hoher Lohn weil hohes Preisniveau; EU: niedrigerer Lohn weil tiefes Preisniveau
      3 0 Melden
    • Shlomo 17.01.2015 11:44
      Highlight Das heisst jetzt also ich soll neben den massiven Überstunden die mir ja Heutzutage auch keine Bude mehr auszahlt, da man ja Vertrauensarbeitszeit eingeführt hat, auch noch froh sein wenn ich weniger Lohn bekomme oder meinen Job verliere?
      0 1 Melden
    • sewi 17.01.2015 17:18
      Highlight @ Schlomo: such Dir eine Firma die die Überstunden ausbezahlt.
      3 0 Melden
    • sewi 17.01.2015 17:24
      Highlight @ media eye: einerseits ja, andererseits ist gerade Frankreich beim Food sehr teuer, fast wie hierzulande( ausser Fleisch) und vieles können wir im Ausland kaufen
      1 0 Melden
  • Androider 16.01.2015 19:04
    Highlight Stark finde ich die Aussage von Löpfe, dass es dumm wäre, weniger Lehrlinge auszubilden!
    19 1 Melden
    • Philipp Löpfe 16.01.2015 22:01
      Highlight Das kann man derzeit noch nicht abschätzen.
      2 2 Melden
    • Androider 16.01.2015 22:51
      Highlight Bei allem Respekt, Herr Löpfe, aber Ihre Antwort ergibt für mich keinen Sinn und ich bitte deshalb um Erläuterung.

      Ich beziehe mich auf Ihre Aussage, es wäre dumm, wenn es dann passieren würde. Somit würde Ihre Antwort aussagen, dass derzeit nicht abgeschätzt werden kann, ob weniger Lehrlinge ausbilden dumm ist. Was Ihrer Aussage im Artikel dann widerspricht...
      5 2 Melden
    • Patrick Toggweiler 16.01.2015 23:08
      Highlight Ich glaube, er wollte auf den Kommentar unten antworten...
      6 0 Melden
    • Philipp Löpfe 17.01.2015 13:29
      Highlight Wo Toggweiler Recht hat, hat er Recht
      3 0 Melden
  • Jazzomaniac 16.01.2015 18:14
    Highlight Herr Löpfe, können Sie mir sagen, was der Verlust von 60 Mia. Der SNB - ausser der Streichung der Ausschüttung für Bund u. Kantone (heisst vermutlich mehr Steuern) - für Auswirkungen für den Bürger hat?
    4 5 Melden
    • Patrick Toggweiler 16.01.2015 23:02
      Highlight Ich glaube, Kollege Löpfe wollte Ihnen antworten. Sie finden die Antwort unter dem Kommentar gleich über dem Ihren.
      7 0 Melden
    • MediaEye 17.01.2015 11:44
      Highlight Wirkt sich gar nicht aus, da nur reiner Buchverlust !!!!
      3 0 Melden
  • klugundweise 16.01.2015 16:16
    Highlight Etwas Gelassenheit ist gefragt es bleibt die Hoffnung auf die Erkenntnis, dass der exponentielle Wachstum auf dem unser Wirtschaftssystem basiert ein trügerischer Irrglaube ist.
    28 6 Melden
    • Hinterländer 16.01.2015 17:20
      Highlight Sehe ich auch so. Ausserdem wäre die EZB gut beraten, den Euro nicht ins Uferlose fallen zu lassen. Könnte ja sein, dass die SNB ihre Währungsreserven so schnell ins System einschleust, wie sie die Preisbindung hat fallen lassen. All die Hundert-Euro-Scheine wären dann (man erinnere sich an die seinerzeitige italienische Lira) schnell einmal noch ein paar Cents wert.
      10 4 Melden
    • goschi 16.01.2015 17:45
      Highlight Das ist einem sicher ein grosser Trost, wenn man eine Kündigung erhält, weil dem eigenen Arbeitgeber die Aufträge weggebrochen sind...
      6 11 Melden
    • Hinterländer 16.01.2015 18:33
      Highlight Noch ist wegen der Aufgabe des Mindestkurses sicher keiner entlassen worden. Warten Sie doch einfach mal ab, was passiert.
      7 2 Melden
    • The Writer Formerly Known as Peter 16.01.2015 20:33
      Highlight @Nordluzerner: Das würde die SNB sicherlich nicht machen. Denn damit scheidet sie sich ins eigene Fleisch. Die Verluste wären immens. Ausserdem wird Herr Draghi nächste Woche beginnen, Euro's zu drucken. Sprich die Währung noch weiter abzuwerten um damit die EU Wirtschaft anzukurbeln. Das bedeutet, der Euro wird sich gegenüber dem CHF weiter abschwächen. Ich denke, wir werden bald Kurse um 0.80 sehen. Vielen Dank liebe EU Shopper, welche damit unserer Wirtschaft noch weiter zusetzen!
      5 2 Melden
  • Jol Bear 16.01.2015 15:58
    Highlight Gut erklärt. Bei der Exportindustrie könnte es so laufen, dass die grossen Pharmakonzerne wie Novartis und Roche oder andere Grosse wie Swatch oder Nestle weniger darunter leiden, weil sie weltweit tätig sind und deshalb viel im Dollar-Raum verkaufen (sofern der $ nicht gleichermassen absackt). Für viele kleinere Unternehmen mit Aufträgen hauptsächlich in den Euroländern könnte es in den nächsten Monaten aber ziemlich unangenehm werden, dann besonders auch betreffend Erhaltung von Arbeitsplätzen.
    21 2 Melden
    • christianlaurin 17.01.2015 01:47
      Highlight Nein das Problem ist halt das der Dollar auch abgesackt hat. Vor die Ankündigung war es fast normal. Jetzt ist alles verpustet worden. Ganz ehrlich was der Jordan gemacht hat war Schwachsinn. Aber das Problem ist ja halt die svp und ein Teiles des Volks. Sie hasst die eu über alles und na ja wenn die bilaterale fallen soll der Jordan dafür die Zeche zahlen? Ich handle Aktien usw, und habe Jordan sehr gut zugehört. Ein Reporter hat am besten gesagt, "mit diese Gründe hätten sie kein Untergrenze gesetzt, und sie wissen ja ihrerseits das Eingreifen ohne Untergrenze hat nicht funktioniert." Wie geht das Sprichwort, oh ja, wer hören kann muss fühlen, und das werden wir. Die Talfahrt ist noch nicht fertig.
      1 11 Melden
    • ekriemler 17.01.2015 16:46
      Highlight @christianlaurin:
      Schwachsinn, nein. Eher 3 Monate zu spät.
      Die SNB hat der Wirtschaft Zeit gekauft, um sich auf den schwachen Euro einzustellen.
      Die EZB flutet den Markt mit billigen Euro, um die Wirtschaft anzukurbeln (Investitionen), leider lassen die Banken das Geld lieber bei der Zentralbank. Nun soll das nach Draghis Plänen noch ausgeweitet werden (Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken).
      Da müsste die SNB dann im Billionenbereich Euros kaufen.
      4 0 Melden

Warum die Linke zu Unrecht des «Blocherismus» angeklagt wird

Der Kampf der Gewerkschaften und der SP gegen die Aufweichung der flankierenden Massnahmen ist moralisch und wirtschaftlich gerechtfertigt. Punkt.

«Seit der Finanzkrise sprechen alle von der Ungleichheit – aber niemand unternimmt etwas dagegen», seufzte einst der Ökonom Branko Milanovic in einem Interview mit watson. Er gehört zu den weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Seine legendäre «Elefantengrafik» hat aufgezeigt, wie der Mittelstand der entwickelten Länder unter der Globalisierung gelitten hat.

Milanovic ist nicht der einzige, der vor der wachsenden Ungleichheit warnt. Heerscharen von Ökonomen …

Artikel lesen